Rilana & Friends
Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 10: Gelbe Mütze und gelber Koffer
Frühstück
im Café?, tippte ich.
Ayame
schickte einen Daumen-hoch-Emoji. Ich verließ unseren Zweierchat und
scrollte mich durch die Seitenleiste, wo mir alle sichtbaren Chats
angezeigt wurden. Den Gruppenchat mit meiner Klasse blendete ich aus,
und danach auch den Gruppenchat mit AyAy und Mayari.
Weil ich
gestern Abend die Wäsche aufgehangen hatte, konnte ich heute Morgen
ein richtig cooles Outfit aussuchen und anziehen. Meine Wahl war auf
das schwarze Top von gestern, die grauen Hot Pants, das pinke
Baumfällerhemd und meine weißen Chucks gefallen.
Als
wir uns um kurz nach neun im Waltz-Café trafen, beschlossen wir,
einen Brunch zu machen. So konnten wir das Waltz-Café unterstützen
und gleichzeitig lange bleiben, um Kunden wie Lia zu beobachten und
zu ermitteln.
Wir bestellten uns zwei große Tabletts mit allen
möglichen Waltz-Spezialitäten, die wir später auffrischen konnten.
Heute hatten Jette und Timo frischen Melonensaft gepresst, der
exklusiv für heute war, weil sie frische Wassermelonen gekauft
hatten. Außerdem war er für uns gratis, hihi.
Ich biss herzhaft
in einen Marmormuffin, während ich mich unauffällig umschaute. Lia
war noch nicht da, aber sie würde bestimmt kommen... Wenn sie die
Täterin war, um zu sabotieren, und wenn sie unschuldig war, um sich
einen Kaffee-Latte zu holen. Aber natürlich war sie die
Täterin.
„Schade, dass es hier keine Croissants gibt“,
kommentierte Ayame. Dabei schien sie Lynns Blondies aber eigentlich
gar nicht schlimm zu finden. Wahrscheinlich würde sie ein
Brunch-Tablett aus dem Waltz-Café sogar einem französischen Buffet
vorziehen, obwohl eine Paris-Reise seit der siebten Klasse ihr großer
Traum war. Ich fand, dass das Waltz sehr viele Waren hatte – dafür,
dass gestern die Vitrine und der Kühlschrank geplündert worden
waren.
Die
Tür wurde aufgestoßen. Tasuke kam rein. Vorher hatte ich ihn
draußen beim Sortieren von Reithelmen gesehen. Jetzt begrüßte er
Timo und wollte ihm bei der Spülmaschine helfen, aber Jettes Bruder
hielt ihn zurück. „Stopp!“, rief Timo, „Sicherheitsabstand!
Gestern hat mir rausfließende Milch die Hose versaut!“
Tasuke
warf ihm einen verschwörerischen Blick zu und öffnete die Klappe
ganz vorsichtig. Es kam keine Milch aus den Ritzen. Lia hatte
höchstwahrscheinlich noch nicht zugeschlagen. Als er merkte, dass
ich ihn und Ayames Freund beobachtete, zwinkerte er mir zu und ließ
seinen Blick durch den Raum wandern. Ehrlich gesagt war das dumm!
Wusste er denn nicht, dass meine BFF und ich alles im Blick
hatten?
Tasuke gab Timo ein Zeichen. Jettes Bruder leitete es an
Ayame weiter. Die nickte, reckte den Daumen nach oben und rückte
ihre Brille zurecht. Sie nahm einen Schluck Melonensaft aus ihrem
Glas und beugte sich zu mir rüber. „Wir haben heute ein Date, Timo
und ich“, informierte sie mich.
Ich grinste. Das war klar. Ohne
Tasukes Zeichen würde Timo das Date wahrscheinlich vergessen, und
dann wäre heute nicht der Anfang, sondern das Ende der Beziehung.
Als
ich mir einen Cookie vom anderen Ende des Tischs nehmen wollte, stieß
ich mit dem Ellbogen gegen meinen Bubbletea. Er fiel von der Kante
und lief auf dem Boden aus, während er immer weiter wegrollte.
„Shit!“, fluchte ich und stand vom Stuhl auf.
Jette, die vor
dem Tresen stand, stoppte meinen Bubbletea mit dem Fuß. Sie hob ihn
auf und legte kurz ihr Handy auf den Tresen. Ich sah zu ihr hoch, um
mich zu bedanken, und mein Blick fiel auf das Display. Es lief ein
Video-Chat mit Mayari. Jette gab mir den Bubbletea. Zum Glück war
noch die Hälfte drin. Dann nahm sie sich wieder ihr Smartphone und
sagte lachend etwas zu Mayari.
Kopfschüttelnd steckte ich mir den
Strohhalm zwischen die Zähne. Als ich mich umschaute, bemerkte ich,
dass das Café etwas voller geworden war. Gerade kamen drei Kunden
durch die verglaste Tür rein... Ein mittelaltes Paar und – Lia!
Sie trug als Tarnung einen alten Laptop unterm Arm. Als sie an mir
vorbeiging und mich bemerkte, winkte sie mir lächelnd zu.
Ich
lächelte harmlos zurück und wartete ab, bis sie mich nicht mehr
anschaute, damit ich sie weiter beobachten konnte. Sie war fast an
mir vorbeigegangen, als sie den Kopf noch mal zu mir drehte und mir
zuraunte: „Ich vertraue dir und du mir.“ Was war das denn bitte?
Eine Drohung?! Was auch immer sie Verstörendes zu mir sagte, ich
würde nicht aufhören, gegen sie zu ermitteln. Nicht jetzt, wo ich
so nah am Ziel war. Sie konnte mich nicht mehr abwimmeln. Und
Vertrauen spielte keine Rolle mehr, denn ich vertraute ihr nicht.
Höchstwahrscheinlich hatte sie mich schon mehrmals angelogen. Ich
begriff, dass ich echt nicht davon ausgehen konnte, dass man ehrlich
zu mir war, wenn ich jemanden nach der Wahrheit fragte. Nur Fragen
reichte nicht – es musste hardcore ermittelt werden, um die
Sabotage zu stoppen. Man konnte mir eben die Wahrheit sagen, oder
halt auch nicht. Es passierte demjenigen ja nichts, wenn er mich
anlog. Nur dass ich bisher immer von Ehrlichkeit ausgegangen war –
und die war nicht selbstverständlich. Ich war echt naiv gewesen;
echte Detektive mussten einen Lügendetektor im Gehirn haben. Leider
war ich ja keine waschechte Detektivin.
Lia
hatte sich an einen Einzeltisch am Fenster gesetzt, der weit entfernt
von unserem war. Ihr Laptop stand aufgeklappt vor ihr auf dem Tisch
und sie telefonierte leise mit jemandem. Aber ich konnte auch so
nicht hören, was sie sagte, dafür gab es zu viele laute Geräusche
im Café: Stühle, die gerückt wurden, laute Gespräche, das Summen
der Spülmaschine, Lachen vom Nachbartisch, klapperndes Geschirr, die
Kaffeemaschine, das Klimpern von Besteck und Geld, Schritte, eine
auf- und zugehende Tür und die Swiftie-Musik.
Für Außenstehende
wirkte Lia wie eine richtig normale Café-Kundin, die hier auf ihrem
Laptop arbeiten wollte und mit dem Chef telefonierte – und das war
bestimmt genau das, was sie wollte: Sie wollte unauffällig und
harmlos wirken.
Während
wir über Lia tuschelten, tranken Ayame und ich alle unsere Getränke
aus: ich meinen Bubbletea, meinen Melonensaft und meine heiße
Schokolade und Ayame ihren
Bubbletea, ihren
Melonensaft und ihren Matcha-Milchtee. Als wir unsere leeren Gläser
und Becher bemerkten, gingen wir zu Timo, um nachzubestellen. Er
schien ziemlich nervös und verwirrt, füllte uns aber schnell
nach.
„Ist was los?“, fragte Ayame, während sie ihr
aufgefülltes Melonensaft-Glas entgegennahm.
Timo stützte sich
auf die Vitrine. „Ja“, sagte er bedrückt, „ich hab zu Hause
was echt Schlimmes entdeckt. Ich erklär's euch später genauer.
Gleich komm ich auf euch zu, wenn weniger los ist.“
AyAy und ich
wechselten einen alarmierten Blick und setzten uns mit den Getränken
wieder auf unsere Stühle. Grübelnd stützte ich meine Ellbogen auf
dem Tisch ab. Ich saugte lustlos am Strohhalm meines neuen Bubbleteas
und bekam eine Riesenladung Tapioca-Perlen in den Mund.
Nach einer
Weile kam Timo zu uns an den Tisch. Ayame rückte ihre Brille zurecht
und nahm seine Hand.
„Also“, begann Timo mit gedämpfter
Stimme, „im Zimmer von meiner Mutter hab ich heute Morgen einen
Drohbrief gesehen. Eigentlich wollte ich dort Kaffeebohnen holen,
weil sie sie immer dort lagert. Ich würde sagen, wir schauen uns das
nachher mal an.“
„Nachher?“, rief Ayame, „Jetzt! Jette
kann doch auch mal die ganze Arbeit übernehmen.“ Sie sprang auf.
Nachdem wir alles abgeräumt und aufgegessen hatten, verließen wir zu dritt das Café und nahmen die U-Bahn in die Stadt, wo die Waltz-Familie wohnte. Weil es sehr heiß und sonnig war, fanden wir die kühle U-Bahn-Fahrt richtig angenehm, obwohl es voll war. Anders als sonst in der Bahn deprimierte es mich nicht, wie die dunklen Wände an uns vorbeirauschten. Meinen neuen Bubbletea hatte ich mitgenommen, was sich im Lauf der Fahrt als großer Nachteil erwies. Ich hatte nicht an eine Tasche gedacht und musste den ausgetrunkenen Behälter deswegen die halbe Fahrt über in der Hand halten. Darum konnte ich mich auch schlechter festhalten und nutzte sofort die Chance, als ein Sitzplatz frei wurde. Ayame und Timo hatten schon vorher zwei Plätze nebeneinander ergattert und waren deshalb von mir getrennt.
🐴
Im
zweiten Stockwerk des Waltz-Hauses hasteten wir durch den Flur. Timo
öffnete eine angelehnte Tür. Es war die zu Lynns Zimmer.
Er wies
mit dem Zeigefinger auf Lynns Schreibtisch. „Heute Morgen lag er
noch hier“, erklärte er, aber wir konnten keinen Drohbrief sehen.
Er vermutete, dass seine Mutter den Drohbrief versteckt hatte, damit
niemand ihn sehen konnte. Also suchten wir ganz vorsichtig den
Schreibtisch ab, der zum Glück ziemlich ordentlich war. Unter einem
To-Do-Zettel fand ich den Brief. Ich zeigte ihn den beiden anderen.
Er war schon nicht mehr im Umschlag drin, was er heute Morgen aber
auch nicht gewesen war.
Ayame schloss die Tür, damit wir nicht
gehört oder gesehen werden konnten. „Soll ich vorlesen?“, fragte
sie.
Timo nickte und gab ihr das Papier. Ayame begann vorzulesen:
„Lynn, du weißt, dass sabotiert wird. Solltest du doch
die Polizei einschalten, hat das Konsequenzen. Leg in einem
unauffälligen Umschlag 500 Euro in die Ecke am Hintereingang des
Cafés und sorge dafür, dass die Tür dort immer offen bleibt.
Ansonsten musst du mit Sabotage und Konsequenzen rechnen. Die
Toilette könnte überflutet werden und eure Fenster sind nicht
einschlaggesichert. Ich weise darauf hin, dass die Lieferung der
Waren verhindert werden kann, d. S.“
Ayame schaute bestürzt in die Runde. „Glaubst du, dass das der
erste ist?“, fragte sie Timo.
„Keine Ahnung“, antwortete ihr
Freund, „Mama ist schon seit längerer Zeit sehr nervös und depri.
Aber vielleicht liegt das auch an unserem Vater und der Sabotage
allgemein.“
Ayame legte den Brief, der eher das Format eines
Zettels hatte, auf den Schreibtisch zurück. „Was könnte dieses d.
S. bedeuten? … Die
Saboteurin vielleicht, oder der
Saboteur?“ Timo nickte. „Das
ist sehr wahrscheinlich, gerade weil das D kleingeschrieben ist.“
Wir
zuckten zusammen, als die Tür mit einem Ruck aufging. Lynn, die
reinkam, war mindestens genauso schockiert wie wir. Ayame beugte sich
schnell über den Brief, aber machte ihn so nur noch
auffälliger.
„Habt ihr es schon gelesen?“, fragte Lynn
resigniert und ließ den Kopf mit einem Seufzer hängen.
Timo
nickte schuldbewusst. „Ja, Mama, ich hab ihn ihnen gezeigt. Sie
ermitteln ja gegen die Sabotage, also können sie vielleicht was
damit anfangen.“
„Vielleicht“, grummelte Lynn ärgerlich,
„und vielleicht auch nicht. Diese Sache ist mehr was für
Erwachsene, versteht ihr? Ich wollte euch damit nicht belasten. Das
hier ist nun echt ernst. Ach je.“
Timo hob die Hände.
„Sorry...“
Ich sah Lynn fest in die Augen. „Leider ist es
so, dass wir alle Beweise brauchen. Wenn wir davon nichts wüssten,
würden einige Puzzleteile fehlen und wir könnten den Fall nicht
komplett lösen.“
Lynn nickte langsam. „Nun, jetzt wisst ihr
ja davon. Den nächsten werde ich euch eigenhändig zeigen. Ja, es
gab nämlich schon einige davor. Ich hoffe, dass euch das jetzt etwas
bringt. Und dass ihr endlich mal vorankommt mit den
Detektivgeschichten. Ihr wisst jetzt, wie ernst die Lage ist. Da muss
was geschehen.“ Sie nahm den Brief und faltete ihn. Nach einer
Pause sagte sie: „Ich habe den Umschlag mit dem Geld heute Morgen
schon an die vereinbarte Stelle gelegt. Es ist immer die gleiche
Stelle und die Drohungen haben sich auch kaum verändert, aber was
gestern passiert ist, zeigt, dass ich darauf hören muss. Beim
nächsten Mal zeige ich euch den Brief sofort und ihr könnt den
Täter an der richtigen Stelle damit abfangen, in Ordnung? Manchmal
muss man Opfer bringen, damit etwas weitergeht.“
Wir
nickten synchron. Timo faltete die Hände. „Es gibt da leider ein
Problem“, sagte er, „nämlich, dass wir nicht die Polizei rufen
können. Wenn wir das machen, kann der Täter die Konsequenzen
umsetzen, ohne dass wir wissen, wer er ist. Deshalb müssen wir das
erst mal rausfinden.“
Ayame nickte Timo und mir zu. „Da haben
wir übrigens schon einen Verdacht. Was wir jetzt noch brauchen, sind
handfeste Beweise und ein Plan, wie wir die Saboteurin entlarven können.“
Ich
verkündete: „Wir verdächtigen Lia...“
🐴
Zu
Moms Reiterhof musste ich alleine zurückfahren, denn Ayame und Timo
hatten ihr Date spontan auf jetzt verlegt und hielten es im Eiscafé
hinter dem McDonald's ab. Ich hatte mir dort noch schnell ein Eis
gekauft und war dann abgezogen, um das Date nicht zu
beeinflussen.
Als ich in der Bahn saß, war ich froh, dass ich ein
Eis in der Waffel und nicht im Becher gewählt hatte. So musste ich
keinen Verpackungsmüll mehr mit mir herumtragen, während ich dort
saß. Den leeren Bubbletea-Behälter hatte ich bei der Gelegenheit im
Waltz-Haus entsorgt und deswegen eine Hand frei.
Weil
wir ziemlich viel gebruncht hatten, aß ich zum Mittagessen nur eine
kleine Portion Makkaroni. Wenn wir zu Ende gebruncht hätten, wäre
das gar nicht nötig gewesen, aber wir haben den Brunch ja wegen der
Drohbriefaktion abgebrochen.
Ich schob meinen Teller in die Spüle
und ging auf den Hof. Plötzlich sprach mich jemand an, den ich gar
nicht gesehen hatte. „Hi Roxana! Wir wollen euch helfen. Ayesha hat
uns gestern in einem Post angeworben. Weißt du, wo sie ist?“ Es
war Isabel vom Pferdetag. Hinter ihr stand ihre Mutter mit den
nachgezogenen Augenbrauen.
Ich schaute mich um. „Aktuell nicht.
Ich bin übrigens Rilana, nicht Roxana. Mit I und L. Merk dir
einfach, dass meine Freunde mich Lana nennen.“
Ihre Mutter
reichte mir ihre Hand. „Jessica. Ich bin die Mama von der Isabel,
aber ich glaube, du kennst mich noch.“ Sie lächelte und ging mit
Isabel weiter. Aha! Ayesha war gestern also tatsächlich nicht krank
gewesen, wie gedacht. Aber immerhin hatte sie etwas Sinnvolles
gemacht - denn Werbung für unseren Hof zu machen, war absolut
sinnvoll.
Ich spazierte in die entgegengesetzte Richtung von
Isabel und Jessica. Ein unbekannter Jugendlicher kam auf mich zu.
Wahrscheinlich war er auch ein freiwilliger Helfer. Er zeigte mir auf
seinem Handy ein Foto von Ayesha aus ihrem TikTok-Kanal und fragte
mich, ob ich sie kannte und gesehen hatte.
Ich nickte und war kurz
davor, ihm den Vogel zu zeigen. „Ja, klar kenne ich sie! Sie
arbeitet hier. Und ich bin Frau Westfried.“
Er steckte sein
Handy zurück und runzelte die Stirn, obwohl er dabei grinste. „Frau?
Okay... Frau Westfried junior, ne?“
Ich nickte wieder. „Jaa?“,
vermutete ich verständnislos. Mir fiel auf, wie ähnlich mein
Gesprächspartner Vicky und Valerie sah, die auch beim Pferdetag
dabei gewesen waren. Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr wie
Mom. Ich fragte den Jugendlichen: „Bist du der Bruder von den
Nervensägen? Und Teil der V-Familie ohne V-Eltern?"
Jetzt
nickte er. „Woher weißt du das mit den Eltern?“
Ich kam nicht
mehr zu einer Antwort, weil Ayesha und Rob vor uns auftauchten und er
auf die beiden zurannte. Er klatschte Ayesha ab und fragte sie, was
er machen sollte.
Ayesha zeigte das Peace-Zeichen auf Bauchhöhe
und machte einen Schritt auf ihn zu. „Moin Vidar! Kannst vielleicht
beim Stall was abreißen. Die Boxen sollen vergrößert
werden.“
„Eigentlich der ganze Stall“, korrigierte Rob und
stand auf. Ayesha schaute zu ihm und dann wieder zu Vidar. Stimmt, er
hieß Vidar. Das hatten Valerie und Vicky auch schon erzählt.
Ayesha
ging mit Vidar zum Stall. Ich blieb mit Rob zurück und die Frage, ob
er mit Ayesha zusammen war, fiel mir wieder ein.
Nachdem ich den
verschwindenden TikTokern nachgeschaut hatte, ging ich einen Schritt
auf Rob zu. Er lehnte an der Wand der leerstehenden Reithalle. Ich
trat durch die Türöffnung und winkte Rob rein. „Können wir mal
kurz was besprechen?“, fragte ich leise.
Rob nickte und kam in
die Halle. Er schnupperte ein bisschen in der Luft und nieste. Es lag
wirklich viel Staub in der nicht sehr gut riechenden Luft.
Ich sah
Rob in die Augen. „Bist du mit Ayesha zusammen?“ Meine Stimme
klang bedrohlich leise. Dann wurde sie vorwurfsvoll. „Sag mir das
jetzt. Ich will Klarheit haben. Ihr macht immer so ein Geheimnis
daraus.“
Rob steckte sein Handy weg. „Wir sind nicht zusammen.
Aber du musst noch Ayesha fragen“, antwortete er kühl, „Sie
könnte das anders sehen.“
Ich verzog die Miene. „Und was
macht ihr jetzt?“
„Da weiß sie mehr als ich“, sagte Rob
trocken, „Die großen Pläne sind ihre. Ich bin da nicht
eingeweiht. Aber Vidar ist ein sehr treuer Fan und ich versuch
dauernd, sie zu seinem Fan zu machen.“ Jetzt klang er wieder
freundlicher. Er nahm seine gelbe Mütze ab.
Ich wollte mich
lockern, aber die Stimmung war noch zu gedrückt. „Aha“, brachte
ich raus, „ich geh jetzt wieder raus. Kannst auch mitkommen.“
„Wir
könnten in die Scheune gehen“, schlug er vor. Als wir schon fast
dort waren, fügte er hinzu: „Ich glaub, Ayesha wird nicht um die
Ecke kommen, solange sie mit Vidar den Stall abreißt.“ Er
grinste.
Ich schmunzelte auch. Dann zog ich die Augenbrauen
zusammen. „Und was machen wir hier?“
„Party natürlich“,
scherzte Rob. Dann hob er eine Partygirlande vom Boden der Scheune
auf und hängte sie mir um den Hals. „Nee, Spaß. Wir schauen uns
einfach die Scheune von innen an und das ganze Turnierzeugs, was da
drin rumliegt. Die Abzeichen, die die Westfried-Pferde früher
gewonnen haben.“
Ich band mir das Baumfällerhemd um die Taille.
Nach einigen Abzeichen, Stangen und Pokalen stießen wir auf einen
kleinen quietschgelben Koffer mit einem winzigen Schloss. Dummerweise
waren am Schloss der Schlüssel und der Ersatzschlüssel befestigt.
Ich machte mich daran, einen Schlüssel vom winzigen silbernen
Karabinerring loszumachen und das Schloss zu öffnen.
Rob, der
noch ein rotes Abzeichen von Tornado in der Hand hielt, schaute mir
zu.
Gerade,
als ich das Schloss geöffnet hatte und mehrere silberne Sachen in
dem Koffer aufblitzten, wurde die nur angelehnte Tür aufgestoßen.
Für einen Moment dachte ich, Ayesha würde reinkommen und uns
ertappen. Aber dann sah ich, dass es Lia war. Ich ließ den Schlüssel
fallen und schob den Koffer zurück in den Kram.
Lia entfuhr ein
entsetztes Keuchen. Sie wurde bleich im Gesicht und stützte sich
taumelnd an der Wand ab. „Was macht ihr?“, krächzte sie atemlos.
Dann gaben ihre schlotternden Knie nach und sie sank leise stöhnend
auf den Boden. Dieser Schwächeanfall war eindeutig mit ihrem Schock
und dem Stress der letzten Tage verbunden. Während ich zu ihr lief,
um ihr zu helfen, drehte Rob blitzschnell den winzigen Schlüssel ins
winzige Schloss des Koffers und nahm sich dann beide Schlüssel. Er
zwinkerte mir zu und ließ sie in seiner Hosentasche
verschwinden.
Ich sah Lia in die Augen. „Geht es dir gut, darf
ich dir eine Frage stellen?“
Sie nickte schwach und schloss halb
die Augen, aber ihren feindseligen Blick konnte ich trotzdem
spüren.
„Gehört dir der gelbe Koffer hier?“, fragte
ich.
Lias Stimme war erstickt, aber erstaunlich laut, als sie
zischte: „Ja! Er ist meiner und nicht eurer!“
Ich hielt sie
fest. „Und was ist da drin?!“ Aber Lia antwortete nicht. Ihre
Pupillen rollten nach oben und verschwanden unter den sich
schließenden Augenlidern. Ich wollte meine Frage wiederholen, als
ich merkte, dass sie nicht mehr bei sich war. In alten Büchern
hatten die Leute immer Riechsalz oder Wasser parat, aber jetzt war
das nicht der Fall. „Rob!“, keuchte ich.
Er drehte sich zu mir
um. „Ja?“
„Lia ist k.o.! Was soll ich machen?!“, japste
ich überfordert.
Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung!
Warten, bis sie zu sich kommt? Vielleicht ist es ja nur ein
vorübergehender Anfall. Oder du holst wen, zum Beispiel deine Mudda.
Aber was machen wir jetzt mit dem Koffer?“ Er holte aus seiner
Hosentasche die Schlüssel und drückte sie mir in die Hand.
Ich
stand auf. „Rob, wir können den Koffer nicht mitnehmen. Er gehört
ihr, das wäre Diebstahl. Aber wir behalten die Schlüssel und kommen
später wieder.“
„Aber wenn wir ihn hierlassen, wird sie ihn
bestimmt mitnehmen und woanders verstecken! Dann kriegen wir nie
raus, was drin ist“, widersprach Rob.
Ich wog die Schlüssel in
meiner Hand. „Ich glaube, darin sind verbogene Gabeln. Aber wenn
wir ihn hierlassen, kann sie ja sowieso nicht mehr darauf zugreifen,
weil sie die Schlüssel nicht hat.“ Dann beobachtete ich panisch,
wie Lia eine Zuckung durchfuhr und sie die Augen mit flatternden
Lidern aufschlug. Ihre Brille war verrutscht und ihr Haar zerzaust,
und irgendwie wirkte sie gefährlich. Nicht wie eine Freundin, der
man vertrauen konnte. Jetzt wirkte sie wie eine leicht verrückte
Saboteurin.
Lia
machte „Haaah!“ und griff mit beiden zitternden Händen
frustriert in die Luft. Sie war so anders als die Lia, der ich mal
vertraut hatte, dass ich für einen längeren Augenblick
bewegungsunfähig wurde. Die Schlüssel umschloss ich in meiner
Faust.
Rob klemmte sich schnell den gelben Koffer unter den Arm
und packte mich an der Hand. Dann zerrte er mich aus der Scheune raus
und rannte mit mir zur Koppel. Meine Beine schalteten endlich ein und
ich sprintete so schnell ich konnte, obwohl das eigentlich gar nicht
nötig war. Wir hatten längst einen Riesenvorsprung und vielleicht
wollte Lia uns gar nicht verfolgen. Bestimmt war sie auch noch lange
nicht in Topform.
Rob ließ meine Hand los. Ich stolperte
fast.
„Versteckst du die Sachen bei dir?“, fragte er und hielt
mir den Koffer hin.
Ich nahm ihn an mich und nickte. Mein Kopf
ratterte und suchte nach dem passenden Satz, den ich noch sagen
konnte, bevor Rob weiter arbeitete und ich das Material versteckte.
Während ich Rob anstarrte, breitete sich eine überfordernde Leere
in meinem Gehirn aus. Ich konnte auch einfach etwas sagen, was so
rational war wie „Okay, dann versteck ich das jetzt. Vielleicht
sehen wir uns später“, aber selbst sowas fiel mir nicht ein oder
ich brachte es zumindest nicht heraus.
Rob klopfte mir auf die
Schulter. „War 'ne coole Aktion“, sagte er, „und vergiss nicht
Ayesha zu fragen.“ Dann holte er sein Handy aus der Hosentasche und
ging zur Reithalle.
Ich lief ins Haus und verstaute den Koffer und
die Schlüssel in meinem Zimmer. Später musste ich weiter aufräumen,
die restlichen Wände streichen und die Möbel ranstellen. Aber erstmal Ayesha fragen.
Im
Stall riss sie mit Vidar und einer weiteren freiwilligen Helferin die
Wände und Boxen ab.
Ich setzte ein freundliches Lächeln auf und
ging auf sie zu. „Hi“, begann ich so harmlos wie möglich, „ich
würd dich gern was fragen.“
Ayesha wandte sich an die beiden
anderen. „Vidar, Esma, macht einfach weiter, okay? Ich bin gleich
wieder ansprechbar.“ Dann strich sie sich die Hose glatt und kam
auf mich zu.
Ich legte los: „Ayesha, findest du, dass du mit Rob
zusammen bist?“
Sie legte die Hände auf die Oberschenkel und
ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie nicht mehr gut drauf war.
Während sie nicht antwortete, bemerkte ich, dass Vidar aufsah und zu
uns schaute. Er war bei meiner Frage hellhörig geworden und guckte
uns mit einem sehr komischen Blick an.
Ich nahm Ayesha unwillig am
Arm, damit wir uns von ihm entfernen konnten. Er musste die Antwort
nicht hören.
Ayesha zupfte sich einen Strohhalm aus den Haaren.
„Das weiß ich nicht so genau. Es ist nicht klar, aber ich denke
schon. Auf jeden Fall wäre es toll.“ Dann wurde ihre Stimme
wütend. „Warum willst du das überhaupt wissen?! Bist du
jetzt mit ihm zusammen! Ich weiß ja nicht, aber ich glaub, der
Altersunterschied ist schon ziemlich groß. Das wär uncool für Rob,
wenn ihr zusammen wärt! In der Schule würden die ihn auslachen.“
Sie machte einen Schritt auf mich zu und hob eine Augenbraue. „Willst
du, dass Rob seine Freunde verliert? Ich hab euch vorgestern an der
Scheune gesehen. Was war da?“
Ich zuckte die Achseln. „Nichts.“
Ich wollte echt nicht, dass Rob bei seinen Freunden zum Gespött
wurde. Wenn sie Tasuke und Timo waren, würden sie ihn wohl kaum
wegen einer vierzehnjährigen, hyperdetektivischen, blonden
Reiterhoftochter auslachen. Aber er hatte bestimmt andere Freunde.
Die fänden es sicher cool, wenn er mit einer erfolgreichen,
geschminkten Influencerin zusammen war. Und die war ja auch noch
seine Kollegin und stand auf ihn. Was die Lage ein bisschen besser
machte, war, dass Rob keinen Crush auf Ayesha hatte.
Nachdem ich
eine ganze Weile gestanden und gestarrt hatte, drehte Ayesha sich von
mir weg und ging zu den anderen. Sie setzte ihr Influencer-Lächeln
auf und klatschte in die Hände. „Ihr macht das super! Könnt ihr
morgen wiederkommen?“, fragte sie.
Vidar und Esma nickten.
Ayesha zückte ihr Handy. „Okay“, sagte sie, „dann schießen
wir jetzt ein paar Gruppenselfies und ich mach Werbung für
euch.“
Vidar strahlte über das ganze Gesicht. Er stellte sich
neben Ayesha und legte ihr einen Arm um die Schulter. Nachdem Esma
sich dazugestellt hatte, schoss Ayesha das erste Selfie.
🐴
Ich
holte Moritz von der Koppel und führte ihn zum Putzplatz. Während
des Putzens dachte ich viel nach. Ich konnte Ayesha mehr und mehr
verstehen, je länger ich über sie nachdachte. Wenn das nicht mal
ein komisches Zeichen für sie war, dass Rob die Reiterhoftochter
bevorzugte und nicht sie, die eine Top-TikTok-Influencerin war.
Eigentlich dachte sie sogar ziemlich ähnlich wie ich:
Das weiß
ich nicht so genau. Es ist nicht klar, aber ich denke schon. Auf
jeden Fall wäre es toll.
Das waren genau meine Gedanken,
obwohl wir in unterschiedlichen Beziehungen zu Rob standen. Bei mir
war es wegen mir nicht klar, bei ihr war es wegen Rob nicht klar.
Immerhin wusste sie nicht, dass Rob mir ein Geständnis gemacht
hatte.
Plötzlich kam Vidar auf mich zu. „Du!“, rief er, „Was
hat sie gesagt? Ayesha. Sind sie zusammen?“ Er wirkte richtig
niedergeschlagen in seinen von der Arbeit schmutzigen
Sportklamotten.
Ich verdrehte die Augen. „Frag doch sie! Keine
Ahnung.“ Der Typ war nervig, wie seine zwei Schwestern. Ich fuhr
Moritz demonstrativ mit der Kardätsche über den Rücken.
Vidar
zog ab. Dabei quietschten seine Turnschuhe auf dem Steinboden.
Nerviges Geräusch.
Nach
einer Weile war ich fertig mit dem Putzen und brachte Moritz zurück
auf die Koppel. Ich trainierte noch ein bisschen mit ihm und Carlo,
bevor ich ins Haus ging und Ayame eine Message schickte. Sie saß
gerade mit Timo in der U-Bahn und war auf dem Weg zu uns.
Ich
schrieb:
Wenn du da bist, muss ich dir was zeigen. Ermittlungen
vorangeschritten.
Ultimatives Detektivgirl 😝😍
Ich bin in paar
Minuten da! LG AyAy
Es ist ein gelber Koffer von Lia.
Aha?????
Sehr verdächtig
Ich hab ihn mit Rob in der Scheune gefunden.
Dann ist Lia total creepy aufgetaucht und hat einen
Schwächeanfall bekommen.
Ich hab jetzt Schiss vor
ihr!
CREEPYCREEPY! Aber MIT ROB????
Ja.
Du bist
nervig!
Ooooooohhhhh!!!
Treffen wir uns in deinem Zimmer? Dann
kannst du alles erzählen.
Okay, geht klar!
Bis gleich. LG AyAy
Als
meine BFF zu mir ins Zimmer kam, kramte ich den gelben Koffer und die
Schlüssel hervor. Ayame schloss von innen ab.
„Hier“,
erklärte ich und zeigte auf den Koffer, „Das ist der gelbe Koffer.
Ich mach ihn jetzt zum zweiten Mal auf, aber beim ersten Mal konnte
ich nicht richtig reinschauen.“ Ich steckte den fummeligen kleinen
Schlüssel in das winzige Schloss und drehte ihn um. Das Schloss
sprang mit einem Klicken auf. Ich öffnete behutsam den Koffer. Uns
blitzten verbogene Gabeln und einige Münzen entgegen.
Ayame
setzte eine sehr geheimniskrämerische Miene auf und rückte ihre
Brille zurecht. „Okay, dann erzähl mal. Die ganze Geschichte vom
Fund des mysteriösen Koffers. Im Detail.“
Ich erzählte ihr
alles ab dem Moment, wo ich auf den Koffer gestoßen war. Ich
erzählte, wie wir ihn öffneten und wie Lia auftauchte, wie sie uns
ertappte, ohnmächtig wurde und wie wir dann mit dem Koffer und den
Schlüsseln weggerannt sind.
„Aha“, sagte Ayame, „das
passiert also mit den geklauten und verbogenen Gabeln. Aber ich hab
noch 'ne andere Frage: Wie kam es denn überhaupt dazu, dass ihr da
in der Scheune wart, zu zweit?“ Sie schaute mich mit schelmisch
schiefgelegtem Kopf an.
Ich band mir einen Zopf. „Wir wollten da
in der Scheune so Sachen von Turnieren anschauen.“
Ayame
schüttelte den Kopf. „Ja, das ist ziemlich klar! Aber warum seid
ihr da überhaupt zu zweit hingegangen, um die Turniersachen
anzuschauen? Er muss doch auch arbeiten und so.“
„Eigentlich
waren wir in der Reithalle, aber dann sind wir in die Scheune
gegangen, weil die Stimmung und die Luft da besser sind“, gab ich
zu. Für sie musste das ziemlich verwirrend sein.
„Und warum
wart ihr zusammen in der Reithalle? Wo die Stimmung und die Luft
schlecht waren?“, hakte sie verständnislos nach.
Ich
gestikulierte ein bisschen. „Er war halt mit Ayesha bei der
Reithalle und ich musste ihn noch fragen, ob sie zusammen sind!“
AyAy
seufzte. „Und warum musstest du ihn das jetzt fragen?“
„Weil
ich's wissen wollte und ich es gestern vergessen hab.“
„Uff...“
Ayame stützte den Kopf in die Hände. „Lana, mit dieser
schrecklichen Salami-Taktik wird das ja echt nie was! Ich muss mir
diese bruchstückhaften Puzzleteile alle in meinem Kopf mühsam
zusammensetzen! Das ist anstrengend. Nein, das ist eher der
Horror. Erzähl mir doch einfach alles! Und ich wäre ganz froh
darüber, wenn's diesmal chronologisch nicht rückwärts ist. Dann
lässt es sich leichter verstehen.“ Sie legte mir freundschaftlich
die Hand auf den Arm.
Ich atmete tief durch. „Okay“, begann
ich, „da ist halt so'n nerviger Typ aufgetaucht, der wissen wollte,
wo Ayesha ist, weil sie ihn angeheuert hat. Der Bruder von den
V-Nervensägen, musst du dir vorstellen. Der wollte hier beim Umbau
helfen. Wir sind dann zu Ayesha gegangen, die da mit Rob war. Der Typ
ist mit Ayesha zum Stall gegangen. Ich hab Rob das mit Ayesha
gefragt, und zwar in der Reithalle. Dann sind wir zur Scheune
gegangen, wegen der Luft und so...“ Ayame verdrehte die Augen, „...
Ja, und dann waren wir halt in der Scheune und haben uns so dieses
Turnierzeugs angeschaut. Rob hat ein rotes Abzeichen von Tornado
entdeckt.“ Ich breitete die Arme aus. „Zufrieden?“ Ich selber
war gar nicht zufrieden. Solange ich AyAy nicht das Hintergrundwissen
gab, dass ich einen Crush auf Rob hatte, war alles halbwegs eine
Lüge. Gerade hatte ich nur die unwichtigen Details erzählt, wie die
schlechte Luft und das rote Abzeichen. Ich fühlte mich schlecht
damit.
„Nee, ehrlich gesagt eher nicht so“, antwortete Ayame
und wirkte ein bisschen enttäuscht. „Ich dachte, es gibt da noch
irgendeine Sache mit Rob, die du mir vielleicht erzählen könntest,
und dann würde ich alles verstehen. Aber wenn's nur um
Reithallenluft und so geht...“
Ich schüttelte den Kopf und
überwand mich. „Wir sind sozusagen zusammen. Nur halt nicht
offiziell. Ich hab einen Crush auf Rob. Das Problem ist, dass ich ihm
das nicht gesagt hab. Aber eigentlich weiß er es auch schon, glaube
ich.“ Ich umarmte meine BFF.
Jetzt lächelte Ayame wieder.
„Ziemlich blöd. Weil wenn du nicht weißt, ob er in dich verknallt
ist, macht alles ziemlich wenig Sinn für dich. Immerhin hast du's
ihm noch nicht-“
Ich unterbrach sie. „Ich weiß aber, dass er
in mich verknallt ist! Er hat's mir schon gesagt!“
Ayames Augen
leuchteten hinter den Brillengläsern. „Wann?“
„Vorgestern“,
sagte ich, „als wir uns gestritten haben.“
Ayame senkte den
Kopf. „Irgendwie... Vermisst du Mayari auch?“ Sie griff nach
ihrer Asics-Tasche, machte den Reißverschluss auf und holte etwas
heraus. Es war ein duftender Chicken-Burger von McDonald's. „Wo wir
schon so nah beim McDonald's waren...“, sagte sie und gab ihn mir.
Sie fügte hinzu: „Der könnte ja als Abendessen gehen, oder?“
Ich
nickte begeistert.
Wir
räumten zusammen weiter mein Zimmer auf. Heute strichen wir die
übriggebliebenen Wände und stellten die ersten Möbel wieder an die
schon getrockneten Wände. In entlegenen Schubladen fanden wir
Sticker, die an meine Tür kamen.
Als wir schon etwas müde waren,
tauschten wir erstmal den Bettbezug aus. Die winterlichen Motive
wichen coolen weißen Strichen auf Staubaquatürkis. Es war ja auch
der Bettbezug von Mom, der jetzt nicht mehr zu der Form ihrer neuen
Decke passte. Mit dem neuen Bettzeug wirkte mein Zimmer gleich viel
erwachsener.
🐴
Draußen
begegneten wir Mom. Sie brachte mit einer Schubkarre Schrott von den
abgerissenen Wänden im Stall weg. Tasuke lief ihr mit einer weiteren
Schubkarre hinterher.
Mom wies mit dem Zeigefinger auf die
umzäunte Koppel. Sie erklärte uns, dass die Sicherheitszäune
fertig waren und die Pferde ab jetzt abends auf der Koppel bleiben
konnten, solange ihr Stall umgebaut wurde.
Als die beiden
vorbeigegangen waren, hielt mir AyAy die Hand für ein High Five hin.
Ich schlug ein. Wir kamen gleichzeitig auf die Idee, ins Café zu
gehen.
Wir bestellten und setzten uns an den Tisch, an dem wir
gebruncht hatten. Als ich Timo an der Spülmaschine sah, fiel mir
wieder ein, dass ich Ayame fragen wollte, wie das Date war. Ich
fragte sie.
„War gut“, sagte Ayame, „wir haben uns überlegt,
dass wir in den Herbstferien zusammen nach Paris wollen. Wenn wir
dann den Louvre besuchen wollen, dann müssten wir halt bald mal die
Tickets dafür kaufen.“ Sie lachte. „Aber nach Paris wollte ich
ja auch schon immer, also das ist jetzt nicht nur wegen des
Louvre.“
Ich nickte. Hinter dem McDonald's irgendwo Reisen
planen – das war jetzt nicht so die Art Date, die ich mir
vorgestellt hatte. Aber Ayame und Timo waren ja auch vollkommen
independent. Eigentlich war die Idee ja gut.
Timo
brachte uns die Bestellung an den Tisch. Für mich gab es Eistee und
für Ayame Orangensaft. Heute war es so heiß, dass wir was Gekühltes
haben wollten, und das konnte man von Matcha-Milchtee oder heißer
Schokolade nicht behaupten.
„Wie steht's denn so bei den
Ermittlungen?“, fragte Ayames Freund, als er uns die Getränke auf
den Tisch stellte.
„Ziemlich gut“, erklärte ich, „Lia ist
weiter unsere Hauptverdächtige.“
Als Ayame einen Schluck
getrunken hatte, stellte sie fest: „Aber zum silbernen Gegenstand
wissen wir immer noch kaum.“ Sie klärte Timo über die womögliche
Gabel in Lias Jackentasche auf. Dann dachten wir uns zu dritt einen
Plan aus, wie wir Lia überlisten konnten. Der silberne Gegenstand
war zwar eigentlich nicht unbedingt sehr gefährlich oder wichtig,
aber wenn wir herausfinden konnten, was er war, konnten wir
vielleicht noch mehr herausfinden.
Wir
sagten Jette Bescheid und verließen zu dritt das Café.
Timo
zeigte auf eine Gestalt am Stall. „Da ist sie!“, flüsterte er,
„Aktion kann starten!“
Ayame und ich begannen erst leise, dann
immer lauter zu kichern und über Unsinn zu tuscheln, während wir
übertrieben auffällig hinter Lia herschlichen. Timo sicherte uns
von hinten ab. Alles war Teil des Plans und perfekt kalkuliert.
Wir
spürten förmlich Lias Anspannung, während wir begannen, hörbar
ihre Jeansjacke zu loben.
Ayame flüsterte mir laut zu: „Wow, so
eine mega ultra supercoole Jacke hab ich in meinem ganzen Leben noch
kein einziges Mal getragen!“
„Frag sie doch, ob du sie mal
anprobieren darfst! Sie beißt nicht!“, zischte ich und gab ihr
einen Schubs.
Lia drehte sich verunsichert und ärgerlich zu uns
um. Ja, ja, wir waren sehr nervig! „Hallo“, brummte sie.
„Hallo
Lia!“, flötete Ayame übertrieben enthusiastisch, „Deine Jacke
ist ja ein Traum! Weißt du, ich vergöttere sie!“ Sie warf mir
einen gespielt schüchternen Blick zu, während Lia verdattert
zwischen uns hin- und herschaute.
„Kann Ayame sie mal
anprobieren?“, bat ich und trat hinter meine Freundin. Die lächelte
so übertrieben, dass Timo und mir Zweifel bezüglich ihres
schauspielerischen Talents kamen.
„Äh, ja?“, sagte Lia
irritiert und zog ihre Jeansjacke aus. Sie warf sie Ayame zu. Die zog
sie schnell an und tat so, als würde sie wie ein Model posieren.
Sofort wollte sie die Hände in den Jackentaschen vergraben. Aber
wenige Sekunden bevor sie es tat, rief Lia heiser: „Stopp!“ Sie
zerrte die Jacke von Ayames Schultern, griff mit einer groben
Handbewegung in die Jackentasche und zog blitzschnell den silbernen
Gegenstand heraus. Dann steckte sie ihn notdürftig in ihren
Reiterstiefel und gab Ayame die Jacke zurück. Mit einem
entschuldigenden Lächeln sagte sie schnell: „Äh... Ich möchte
das gerade einfach nicht. Jetzt kannst du deine Traumjacke gerne
anprobieren! Viel Spaß.“
Mist. Plan fehlgeschlagen.
Sichtlich
verärgert zog Ayame die Jacke an, murmelte „Wow, steht mir super,
danke, megacool, vielen Dank, das ist echt super nett“ und zog sie
wieder aus.
Timo trat vor. „Was war denn der Gegenstand, den Sie
da rausgenommen haben?“, fragte er mutig, während Ayame Lia mit
der Jacke bewarf.
„Ach, das war bloß eine Gabel“,
verplapperte sich Lia und verschwand möglichst unauffällig, aber
sehr hastig. Ich sah, dass sie zur Scheune ging. Aber den Koffer und
die Schlüssel hatte ich mitgenommen. Ich presste die Lippen zu einer
schmalen Linie. „Okay, Leute, hat nicht ganz so geklappt, wie wir
geplant haben, aber immerhin wissen wir jetzt, dass es eine Gabel
ist.“
„Morgen müssen wir sie mal verhören!“, grummelte
Ayame missmutig und scharrte mit den Füßen wie Moritz ohne
Hufeisen.
Ich verabschiedete mich von Ayame und Timo und ging ins
Haus, um meinen Burger zu essen. Ein ziemlich spätes Abendessen.
🐴
Nachdem
ich gegessen und geduscht hatte, ging
ich noch mal raus. „Heute haben wir's nicht hingekriegt“,
flüsterte ich, „aber
wir finden dich, Lia. Ganz sicher.“
Der Hof lag still da. Die
Pferde schnaubten leise auf der Koppel, irgendwo klapperte noch ein
Haken im Wind. Ich blieb einen Moment stehen und hörte einfach nur
zu. Ich
wusste jetzt mehr als vorher. Nicht alles – aber genug, um
weiterzugehen. Morgen würden wir wieder ermitteln.
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