Rilana & Friends
Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 1: Katastrophenfahrt in der Schubkarre
„Gehen
wir heute zu meiner Mom?“, fragte ich meine Friends, während ich an meinem Biscotti-Eis schleckte. Das Eis hatte mein Jahrgang glücklicherweise gratis von der
Schule bekommen, weil heute endlich der letzte Tag vor den Sommerferien war.
Die hatten vor einer Viertelstunde begonnen.
Meine BFF Ayame versuchte,
ihrem Bruder Tasuke sein Mangoeis aus der Hand zu schnappen. Weil sie
einen Jahrgang älter war als wir, hatte sie kein Eis bekommen.
Eigentlich unfair.
„Lass das!“, schrie Mayari, meine andere BFF, die irgendwie
total in Tasuke verknallt war und ein komplett geschmolzenes
matchagrünes Pistazieneis mit sich herumtrug.
Ich machte mich
bemerkbar. „Hey! Gehen wir heute zu meiner Mom oder nicht?“ Ihr Schussel habt mich
gar nicht gehört!, dachte ich. Aber ich sagte es nicht, damit sie mir
überhaupt noch auf die Frage von vorhin antworteten.
„Ja, klar“,
murmelte Ayame, die immer noch nicht richtig checkte, was ich gesagt hatte. Sie nutzte den Moment, wo Tasuke gerade nicht
auf sie achtete, um sein Eis mit Schwung an sich zu reißen. Ich
verdrehte die Augen und ging rückwärts vor, um den Quatsch, den die Ayame, Tasuke und Mayari machten, zu beobachten.
„Ey!“, sagte Tasuke wütend zu
Ayame, „Mein Eis! Hattest letztes Jahr schon eins! Und da hast du
mir nichts abgegeben!“ Ayame ignorierte ihn aber und bewegte das
Eis mit der Hand auf ihren Mund zu.
Mayari riss die Augen auf und
streckte ihr die Zunge raus. Sie lief mit krassen Glubschaugen und
ausgestreckter Zunge auf Ayame mit Tasukes Eis zu. Kurz bevor ihre
Zunge das Eis berührte, sprang Ayame instinktiv zur Seite und drückte Tasuke
das Eis genervt in die Hand. „Okay, okay“, grummelte sie, „hab
verstanden.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie noch grummeliger
hinzu: „Dein Eis. Hatte letztes Jahr schon eins.“ Tasuke hielt
es ihr aber wieder hin. „Nee, kannst es doch haben. Da ist
Mädchensabber von Mayari dran.“ Er bückte sich und tat, als würde er sich übergeben.
„Gar nicht...“, nuschelte Ayame,
während sie genüsslich über das Eis schleckte. „Jetzt jedenfalls
nicht mehr.“ Tasuke schüttelte ihre Zunge ab und nahm sich sein
Eigentum zurück.
Ich schaute kurz nach hinten und beschloss,
nicht mehr rückwärts zu gehen. „Leute, aufhören!“, schrie ich alarmiert,
„Mom ist nur noch knapp 5 Meter entfernt!“
Ayame nickte kurz und
drehte sich dann noch mal kurz zu Tasuke. „Wenn du keinen
Mädchensabber von Mayari auf deinem Eis haben willst, kannst du ja
einen Knutschabdruck von ihr haben. Zufrieden?“ Sie rückte
besserwisserisch ihre grün-goldene Brille zurecht. Tasuke funkelte
seine ältere Schwester aggressiver an, als er war.
„Ayame, du kriegst gleich eine
Klatsche!“, kreischte Mayari, „Wahrscheinlich eine doppelte!“
Sie bedachte Tasuke mit einem verschwörerischen Blick.
„Sorry...“,
sagte Ayame zerknirscht zu Mayari. Ihre Augen blitzten wieder hinter
den Gläsern ihrer Brille, als sie an Tasuke gewandt hinzufügte:
„Dann ist es halt kein Knutschabdruck, sondern Hundekacke.“
Er
sprang auf sie zu und schlug ihr die Eiskugel auf den Kopf. Die
Eiswaffel stopfte er sich schnell selbst in den Mund.
Mayari
kicherte fies. „Wolltest doch schon immer blonde Haare haben! Jetzt mit
Mangogeruch. Lecker...“
Ayame trat Tasuke und Mayari gegen das
Schienbein und zischte: „Bei der nächstbesten Gelegenheit dusche
ich!“
„Klar!“, rief meine Mom, die wir inzwischen erreicht
hatten. „Willst du jetzt direkt? Ach so, Achtung: Wegen der
Umbauarbeiten gibt es vielleicht kein warmes Wasser.“
Ayame
wurde rot. „Danke“, murmelte sie und stapfte quer durch Moms
Reiterhof auf das Haus zu. Sie war schon so oft bei uns gewesen, dass
sie sogar wusste, wo es eine Dusche gab. Ziemlich unnötig, dass Mom
das jetzt erwähnte. Die fragte Mayari, Tasuke und mich: „Wollt ihr
vielleicht für die Ferien auf meinem Hof bleiben, und eure Freundin
natürlich auch?“
Wir tauschten einen Blick.
„Äh... Lieber
nicht...“, sagten Mayari und ich, während Tasuke den Kopf
schüttelte. „Nee“, meinte er, „jedenfalls verbringe ich die
Ferien nur hier, wenn Ayame nicht dabei ist.“
Mom wirkte kurz
etwas verloren und ich merkte, wie sie ein tonloses „Teenager,
Teenager“ hauchte. Aber dann war sie plötzlich wieder ganz
selbstbewusst. „Die Kinder von meiner Freundin Lynn haben in der
Nähe ein... ähm... cooles Trend-Café, das habt ihr wahrscheinlich
schon gesehen, das kleine Haus dort.“ Sie zeigte nach rechts.
„Eigentlich betreibt Lynn das Café selbst, aber weil sie uns
netterweise beim Umbau hilft, übernehmen ihre Kinder das. Und ich
hab auch Vertrauen in die zwei.“ Meine Mom lächelte in die Runde
und strich sich eine blondierte Haarsträhne hinters Ohr, die sich
aus ihrem Zopf gemogelt hatte. Ich streichelte ihr über den Ärmel
ihrer grau-violett gemusterten Fleecejacke. Mom schaute mir durch
ihre Brille in die Augen. Sie fuhr fort: „Wollt ihr da mal hingehen
und vorbeischauen? Und vergiss nicht, schön nett zu sein, zu
bezahlen und Danke zu sagen, Rilana Schatz.“ Ich rollte mit den
Augen. Konnte sie mich nicht einfach mal ganz normal Rilana nennen,
ohne noch dieses peinliche, unnötige „Schatz“ hinzuzufügen?
Mann ey, das nervte manchmal echt.
„Inzwischen bin ich eine
Teenagerin!“, erklärte ich. Jetzt rollte Mom mit den Augen. Falls
Ayame nicht mit frisch gewaschenen Haaren von der Dusche
zurückgekommen wäre, hätte es ewig so weitergehen können.
„Das
Wasser war echt eiskalt“, beschwerte sich Ayame, „ich hab nicht
geduscht, nur Haare gewaschen.“
Ich wusste, dass Mom meinen
undankbaren Freundeskreis insgeheim hasste, deswegen packte ich Ayame
und Mayari bei den Händen und rannte mit ihren zum „Trend-Café“.
Ich warf einen kurzen Blick nach hinten und konnte erkennen, dass Mom
uns fassungslos hinterherstarrte und dann anfing, auf Tasuke
einzureden, der nicht mitgekommen war. Wegen der Umbauarbeiten sollte
er ein bisschen Arbeit verrichten. Er nickte. „Solange Ayame nicht
dabei ist...“
Wir gingen ins Café rein.
„Hal-lo-ho!“,
rief Mayari überfröhlich. Zwei blonde Teenager, ein Junge und ein
Mädchen, schauten hinter dem Tresen und der Spülmaschine auf.
„Hi“,
nuschelte die Teenagerin etwas schläfrig. „Ja, hi“, ächzte ihr
Bruder und putzte sich die Brille. Die Teenagerin trug keine Brille.
„Nicht so viel los heute“, brabbelte sie, „an anderen Tagen ist
mehr los. Also... Wollt ihr was kaufen?“
„Gibt's 'ne Karte?“,
fragte ich und schaute mich um. Mir doch egal, dass ich nett zu denen
sein soll.
Die Teenagerin nickte. „Gibt's eigentlich schon, ja.
Mama hat die aber, sie erneuert die Preise. Deshalb haben wir die
nicht hier. Aber egal, wir wissen alles aus dem Kopf, ne, Timo?“
Sie schaute sich zu ihrem Bruder um, der gerade das Fach für den
Spülmaschinentab zuschob. „Ja, klar“, meinte er, „Zu trinken
gibt’s Filterkaffee, Cappuccino, Bubbletea, Eistee, Apfel- und
Orangensaft und heiße Schokolade.“ „Und Babycino haben wir
hier“, ergänzte sie und schlurfte zu ihm rüber, „heiße Milch
mit ganz viel Schaum. Der ist neu...“
„JA, JA, JA! Okay,
okay!“, unterbrach Ayame sie. „Ich glaub, wir schauen uns die
Sachen lieber selber in der Vitrine an!“ Darüber war ich ziemlich
froh, denn wie die beiden die Getränke runterleierten, konnte man ja
gleich einschlafen und sich außerdem null komma null merken.
Nach
3 wilden Minuten hatten wir alle was auf den Tellern und daneben ein
großes Getränk. Ich hatte einen klassischen taiwanesischen
Bubbletea und einen Marmormuffin genommen. Ich holte mein hellrotes
Handy aus der Hosentasche meiner Jeansschlaghose und machte ein Foto
von dem Essen.
Timo ließ die Klappe von der Spülmaschine
einrasten. Er stand auf und stupste seine Schwester an. Dann
flüsterte er etwas kaum hörbares. Der verschlafene Gesichtsausdruck
verschwand vom Gesicht der Teenagerin, als ihre Augen zu leuchten
anfingen. Sie grinste breit und stützte sich auf den Tresen. „Hey“,
sagte sie zu uns, „seid ihr die Kinder von Sina? Die ist mit
unserer Mama befreundet.“
Ich stand auf und ging zum Tresen.
„Nur ich. Ayame und Mayari sind meine Freundinnen.“
„Stimmt.
Ich bin Jette“, stellte sie sich vor. „Das ist Timo.“
„Ihr
seid Lynns Kinder, oder?“, wollte ich wissen. Jette nickte und
stützte den Kopf in die Hände. Sie hatte einen aschblonden Dutt mit
zwei Strähnchen, ihre Ohrringe waren groß und rund, so wie ihre
braunen Augen, und ihre Augenbrauen waren dunkel geschminkt. Sie
hatte ihren roten Lippenstift sehr schlampig aufgetragen. Ich hatte
viel schlaueres mit meinem Make-Up gemacht. Highlighter, wo er nötig
war, Eyeliner, Mascara und unnauffälligen Lippgloss.
Ich
bemerkte, wie Timo und Jette verdächtige Blicke tauschten. Timo fing
stockend an: „Ähm, wie...“ „...heißt du denn?“ beendete
Jette den Satz.
„Ich bin Rilana“, stellte ich mich vor.
Peinlich, dass ich das noch nicht getan hatte. Aber wie sie mich das
gefragt hatten, war auch peinlich. Die nächste peinliche Frage von
Jette war: „Bist du eigentlich auch blondiert, wie deine
Mutter?“
Ich fuhr mir durch die Haare. „Nö, ist natürlich.“
Ich nickte und schaute mich nach Ayame und Mayari um. „Seid ihr
fertig?“ fragte ich. Die beiden zeigten mir das
Daumen-hoch-Zeichen. Wir bezahlten, sagten Tschüss und gingen mit
unseren Bubbleteas aus dem Café.
Draußen hatte Mom uns schon
bemerkt. Während Tasuke und sie mit Schubkarren einen Misthaufen
abbauten, rief sie uns zu: „Na, wie war's?“ Sie warf unseren Bubbleteas kurz einen vernichtenden Blick zu. Ich lief zu ihr. „Ganz
okay, war nicht so interessant. Können wir euch helfen?“, sagte
ich, als ich sah, dass Tasukes hellblaues T-Shirt an ihm klebte und
am Rücken dunkelblau war.
„Nein, wir zwei kriegen das schon
hin. Ihr könnt mal Rob und Ayesha fragen, was ihr noch machen könnt.
Die sind irgendwo bei den Ställen“, antwortete Mom und düste mit
ihrer Schubkarre hinter Tasuke her. Ich konnte hören, dass er
erleichtert aufatmete, als Ayame an ihm vorbei zu den Ställen
gegangen war.
Rob und Ayesha saßen Handy schauend und Strohhalme
kauend auf einem Heuhaufen hinter den Ställen. Ayesha schaute von
ihrem Handy auf und steckte es weg. Sie lächelte fake. „Hi, ihr.
Na?“
Rob lugte widerwillig über den Rand seines Handys. Als er
uns sah, schob er es in seine Hosentasche.
„Habt ihr nichts zu
tun? Es sind doch Umbauarbeiten!“, ich versuchte, lässig und
normal zu wirken, aber ich klang extrem misstrauisch.
Rob
blinzelte. „Wa... Was? Ah. Äh, ja. Sorry.“ Er schob sein Handy
noch tiefer in seine Hosentasche, so dass es nicht mehr herausguckte.
Dann stand er auf und klopfte sich das Heu von der Hose. „Wollt ihr
Cora striegeln? Das muss noch gemacht werden. Oder seid ihr wegen was
anderem hergekommen?“
„Nee, wir sind hergekommen, um uns
Aufgaben zu holen. Und ich kann Cora striegeln!“, erklärte Mayari.
Cora war ihr Lieblingspferd.
Ayesha stellte sich zu Rob und
klopfte sich auch das Heu von der Hose. „Moritz braucht eigentlich
neue Hufeisen, aber die kann sich der Hof zurzeit nicht leisten. Und
Ice Cream wurde falsch gefüttert und hat Koliken. Sie muss zum
Tierarzt, aber das übernehmen schon wir. Los, Rob.“
Rob warf
den Strohhalm, auf dem er gekaut hatte, auf den Heuhaufen und lief in
den Stall, um Ice Cream zu holen. Sie war eine Schimmelstute und
hatte eine wellige, cremefarbene Mähne. Deswegen hatte Mom sie Ice
Cream genannt.
Ayesha verschwand kurz um die Ecke und kam mit Ice
Creams Zaumzeug wieder. Während Rob Ice Cream an einem Strick hielt,
legte sie es ihr an. Dann führte sie sie langsam in Richtung
Pferdeanhänger. Rob, der schon 18 war und den Führerschein hatte,
rief beim Tierarzt an und stieg ins Auto. Ayesha kletterte auf den
Beifahrersitz. „Wie machen wir das mit der Rechnung? …“, war
das letzte, was ich von ihr hörte. Dann brauste das Auto mit dem
Pferdeanhänger los und verschwand in einer großen Staubwolke. Ich
hörte Ice Cream wiehern.
Ayesha und Rob hatten wirklich keine
Ahnung, weder von Pferden noch vom Tierarzt. Natürlich gab es schon
einen Grund, warum sie den Job hatten: Sie wussten, was Pferde
fressen durften und was nicht, wie man Boxen reinigte und wie man
Pferde putzte, beruhigte und ritt und halt so alles, was man
brauchte, um auf Moms Hof zu arbeiten. Aber was den Umgang mit
Pferden im Auto und mit den Kosten einer Tierarztpraxis anbetraf,
waren sie totale Anfänger. Ich erzählte Mom von ihrer Schnapsidee.
Es ging einfach nicht, beim Tierarzt anzurufen und dann spontan mal
vorbeizuschauen!
Mom wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das
geht ja wirklich gar nicht! Einfach so zum Tierarzt! Unmöglich!
Schatz, das ist jetzt wirklich blöd. Wir haben überhaupt nicht das
Geld, um jetzt auch noch Schulden beim Tierarzt aufzubauen. Mann, wie
ärgerlich! Der Umbau kostet uns schon so viel!“, ärgerte sich Mom
und suchte ratlos den Hof mit den Augen ab. Sie brachte die letzte
Schubkarre weg. „Tasuke!“, rief sie. Er kam angerannt. „Die
Schubkarren kommen in die Kammer neben dem Stall. Bringst du sie eben
dort hin? Danach kannst du ins Haus und kurz was essen.“ Als er
losgesaust war, wandte sie sich mir zu. „Dir haben Rob und Ayesha
wohl keine Aufgabe gegeben, was? Typisch. Cora striegeln?“ Mom
streckte den Hals aus und schaute zum Putzplatz. „Machen deine
Freundinnen schon. Ach so.“ Sie seufzte und ihr Blick fiel auf
meinen Bubbletea. „Trink erst mal den aus, Schatz.“ Sie raffte
die Schultern und ging zum Haus. „Ich wasch mir kurz die Hände und
streiche dann die Wand“ rief sie mir zu.
Ich steckte mir den
Strohhalm vom Bubbletea zwischen die Zähne und lief durch den Hof.
Es war richtig sonnig.
Ich beschloss, in den Stall zu gehen und nach
den Pferden zu schauen. Ich ging die Namensschilder an den
Pferdeboxen durch. Da, Ceci. Sie hatte neulich gefohlt, aber ihr und
ihrem Fohlen Carlo ging es scheinbar gut. Ceci leckte ruhig an ihrem
Salzleckstein und Carlo schlief.
In der Box neben ihnen war Moritz.
Er war ein Fuchs mit Kronen und Blesse und trat ungeduldig mit den
Vorderhufen an die Tür seiner Box, während er mit den Hinterhufen
scharrte und leise wieherte. Er war das Pferd, das dringend neue
Hufeisen brauchte.
Ich beugte mich ein wenig über den Rand seiner
Box und strich ihm über den Hals. Mit dem Fuß stieß ich an ein
Grasbüschel, das zwischen den Steinplatten im schattigen Stall
wuchs. Ich bückte mich, pflückte es und hielt es Moritz unters
Maul.
Wie wenig Geld hatten wir bitte?! Wenn er einigermaßen groß
war, müssten wir Carlo sicher verkaufen, um viel Geld aufzutreiben.
Aber solange er noch von Ceci lebte, würde ich das nicht
zulassen.
Ich ging wieder zu seiner Box. Die Boxen waren allgemein
viel zu klein. Warum musste denn unbedingt die Wand gestrichen werden
oder eine noch gehende Tür repariert? Wir brauchten das Geld für
die Pferde. Moritz brauchte neue Hufeisen und alle Pferde größere
Boxen. Carlo brauchte seine Mutter, Ice Cream hatte Koliken. Nur weil
das Haus auch noch renoviert werden musste, war plötzlich alles
nötige Geld futsch, und den Pferden ging es schlecht.
Ich
stampfte wütend mit dem Fuß auf. Mist, jetzt hab ich einen
Bubbletea-Spritzer abbekommen! War eh der letzte Schluck. Ich ging
aus dem Stall und warf den Bubbletea-Becher in den
Recycling-Container. Der Strohhalm kam ins Altpapier.
Ich setzte
mich in eine herumstehende Schubkarre. Komisch, dass Tasuke sie noch
nicht weggebracht hatte.
Plötzlich machte sie sich selbstständig
und fuhr los. Ich kreischte. „Hey, stopp!“, rief ich und hielt
mich fest. Hinter mir lachte eine Frauenstimme. Ich drehte den Kopf
nach hinten, um zu sehen, wer mich schob.
Lynn! Es war Moms
Freundin, die ab und zu vorbeikam, um bei diesen blöden
Umbauarbeiten zu helfen. Außerdem gehörte das „Trend-Café“ ihr
und sie war die Mutter von diesen peinlichen verpeilten Jette und
Timo. Sie schob mich in der Schubkarre quer durch den Hof. Schon bald
fing sie an zu rennen. Ihre schulterlangen dunkelblonden Haare
flatterten nach hinten.
„Huuii! Gute Fahrt!“, rief sie und
ließ die Schubkarre kurz los, um sich ihre dunkelblaue Brille zu
richten. Ich rumpelte in der Schubkarre über einen Steinhaufen und
knallte mit voller Wucht gegen eine Wand, von der Putz abblätterte.
Zum Glück konnte ich mich rechtzeitig auffangen, während die
Schubkarre zur Seite kippte. Trotzdem war ich superdreckig und hatte
Putz in den Haaren.
Lynn lief auf mich zu und fragte mich, ob ich
okay war. Ich nickte und klopfte meine Hose ab. Mein Blick fiel auf
Lynn. Sie war groß und kräftig und trug eine rote, schmutzige
Latzhose. Die war sehr abgewetzt und durchgescheuert. An den Knien
bildeten sich schon kleine Löcher.
Lynn trug orangene
Gummistiefel.
„Das war ja voll die Katastrophenfahrt!“, lachte
ich und Lynn lachte mit. Ich guckte mich um. „Meinst du, deine
Kinder kriegen das hin mit dem Café?“, fragte ich und schaute Lynn
in die meeresblauen Augen.
Sie seufzte und nickte. „Ich würde
ihnen ja gerne nicht so viel Verantwortung geben, aber Sina braucht
mich...“ Sie ließ den Blick über den Hof schweifen. „Und so,
wie es hier gerade aussieht, wird sie mich wohl noch ziemlich lange
brauchen.“, sagte sie.
Ich nickte traurig. Dann stand ich auf.
Ich brachte die Schubkarre zurück in die Kammer, wo die Schubkarren
hingehörten. Ich lehnte mich an die Wand und sah, wie Tasuke mit
einem Besen zur Kammer gerannt kam. Er ging an mir vorbei und stellte
den Besen ab. Dann nahm er die Schubkarre, die ich gerade
reingestellt hatte, und schob sie zu Ayame und Mayari, die auf ihn
zukamen.
Mayari johlte und sprang aus dem Stand in die Schubkarre.
Er rannte mit ihr in der Schubkarre zur leeren Koppel. Dort drehten
sie noch einige Runden. Ich hörte Mayaris Gekreisch.
Und dann
rannte ich los. Auf die beiden zu.
Auf der Koppel stieß ich
Tasuke in den verschwitzten Rücken. Die Schubkarre kippte um und
Mayari wurde von ihr begraben. Ihr lauter werdendes Gekreisch wurde
von der Schubkarre gedämpft.
Tasuke drehte sich um und trat mir auf
den Fuß. Dann hörten wir ein markerschütterndes Geräusch. Mayari
hatte die Schubkarre überwunden und sie richtig rum auf den Rasen
gestellt.
Plötzlich kam Ayame auf uns zugerannt. Ich setzte mich
schnell in die Schubkarre. Ayame und Mayari wechselten einen Blick
und schoben mich unter Lachen wild über die Koppel. Ein Büschel aus
Haaren flog hinter uns her. Es war ein sehr komischer Schweif, hinten
zweimal schwarz und vorne blond. Über die Koppel zu fahren war viel
besser als über einen Steinhaufen zu rattern. Wir machten noch eine
halbe Stunde so weiter. Dann bekamen wir plötzlich Bubbles und süße
Spritzer ins Gesicht. Tasuke hatte sich bei Jette und Timo einen
Bubbletea gekauft und bespritzte uns jetzt damit. Ich schaute nach
hinten und Ayame, Mayari und ich tauschten einen Blick. Wir ließen
die Schubkarre stehen, klatschten uns ab und stürmten ins Café.
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