Freitag, 31. Oktober 2025

2: Geheime Winke-Hand

Rilana & Friends 

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 2: Geheime Winke-Hand

Als ich am nächsten Tag um kurz vor 10 mit einem Bubbletea, der wieder klassisch taiwanesisch war, aus Jettes und Timos Café kam, lagen auf dem Boden ein Fünfhunderterschein, vier Hunderterscheine und zwei Fünfzigerscheine. Ich hob die Scheine auf. Merkwürdig! Wer verlor bitte so viel Geld auf unserem Reiterhof?
Während ich weiter darüber nachgrübelte, lief ich zu Mom. „Lag auf dem Boden. Hat wahrscheinlich jemand verloren. Kannst du haben“, erklärte ich und drückte ihr die Geldscheine in die Hand.
Mom strahlte. „Super, Schatz! Damit können wir die Schulden bezahlen, die Rob und Ayesha gestern wegen Ice Creams Koliken beim Tierarzt aufgenommen haben. Leider befürchte ich, dass wir trotzdem neue Schulden aufnehmen müssen, denn heute wird Carlo entwurmt und um die Hufeisen von Moritz müssen wir uns ja auch noch kümmern.“

Ich atmete erleichtert auf. Mom hatte also doch auch noch die Probleme von den Pferden auf dem Schirm. Nur war ihr anscheinend noch nicht klar, dass die Pferdeboxen vergrößert werden mussten.

Mit dem Bubbletea in der Hand ging ich Steine kickend durch den Hof. Wer würde Carlo wohl entwurmen? Auf jeden Fall jemand, der wusste wie das ging. Ich lief noch mal zu Mom zurück und stellte ihr die Frage.
„Lynn wird das machen“, antwortete Mom und ein paar Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Sie fuhr ernst fort: „Mit mir zusammen ist sie die einzige vom Hof, die von sowas wirklich Ahnung hat. Sie wird Carlo aus einer Tube ein Medikament gegen Zwergfadenwürmer verabreichen. Heute hatte er nämlich Durchfall, was ein Zeichen dafür ist, dass man ihn entwurmen muss. Ohne Lynn haben wir allerdings eine Hilfskraft weniger.“
Mom ging zur Sattelkammer, von der der Putz abbröckelte, und trat den blöden Steinhaufen zur Seite, über den Lynn mich gestern in der Schubkarre rumpeln gelassen hatte und durch den ich in einer Katastrophe gelandet war.

Ayesha und Rob kamen an Mom vorbei. Ayesha schaute auf ihr Handy und Rob kaute auf einem Strohhalm. Er bekam von Mom die 1000 Euro in die Hand gedrückt. Zusammen mit Ayesha sollte er jetzt zum Tierarzt fahren und die Schulden begleichen.
Mom fing an, den noch verbliebenen Putz von der Wand zu reißen.

 🐴

Ich lief zu Lynn, die mit einer Tube in der Hand zielstrebig auf den Stall zuging. „Hi Lynn, ich bin's!“, rief ich. Lynn nickte mir zu.
„Du entwurmst jetzt Carlo?“, fragte ich sie.
Lynn zeigte auf die Tube. „Genau. Und du?“
Ich schaute mich um und erklärte spontan: „Ich glaub, ich geh jetzt ins Haus. Bis später!“ Ich winkte und sah, wie Lynn die Tür von Carlo und Cecis Box aufsperrte. Dann lief ich ins Haus. Überall lagen hässliche dunkelgraue Filzunterlagen mit bunten Fusseln und Farbklecksen.
Dad stand auf einem Hocker und werkelte an der Therme. Neben ihm stand Lynns Mann, Herr Waltz, auf einer Leiter und strich ein Rohr weiß an. Dabei rauchte er eine Zigarette.
Ich rümpfte die Nase.

„Immer schön nett zu allen Leuten sein!“, säuselte Dad. Auf dem Hof war das Rauchen verboten, im Haus offenbar nicht. Sowas Dummes. Im Haus müsste es doch eigentlich erst recht verboten sein. Aber Herr Waltz rauchte unverschämt weiter und genoss den stinkenden Qualm. Offensichtlich konnte er so besser arbeiten.
Ich zuckte mit den Achseln und ging weiter durch das Haus. Angekommen im Wohnzimmer ließ ich mich auf das graue Leinensofa fallen. Es war ein neues Möbelstück. Wir hatten es gegen das alte, durchgesessene, halb kaputte Ledersofa getauscht. Das war eine von den wenigen Veränderungen im Haus, die ich total gut fand.
Ich schob mir ein Kissen hinter den Rücken und griff nach meinem Handy. Irgendwie hatten in der letzten Zeit viele Leute
hellrote Handys, das war total im Trend.
Ich tippte auf den Gruppenchat mit Ayame, Mayari und Tasuke. Wir schrieben uns, dass Tasuke in 10 Minuten vorbeikommen
würde, um bei den Umbauarbeiten zu helfen, und Ayame und Mayari dann ab den Mittagessen dazustoßen würden. Wahrscheinlich würde es einfach Tiefkühlpizza geben.
Ich steckte
das Handy wieder weg und trank meinen Bubbletea aus.

„Rilana! Pizza!“, dröhnte Moms Stimme aus einem anderen Zimmer. Ich schlurfte in die Küche und holte die Pizzen aus dem Kühlschrank. Die packte ich dann aus und schob sie in den Backofen. Dann bereitete ich die Soßen vor. Eigentlich fand ich, dass es auch ohne ging, aber Mom war da ganz anderer Meinung. Außerdem wollte ich mir ein bisschen die Zeit vertreiben, bis meine Friends kamen.
Es klingelte. Ich ließ die Soßen stehen, die ich gerade vorbereitete, und rannte zur Tür. Tasuke kam rein. „Hi“, sagte er, „bin jetzt da. Wo ist deine Mutter?“
„Die ist im Bad und repariert die Dusche. Kannst zu ihr.“ Ich ließ ihn durch und ging wieder in die Küche. Dort schüttete ich die Soße in einen Topf und ließ sie darin köcheln.

Als die Soßen und die Pizzen fertig waren, stellte ich alles auf den Tisch im Esszimmer und ging nach draußen zum Stall. Lynn kam gerade raus. Sie hatte Schweißperlen auf der Stirn und wirkte sehr zufrieden. „Die Entwurmung ist gut gelaufen, zum Glück!“, erklärte sie.
„Super!“, sagte ich erleichtert. Ich war wirklich froh, dass es Carlo gutging.

Das Mittagessen war leckerer als gedacht. Ehrlich gesagt lag das wahrscheinlich eigentlich nur daran, dass Ayame und Mayari mitaßen. Und daran, dass ich es gekocht hatte, hihi.
„Was hast du am Vormittag so gemacht?“, fragte Ayame mich und stopfte sich das letzte Stück von ihrer Pizza in den Mund.
Ich schluckte ein Stück Pizza hinunter. „Ich hab 1000 Euro gefunden und Mom gegeben.“, erzählte ich.

„Waaas?“ Ayames Augen wurden kugelrund. „Du hast im Ernst 1000 Euro gefunden? Das ist... der Hammer! Hat die jemand verloren?“
„Wahrscheinlich, keine Ahnung. Ich kenn keinen vom Hof, der so viel Geld einfach verlieren würde...“

Mayari sprang auf. „Wir kriegen das raus!“ Wir wechselten einen Blick. Dann nickten wir uns zu und klatschten uns ab.
Als wir alle aufgegessen hatten, standen wir auf und gingen raus. Den Abwasch konnte ja Mom machen, denn ich hatte ja gekocht. Ich hörte sie seufzen und grinste.

Draußen sahen wir eine junge Frau im geblümten Sommerkleid auf dem Reiterhof umherstreifen. Sie schien etwas zu suchen.
Ayame kniff mich in den Arm. Ich verstand das Zeichen. Mayari hatte die Situation offenbar auch schon gecheckt und reagierte sofort. „Suchen Sie zufällig 1000 Euro?“, fragte sie die Frau. Die nickte dankbar. Sie hatte kinnlange hellbraune Haare und eine weinrot geränderte Brille. Über dem geblümten Sommerkleid trug sie eine blaue Jeansjacke mit
buntem Rankenmuster an den Knopfleisten.
Ich trat einen Schritt vor. „Entschuldigung, das Geld habe ich leider schon meiner Mutter gegeben, weil ich dachte, es gehört keinem mehr, und meine Mutter hat es schon an den Tierarzt verfüttert. Wenn wir selber wieder mehr Geld haben, können wir Ihnen die 1000 Euro zurückzahlen. Ich heiße Rilana Westfried. Brauchen Sie meine Nummer?“
Die junge Frau wurde blass. „Das kommt drauf an. Wie heißt deine Mutter?“, fragte sie mich.
„Sina Westfried. Warum?“ Ich wurde langsam nervös.
Die Augen der Frau leuchteten hinter den Gläsern ihrer Brille auf. „Ich – ich glaube, ich brauche deine Nummer nicht“, sagte sie stockend, „Ich bin mit deiner Mutter befreundet und wollte das Geld sowieso ihr spenden, weil ich erfahren habe, dass sie in Not ist.“ Sie lächelte uns an. Dann gab sie mir die Hand. „Ich heiße Lia Reddehase. Kennst du Lynn Waltz, die Freundin von deiner Mutter? Ich bin Lynns Schwester!“, erklärte sie freundlich.

Ich schaute meine Freundinnen an. Ayame trat vor. „Ich bin Ayame Nakamura“, sagte sie zu Lia. Die nickte.
„Ich bin Mayari Entrada. Meine Eltern kommen von den Philippinen“, stellte Mayari sich vor.
„Meine kommen aus Japan!“, ergänzte Ayame.
Lia schaute sich verstohlen um. „Kann ich mal kurz zu deiner Mutter?“, fragte sie mich. „Sie wird sich sicher freuen, mich zu sehen.“

„Klar. Die ist drinnen.“ Ich wies mit dem Daumen auf das Haus. „Vielen Dank!“, sagte Lia und stöckelte mit laut klappernden Absätzen zum Haus. Einmal stolperte sie fast über einen herumliegenden Ziegelstein, dann blieb sie mit ihrem Kleid an einem Strauch hängen und kurz bevor sie das Haus erreichte verfingen sich ihre Haare in dem riesigen Misthaufen, den Mom und Tasuke gestern aufgeschaufelt hatten. Aber sie schien sich über all das nicht zu ärgern.
Als sie hinter der Tür verschwunden war, gingen wir in das Café von Jette und Timo und setzten uns dort an einen Tisch. Weil ich heute schon einen Bubbletea gehabt hatte, bestellte ich nichts.
Wo Lia wohl die 1000 Euro in Bar herhatte? Wir dachten darüber nach und beschlossen, sie bald zu fragen.

Jette räusperte sich. „Ich muss mal. Soll ich euch bei der Gelegenheit zeigen, wo das Klo ist?“, fragte sie uns. Für wie dumm hielt sie uns bitte? Es war total klar, wo der Toilettenraum war. Auf der Tür zu ihm stand dick und fett WC drauf. Außerdem war die Tür für Kunden komplett sichtbar.
Mayari setzte ein fakes Lächeln auf und wir drei schüttelten die Köpfe. Jette zuckte die Achseln und schlurfte los.

Es klapperte laut. Timo hatte die oberste Schublade der Spülmaschine zu weit rausgezogen und die war mit dem schmutzigen Besteck auf den Boden gekracht.
„Scheiße! Mist!“, schimpfte Timo ärgerlich und stampfte mit dem Fuß auf. Er trat auf eine Gabel. „Verfluchte Kack-Gabel!“ Zu dumm, dass er nur Socken anhatte!
Ayame sprang auf und rannte hinter den Tresen. „Ich helf dir, Tollpatsch!“, rief sie und bückte sich, um die brutale Gabel aufzuheben. Timo starrte sie an. „Äh... okay.“
Zusammen räumten sie das Besteck wieder in die Schublade und stellten sie in die Spülmaschine zurück.

„Äh... Cool, dass du mir geholfen hast...“, stotterte Timo und ließ die Klappe der Spülmaschine einrasten.
Ayame rückte ihre Brille zurecht und ging langsam wieder zu unserem Tisch zurück. Mayari und ich tauschten einen Blick. „Zukünftiger Boyfriend?“, flüsterte Mayari. Ayame boxte ihr gegen die Schulter.

„Hey, was?!“, beschwerte sich Mayari.
Die Tür vom Toilettenraum ging auf. Jette kam raus und stellte sich hinter den Tresen. Timo riss ein Stück von der Küchenrolle ab und wischte damit über die Kaffeemaschine.

Mayari sprang auf, stellte sich hinter Ayame und schob sie zum Tresen. „Tschüs, Timo. Sehr cooles Abenteuer!“, flötete sie und haute hinter Ayames Rücken ab. Ayame legte ein paar Münzen auf den Tresen und schlenderte auf die Tür zu.
Mayari gab Knutschgeräusche von sich und verschwand zusammen mit mir kichernd nach draußen. Ayame warf uns einen Fühl-mich-gemobbt-Blick zu und knallte hinter uns die Tür zu, um sich dann die Brille zurechtrückend wieder an den Tresen zu stellen.
„Der Flirt geht weiter“, wisperte ich in Mayaris Ohr.

„Dieser dumme Timo kann unserer Ayame nicht widerstehen!“, kicherte Mayari. Wir bekamen einen Lachflash und positionierten uns hinter dem Café-Fenster, um Ayame weiter zu beobachten.

„Na, was treibt ihr jetzt wieder für Unfug?“, fragte hinter uns eine Stimme. Lynns Stimme. Sie ging mit neuen Speisekarten auf die Tür zu. Stimmt, sie hatte ja die Preise erneuert.
„Wir beobachten was, was du gleich mitkriegst!“, gluckste Mayari. Lynn runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen hoch. „Aha? ...“
Ich spoilerte: „Timo flirtet.“

Lynn lachte kurz und machte die Tür auf. „Oh Gott. Coming-of-age“ sagte sie und ging rein. „Na, Timo?“, fragte sie so laut, dass wir es hören konnten. Timo und Ayame zuckten zusammen.
Jette nahm ihrer Mutter die erneuerten Speisekarten aus der Hand und verstaute sie.

Timo ging hinter dem Tresen in die Hocke und man sah nur noch eine Hand, die Ayame zuwinkte. Ayame schlich an Lynn vorbei aus dem Café. Ich zeigte ihr Peace. „Jetzt ist Mayari mit Tasuke nicht mehr allein“, verriet ich ihr. Sie verdrehte grinsend die Augen. „Und Lynn weiß das!“, fügte ich frech hinzu.
„Hey, das war doch gar nichts!“, schwindelte Ayame. „Was habt ihr dagegen, dass ich ihm helfe, runtergefallenes Besteck aufzusammeln?“ Sie verschränkte die Arme und warf einen Blick zurück.

„Gar nichts“, sagte ich im Gehen, „aber Timos geheime Winkehand war sehr verdächtig.“
Mayari gluckste. „Und du musst auch immer schön schick deine Brille zurechtrücken. Heiß!“ Anstatt was Gemeines zu kontern oder Mayari zu treten oder zu boxen, steckte Ayame nur die Hände in die Hosentaschen und schwieg. War sie jetzt beleidigt? Oder schwärmte sie einfach nur vor sich hin? Ich zuckte die Achseln und kickte mit meinen weißen Sneakern ein Steinchen zur Seite.

 🐴

Auf dem Hof sahen wir zu, wie Mom und Lia die Pferde nach und nach vom Stall auf die Koppel führten. Lia schien sich echt gut mit Pferden auszukennen, obwohl ihre Kleidung gar nicht geeignet war. Stöckelschuhe und Sommerkleid, also echt!
„Braucht ihr Hilfe?“, rief ich Mom zu und joggte auf die Koppel zu. Sie führte gerade Ceci und Lia lief dahinter mit Carlo zur Wiese. Bei der Gruppe von Pferden waren viele Stuten und Fohlen dabei, was bei Carlos Erziehung half.
„Nein, geht schon. Ich hab ja Lia“, erklärte Mom und wedelte mit der Hand. „Wenn wir hiermit fertig sind, komm ich zu euch. Treffen wir uns im Wohnzimmer?“
„Klar!“, sagten Ayame, Mayari und ich wie aus einem Mund.
„Und bereite Cookies vor, ja, Schatz? Das ist mein Kraftfutter!“, rief Mom uns hinterher und lachte auf. Ich rollte mit den Augen und vergrub die Hände in den Hosentaschen meiner Jeans. Während meine Friends und ich zum Haus liefen, konnten wir Tasuke sehen, der Satteldecken ausklopfte.

Wir gingen rein. Drinnen holte ich Cookies aus dem Küchenschrank und schüttete sie in eine Schale. Dann bewegten wir uns ins Wohnzimmer und setzten uns dort auf das neue graue Leinensofa.
Mayari schien etwas einzufallen. „Wir dürfen nicht vergessen, Lia nach ihrem Geld zu fragen!“, erinnerte sie uns.
Ayame nickte. „Ja, können wir ja gleich machen, wenn deine Mutter mit uns geredet hat“, sagte sie zu mir. Ich nickte auch und naschte heimlich einen Cookie. „Hat keiner gesehen!“, flunkerte ich schnell.
Wir warteten noch kurz und nach einer Weile kam Mom. Sie lächelte schlapp, zog sich das Haargummi vom Zopf und setzte sich
zufrieden seufzend zu uns aufs Sofa. „So, Mädels. Jetzt erzähle ich euch was.“ Sie überschlug die Beine und nahm sich einen Cookie aus der Schale. „Wahrscheinlich habt ihr ja schon Bekanntschaft mit Lia gemacht“, begann sie und schob sich den Cookie in den Mund. „Als Lia 10 war und ich mit 28 schon den Reiterhof aufgebaut hatte, nahm sie hier öfters Reitstunden oder war einfach zum Ponyreiten hier. Wir waren gut befreundet. Weil Lynn, die damals 22 war, oft mit ihrem Lastenrad herkam, um Lia von ihren Reitstunden abzuholen, freundete ich mich auch mit ihr an. Das war vor 17 Jahren. Ganz schön lange her, was? Erst 3 Jahre später, da war ich 31, kamst du zur Welt, Rilana Schatz. Ach so, und 2 Jahre vor dir hat Lynn Jette zur Welt gebracht. Damals war Lynn 23. Als sie schwanger war, hatte sie Herrn Waltz geheiratet. Ein Jahr danach kam auch noch Timo. Und ein Jahr, bevor Jette zur Welt kam, hatte ich deinen Dad Andreas Westfried geheiratet.
Weil Lynn mit Geburtsnamen Reddehase heißt und erst durch ihre Heirat zu Lynn Waltz geworden ist, heißen Lia und Lias 7 Jahre älterer Bruder Leon, der inzwischen 32 Jahre alt ist, noch Reddehase. Lia hat nämlich noch nicht geheiratet. Leon schon, aber er ist Reddehase geblieben. Ziemlich verwirrend, was?“ Mom machte eine kleine Pause und schaute aus dem Fenster. Draußen stand Lia und striegelte Sternschnuppe, eine Rappenstute.
„Weil Lia unseren Reiterhof so liebgewonnen hat, als sie hier Reitstunden nahm, und jetzt erfahren hat, dass wir Hilfskräfte für den Umbau brauchen, ist sie hierhergekommen, um zu helfen. Das ist echt nett von ihr. Ich habe ihr erzählt, wie schlecht unsere finanzielle Lage wegen dem Umbau ist, und da hat sie beschlossen, ehrenamtlich für uns zu arbeiten. Sie hilft uns wirklich sehr. Weißt du noch, die 1000 Euro? Das waren ihre“, fuhr Mom fort. Sie strich mit dem Finger durch die leere Schale, um verbliebene Krümel aufzuspüren.
Ich nickte. „Wir gehen jetzt auf den Hof.“
Ayame, Mayari und ich sprangen vom Sofa auf und ließen Mom mit der leeren Schale zurück. Sie schaute mir verärgert hinterher. „Hättest auch noch die Schüssel wegbringen können!“ Ich grinste und lief innerlich triumphierend raus.

Wir gingen auf Lia zu. „Hallo Lia!“, begann ich, während ich die Hand auf Sternschnuppes Rücken legte. Ich warf einen fragenden Blick in die Runde. Mayari zeigte auf sich und nickte. „Wo hattest du 1000 Euro in Bar her?“, fragte sie Lia begeistert.
Lia lächelte. „Ich habe Lynns altes Lastenrad verkauft und das Geld bei der Bank umgetauscht. So ein Lastenrad ist echt erstaunlich teuer!“ Sie packte den Striegel in den Putzkasten und führte Sternschnuppe in den Stall.
„Ich rate dir, für die Ponymädchenkleidung mal geeignetere Sachen anzuziehen!“, rief Ayame ihr hinterher. Dann wandte sie sich an uns. „Übrigens, Leute: Morgen ist Tasukes Geburtstagsparty! Die vermiese ich ihm!“ Sie grinste gemein.
Mayari streckte ihr die Zunge raus. Dann fragte sie: „Wie alt wird er denn?“
„14.“

Dann ist er so alt wie ich!, dachte ich.

Da war Tasuke. Er sortierte Reithelme. Ayame und Mayari liefen auf ihn zu. Ich wollte ihnen folgen, aber da fiel mein Blick auf Ayesha und Rob, die in einer schattigen Ecke kauerten und auf ihre Handys starrten. „Komme gleich dazu!“, rief ich meinen Friends zu und eilte zu Rob und Ayesha.
„Warum könnt ihr eigentlich immer abhängen und chillen? Es sind Umbauarbeiten, vergessen? Müsst ihr etwa nicht helfen?“, fragte ich mit einem scharfen Ton in der Stimme.
„Klar müssen wir mithelfen!“, verplapperte sich Rob sauer. Er machte den Reißverschluss seiner Bauchtasche auf und steckte sein Handy rein. Währenddessen schoss Ayesha ein Selfie mit Duckface. Dann stand sie auf, schob sich das Handy in die Gesäßtasche und erklärte: „Wir kriegen halt nie Aufgaben.“
Robs dunkle Hand glitt wieder zum Reißverschluss seiner Bauchtasche. Diesmal zog er ihn zu. „Frau Westfried müsste uns mal welche geben!“ Er stand mit einem Ruck auf und marschierte ins Haus, um sich von Mom Aufgaben zu holen. Ayesha zog ihr weißes Langarm-Shirt zurecht. Dann folgte sie Rob.

Die zwei waren extrem verdächtig. Immer wenn ich sie ansprach, steckten sie ihre Handys weg und gingen los, um irgendwas halbwegs schwachsinniges zu machen. Also lief ich zurück zu Ayame, Mayari und Tasuke. Die drei lachten gerade über irgendwas. Ich lachte einfach mit.
„Ist dieser Timo echt so scharf?“, fragte Tasuke skeptisch.
„Wahrscheinlich nicht so scharf wie du“, meinte Mayari und ergriff die Flucht. Es ging also um Ayame und Timo.
Tasuke betrachtete seine Schwester mit unangenehm durchbohrendem Blick. „Boah, kaum zu glauben!“, kommentierte er, „Ayame Nakamura hat einen Crush auf Timo Waltz! Als ich ihn gestern gesehen hab, wo ich mir den Bubbletea gekauft hab, um euch damit zu bespritzen, kam er mir eher dumm vor. Aber okay, wenn du willst, kannst du gerne in ihn verknallt sein! Dann heiratet ihr am besten und kriegt 3 dumme, gemeine Chaos-Kinder.“
Ayame schlug Tasuke auf den Bauch. „Du hast von sowas keine Ahnung!“, schimpfte sie. Dann warf sie einen Blick nach hinten, dorthin, wohin Mayari verschwunden war, und lächelte listig. „Oder vielleicht doch?“

Tasuke verschränkte die Arme. Ayame fügte hinzu: „Wer weiß? Vielleicht hast du zwar auf dein Eis keinen Knutschabdruck von Mayari bekommen, aber dafür auf die Wange?“ Sie kicherte.
„Morgen stehst du auf, gehst raus und hältst dich bis zum Abend von unserem Haus fern, damit du mir die Party nicht vermiesen kannst. Du kriegst Hausverbot! Und ein Stück Kuchen kriegst du nur für dein ganzes Taschengeld!“, sagte Tasuke wütend und haute ab.

1: Katastrophenfahrt in der Schubkarre

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 1: Katastrophenfahrt in der Schubkarre

„Gehen wir heute zu meiner Mom?“, fragte ich meine Friends, während ich an meinem Biscotti-Eis schleckte. Das Eis hatte mein Jahrgang glücklicherweise gratis von der Schule bekommen, weil heute endlich der letzte Tag vor den Sommerferien war. Die hatten vor einer Viertelstunde begonnen.
Meine BFF Ayame versuchte, ihrem Bruder Tasuke sein Mangoeis aus der Hand zu schnappen. Weil sie einen Jahrgang älter war als wir, hatte sie kein Eis bekommen. Eigentlich unfair.

„Lass das!“, schrie Mayari, meine andere BFF, die irgendwie total in Tasuke verknallt war und ein komplett geschmolzenes matchagrünes Pistazieneis mit sich herumtrug.
Ich machte mich bemerkbar. „Hey! Gehen wir heute zu meiner Mom oder nicht?“ Ihr Schussel habt mich gar nicht gehört!, dachte ich. Aber ich sagte es nicht, damit sie mir überhaupt noch auf die Frage von vorhin antworteten.
„Ja, klar“, murmelte Ayame, die immer noch nicht richtig checkte, was ich gesagt hatte. Sie nutzte den Moment, wo Tasuke gerade nicht auf sie achtete, um sein Eis mit Schwung an sich zu reißen. Ich verdrehte die Augen und ging rückwärts vor, um den Quatsch, den die Ayame, Tasuke und Mayari machten, zu beobachten.
„Ey!“, sagte Tasuke wütend zu Ayame, „Mein Eis! Hattest letztes Jahr schon eins! Und da hast du mir nichts abgegeben!“ Ayame ignorierte ihn aber und bewegte das Eis mit der Hand auf ihren Mund zu.
Mayari riss die Augen auf und streckte ihr die Zunge raus. Sie lief mit krassen Glubschaugen und ausgestreckter Zunge auf Ayame mit Tasukes Eis zu. Kurz bevor ihre Zunge das Eis berührte, sprang Ayame instinktiv zur Seite und drückte Tasuke das Eis genervt in die Hand. „Okay, okay“, grummelte sie, „hab verstanden.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie noch grummeliger hinzu: „Dein Eis. Hatte letztes Jahr schon eins.“ Tasuke hielt es ihr aber wieder hin. „Nee, kannst es doch haben. Da ist Mädchensabber von Mayari dran.“ Er bückte sich und tat, als würde er sich übergeben.
„Gar nicht...“, nuschelte Ayame, während sie genüsslich über das Eis schleckte. „Jetzt jedenfalls nicht mehr.“ Tasuke schüttelte ihre Zunge ab und nahm sich sein Eigentum zurück.

Ich schaute kurz nach hinten und beschloss, nicht mehr rückwärts zu gehen. „Leute, aufhören!“, schrie ich alarmiert, „Mom ist nur noch knapp 5 Meter entfernt!“
Ayame nickte kurz und drehte sich dann noch mal kurz zu Tasuke. „Wenn du keinen Mädchensabber von Mayari auf deinem Eis haben willst, kannst du ja einen Knutschabdruck von ihr haben. Zufrieden?“ Sie rückte besserwisserisch ihre grün-goldene Brille zurecht. Tasuke funkelte seine ältere Schwester aggressiver an, als er war.
„Ayame, du kriegst gleich eine Klatsche!“, kreischte Mayari, „Wahrscheinlich eine doppelte!“ Sie bedachte Tasuke mit einem verschwörerischen Blick.
„Sorry...“, sagte Ayame zerknirscht zu Mayari. Ihre Augen blitzten wieder hinter den Gläsern ihrer Brille, als sie an Tasuke gewandt hinzufügte: „Dann ist es halt kein Knutschabdruck, sondern Hundekacke.“
Er sprang auf sie zu und schlug ihr die Eiskugel auf den Kopf. Die Eiswaffel stopfte er sich schnell selbst in den Mund.
Mayari kicherte fies. „Wolltest doch schon immer blonde Haare haben! Jetzt mit Mangogeruch. Lecker...“
Ayame trat Tasuke und Mayari gegen das Schienbein und zischte: „Bei der nächstbesten Gelegenheit dusche ich!“
„Klar!“, rief meine Mom, die wir inzwischen erreicht hatten. „Willst du jetzt direkt? Ach so, Achtung: Wegen der Umbauarbeiten gibt es vielleicht kein warmes Wasser.“
Ayame wurde rot. „Danke“, murmelte sie und stapfte quer durch Moms Reiterhof auf das Haus zu. Sie war schon so oft bei uns gewesen, dass sie sogar wusste, wo es eine Dusche gab. Ziemlich unnötig, dass Mom das jetzt erwähnte. Die fragte Mayari, Tasuke und mich: „Wollt ihr vielleicht für die Ferien auf meinem Hof bleiben, und eure Freundin natürlich auch?“
Wir tauschten einen Blick.
„Äh... Lieber nicht...“, sagten Mayari und ich, während Tasuke den Kopf schüttelte. „Nee“, meinte er, „jedenfalls verbringe ich die Ferien nur hier, wenn Ayame nicht dabei ist.“
Mom wirkte kurz etwas verloren und ich merkte, wie sie ein tonloses „Teenager, Teenager“ hauchte. Aber dann war sie plötzlich wieder ganz selbstbewusst. „Die Kinder von meiner Freundin Lynn haben in der Nähe ein... ähm... cooles Trend-Café, das habt ihr wahrscheinlich schon gesehen, das kleine Haus dort.“ Sie zeigte nach rechts. „Eigentlich betreibt Lynn das Café selbst, aber weil sie uns netterweise beim Umbau hilft, übernehmen ihre Kinder das. Und ich hab auch Vertrauen in die zwei.“ Meine Mom lächelte in die Runde und strich sich eine blondierte Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus ihrem Zopf gemogelt hatte. Ich streichelte ihr über den Ärmel ihrer grau-violett gemusterten Fleecejacke. Mom schaute mir durch ihre Brille in die Augen. Sie fuhr fort: „Wollt ihr da mal hingehen und vorbeischauen? Und vergiss nicht, schön nett zu sein, zu bezahlen und Danke zu sagen, Rilana Schatz.“ Ich rollte mit den Augen. Konnte sie mich nicht einfach mal ganz normal Rilana nennen, ohne noch dieses peinliche, unnötige „Schatz“ hinzuzufügen? Mann ey, das nervte manchmal echt.
„Inzwischen bin ich eine Teenagerin!“, erklärte ich. Jetzt rollte Mom mit den Augen. Falls Ayame nicht mit frisch gewaschenen Haaren von der Dusche zurückgekommen wäre, hätte es ewig so weitergehen können.
„Das Wasser war echt eiskalt“, beschwerte sich Ayame, „ich hab nicht geduscht, nur Haare gewaschen.“
Ich wusste, dass Mom meinen undankbaren Freundeskreis insgeheim hasste, deswegen packte ich Ayame und Mayari bei den Händen und rannte mit ihren zum „Trend-Café“. Ich warf einen kurzen Blick nach hinten und konnte erkennen, dass Mom uns fassungslos hinterherstarrte und dann anfing, auf Tasuke einzureden, der nicht mitgekommen war. Wegen der Umbauarbeiten sollte er ein bisschen Arbeit verrichten. Er nickte. „Solange Ayame nicht dabei ist...“

Wir gingen ins Café rein.
„Hal-lo-ho!“, rief Mayari überfröhlich. Zwei blonde Teenager, ein Junge und ein Mädchen, schauten hinter dem Tresen und der Spülmaschine auf.
„Hi“, nuschelte die Teenagerin etwas schläfrig. „Ja, hi“, ächzte ihr Bruder und putzte sich die Brille. Die Teenagerin trug keine Brille. „Nicht so viel los heute“, brabbelte sie, „an anderen Tagen ist mehr los. Also... Wollt ihr was kaufen?“
„Gibt's 'ne Karte?“, fragte ich und schaute mich um. Mir doch egal, dass ich nett zu denen sein soll.
Die Teenagerin nickte. „Gibt's eigentlich schon, ja. Mama hat die aber, sie erneuert die Preise. Deshalb haben wir die nicht hier. Aber egal, wir wissen alles aus dem Kopf, ne, Timo?“ Sie schaute sich zu ihrem Bruder um, der gerade das Fach für den Spülmaschinentab zuschob. „Ja, klar“, meinte er, „Zu trinken gibt’s Filterkaffee, Cappuccino, Bubbletea, Eistee, Apfel- und Orangensaft und heiße Schokolade.“ „Und Babycino haben wir hier“, ergänzte sie und schlurfte zu ihm rüber, „heiße Milch mit ganz viel Schaum. Der ist neu...“
„JA, JA, JA! Okay, okay!“, unterbrach Ayame sie. „Ich glaub, wir schauen uns die Sachen lieber selber in der Vitrine an!“ Darüber war ich ziemlich froh, denn wie die beiden die Getränke runterleierten, konnte man ja gleich einschlafen und sich außerdem null komma null merken.
Nach 3 wilden Minuten hatten wir alle was auf den Tellern und daneben ein großes Getränk. Ich hatte einen klassischen taiwanesischen Bubbletea und einen Marmormuffin genommen. Ich holte mein hellrotes Handy aus der Hosentasche meiner Jeansschlaghose und machte ein Foto von dem Essen.
Timo ließ die Klappe von der Spülmaschine einrasten. Er stand auf und stupste seine Schwester an. Dann flüsterte er etwas kaum hörbares. Der verschlafene Gesichtsausdruck verschwand vom Gesicht der Teenagerin, als ihre Augen zu leuchten anfingen. Sie grinste breit und stützte sich auf den Tresen. „Hey“, sagte sie zu uns, „seid ihr die Kinder von Sina? Die ist mit unserer Mama befreundet.“
Ich stand auf und ging zum Tresen. „Nur ich. Ayame und Mayari sind meine Freundinnen.“
„Stimmt. Ich bin Jette“, stellte sie sich vor. „Das ist Timo.“
„Ihr seid Lynns Kinder, oder?“, wollte ich wissen. Jette nickte und stützte den Kopf in die Hände. Sie hatte einen aschblonden Dutt mit zwei Strähnchen, ihre Ohrringe waren groß und rund, so wie ihre braunen Augen, und ihre Augenbrauen waren dunkel geschminkt. Sie hatte ihren roten Lippenstift sehr schlampig aufgetragen. Ich hatte viel schlaueres mit meinem Make-Up gemacht. Highlighter, wo er nötig war, Eyeliner, Mascara und unnauffälligen Lippgloss.
Ich bemerkte, wie Timo und Jette verdächtige Blicke tauschten. Timo fing stockend an: „Ähm, wie...“ „...heißt du denn?“ beendete Jette den Satz.
„Ich bin Rilana“, stellte ich mich vor. Peinlich, dass ich das noch nicht getan hatte. Aber wie sie mich das gefragt hatten, war auch peinlich. Die nächste peinliche Frage von Jette war: „Bist du eigentlich auch blondiert, wie deine Mutter?“
Ich fuhr mir durch die Haare. „Nö, ist natürlich.“ Ich nickte und schaute mich nach Ayame und Mayari um. „Seid ihr fertig?“ fragte ich. Die beiden zeigten mir das Daumen-hoch-Zeichen. Wir bezahlten, sagten Tschüss und gingen mit unseren Bubbleteas aus dem Café.

Draußen hatte Mom uns schon bemerkt. Während Tasuke und sie mit Schubkarren einen Misthaufen abbauten, rief sie uns zu: „Na, wie war's?“ Sie warf unseren Bubbleteas kurz einen vernichtenden Blick zu. Ich lief zu ihr. „Ganz okay, war nicht so interessant. Können wir euch helfen?“, sagte ich, als ich sah, dass Tasukes hellblaues T-Shirt an ihm klebte und am Rücken dunkelblau war.
„Nein, wir zwei kriegen das schon hin. Ihr könnt mal Rob und Ayesha fragen, was ihr noch machen könnt. Die sind irgendwo bei den Ställen“, antwortete Mom und düste mit ihrer Schubkarre hinter Tasuke her. Ich konnte hören, dass er erleichtert aufatmete, als Ayame an ihm vorbei zu den Ställen gegangen war.
Rob und Ayesha saßen Handy schauend und Strohhalme kauend auf einem Heuhaufen hinter den Ställen. Ayesha schaute von ihrem Handy auf und steckte es weg. Sie lächelte fake. „Hi, ihr. Na?“
Rob lugte widerwillig über den Rand seines Handys. Als er uns sah, schob er es in seine Hosentasche.
„Habt ihr nichts zu tun? Es sind doch Umbauarbeiten!“, ich versuchte, lässig und normal zu wirken, aber ich klang extrem misstrauisch.
Rob blinzelte. „Wa... Was? Ah. Äh, ja. Sorry.“ Er schob sein Handy noch tiefer in seine Hosentasche, so dass es nicht mehr herausguckte. Dann stand er auf und klopfte sich das Heu von der Hose. „Wollt ihr Cora striegeln? Das muss noch gemacht werden. Oder seid ihr wegen was anderem hergekommen?“
„Nee, wir sind hergekommen, um uns Aufgaben zu holen. Und ich kann Cora striegeln!“, erklärte Mayari. Cora war ihr Lieblingspferd.
Ayesha stellte sich zu Rob und klopfte sich auch das Heu von der Hose. „Moritz braucht eigentlich neue Hufeisen, aber die kann sich der Hof zurzeit nicht leisten. Und Ice Cream wurde falsch gefüttert und hat Koliken. Sie muss zum Tierarzt, aber das übernehmen schon wir. Los, Rob.“
Rob warf den Strohhalm, auf dem er gekaut hatte, auf den Heuhaufen und lief in den Stall, um Ice Cream zu holen. Sie war eine Schimmelstute und hatte eine wellige, cremefarbene Mähne. Deswegen hatte Mom sie Ice Cream genannt.
Ayesha verschwand kurz um die Ecke und kam mit Ice Creams Zaumzeug wieder. Während Rob Ice Cream an einem Strick hielt, legte sie es ihr an. Dann führte sie sie langsam in Richtung Pferdeanhänger. Rob, der schon 18 war und den Führerschein hatte, rief beim Tierarzt an und stieg ins Auto. Ayesha kletterte auf den Beifahrersitz. „Wie machen wir das mit der Rechnung? …“, war das letzte, was ich von ihr hörte. Dann brauste das Auto mit dem Pferdeanhänger los und verschwand in einer großen Staubwolke. Ich hörte Ice Cream wiehern.

Ayesha und Rob hatten wirklich keine Ahnung, weder von Pferden noch vom Tierarzt. Natürlich gab es schon einen Grund, warum sie den Job hatten: Sie wussten, was Pferde fressen durften und was nicht, wie man Boxen reinigte und wie man Pferde putzte, beruhigte und ritt und halt so alles, was man brauchte, um auf Moms Hof zu arbeiten. Aber was den Umgang mit Pferden im Auto und mit den Kosten einer Tierarztpraxis anbetraf, waren sie totale Anfänger. Ich erzählte Mom von ihrer Schnapsidee. Es ging einfach nicht, beim Tierarzt anzurufen und dann spontan mal vorbeizuschauen!
Mom wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das geht ja wirklich gar nicht! Einfach so zum Tierarzt! Unmöglich! Schatz, das ist jetzt wirklich blöd. Wir haben überhaupt nicht das Geld, um jetzt auch noch Schulden beim Tierarzt aufzubauen. Mann, wie ärgerlich! Der Umbau kostet uns schon so viel!“, ärgerte sich Mom und suchte ratlos den Hof mit den Augen ab. Sie brachte die letzte Schubkarre weg. „Tasuke!“, rief sie. Er kam angerannt. „Die Schubkarren kommen in die Kammer neben dem Stall. Bringst du sie eben dort hin? Danach kannst du ins Haus und kurz was essen.“ Als er losgesaust war, wandte sie sich mir zu. „Dir haben Rob und Ayesha wohl keine Aufgabe gegeben, was? Typisch. Cora striegeln?“ Mom streckte den Hals aus und schaute zum Putzplatz. „Machen deine Freundinnen schon. Ach so.“ Sie seufzte und ihr Blick fiel auf meinen Bubbletea. „Trink erst mal den aus, Schatz.“ Sie raffte die Schultern und ging zum Haus. „Ich wasch mir kurz die Hände und streiche dann die Wand“ rief sie mir zu.

Ich steckte mir den Strohhalm vom Bubbletea zwischen die Zähne und lief durch den Hof. Es war richtig sonnig.
Ich beschloss, in den Stall zu gehen und nach den Pferden zu schauen. Ich ging die Namensschilder an den Pferdeboxen durch. Da, Ceci. Sie hatte neulich gefohlt, aber ihr und ihrem Fohlen Carlo ging es scheinbar gut. Ceci leckte ruhig an ihrem Salzleckstein und Carlo schlief.
In der Box neben ihnen war Moritz. Er war ein Fuchs mit Kronen und Blesse und trat ungeduldig mit den Vorderhufen an die Tür seiner Box, während er mit den Hinterhufen scharrte und leise wieherte. Er war das Pferd, das dringend neue Hufeisen brauchte.
Ich beugte mich ein wenig über den Rand seiner Box und strich ihm über den Hals. Mit dem Fuß stieß ich an ein Grasbüschel, das zwischen den Steinplatten im schattigen Stall wuchs. Ich bückte mich, pflückte es und hielt es Moritz unters Maul.
Wie wenig Geld hatten wir bitte?! Wenn er einigermaßen groß war, müssten wir Carlo sicher verkaufen, um viel Geld aufzutreiben. Aber solange er noch von Ceci lebte, würde ich das nicht zulassen.
Ich ging wieder zu seiner Box. Die Boxen waren allgemein viel zu klein. Warum musste denn unbedingt die Wand gestrichen werden oder eine noch gehende Tür repariert? Wir brauchten das Geld für die Pferde. Moritz brauchte neue Hufeisen und alle Pferde größere Boxen. Carlo brauchte seine Mutter, Ice Cream hatte Koliken. Nur weil das Haus auch noch renoviert werden musste, war plötzlich alles nötige Geld futsch, und den Pferden ging es schlecht.
Ich stampfte wütend mit dem Fuß auf. Mist, jetzt hab ich einen Bubbletea-Spritzer abbekommen! War eh der letzte Schluck. Ich ging aus dem Stall und warf den Bubbletea-Becher in den Recycling-Container. Der Strohhalm kam ins Altpapier.

Ich setzte mich in eine herumstehende Schubkarre. Komisch, dass Tasuke sie noch nicht weggebracht hatte.
Plötzlich machte sie sich selbstständig und fuhr los. Ich kreischte. „Hey, stopp!“, rief ich und hielt mich fest. Hinter mir lachte eine Frauenstimme. Ich drehte den Kopf nach hinten, um zu sehen, wer mich schob.
Lynn! Es war Moms Freundin, die ab und zu vorbeikam, um bei diesen blöden Umbauarbeiten zu helfen. Außerdem gehörte das „Trend-Café“ ihr und sie war die Mutter von diesen peinlichen verpeilten Jette und Timo. Sie schob mich in der Schubkarre quer durch den Hof. Schon bald fing sie an zu rennen. Ihre schulterlangen dunkelblonden Haare flatterten nach hinten.
„Huuii! Gute Fahrt!“, rief sie und ließ die Schubkarre kurz los, um sich ihre dunkelblaue Brille zu richten. Ich rumpelte in der Schubkarre über einen Steinhaufen und knallte mit voller Wucht gegen eine Wand, von der Putz abblätterte. Zum Glück konnte ich mich rechtzeitig auffangen, während die Schubkarre zur Seite kippte. Trotzdem war ich superdreckig und hatte Putz in den Haaren.
Lynn lief auf mich zu und fragte mich, ob ich okay war. Ich nickte und klopfte meine Hose ab. Mein Blick fiel auf Lynn. Sie war groß und kräftig und trug eine rote, schmutzige Latzhose. Die war sehr abgewetzt und durchgescheuert. An den Knien bildeten sich schon kleine Löcher.
Lynn trug orangene Gummistiefel.
„Das war ja voll die Katastrophenfahrt!“, lachte ich und Lynn lachte mit. Ich guckte mich um. „Meinst du, deine Kinder kriegen das hin mit dem Café?“, fragte ich und schaute Lynn in die meeresblauen Augen.
Sie seufzte und nickte. „Ich würde ihnen ja gerne nicht so viel Verantwortung geben, aber Sina braucht mich...“ Sie ließ den Blick über den Hof schweifen. „Und so, wie es hier gerade aussieht, wird sie mich wohl noch ziemlich lange brauchen.“, sagte sie.
Ich nickte traurig. Dann stand ich auf. Ich brachte die Schubkarre zurück in die Kammer, wo die Schubkarren hingehörten. Ich lehnte mich an die Wand und sah, wie Tasuke mit einem Besen zur Kammer gerannt kam. Er ging an mir vorbei und stellte den Besen ab. Dann nahm er die Schubkarre, die ich gerade reingestellt hatte, und schob sie zu Ayame und Mayari, die auf ihn zukamen.
Mayari johlte und sprang aus dem Stand in die Schubkarre. Er rannte mit ihr in der Schubkarre zur leeren Koppel. Dort drehten sie noch einige Runden. Ich hörte Mayaris Gekreisch.
Und dann rannte ich los. Auf die beiden zu.
Auf der Koppel stieß ich Tasuke in den verschwitzten Rücken. Die Schubkarre kippte um und Mayari wurde von ihr begraben. Ihr lauter werdendes Gekreisch wurde von der Schubkarre gedämpft.
Tasuke drehte sich um und trat mir auf den Fuß. Dann hörten wir ein markerschütterndes Geräusch. Mayari hatte die Schubkarre überwunden und sie richtig rum auf den Rasen gestellt.
Plötzlich kam Ayame auf uns zugerannt. Ich setzte mich schnell in die Schubkarre. Ayame und Mayari wechselten einen Blick und schoben mich unter Lachen wild über die Koppel. Ein Büschel aus Haaren flog hinter uns her. Es war ein sehr komischer Schweif, hinten zweimal schwarz und vorne blond. Über die Koppel zu fahren war viel besser als über einen Steinhaufen zu rattern. Wir machten noch eine halbe Stunde so weiter. Dann bekamen wir plötzlich Bubbles und süße Spritzer ins Gesicht. Tasuke hatte sich bei Jette und Timo einen Bubbletea gekauft und bespritzte uns jetzt damit. Ich schaute nach hinten und Ayame, Mayari und ich tauschten einen Blick. Wir ließen die Schubkarre stehen, klatschten uns ab und stürmten ins Café.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Katastrophenfahrt in der Schubkarre
Kapitel 2: Geheime Winke-Hand
Kapitel 3: Ein falsches Knöllchen
Kapitel 4: Verdreht und verbogen!
Kapitel 5: Kaffee, Kolik, leere Kasse
Kapitel 6: Abenteuer Autobahn
Kapitel 7: Brandgefährlich
Kapitel 8: Handy, Horror, Herzklopfen
Kapitel 9: Ein Geständnis zum Mitnehmen
Kapitel 10: Gelbe Mütze und gelber Koffer
Kapitel 11: 
Kapitel 12: 
Kapitel 13: 
Kapitel 14: 
Kapitel 15: