Rilana & Friends
Sommer,
Sonne, sabotiert!
Kapitel 7: Brandgefährlich
Es war unmöglich, Herrn Waltz zu verfolgen. Ich versuchte die ganze Zeit, ihn zu fangen, aber er konnte immer ausweichen. Jetzt zum Beispiel kletterte er auf einen Baobab-Baum, auf dem man eigentlich nicht klettern konnte. Plötzlich sprang hinter dem Baobab, der wohl doch eine Eiche war, Rob hervor. Er zog an Herrn Waltz' Fuß und riss ihn vom Baum. Herr Waltz zückte ein Messer und hielt es Rob an die Kehle. Der saß aber schon in seinem Tesla und fuhr mit mir auf dem Beifahrersitz quer durch den Putzplatz, der voll mit Baobab-Bäumen und Eichen war. Mayari versperrte uns den Weg, aber wir spritzten sie mit Wasser aus dem Auspuff an, da sie auf einmal hinter uns stand. Ayame, die inzwischen statt Rob neben mir saß, schrie Timo durch das Telefon an. Weil sie so laut schrie, ploppte der Airbag aus dem Lenkrad und mit einem heftigen Ruck prallte er gegen mein Gesicht.
Nein. Nicht der
Airbag. Ich hatte mit Kissen geworfen und eins war mir auf den Kopf
gefallen. Gut, dass ich wach war. Wieder war ich aufgewacht, bevor
der Wecker klingelte. Dieser Traum war ja echt wild gewesen. Ich
hatte schon länger nicht mehr geträumt.
Ich zog mir das
Oversize-Outfit von gestern über und ging ins Bad, um den Morgenkram
zu erledigen. Danach stürmte ich aus dem Haus und rannte quer über
den Hof zum Café. Dort schrieb ich Ayame eine Nachricht, dass wir
uns für die Klärung mit Timo hier treffen würden.
Es war
Viertel vor sieben, die Zeit, zu der mein Wecker klingeln müsste.
Mein Handy vibrierte und gab einen Klingelton von sich. Wieder war
ich froh, nicht Mayari zu sein, die ja täglich von ohrenbetäubender,
philippinischer Musik aufgeweckt wurde.
Jette (die heute zum Glück
da war!!!) drehte sich zu mir um. Timo drehte sich auch zu mir, aber
genervt. Ich verkniff mir eine kleine morgendliche Beleidigung. Wir
mussten das heute klären. Es durfte nicht sein, dass sich Ayame im
Café unwohl fühlte und Timo sich weiter wie ein Idiot aufführte.
Na ja, ganz unidiotisch war Ayame auch nicht. Überhaupt nicht.
Sie
kam um 7:04 Uhr im Café an. „Timo! Komm mal her!“, forderte ich,
nachdem ich meine beste Freundin begrüßt hatte. Grimmig schlurfte
er an unseren Tisch und schob sich geräuschvoll einen Stuhl zurecht.
Jette holte seufzend ihr Handy aus der Hosentasche und verschwand in
der Kundentoilette, bis die nächsten Kunden kamen. Gut, sie hatte
also nicht vor, uns zu belauschen.
„Was wollt ihr?“ Timo
stützte die Ellbogen auf dem Tisch ab. Ayame schaute ihm durch die
Brillengläser in die Augen. „Wir müssen reden“, sagte sie
erstaunlich beherrscht. Heute schien sie sich wieder Mühe mit ihrem
Aussehen gegeben zu haben. Timo hielt ihr (noch!!!) sehr gut stand.
Sie hatte ihr Outfit auf ihre Brille und das von mir gemachte
Freundschaftsarmband abgestimmt. Lindgrünes Hemd, goldene Halskette,
weißes Shirt, beigefarbene Stoffhose und grüne Chucks. Ich in
meiner komischen Mischung aus schwarzem Schlabber-T-Shirt und
formlosem Kleid sah im Gegensatz zu Ayame aus wie ein verarmter
Rockstar. Zumindest war mein Make-up keine reine Katastrophe; es war
wie sonst, nur dass ich den Eyeliner diesmal verstärkt hatte. Ayame
hatte auch nicht an Schminke gespart, anders als gestern. An Timos
Stelle hätte ich mich jetzt entschuldigt, alles vergessen und wäre
in einem Zustand der absoluten Vergötterung versunken. Aber Timo
konnte sich erstaunlich gut beherrschen und ließ sich nichts außer
Ärger und Ungerechtigkeit anmerken.
🐴
Nach
einer Viertelstunde Diskussion waren wir immer noch nicht fertig und
es ging mir so langsam auf die Nerven. „Also, klären wir das jetzt
noch mal durch“, forderte ich und tippelte mit den Fingerkuppen auf
dem Tisch herum.
Ayame nickte und erklärte an Timo gerichtet:
„Also, so hab ich's jetzt verstanden: Du hast Schluss gemacht, weil
du genervt und sauer warst, weil ich dauernd unsere Gespräche
unterbrochen hab, um was mit meinen Friends zu machen. Du dachtest,
dass ich viel lieber mit denen Zeit verbringe und mir gar nicht so
viel dran liegt, ob ich mit dir zusammen bin. Hab ich richtig
gecheckt?“
Timo schloss die Augen, nickte und legte die Hände
flach auf den Tisch. „Genauso ist es“, bestätigte er.
Ayame
brachte ein unsicheres Lächeln zustande. Ihre Hand zuckte.
Schließlich legte sie sie neben seine. Ich grinste. „Und jetzt
seid ihr wieder zusammen?“, fragte ich mit frechem Tonfall.
Timo
begann zögerlich zu nicken, und Ayame nickte mit. Jette lachte leise
und ich drehte mich zu ihr um. „Wollt ihr Kaffee?“, fragte
sie.
Timo stand von seinem Stuhl auf. „Ich mach uns schon
welchen.“ „Okay“, meinte sie, „dann brauchst du ja wohl nur
einen zu machen. Ihr könnt euch den ja teilen.“ Sie zwinkerte und
goss ein bisschen Milch in die Kaffeemaschine. Timo tippte auf dem
Display herum.
„Die Kaffeemaschine spinnt!“, stellte er
plötzlich verwirrt fest. Jette seufzte und sah sich die Sache
genauer an. „Stimmt... Das ist noch nie vorgekommen. Vielleicht
hast du dich vertippt, und auf irgendwie sowas wie 'Selbstzerstörung'
oder 'Gesperrt' getippt?“
Timo hob die Hände. „Ich habe
nichts gemacht! Ich schwöre!“
Er zeigte auf die Kaffeemaschine. „Die hat sicher irgendwer
sabotiert!“
Jette stöhnte theatralisch: „Schon wieder Sabotage!
Ehrlich gesagt hab ich gehofft, dass das mal zu Ende geht.“ Sie
starrte verdrossen aus dem Fenster.
„Das hatte ich auch
gehofft“, meinte Timo und legte ihr die Hand auf die Schulter,
„aber anscheinend haben wir es mit einem hartnäckigen Kriminellen
zu tun. Vielleicht ist es sogar eine ganze Bande.“ Ayame rückte
ihre Brille zurecht, stand auf und ging zu ihnen. Nachdem sie kurz
die Kaffeemaschine betrachtet hatte, sagte sie mit einem Blick über
die Schulter: „Rilana löst diesen Fall. Da bin ich mir sicher. Das
schafft sie sogar locker, bevor die Sommerferien zu Ende gehen. Heute
ist erst der sechste Ferientag, und uns erwarten noch ganze
sechsunddreißig. Ich vertrau dem Detektiv-Girl.“
Mit der einen
Hand zeigte ich das Victory-Zeichen und mit der anderen wies ich auf
mich. Ich verbeugte mich überschwänglich vor der Gruppe. Aber ich
wurde schnell wieder ernst.
Als ich mir einen Bubbletea und Ayame
sich Zitronenmuffins to go gekauft hatte, beschlossen wir, aus dem
Café zu gehen, um gegen den Saboteur zu ermitteln. Erst mal wollten
wir ins Haus gehen, um die Lage zusammenzufassen und Mayari zu
treffen, mit der ich inzwischen alles geregelt hatte.
Auf dem Weg
trafen wir Lia, die in die entgegengesetzte Richtung lief. „Hi!“,
begrüßte sie uns fröhlich, „schön euch zu sehen! Echt blöd,
diese Sache mit Timo und dem Café. Ich wünschte, ich könnte euch
helfen. Wollt ihr das Café erst mal meiden?“ Mitfühlend sah sie
Ayame an, aber die brauchte ihr Mitgefühl nicht. „Der Streit ist
schon wieder begraben!“, erklärte sie Lia glücklich. „Zwischen
uns herrscht keine komische Atmosphäre mehr! Zum Glück kann ich
mich wieder richtig normal im Café aufhalten und gut fühlen. Voll
gute News, ne?“
Lia runzelte die Stirn. „Na sowas...“,
murmelte sie überrascht, „bei euch geht sowas aber sehr schnell!
Zu schnell, würde ich fast sagen. Er hat dich doch gedumpt, oder
nicht? Und jetzt ist plötzlich wieder alles vergessen. Na, wenn so
euer Leben aussieht... Viel Glück!“ Sie lachte etwas verwirrt. Im
Vorbeigehen klopfte ich ihr lachend auf die Schulter. „Tschüss,
Lia! Bis bald!“, trällerte ich. Und schon war sie weg,
kopfschüttelnd und die Hände in den Taschen ihrer Jeansjacke
vergrabend. Ich zuckte die Achseln und ging mit Ayame weiter auf
unser Haus zu. Die neuen, schimmelfreien Rohre, die ihre längst
rentenreifen, überarbeiteten Vorgänger abgelöst hatten, erfüllten
mich mit Stolz. Stolz auf Lia.
Zusammen mit AyAy stieg ich die Treppe
nach oben rauf. Am Ende der Treppe wartete Mayari auf uns. Ich merkte
sofort, dass sie heute einen schlechten Tag hatte, denn sie motzte
uns mit verschränkten Armen an: „Was habt ihr gemacht und warum
habt ihr mich nicht mitgenommen?!“ Ich verdrehte die Augen. Wenn
Mayari immer dabei sein wollte, dann musste sie eben früher
aufstehen!
Aber Ayame umarmte sie. „Du hättest dabei sein
sollen, Yari!“, rief sie und grinste von einem Ohr zum anderen,
„Heute Morgen haben wir die Timo-Sache geklärt! Das Gespräch ist
richtig super verlaufen! Wir sind jetzt wieder zusammen! Ich kann
mein Glück kaum fassen! Kannst du glauben, dass wir nur ungefähr
einen Tag getrennt waren? Die Ferien haben richtig toll gestartet!
Von wegen Extra-Hausaufgaben!“
Mayari ballte die Fäuste und
hüpfte fröhlich auf und ab. Nachdem sie einen langen Quieker
ausgestoßen hatte, rief sie: „Das ist super! Aber ich glaube, in
letzter Zeit hast du Tasuke ziemlich viel geärgert. Stimmt doch,
oder?“
Ayame überlegte. „Äh... Eigentlich nicht so... So
normal viel halt, oder bisschen weniger als sonst. Ihr findet diesen
Streit ja nervig. Wieso denn?“ Sie guckte zu mir.
Mayari senkte
den Blick. „Tasuke antwortet nicht mehr auf meine Nachrichten. Ich
glaube, er ärgert sich über etwas.“ Ayame schaute zu Boden und
spielte an dem grün-goldenen Freundschaftsarmband herum. Ihr schien
ihr Bruder peinlich zu sein. Nach einer Weile sagte sie zerknirscht:
„Tut mir leid. Ich werde ihn nicht mehr so viel ärgern.“
„Das
ist gut“, knurrte Mayari. Ich stellte mich neben sie und legte ihr
den Arm um die Taille. Mit dem Blick fixierte ich Ayame. „Warum
mobbst du Tasuke denn immer?“
Ayame zuckte leicht nervös die
Schultern. „Manchmal ist er halt nervig. Und... das macht irgendwie
Spaß. Ich mag das, ihn zu ärgern.“ Sie fummelte an ihrer kleinen
Kette herum.
„Ein Glück, dass er dein Bruder ist! Ansonsten
müsste ich mir jetzt Sorgen machen“, grummelte Mayari und warf
einen unauffälligen Blick auf ihr Handy, „Er hat mir immer noch
nicht geantwortet.“
Ayame seufzte, aber ihre Augen blitzten kurz
auf. „Es ist halt so... Dadurch, dass ich ihn immer ärgere –
oder halt mobbe – bin ich sowas wie der Boss. Denn ich weiß, dass
ich gemeiner bin und er eigentlich nicht so gern streitet. Und warum
ich die Chefin sein will? Weiß nicht. Irgendwie ist es halt gut,
bisschen Macht über andere ausüben zu können. Außerdem bin ich ja
sonst keine Chefin; nur so zu meiner Verteidigung.“
Ich nahm
ihre Hand. „Alles okay, das kann ich verstehen. Aber wir sind ja
hergekommen, um mit Mayari eine Besprechung über die Lage
abzuhalten“, erläuterte ich unseren Plan. Wir beschlossen, für
die Besprechung in mein Zimmer zu gehen.
Als ich zur Sicherheit
durchs Schlüsselloch gelinst und meine vollgestickerte Zimmertür
abgeschlossen hatte, setzten wir uns alle auf mein Bett. Ich nahm
einen großen Schluck von meinem Bubbletea. AyAy und Yari schienen
der unpassend weihnachtliche Bettbezug und die kindische
Schneeflocken-Decke überhaupt nicht zu stören. Im Gegenteil - meine
Friends fanden es offenbar richtig gemütlich in meinem Zimmer!
Ich
holte eine Packung geklauter Cookies von meinem Schreibtisch rüber,
damit wir was zu knabbern hatten.
„Also“, sagte Ayame und
rückte ihre Brille zurecht, „wer ist unser Hauptverdächtiger?“
Wenn sie wollte, konnte sie richtig detektivisch aussehen –
wahrscheinlich tausendmal detektivischer als ich.
„Ich würde
sagen, Ayesha“, vermutete ich und Mayari bestätigte das mit einem
Nicken. Ich breitete erklärend die Arme aus. Als ich den letzten
Bissen von meinem Cookie runtergeschluckt hatte, kombinierte ich:
„Die Sabotage-Akte treffen genau auf ihren Charakter zu. Kleine,
aber wütende Aktionen. Sowas ist doch die Art von Sabotage, die
wütende, aggressive Teenager wahrscheinlich begehen würden. So sehe
ich das.“
Ayame klopfte mir auf die Schulter. „Ich seh das
genau so wie du!“ Mayari kuschelte sich dazu. Ich grinste und hakte
die zwei bei mir unter. Aber dann fiel mir Lynns Mann, der
Pferde-Entführer ein. Den durften wir auch nicht vergessen.
Arbeitete er etwa mit Ayesha zusammen? Nein, das passte nicht. Er
wollte den Reiterhof sabotieren und Ayesha das Café. Außerdem
hatten sie eine sehr unterschiedliche Herangehensweise. Ayesha stahl
Geld, verbog Gabeln und setzte Kaffeemaschinen außer Gefecht. Herr
Waltz hingegen entführte Pferde und verfügte illegalerweise über
mehrere Autoschlüssel. Offen gestanden, es gab keinen Zusammenhang
zwischen unseren zwei Hauptverdächtigen. Wahrscheinlich strebten sie
entweder zwei unterschiedliche Ziele an oder einer von ihnen war gar
nicht kriminell. Ich schluckte. „Auf der Autobahn bin ich ja mit
Rob bei Herrn Waltz mitgefahren, diesem komischen Pferde-Kidnapper.
Ich wette auf unsere Freundschaft, dass Ayesha und Lynns Mann nicht
zusammenarbeiten, aber wir müssen sie halt beide im Auge behalten“,
machte ich meinen Friends klar.
Kurz darauf stürmten wir die Treppe
runter, um Herrn Waltz zu beschatten. „Was macht er da?“,
flüsterte ich in die Runde, als wir ihn hinter dem Haus entdeckt
hatten. Er schlich im Kreis herum und zog sich die Kapuze ins
Gesicht. Offenbar telefonierte er, denn er hielt sich ein kleines
schwarzes Handy ans Ohr. „Ja, was kann ich denn dafür?!“, schrie
er gerade ärgerlich in den Hörer. Ich tauschte einen Blick mit
Ayame und Mayari.
Nach einer Pause fuhr Lynns Mann fort: „Den
Grund, warum es nicht geklappt hat, brauchst du nicht zu wissen.
Irgendwer weiß es halt, verstehst du? Jemand ist mir auf der Spur! …
Nein, so einfach ist es ja nicht! Ich kann es nicht einfach wieder
versuchen! … Erst recht nicht auf der Autobahn! Sie sind mir halt
mit dem Auto und der Ware weggefahren! Ja, direkt vor der Nase!“
Ware?! Das waren Pferde, geklaute Pferde!
Die Person, mit der Herr
Waltz telefonierte, redete noch eine Weile, aber ich konnte sie kaum
verstehen, da Lynns Mann den Hörer nicht laut geschaltet hatte.
Schließlich brüllte er: „Wie die zwei aussahen?! Du spinnst wohl!
Was willst du denn damit anfangen? So zwei nervige Teenager, ein
Schwarzer und – Moment mal – ich glaube, die andere war Sinas
Tochter... Mein Gott, du weißt doch wohl, wer Sina ist! Die Freundin
von Lynn, der die Ware gehört. Endlich mal was Gutes, was mir diese
Ehe mit Lynn gebracht hat. Aber glaub mir, die hätt ich auch alleine
gefunden! … Begreif doch endlich mal, dass das nicht so einfach
ist, wie du dir das vorstellst! Sina weiß ja nichts davon! Sie hat
jetzt ihren Autoschlüssel wieder zurück! Und Lynn auch,
dummerweise.“ Was hatte das alles zu bedeuten? Jetzt reichte es.
Ich packte meine Freundinnen an den Händen und trat aus unserem
Versteck. „Moms Pferde sind keine Ware,
verstanden? Ich werd das alles meiner Mom erzählen! Sie sind richtig
kriminell! Schlimm mit dem Sohn streiten, Pferde entführen,
Autoschlüssel klauen, Ehefrau betrügen, Geheimgespräche führen
und anonym auf dem Hof rumschleichen – wie erklären Sie mir das,
Herr Waltz?“ Wir stellten uns um ihn herum auf, aber er fand leider
eine Lücke und schlüpfte blitzschnell hindurch. Er rannte quer
durch den Hof, bis er ein schattiges Plätzchen am Misthaufen
gefunden hatte und wieder zu telefonieren begann. Während er seinem
Gesprächspartner zuhörte und gelegentlich nickte, zündete er sich
eine Zigarette an. Dann schrie er etwas und nahm die Zigarette in den
Mund. Wir gingen ein Stückchen näher an ihn heran, um besser hören
zu können, was er sagte. „Verflucht noch mal, ich kann es nicht
noch ein zweites Mal versuchen!“, beschwerte er sich gestikulierend
und seine Zigarette wegwerfend.
Und dann bekam ich einen Schock.
Kleine, orangene Flammen züngelten am Misthaufen hoch! Herr Waltz
warf panisch sein Handy auf den Boden und rannte zum Haus. Während
Mayari das Handy aufhob und einsteckte, sprinteten Ayame und ich in
die Reithalle, wo ich einen Eimer über den Boden schleifte und so
Sand einsammelte. In der Reithalle gab es nämlich jede Menge davon,
und weil sie zurzeit sowieso außer Betrieb war, konnte ich mir ja
wohl Sand nehmen – vor allem, wenn es darum ging, so schnell wie
möglich ein lebensgefährliches Feuer zu löschen.
Ayame tat es mir
nach. Die Eimer voller Reithallen-Sand liefen wir zurück zum
brennenden Misthaufen. Hektisch schütteten wir den Sand aufs Feuer,
und es erlosch sofort. Manchmal war Sand echt wirksamer als Wasser.
Außerdem verschwendeten wir den kostbaren Rohstoff so nicht, und
staubigen Sand aus der Reithalle brauchte wohl keiner so wirklich.
„Aber jetzt verfolgen wir diesen Schuft“, zischte ich und düste
ins Haus, wo sich der blöde Kidnapper wahrscheinlich versteckt
hielt. Jetzt war er nicht mehr nur Kidnapper und Dieb, sondern auch
Brandstifter! Er hatte seine Zigarette extra auf den Misthaufen
geworfen, um ihn anzuzünden. Es fehlte nur noch, dass er auch Mörder
war.
Mayari und Ayame folgten mir die Treppenstufen hoch. Wir
schlichen durch den Flur, wo Dad mit dem Rücken zu uns Nägel aus
der Wand riss. Wahrscheinlich bemerkte er uns gar nicht! Im Gegensatz
zu ihm hörten wir laute Geräusche aus der Küche: War das das
Rauschen von Wasser? Auf jeden Fall war ein Wasserhahn offen. Wollte
dieser gefährliche Idiot etwa unsere Küche überfluten?! Mit meinen
Friends im Schlepptau spurtete ich zur Küche. Ich riss die Tür auf.
Da war er! Lynns Mann hielt einen Eimer in die Spüle unter den
Wasserhahn. Als er uns bemerkte, erschrak er und fuhr herum. Sein
Eimer fiel mit einem Scheppern auf den Boden und das Wasser floss in
die Rillen der Fliesen. Jetzt durfte er nicht mehr entkommen. Wir
mussten ihn zur Rede stellen.
Mayari begann damit, ihm zu zeigen, dass
wir schlauer waren: Sie holte sein Handy hervor und hielt es in die
Höhe. Nachdem sie auf das dunkel gewordene Display getippt und einen
Blick darauf geworfen hatte, verkündete sie: „Wir wissen alles.
Sie haben mit Özkan Demir telefoniert, weil er unsere Pferde kaufen
wollte, aber Ihre Aktion scheiterte an Rob und Rilana!“
„Woher
weißt du, dass Özkan mein Käufer ist?!“, ärgerte sich Herr
Waltz und riss sich die Kapuze vom Kopf. „Aus dem Weg, ihr nervigen
Kleinen! Ich muss ein Feuer löschen!“ Er bückte sich, um den
Eimer aufzuheben und erneut aufzufüllen, aber ich schnappte ihm den
Eimer aus der Hand. „Das Feuer ist keine Gefahr mehr. Natürlich
haben wir es mit Sand aus der Reithalle gelöscht.“ Ich
triumphierte innerlich und tappte provokant mit dem Fuß.
Ayame
schaute Herrn Waltz misstrauisch an. „Also wollten Sie den
Misthaufen gar nicht anzünden?“, hakte sie nach. Er fuhr sich über
den fast kahlen Kopf. „Natürlich nicht!“, krächzte er, „Was
fällt euch ein?!“
Mayari hielt ihm sein Handy mit dem nicht
weggeklickten Anruf vor die Nase. „Daher wissen wir, dass Sie mit
'Özkan' telefoniert haben und warum Sie die Pferde kidnappen
wollten. Was aber auch kein Wunder ist, wenn unter dem roten
Telefon-Symbol dick und fett Özkan Demir
steht!“
Ich hörte die Schritte mehrerer Menschen, die aus dem
Flur kamen. Egal, wir mussten uns jetzt erst mal um diesen blöden
Herrn Waltz kümmern. All das, was wir jetzt bei diesem Anruf
mitgehört haben, würde Lynns Mann in Zukunft noch viele Probleme
bereiten. Ich wollte gerade zum Sprechen ansetzen, als die Tür
aufgestoßen wurde. Herein kamen Dad, Mom, Lynn, Timo und Rob. Als
Mom und Lynn sich vor Herrn Waltz aufgebaut hatten, traten Dad, Timo
und Rob in den Flur und schlossen die Tür. Ich hörte, wie sie sich
leise unterhielten – allerdings nicht, worüber.
Herr Waltz
wirkte verlegen, die beiden Mütter dagegen umso aufgebrachter. „Was
tust du? Was treibst du hinter unserem Rücken? Was hast du mit dem
Eimer und dem Wasserhahn angestellt?“, platzte es aus Lynn.
Mom
schaute zur Tür rüber. „Andreas hat uns Bescheid gegeben, dass
mein Kind hier mit Ihnen redet und irgendwie Krach entsteht!“,
klärte sie den Brandstifter auf.
Ayame, Mayari und ich wechselten
einen stolzen Blick. Ich glaubte, meine Freundinnen hätte es auch
nicht gestört, wenn Mom „meine Kinder“ gesagt hätte. Wir hatten
dieses Verhör auf die Beine gestellt! Und nicht nur das: Wir waren
es, die das Feuer gelöscht hatten und Herrn Waltz bei seinem
Telefonat mit seinem Kunden Özkan Demir belauscht haben. Jetzt waren
wir so weit gekommen, dass er nicht mehr fliehen konnte und alles
gestehen musste. Seiner Frau, der Bestohlenen und den Detektivinnen.
Und seinem Sohn, meinem Dad und… Rob.
Herr Waltz ließ den Kopf
hängen und eine Zuckung durchfuhr seinen Körper. Er schüttelte
sich. Mit einem nachgebenden Ausdruck in den Augen fing er stammelnd
an zu gestehen: „Ich gebe zu, dass ich die Pferde klauen und
verkaufen wollte. Ich weiß, eine Schandtat. Aber Sina? Ich wollte
dir wirklich nur helfen. Die Hälfte des Gewinns hätte ich dir
überlassen!“ Er wollte weiterreden, aber Mom unterbrach ihn
kopfschüttelnd: „Ach, wirklich?! Die Pferde brauche ich aber noch!
Wenn dieser Umbau erst fertig ist, kann man ja wieder auf ihnen
reiten und sie bei Turnieren antreten lassen. Damit ich Geld
verdienen kann, brauchst du mich nicht zu bestehlen. Wir müssen
einfach nur alle geduldig sein.“ Mom strich sich eine Strähne aus
dem Gesicht und verschränkte die Arme.
Lynn vergrub die Hände in
den Hosentaschen ihrer Latzhose. „Die Pferde zu verkaufen wäre wie
während des Bärenmarkts mit Verlust eine billige Aktie zu verkaufen,
nur um ein bisschen Geld in die Tasche zu kriegen!“, ergänzte sie
grummelig und schaute ihren Mann finster an.
Ich hob den
Zeigefinger. Mit einem Schwung Schadenfreude in der Stimme stellte
ich fest: „Noch ein Grund mehr, warum es gut ist, dass wir die
Sache gerade aufklären und Ihre kriminelle Aktion verhindern: Bei
diesem Özkan hätten die Pferde es bestimmt nicht gut; der weiß ja,
dass die geklaut sind, und lässt sich auf sowas ein.“
Als alle
mit ihren Kommentaren fertig waren, fuhr Herr Waltz niedergeschlagen
fort: „Deine Tochter, Sina, und dieser achtzehnjährige Schwarze
konnten meinen Verkauf verhindern. Das hat Özkan und mich sehr
geärgert. Den Brand vorhin habe ich aber nicht geplant. Ich war
einfach unachtsam und habe die Kippe in den Misthaufen geworfen. So
verursachte ich versehentlich einen Brand.“ Schuldbewusst schaute
er in die Runde. „Es tut mir aufrichtig leid, Sina.“
Mayari
schnappte nach Luft. „Vor allem“, schrie sie und schnippte mit
dem Finger, „sollte Ihnen Ihre Frau Lynn leidtun! Wir haben alles
gehört: Ihnen liegt nichts an der Ehe und das Einzige, was Sie daran
gut finden, ist, dass Sie Rilanas Mom kennen!“
Herr
Waltz' Kopf verfärbte sich dunkelrot. „Woher weißt du das?!“, brüllte
er überfordert, während Lynn ihn entgeistert mit offenem Mund
anstarrte. „Ich hab dir doch Jette und Timo geschenkt!“, murmelte
sie tonlos. Aber er wartete nur auf Mayaris Antwort und Moms
Reaktion.
Yari wies lässig auf ihre Ohren. „Wir können eben hören
und haben ein bisschen Grips.“ Sie grinste frech und fuhr fort:
„Das Handy hab ich Ihnen übrigens noch nicht zurückgegeben, und
Sie haben noch einiges zu gestehen. Da sind noch viele Fragen offen.
Wenn Sie abhauen, laufen Sie Gefahr, das Gerät nicht
wiederzubekommen. Außerdem stehen da draußen drei Männer. Einer
ist zwar erst 15 und einer erst 18, aber der andere ist schon über
40!“
Herr Waltz gab nach und winkte ab: „Nein, nein. Ich
gestehe alles. Aber das war jetzt ungeschickt, es sind keine weiteren
Fragen mehr offen. Um ehrlich zu sein, habe ich eine Weile daran
geglaubt, dass Lynn meine große Liebe war. Das war zu der Zeit, als
wir geheiratet haben und Jette und Timo bekamen. Als Lynn dann die
Café-Idee ansprach, bekam ich schon erste Zweifel. Mir gefiel die
Sache von vornherein nicht, und innerlich habe ich sie nie
unterstützt. Und dann wollte meine Frau sogar so weit gehen, meine
Kinder über die Ferien dort einzustellen. Ich ließ mich wirklich
nur überreden, weil das damit zusammenhing, dass Lynn währenddessen
Sina half. Die hatte ich kurz davor kennengelernt und wusste sofort,
dass sie für mich nicht einfach ein normaler Mensch war. Ab diesem
Tag prägte sie mein neues Ideal. Ich half Lynn bei allen Aktionen,
die diesen Menschen unterstützten. Aber bei Sina schien das Geld nie
zu reichen. Alles floss in den Umbau ein und wurde vergessen.
Parallel ging die Sabotage in Lynns Café los. Das kam davon, dass
sie meine Teenager dort arbeiten ließ... Und immer noch lässt!
Lynn, hör auf damit! Sie sind nicht fähig, das Café so zu
überwachen, dass Sabotageakte gestoppt werden können! Und was dich
betrifft, Sina, ich spüre eine spezielle Verbindung zu dir. Ich
merke, dass du es bist, die eigentlich für mich bestimmt ist...“
Als er eine kleine Pause einlegte, um Luft zu holen, schlug Lynn mit
ihrer Faust auf seinen rechten Ringfinger. „Das hast du jetzt von
unseren Eheringen! Und du bist nicht der Einzige, der jetzt solche
Phrasen drischt – ich erinnere mich noch, wie oft ich mit dir über
unsere Ehe gesprochen habe. Wir sitzen mitten in einer Krise! So,
jetzt will ich dich nicht mehr anhören... Wenn du willst, kannst du
jetzt mit deiner hohlen Liebeserklärung an die arme Sina
fortfahren!“, rief sie, während sie die Tür aufstieß und
rausstürmte.
Herr Waltz schaute auf seinen schmerzenden Ringfinger
und dann zu Mom. „Bei Lynn habe ich mich wahrscheinlich vertan –
sie sah dir einfach ähnlich, Sina. Aber nun, wo ich dich kenne, weiß
ich, mit wem mich das Universum zusammenbringen wollte... Sina.“
Ich
verdrehte die Augen. Mom wies mit dem Daumen auf die Tür und sagte
kalt: „Ich habe einen Mann. Der steht da draußen. Also: Vergiss
es.“
Bevor Herr Waltz wieder zum Sprechen ansetzen konnte, kam
Ayame dazwischen und fragte skeptisch: „Worüber haben Sie sich
eigentlich im Café mit Timo gestritten? Euer Streit schien ziemlich
heftig zu sein, und mir kam er verdächtig vor...“
„Ach,
das... Ich habe ihm meine Meinung über seine Mutter gesagt, und
erklärt, dass er nicht länger im Café arbeiten müsse. Aber er
wollte das offenbar gern weitermachen und fand außerdem meine
Sichtweise falsch.“ Er seufzte und mir kam er völlig fertig vor.
Ayame wollte ihn aber anscheinend noch weiter fertigmachen, denn sie
warf ihm (zu Recht) vor: „Das ist sie auch wirklich! Sie müssen
das einsehen... und sich am besten auch bei Timo entschuldigen. Na
ja, bei Jette auch. Und bei Ihrer Frau Lynn
natürlich.“
Wieder seufzte Herr Waltz. Er machte eine fahrige
Handbewegung in Mayaris Richtung, mit der er andeuten wollte, dass er
alles gestanden hatte und nun sein Handy zurückverlangte. „Stopp!“,
rief ich und stellte mich zwischen die zwei. „Wir haben zwar schon
eine Hauptverdächtige, nämlich Ayesha, aber als 'Detektivinnen'
müssen wir natürlich immer auf Nummer Sicher gehen... Stimmt zwar
nicht mit Ihren Aussagen von vorhin überein, passt aber zu Ihrem
Motiv: Sabotieren Sie das Waltz-Café? Seien Sie ehrlich“, wollte
ich wissen.
Herr Waltz schüttelte den Kopf. „Ihr fragt mich
jetzt aber wirklich viel aus. Nein, der Saboteur bin nicht ich. Ich
meine es ernst. Ich bin gegen das Café, aber ich würde nicht so
weit gehen, es deswegen zu sabotieren. Dadurch würde sich doch mein
Vermögen verringern. Also wirklich, ihr, ihr, ihr. Ich schwöre es.
Ich bin unschuldig... in dieser Sache. Und – kriege ich jetzt mein
Phone wieder?“
Mayari schmunzelte. „So alt, wie das Modell
ist, kann man wohl kaum von einem Phone reden. Das ist ein altes
Handy. Hier. Wir sind schließlich nicht kriminell.“
🐴
Heute kochte weder Mom noch Dad, weil sie sich zu einer Beratung zurückgezogen hatten. Alter Hummus, Gemüsestreifen und Hähnchenstückchen reichten ihnen offenbar, da es mehr Besprechung als Mittagessen war. Sie trafen sich mit Lynn in einem Zelt auf der Wiese, die als Alternative zur Reithalle gedacht war, falls die aus irgendeinem Grund nicht genutzt werden konnte. Na toll, die würden heute wohl nicht mehr kochen. Nach unserer bisherigen Logik hatten sie dann Abwaschdienst, aber den mussten dann wohl auch wir machen. Na ja, kochen mussten wir nicht unbedingt selbst. Nur warm machen, nicht zubereiten. Schließlich hatten wir noch Tasuke mit seinem Chicken Teriyaki (oder Ramen). Komisch, dass er sich noch nicht gemeldet hatte. Natürlich konnten wir auch nicht von ihm erwarten, dass er uns jeden Tag kostenloses Essen vorbeibrachte, aber er hätte uns trotzdem schreiben können – oder zumindest auf Mayaris Nachrichten antworten können.
Ayame war bereits dabei, wegen des
Chicken-Teriyaki eine Nachricht an ihn zu schreiben. Seiner Schwester
würde er ja wohl antworten!
Oder? Als wir nach zehn Minuten
gebannten Wartens immer noch keine Reaktion bekamen, waren wir uns da
nicht mehr so sicher.
Ayame war kurz davor, auszurasten. „Wie
lange willst du noch schmollen?! Ich halt's nicht aus!“, zischte
sie, während sie die Sprachnachricht-Taste gedrückt hielt.
Mayari
schüttelte den Kopf. „Tasuke schmollt nicht! So lange würde er
nicht schmollen. Warum soll er auch schmollen? Eher ist er in
ernsthafter Gefahr! Suchen wir ihn?“ Ayame und ich nickten
synchron.
Ich hatte zwar Appetit, aber keinen Hunger. Jetzt nicht
mehr. Also sperrte ich die Küchentür auf und wir stürmten aus dem
Haus. Und Ayame hatte auch schon eine Vermutung, wo er sein könnte.
„Ich denke, er ist im Stall. Er holt doch immer den Mist aus den
Boxen und bringt ihn dann in der Schubkarre zum Misthaufen.
Wahrscheinlich hat er entweder irgendwo sein Handy vergessen oder
wurde von einem Pferd verletzt!“, meinte sie.
„Wenn Cora es
war, könnte ich es dem Pferd noch verzeihen, aber ansonsten...“,
knurrte Mayari und deutete mit der Hand an, mir den Kopf
abzuschlagen. Obwohl die Situation total ernst war, mussten wir über
Mayaris Witz lachen. Dann gingen wir zum Stall. Auf dem Boden lag
kein Handy. Und in der Box von einem der Pferde war er auch nicht.
Die Sattelkammer war leer.
Enttäuscht schaute ich meine Freundinnen
an und ließ die Hände an die Oberschenkel klatschen.
„Immerhin
können wir jetzt ausschließen, dass ein Pferd ihn getreten oder
gebissen hat“, machte uns Ayame Mut, „Vielleicht ist ihm beim
Misthaufen irgendwas passiert, zum Beispiel, dass seine Schubkarre
wild geworden ist... Nee, doch nicht. Gerade sind wir doch am
Misthaufen vorbeigelaufen, und da war er nicht. Hmm.“ Sie schaute
mit einem besorgt-fragenden Ausdruck in die Runde.
Ich zuckte die
Achseln. „Könnte sein, dass sein Handy keinen Akku mehr hat und er
nach Hause ist, um es aufzuladen. Und dann ist zum Beispiel die Bahn
ausgefallen, als er wieder zum Hof wollte... So was kann immer mal
passieren.“
Eine Weile sahen wir uns einfach nur ratlos an, dann
kam Mayari auf eine ganz andere Idee. Hoffnungsvoll erklärte sie:
„Klar, sowas kann immer mal passieren. Aber lasst uns noch nicht
aufgeben. Wir haben wirklich erst an ganz wenigen Orten gesucht. Er
könnte im Café sein und den Saboteur erwischt haben, und während
er uns nicht geantwortet hat, hat er eigentlich die Polizei gerufen.“
Diese Vermutung war sehr logisch, schließlich ermittelte Tasuke
gefühlt mehr als wir. Wir bekamen es zwar nicht so mit, aber er war
sehr viel im Café – und zwar nicht, um Bubbletea zu saufen wie
gewisse verarmte Rockstars mit ihren nicht weniger nerdigen
Freunden.
Als wir das Café betraten, winkten uns die Waltz-Kinder
fröhlich zu.
„Super, dass ihr gekommen seid!“, rief Jette,
„Wir müssen mit euch reden!“ Sie schaute verstohlen zu Timo und
strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr Bruder war dabei,
Tasuke ein in Küchenrolle verpacktes Kühlpack an den Kopf zu
pressen. „Lia hat ihn überfallen. Wirklich, glaubt mir. Ich hab's
selbst gesehen! Sie ist von hinten auf ihn draufgesprungen und hat
mit einer verbogenen Gabel auf ihn eingehauen! Da, wo ich ihn gerade
kühle, hat sie ihn sogar gestochen!“
„Klingt
unglaubwürdig“, raunte ich meinen Freundinnen zu. Timo legte den
Kopf etwas schief und schaute Ayame eindringlich in die Augen. Die
schaute von Tasuke zu Timo und von Timo zu mir. Dann ging sie einen
Schritt zurück, schüttelte den Kopf und schloss die Augen.
Anscheinend wusste sie nicht, wem sie glauben sollte... Und vor allem
nicht, was.
Mit verengten Augen fixierte ich Tasuke. „Ich weiß,
die Person kam von hinten. Aber trotzdem: Was hast du denn gesehen?“,
fragte ich und wies mit dem Zeigefinger auf ihn.
Tasuke, der den
Kopf auf die Arme gelegt hatte, schaute auf. „Es war eine Frau, das
weiß ich genau“, murmelte er. Als ich zu Jette schaute, sah sie
mich bestürzt an.
„Timo war es also auf keinen Fall!“,
flüsterte mir Ayame zu und in ihrer Stimme schwang eine Spur
Erleichterung mit. Ich grinste. „Es gibt also nur noch eine
verdächtige Person, die hier ist.“ Mit schelmischem
Gesichtsausdruck wog ich den Kopf hin und her. Dann zeigte ich auf
Jette. Die seufzte enttäuscht und ließ die Schultern hängen. „Ihr
seid wirklich detektivisch. Immer erst alle verdächtigen, dann den
Zeugen glauben.“ Sie vergrub den Kopf in den Händen und stellte
sich neben Timo.
Ayame nahm diesem das Kühlpack aus der Hand.
„Ist er wirklich verletzt? Vielleicht spielt ihr das alles nur.“
Sie befühlte die Wunde an Tasukes Kopf. Es war keine große Wunde,
man konnte in seinen dichten Haaren nur ein paar leicht blutige
Kratzer sehen – genau die Kratzer, die eine Gabel hinterlassen
würde. Achselzuckend gab sie Timo das Kühlpack zurück.
Timo gab
zu: „Okay, vielleicht hat Lia nicht mit der Gabel auf ihn
eingestochen, schließlich sind ja Leute im Raum und sie kann
nicht so lange vor allen Körperverletzung begehen. Aber zumindest
hat sie ihn verletzt!“
Mayari fuchtelte mit ihren
angespannten Händen in der Luft herum. Sie beschuldigte Timo:
„Zumindest hat sie ihn verletzt? Okay? Also für mich klingt
das total danach, als ob du auf der Seite der Täterin wärst!“ Ich
nickte entschlossen. „Finde ich auch. Du bist verdächtig,
Timo!“
Ayame warf uns einen gequälten Blick zu. „Nein...
also... doch“, versuchte sie es ihm zu erklären, „Also ich
meine... Jette ist verdächtig! Ihr habt keine Beweise dafür, dass
es Lia war! Das ist einfach so. Warum sollte es denn ausgerechnet sie
gewesen sein? Das ist halt unlogisch, und Jette ist in diesem Raum
und benimmt sich außerdem ein bisschen verdächtig. Deshalb... Warum
sollte es Lia statt Jette gewesen sein? Ich will damit nicht sagen,
dass wir dir nicht glauben, aber...“ Sie presste frustriert die
Hände an den Kopf. „Ich weiß nicht, wie ich euch das erklären
soll.“
Timo legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ist okay“,
murmelte er. Jette, die finster dreinschaute, grummelte: „Eigentlich
nicht. Ich fühl mich gemobbt. Detektive können echt assi sein.“
Timo faltete verzweifelt die Hände. „Lia ist abgehauen!“,
behauptete er, „Tut mir leid, dass ich das sagen muss, aber diese
Aktion grad war wirklich schlecht durchdacht. Anstatt Jette und mich
hier weiter auszufragen, könntet ihr sie verfolgen und zur Rede
stellen. Da würde viel mehr rauskommen.“ Er warf Ayame einen
flehenden Blick zu. Die drehte sich überfordert weg und bedeckte mit
den Händen ihr Gesicht. „Ich weiß nicht“, seufzte sie, „Das
ist alles so wirr. Diese ganze Sache. Ich bin mir nicht sicher, ob
ich euch mit eurem Café noch unterstützen soll, aber ich hab
Hunger.“ Sie stellte sich an den Tresen und zeigte auf die
Zitronenmuffins in der Vitrine. „Zwei davon, bitte. Ich bezahl auch
vernünftig.“
Timo schnappte die Muffins mit der Zange und legte
sie auf einen Teller. Kurz huschte ein Schatten über sein Gesicht.
„Oder to go?“
Ayame nickte. „Ja, to go. Danke.“
Jettes
Bruder presste seine Lippen zu einer geraden Linie und atmete tief
durch die Nase ein.
Ich drängelte mich auch zum Tresen und
fuchtelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum. „Für mich einen
klassisch taiwanesischen Bubbletea und ein Gurkensandwich to go,
bitte.“ Ich ließ das Geld auf den Tresen fallen.
Mayari
bestellte sich ein paar Blondies und einen Erdbeersmoothie to go.
Während sie die Münzen mit einem lauten Klimpern auf den Tresen
fallen ließ, raunte sie Timo zu: „Ihr müsst das so schnell wie
möglich klären.“ Jette kam dazu und packte das Geld in die
ziemlich leere Kasse.
Tasuke stand auf, schnappte sich das
Kühlpack und schob seinen Stuhl an den Tisch. „Wenn ihr jetzt
weggeht, komm ich mit“, sagte er zu uns und stützte sich auf den
Tresen. Dann drückte er Timo das inzwischen nicht mehr sehr kalte
Kühlpack in die Hand.
Mayari, Tasuke und ich machten die Tür
auf, um rauszugehen, und Ayame wollte uns folgen, aber ich drängte
sie zurück. „Klärt das jetzt! Sonst kommt es wieder zu
Turbulenzen!“, zischte ich und gab ihr einen Schubs. Ayame
lächelte schief, dann drehte sie uns den Rücken zu und lehnte sich
über den Tresen zu Timo.
Mayari, Tasuke und ich traten schnell aus
dem Café und schlossen die Tür hinter uns. Ich konnte sehen, dass
Ayame eindringlich etwas zu Timo sagte und seine Hand griff.
Daraufhin gestikulierte ihr Freund wild mit den Armen.
Grinsend
wandte ich mich ab. „Kommt!“, entschied ich und ging ein Stück
voraus, „Wir verhören Lia!“
„Nee“, sagte Tasuke, „ich
komm nicht mit. Ich geh nach Hause. Morgen komme ich wieder. Wenn ihr
wollt, kann ich auch wieder ins Café gehen.“
Mayari tätschelte
seine Schulter. „Geh lieber nach Hause. Das tut deinem Körper
besser. Wenn du morgen wieder spionieren willst, dann geh Jette aus
dem Weg und verhalt dich unauffällig.“
Er nickte. „So
unauffällig wie möglich. Ähm... Sag mal, wie viel hab ich
eigentlich verpasst?“ Tasuke schaute auf sein Handy. Er stellte
fest: „Das Mittagessen, tausend Nachrichten und sicher noch viel
mehr. Bis morgen!“ Er lief los.
Mayari winkte Tasuke hinterher.
Ich packte sie am Arm. „Los, komm schon! Wir müssen uns beeilen!
Lia wartet nicht auf uns.“
Mayari machte sich los. „Wir müssen
aber noch auf Ayame warten!“ Zum Glück kam die gerade aus dem Café
raus. „Fragen wir jetzt Lia, Leute?“, fragte sie uns.
Ich
schaute zu ihnen nach hinten. Dann nickte ich. „Ja.“
Für
die Suche nach Lia teilten wir uns auf. Es war jetzt schon das dritte
Mal an diesem Tag, dass wir jemanden suchten! Heute war schon echt
viel passiert, und inzwischen knurrte mein Magen wie ein aggressiver
Hund. Hastig biss ich ein großes Stück von meinem Gurkensandwich
ab. Als ich auch noch einen Schluck Bubbletea nahm, verschluckte ich
mich fast. So ein Mittagessen war bestimmt nicht sehr gesund –
wenige Nährstoffe und hastiger Verzehr.
Wir hatten abgemacht,
dass ich im Stall suchte, also rannte ich auf ihn zu. Drinnen
begrüßte mich Carlo, indem er ungeduldig gegen die Tür seiner Box trat und
mit dem Kopf in der Luft herumschnupperte. Während ich mit den Augen
die anderen Boxen nach Lia absuchte, musste ich wieder daran denken,
dass Carlo und Ceci immer noch zusammen in dieser engen Box lebten,
in die eigentlich nur höchstens ein Pferd passte. Sobald
Carlo ausgewachsen war, hatte Mom ein Problem... Es sei denn, sie
würde sich endlich um Tornados leerstehende Box kümmern – dann
könnte Carlo dort einziehen. Ich schüttelte all diese Gedanken ab.
Im Moment waren sie vielleicht sogar wichtiger, aber ich hatte einen
Auftrag: Lia zu suchen. Wenn ich so drüber nachdachte, war das
eigentlich ziemlich sinnlos. Ich war mir sowieso sicher, dass Lia
Tasuke nicht überfallen hatte. Jette und Timo wollten uns bestimmt
nur ablenken, indem sie den Verdacht auf Lia lenkten. Inzwischen war
Jette so gut wie die Hauptverdächtige. Trotzdem musste ich noch
einmal mit Ayesha reden. Irgendwas stimmte nicht mit ihr.
Im
Gegensatz zu Ayesha oder Jette war Lia überhaupt nicht verdächtig –
jedenfalls nicht offensichtlich. Wir hatten gar keine Beweise gegen
sie. Ebenso wenig wie es irgendwelche Spuren oder Merkwürdigkeiten
im Stall gab.
Ich schlurfte wieder nach draußen und warf die
Brottüte von meinem Gurkensandwich in den Recycling-Container. Dabei
fragte ich mich, was Lia auch bitte gegen Tasuke oder das Café haben
könnte! Dass sie ihn überfallen hatte, musste einfach eine frei
erfundene Lüge sein! Nachher musste ich Jette unbedingt zur Rede
stellen.
Etwas piekte gegen meine Sohle. Ärgerlich hob ich mein
Bein an und stellte fest, dass es ein silberner Splitter war. Total
gefährlich für alle Lebewesen hier! Was hatte der hier zu
suchen?!
Ich zog den Splitter aus meinem Schuh und steckte ihn in
die Tasche. Dann ließ ich meinen Blick ein wenig über den Boden
schweifen. Ich bemerkte im sandigen Boden Fußspuren, die zur
Sattelkammer führten, und ein Stück schwarzen Gummis. Ich musste
sofort an die Reiterstiefel denken, die ich Lia gespendet hatte. Die
waren aus genau so einem Gummi gemacht! Auf jeden Fall war das eine
Spur, ob sie jetzt von Lia oder jemand anderem kam.
Ich holte mein
Handy aus der Tasche mit dem Splitter und schrieb meinen Freundinnen,
dass ich diese Fährte gefunden hatte. Sie sollten solange nicht
kommen, bis ich ihnen schrieb, dass ich Unterstützung brauchte.
Die
Fußabdrücke kamen nicht von Tasuke, der war heute wahrscheinlich
gar nicht mal hier gewesen. Sie hatten die Form, die Reiterstiefel
abgeben würden, also stammte das Gummistück höchstwahrscheinlich
auch von der Person, die die Fußabdrücke hinterlassen hatte.
Ich
gab mir einen Ruck und öffnete die Tür zur Sattelkammer.
In dem
Moment hörte ich einen spitzen, markerschütternden Schrei und
zuckte zusammen. In der dunklen Sattelkammer bewegte sich etwas
Zitterndes. Als ich die Tür komplett geöffnet hatte und
Sonnenstrahlen die Kammer mit Licht durchfluteten, wurde ich kurz von
aufblitzenden Brillengläsern geblendet.
Die Person hielt sich
schützend eine Hand vor die Augen und fiel vor Schreck um, während
sie leise kreischte. Ich streckte schnell die Arme aus und fing sie
auf. Dann fiel mir auf, dass es Lia war. Bevor ich erkennen konnte,
was es war, ließ sie einen silbern glänzenden Gegenstand in die
Tasche ihrer Jeansjacke gleiten.
„Was... Was ist dieses Ding?“,
fragte ich atemlos und ließ sie los. Lia taumelte ein Stück nach
hinten und schaute mich verwirrt an. „W-was das ist?“, krächzte
sie, „W-was denn? Welches Di-Ding?“ Sie schien es ebenso wenig zu
wissen wie ich.
Ich wies auf ihre Jackentasche. „Das silberne
Ding, was du da reingetan hast!“
Lia befühlte ihre
Jackentasche, setzte zum Sprechen an, schloss den Mund wieder und
stammelte schließlich: „Geld! Geld von Knöllchen! Ich war gerade
beim McDonald's und hab die Kunden abgezockt!“
Es kam mir nicht
sehr logisch vor, dass ihr das Knöllchen-Geld in Bar überwiesen
worden war, denn dann wurde es ihr nicht überwiesen, sondern
gegeben. Scheine blitzten außerdem nicht silbern, also musste es
eine Münze sein, aber Fünf-Euro-Münzen gab es nicht und Euromünzen
waren nicht silbern. Es musste also alles eine Lüge sein. Eine
schlecht durchdachte noch dazu. Es konnte nämlich nicht sein, dass
Lia gerade eben beim McDonald's gewesen war - ihre Stiefelspuren
waren eindeutig nicht von „gerade eben“. Aber Lia log mich sicher
nicht an, um mir eine kriminelle Tat zu verheimlichen. Vielleicht
hatte sie schon beim Standesamt geheiratet und wollte mich nicht zur
Hochzeitsfeier einladen – und deswegen auch verhindern, dass ich
den Ring sah. Okay, zugegeben, das war wirklich sehr
unwahrscheinlich. Aber es musste wohl so etwas in der Art sein.
Trotzdem fragte ich besser noch mal nach dem Überfall auf Tasuke,
sei es auch nur, um sicherzugehen, dass sie es nicht gewesen war.
Also holte ich tief Luft und legte los: „Lia? Kann es sein, dass du
eben im Café warst und Tasuke mit einer Gabel überfallen hast?“
Lia
schnappte nach Luft und schüttelte empört den Kopf. „Warum sollte
ich denn?!“, rief sie, „Etwa, weil ich der Saboteur bin? Ich hab
schon von der Sache erfahren, aber dass du mich verdächtigst... ist
echt ein Skandal. Das geht zu weit!“ Plötzlich wirkte sie richtig
wütend und funkelte mich an.
„Sorry!“, murmelte ich und hob
beschwichtigend die Hände, „Jette und Timo haben das erzählt! Als
Detektivin muss man jeder Spur nachgehen.“
Lia war gleich wieder
viel entspannter, nur noch ein bisschen beleidigt. „Jette und Timo,
diese Waltz-Kinder“, sagte sie, „Ich hab ja nichts gegen die,
aber unfreundliche, dumme Nerds sind sie trotzdem. Also... Findest du
nicht, es geht ein bisschen weit, dass sie jetzt gemeine Gerüchte
über mich verbreiten? Also wirklich. Ich glaube nicht, dass deine
Freundin diesen Timo verdient. Sie sollten sich wieder trennen.“
Ich
verzog das Gesicht. „Meinst du echt? Also ich finde, wenn sie sich
lieben, sollen sie zusammenbleiben.“
Lia lächelte. „Ja,
natürlich. Dann schon. Nur... Bei diesen Waltz-Leuten kann man sich
nicht sicher sein, siehe Herr Waltz und Lynn. Ich glaube... Ja, ich
glaube, deine Freundin ist ehrlich gesagt ein bisschen frühreif. In
ihrem Alter ist es cool, einen Freund zu haben, und deshalb will sie
einen haben. Aber ihr Teenies wisst das natürlich am besten.“ Sie
zwinkerte mir zu. Ich zwinkerte zurück. „Ich will keinen Freund
haben“, gab ich zu.
Lia wog ihren Kopf geheimnistuerisch nach
links und rechts. „So, so.“
Ich ballte die Fäuste. „Zwischen
Rob und mir läuft nichts!“
🐴
Weil
wir zu Hause gar keine Tiefkühlwaren mehr hatten, kratzten uns Mom
und ich einen Reste-Auflauf zusammen, der sogar gar nicht mal so
schlimm schmeckte. Wir waren halt einfach froh, was Warmes zu Essen
zu haben.
Mayari und Ayame waren schon vor dem Abendessen
gegangen, weil sie sich bei Mayari zu einem kuscheligen Film-Abend
verabredet haben. Ich hatte versprochen, nächstes Mal auch zu
kommen. Irgendwie war es schon ein bisschen gemein, dass sie mich
nicht eingeladen hatten. Aber egal. Von mir war es ja auch ein
bisschen gemein gewesen, dass ich Lia alleine verhört hatte.
Immerhin hatte ich ihnen im Nachhinein alles genau erzählt. Morgen
würde ich meine Friends auch über den Film-Abend ausfragen.
Auf
einmal kam mir eine Idee. Wenn ich jetzt genauso einen Kuschelabend
mit Film machen würde, aber mit Mom, könnte ich mich für immer mit
ihr vertragen. Also sagte ich ihr meine Idee und wir machten es uns
gemütlich. Aber bevor wir uns an die schwere Entscheidung setzten,
was wir gucken wollten, wollte ich noch mal über unseren Streit
sprechen. Ich hatte genug davon, wegen des Umbaus immer sauer auf sie
zu sein. Dadurch gab es gar keine richtige Familienatmosphäre mehr
und es entstand ganz viel Stress. Ich schlang die Arme um meine Mom.
„Der ganze Streit und das ganze Chaos tun mir voll leid“,
flüsterte ich, „Ich will aber, dass wir wieder wie eine richtige
Familie sind und uns nicht mehr nur noch zoffen. Das ist nur unsere
Schuld, aber wir können das ändern. Mom, ich... hab dich
lieb.“
Meine Mutter lächelte und nahm meinen Kopf in ihre
Hände. „Ich dich auch. Übrigens, das hab ich dich das letzte Mal
vor vier Jahren sagen hören. Damals warst du zehn und noch gar kein
Teenie. Es war eine komplett andere Zeit. Aber seitdem du so 'cool'
geworden bist, haben wir uns beide total verändert und sind immer
weiter auseinander gedriftet. Keine Sorge, ich bin genauso daran
schuld wie du.“ Sie gab mir einen Kuss auf den Kopf. Ich boxte sie
weg. „Hey“, rief ich, „Kuschel-Abend hab ich gesagt, nicht
Knutsche-Abend!“ Mom lächelte und bewarf mich mit einem Kissen.
Ich nahm eine Decke von der Sofalehne runter und breitete sie über
unseren Knien aus. Das neue Wohnzimmer war zwar noch nicht fertig,
aber wenn man es sich gemütlich einrichtete, störten die unfertigen
Wände, sichtbaren Rohre und grauen Filzunterlagen eigentlich gar
nicht mehr. Der Fernseher aus dem alten Wohnzimmer verdeckte ein
großes Loch in der Wand, um das wir uns noch kümmern mussten.
Mom
schien dieselben Gedanken zu haben wie ich in diesem Moment. „Keine
Sorge, Schatz. Das Loch ist das Nächste, um das ich mich kümmern
werde. Hast du jetzt noch mehr Bedarf nach Klärung, oder...“, sie
machte eine bedeutungsvolle Pause und verdeckte mit der Hand eine
DVD, die neben ihr lag, „... Wollen wir erst mal deinen
Lieblingsfilm schauen?“
Mein Mund öffnete sich unwillkürlich
und ich starrte meine Mutter an. „Du meinst Ostwind?“ Mom
hielt mir die DVD vor die Nase. „Natürlich...“
Ich ließ
meine Finger über die Kunststoffpackung gleiten. Sie beinhaltete nur
den ersten Film. Ich zwinkerte Mom verschwörerisch zu. Die holte den
DVD-Player aus dem Fernsehregal und begann, den Pferdefilm
abzuspielen, den ich als kleines Kind für alle Ewigkeit zu meinem
Lieblingsfilm auserkoren hatte. Seitdem hatte ich viele weitere Filme
gesehen, die genauso gut oder vielleicht sogar besser waren, aber ich
hielt an meinem Versprechen fest: Ostwind
war mein Lieblingsfilm. Während der Vorspann lief, holte ich
Cookie-Reserven aus der Küche. Ich schlüpfte unter die Decke,
kuschelte mich an Mom und tauchte ab.
Bei der Stelle, wo Mikas Großmutter Sam die Aufgabe gab, auf Mika aufzupassen und sie nicht ungesehen entwischen zu lassen, während die im Hintergrund an ihr vorbeischlich, mussten wir so doll lachen, dass Mom gezwungen war, die Wiedergabe des Films zu stoppen. Ich nutzte den Moment und füllte unsere leeren Snack-Schüsseln auf.