Freitag, 21. November 2025

3: Ein falsches Knöllchen

Rilana & Friends
Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 3: Ein falsches Knöllchen

Heute gibt es viel zu tun, Mädels!“, sagte Mom, als wir am zweiten Ferientag zu ihr kamen. „Tasuke muss ja seine Party vorbereiten und Lia arbeitet heute nur bis 10 und kommt erst nach dem Mittagessen wieder. Also müssen wir jetzt liefern. Rob fährt mit euch zum Pferdefachgeschäft, und ihr sucht das Kraftfutter für die Fohlen aus, okay? Aber ihr fahrt erst in einer Stunde los, also um 9:45 Uhr. Bis dahin heißt es: Ran an die Arbeit! Ich bin beim Stall. Ihr geht jetzt einfach zu Lia und fragt sie, was ihr machen könnt.“
Wir gingen zu Lia. Sie kratzte in Sternschnuppes Huf. Die war wohl ihr Lieblingspferd geworden. „Cora, Ice Cream und Tornado müssen noch geputzt werden“, sagte sie zu uns, „Macht ihr das?“
„Ich nehm Cora!“, rief Mayari. Ayame lachte. „War ja klar. Okay, ich putze Ice Cream. Sie scheint keine Koliken mehr zu haben.“
Ich holte uns einen Putzkasten und sagte: „Dann kümmer ich mich halt um Tornado.“ Tornado war ein brauner Wallach mit Flocke und Fesseln. Cora war eine Apfelschimmelstute mit Schnippe und Stiefeln an den Hinterbeinen.

Während Lia schon anfing, Sternschnuppe abzuspritzen, schnappten wir uns erst die Striegel. Mit kreisenden Bewegungen entfernten wir groben Schmutz von Hals, Rücken und Kruppe der Pferde. Als Lia Sternschnuppe abgetrocknet und in den Stall gebracht hatte, tauschten wir unsere Striegel gegen Kardätschen ein.
Lia kam mit ein paar schmutzigen Eimern aus dem Stall zurück. Während sie sie säuberte, sagte sie in traurigem Tonfall: „Der Hof scheint in letzter Zeit nur noch Ausgaben zu machen.“ Das stimmte. Wir hatten wirklich kaum noch Einnahmen, seit Mom mit dem Umbau gestartet hatte. Ich hasste diesen Umbau. Der war nur blöd. Ich nickte trotzig.

Lia schaute mich mitfühlend an. „Ich werde euch so gut es geht helfen. Echt schade, dass kaum noch Leute zum Reiten herkommen. Der Umbau schreckt sie ab. Ich glaube, ich werde ein bisschen Werbung für den Hof machen müssen.“ Sie bückte sich nach einem Eimer. Der schmutzige Lappen fiel ihr aus der Hand und klatschte auf ihre High-Heels. Wie dumm! Heute hatte sie zwar Reiterstrümpfe, Bluse und Hot Pants mit Spitzenbesatz angezogen, aber Stöckelschuhe trug sie immer noch. Vielleicht hatte sie einfach keine anderen Schuhe.
Ich fing an, vorsichtig Tornados Beine zu säubern und fragte mich im Kopf, wie Lia wohl Werbung machen würde. Wie ein professionelles Werbemodel kam sie mir gar nicht vor.
Lia hob den runtergefallenen Lappen auf und stöckelte weg, um die gesäuberten Eimer wegzubringen. Ich konnte sehen, wie sie sich mit Mörtel und Spaten an einer kaputten Wand zu schaffen machte.
Meine Friends und ich schnappten uns weiche Bürsten und farblich gekennzeichnete Schwämme, um die Köpfe von Tornado, Cora und Ice Cream zu putzen.

Echt fies, dass Tasuke mir Hausverbot für heute gegeben hat“, sagte Ayame plötzlich. „Ich weiß, ich bin ja selber manchmal bisschen gemein zu ihm, aber... Ich glaub, ich werd trotzdem heimlich ins Haus gehen und ihm einen Streich spielen.“
Mayari stampfte mit dem Fuß auf und Cora wieherte erschrocken. Aber als ich eine Hand auf ihren Hals legte, beruhigte sie sich wieder.
„Nein, du entschuldigst dich bei ihm!“, forderte Mayari entschlossen. Da kam mir eine Idee. „Du spielst ihm einen Streich, der am Ende doch nur auf eine Entschuldigung hinausläuft! Einen Entschuldigungsstreich!“
Ayame nickte heftig. „Ich verstecke sein Stück von der Geburtstagstorte auf dem Dach und lege noch einen Zettel mit einem Smiley und einer Entschuldigung dazu! Smarter Plan, ne?“ Sie bekam einen Kicheranfall und fing an, Ice Creams Hufe auszukratzen.

„Und bis dahin führen wir sie mit einer Schnitzeljagd an der Nase herum!“, beschloss Mayari. Ayame nickte geistesabwesend und wurde still. Ich griff nach dem Hufauskratzer für Tornado. Schließlich fragte Ayame: „Leute, glaubt ihr, Tasuke hat Timo eingeladen?“ Sie rückte ihre Brille zurecht.
Mayari und ich wechselten einen Blick und prusteten fast los. „Kann sein, kann auch nicht sein“, meinte ich.
„Das ist jetzt aber wirklich verdächtig!“, protestierte Mayari, „Gestern geheimer Abschiedswink und heute unauffällige Sehnsucht.“
Ayame betrachtete angelegentlich ihre Fingernägel. „Wärst du nicht gern zu Tasukes Geburtstagsparty eingeladen?“ Sie schaute Mayari schelmisch an.
Ich ließ das Wasser fürs Abspritzen der Pferde an und machte erst mal Mayari und Ayame nass, bevor ich mich Tornado zuwendete.
„Ey!“, schrie Mayari, kümmerte sich schnell um Cora und rannte ins Haus, um sich umzuziehen. Nachdem wir Tornado und Ice Cream abgespritzt hatten, begann zwischen Ayame und mir eine kurze Wasserschlacht.

 🐴

Als Lia um 9:40 Uhr 20 Minuten früher ging als geplant, fuhr auch Rob mit uns zum Pferdespezialgeschäft. Es gab einen kurzen Stau, wegen dem wir uns etwas verspäteten. Zum Glück hatten wir ja keinen Zeitdruck. Und leider auch keinen Parkplatz! Deshalb parkte Rob auf einer Stelle, auf der man eigentlich nicht parken durfte. Aber wir würden ja nicht lange weg sein.
Rob, Mayari, Ayame und ich stiegen aus dem Auto und liefen über die Straße ins Pferdefachgeschäft. Dort schauten wir uns so lange um, bis wir das passende Kraftfutter gefunden hatten. Obwohl wir das eigentlich nicht vorgehabt hatten, kauften wir auch noch einen neuen Salzleckstein für Ceci, weil ihrer fast verbraucht war. Der neue war komplett rosa-lachsfarben und aus hochwertigem Himalayasalz.

Wir bezahlten und brachten den Einkauf in den Kofferraum von Robs Tesla. Neben dem hinteren Kennzeichen klebte ein Anti-Musk-Aufkleber. Ich fand ihn eher peinlich als rechtfertigend, aber Rob schien ihn lustig und cool zu finden. Er wollte gerade die Fahrertür aufmachen und einsteigen, als er mich zu ihm winkte. „Rilana! Komm mal her! Hier is'n Knöllchen! Und noch was!“ Er klang aufgebracht.
Ich nahm das Knöllchen in die Hand und schaute es mir an. Aha. Das sah ja ziemlich unseriös aus. Auf dem Knöllchen stand nichts von Polizei – nur eine Nummer, um 25 Euro Strafgeld für Falsches Parken zu überweisen. Dann fiel mein Blick auf den Flyer, den Rob hochhielt. Er hatte ebenfalls zwischen den Scheibenwischern geklemmt, als wir aus dem Geschäft rausgekommen waren.
Wie komisch! Der Flyer war Werbung für Moms Reiterhof. Er wirkte nicht sehr professionell und die Tinte, mit der er bedruckt war, war von den Scheibenwischern etwas verwischt.

Das Knöllchen flog mir aus der Hand. Mayari und Ayame waren losgerannt und hatten Wind erzeugt. „Hey!“, sagte ich verärgert und breitete hilflos die Arme aus, „Wo wollt ihr hin?“
„Zu mir nach Hause!“, antwortete Ayame, „Ist voll in der Nähe. Wir machen den Prank mit Tasuke.“ Ich nickte und hob das „Knöllchen“ auf. Plötzlich war ich mir sicher, dass das kein echter Strafzettel sein konnte. Ich seufzte. Ich musste jetzt wohl allein rausfinden, wer uns beobachtet und ihn uns so frech hingelegt hatte. Nein, nicht allein. Zusammen mit Rob. Uff... Ayame und Mayari wären mir viel lieber gewesen.

„Ey, Rob!“, begann ich und stieß ihn leicht in den Arm. „Wir müssen rauskriegen, wer das war!“
Rob nickte. „Ich fahr bisschen in der Gegend rum. Vielleicht kriegen wir so Hinweise. Kommst du mit oder fährst du schon mit der U-Bahn zum Hof und gibst deiner Mutter den Einkauf?“, fragte er mich. Ohne zu überlegen antwortete ich: „Ich nehm die Bahn und bring schon mal die Sachen zu Mom. Kommst du dann nach dem Essen zurück?“

„Klar. Bis dann.“ Rob drückte mir Kraftfutter und Salzleckstein in die Hände, stieg ins Auto und brauste um die Ecke.

Ich stand verloren da. Was sollte ich einfach so mit einem Salzleckstein ohne Verpackung und einer zerbrechlichen Papiertüte mit Kraftfutter anfangen? Das einfachste war, mein Handy hervorzukramen und mir ein U-Bahn-Ticket zu kaufen. Als ich damit durch war, gab ich mir einen Ruck und marschierte auf die U-Bahn-Station zu. Meine U-Bahn kam und ich ergatterte einen Sitzplatz, aber auch die verwirrten Blicke von allen Mitfahrenden. Um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu provozieren, schaute ich zu Boden auf meine Füße. Meine weißen Sneaker waren total dreckig geworden. Das erinnerte mich an Lia mit ihren nassen, ungeeigneten Stöckelschuhen.
Lia! Sie wollte Werbung für Moms Hof machen, wahrscheinlich in Form von Flyern. So langsam setzte sich ein Zusammenhang in meinem Kopf zusammen. Lia wollte Werbung für Moms Reiterhof machen und Geld für Mom sammeln. Kurz vor uns ist sie nach Hause gefahren. Wahrscheinlich kannte sie das Pferdefachgeschäft und auf Robs Tesla lagen ein falsches Knöllchen und ein Flyer für Moms Hof. Alles sprach dafür, dass Lia uns aus einem Fenster beobachtet, aber nicht erkannt hatte und uns dann das Knöllchen und den Flyer aufgehalst hatte, um das Geld, also die 25 Euro „Strafgeld“ dann Mom zu überweisen, um sie zu unterstützen. Lia war die Täterin.
Mist, Rob kurvte jetzt immer noch umsonst mit dem Auto in der Stadt herum. Egal.
Ich stieg aus und ging zum Hof. Wenn Lia zurückkam, würde ich sie sofort zur Rede stellen. Leider kam sie erst nach dem Mittagessen zurück, genauso wie Rob.

 🐴

Auf einer Bank vorm Stall saß Ayesha und schaltete den Intervall für ein Selfie ein. Ich sprang hinter sie, zeigte ihr Hasenohren und schrie: „Buh!“ In dem Moment, wo das Handy Ayeshas Selfie schoss, zuckte sie zusammen und bekam die realistischsten Hasenohren ever.
„Warum schießt du dauernd Selfies?! Es gibt so viel Arbeit!“, meinte ich wirklich genervt. Ich war fassungslos.
„Ich hab einen TikTok-Kanal mit richtig vielen Followern und poste täglich mehrere Fotos. Warum sollte ich dann einen Misthaufen wegga
beln, wenn's auch einfacher geht, Geld zu kriegen? Dass ihr euch da immer einmischen müsst, ist krass nervig! Rob versteht das nicht, aber ich sag dir eins: Er kann echt gut Videospiele spielen! Wenn Gamer sein Traumjob ist?!“, fuhr mich Ayesha an.
Ich stemmte den Arm in die Hüfte, verdrehte die Augen und stöhnte: „Schieß deine Selfies in der Shopping-Mall! Was hängst du hier ab, wenn du dir wahrscheinlich wirklich einfacher das Geld verdienen könntest?“

Ayesha verzog die Miene und verschränkte die Arme vor der Brust. „Studier Jura und lass mich in Ruhe!“, zischte sie und zog ab.

Ich schüttelte den Kopf. Dann schnappte ich mir den Einkauf und ging damit zu Mom in den Stall. Sie versuchte gerade, Moritz zu beruhigen, und war sehr froh, dass ich mit den notwendigen Dingen zurückgekommen war.
„Hi, Mom!“, rief ich, während ich auf Cecis riesigen neuen Salzleckstein und das frisch gekaufte Kraftfutter zeigte. „Der Salzleckstein ist für Ceci“, erklärte ich, „der war günstig und da stand drauf, dass der eine gute Qualität hat. Außerdem braucht Ceci ja wirklich einen neuen. Vielleicht kann Carlo ja schon mitlecken?“ Mom lächelte und nahm mir die Einkäufe ab. Ich überlegte, ob ich ihr von Lias Knöllchen erzählen sollte, entschied mich aber dagegen. Auch wenn es schmutzig war, war es trotzdem besser, wenn sie das Geld einfach bekam. Mom hatte viel zu viel um die Ohren. Und das war ja auch einigermaßen ihre Schuld. Sie hatte selbst mit dem Umbau angefangen. 

Ich lief in die Abstellkammer, schnappte mir eine Schubkarre und setzte mich in sie rein. Dann kramte ich mein Handy hervor und tippte auf den Gruppenchat mit Ayame und Mayari, ohne Tasuke. Sie hatten mir geschrieben, was sie gerade machten.
Ayame schrieb:

Gerade haben wir Tasukes Kuchenstück auf dem Dach versteckt und den Zettel dazugelegt. Er sucht noch nicht. Wahrscheinlich kommen sie gleich hoch. Wir verstecken uns hinterm Schornstein! Das is ne echt krasse Aktion! LG AyAy

Mayari hatte geschrieben:

Der Prank ist funny, aber Tasuke tut mir leid. LG Yari

Ich tippte:
Ich glaube, Lia hat uns ein falsches Knöllchen verpasst, um uns abzuzocken. Das Geld geht an Mom. Erklär ich euch später. LG Lana

Ayame antwortete:

Du bist voll das Detektiv-Girl! In letzter Zeit müssen wir voll oft wegen irgendwas ermitteln, haha. OMG! Ich glaub, sie kommen rauf! Tasuke ist ultra aggro hihi! LG AyAy

Ich steckte das Handy zurück in die Hosentasche meiner grauen Hot Pants. Dann gab ich meiner Schubkarre einen Schubs und rollerte ein wenig durch die Gegend. Plötzlich tauchte Rob hinter mir auf und gab meiner Schubkarre noch einen kräftigeren Stoß. Eigentlich wollte er so weitermachen, aber weil die Schubkarre viel zu schnell wurde, streckte er seinen Arm vergeblich aus und knallte vornüber auf den Boden. Ich raste mit Karacho auf ein Bäumchen zu, das im Weg stand. Zum Glück sauste ich knapp daran vorbei und konnte mich mit dem Arm an der jungen Eiche festhalten. Das ging so schnell, dass Rob nicht checkte, dass ich angehalten hatte. Nachdem er sich rasch aufgerappelt hatte, rannte er auf die Schubkarre zu, kollidierte mit ihr und fiel ein zweites Mal hin, diesmal mit dem Kopf an meinen Sneaker. Zum Glück trug er eine Mütze. Die wurde jetzt richtig dreckig.
Ich half dem komplett dur
cheinandergebrachten Rob, aufzustehen und brachte die Schubkarre sicherheitshalber weg. Wir hatten noch gar nicht das Mittagessen gegessen! Warum war er schon so früh hier? Er lief mir mit den Armen fuchtelnd hinterher. In der einen Hand hielt Rob einen großen Cheeseburger von McDonald's, in der anderen jetzt seine Mütze. Ich hatte echt viele Fragen an Rob. Aber eine war besonders wichtig. „Hey, Rob!“, rief ich, „Warum bist du früher gekommen?“
Er fuchtelte immer noch mit seinem Cheeseburger. „Ja, deswegen bin ich ja zu dir gekommen! So was gemeines! Mann ey! Frechheit!“ Rob war viel zu aufgebracht. Ich wurde ärgerlich. So konnte ich ja gar nichts verstehen! „Ey, Rob! Ich hab dich was gefragt! Was meinst du denn jetzt?!“
„Okay, ich sag dir alles.“
Er beruhigte sich ein bisschen. „Ich bin wie ich's gesagt hab in der Stadt rumgefahren, um halt Hinweise oder sowas zu finden. Da hab ich 'nen McDonald's gesehen, da war's richtig voll drin. Ich hab mir aber trotzdem zwei Cheeseburger gekauft, einen für mich und einen für Ayesha. Die kriegt ja nie was von eurem Mittagessen ab. Also, ich bin rein und hab welche gekauft. Der McDonald's war total voll, wie gesagt. Da draußen hatten die auch alle keinen Parkplatz mehr. Deshalb gab's ganz viele Autos von den Leuten, die da was gegessen haben, die einfach irgendwo auf 'nem verbotenen Platz standen. Ich glaub's nicht, die hatten alle kein Knöllchen! Mann!“
Ich sah mich um und trat einen Schritt auf Rob zu. „Das Knöllchen war fake. Diese Lia hat uns das verpasst. Wenn sie zurückkommt, sprech ich sie drauf an“, machte ich ihm klar. „Ich wette drauf, dass beim McDonald's morgen jeder, der dort verboten geparkt hat, so ein Fake-Lia-Knöllchen hat. Fährst du morgen noch mal hin und schaust nach?“
Rob nickte ernst. „Klar! Ich fand das einfach so dreist, dass ich sofort zurück bin. Mann, ich wurde zwei mal angefahren! Mann! ...Mann!“ Rob setzte sich die Mütze auf. „Wo ist Ayesha? Ich geb' ihr ihren Cheeseburger. Meinen hab ich im Auto gegessen.“
Ich wies mit dem Zeigefinger auf einen Strohhaufen. Ayesha scrollte auf ihrem Handy herum. Wahrscheinlich las sie sich die Kommentare zu ihren Selfies durch. Ich verdrehte die Augen. Sie verdiente keinen Cheeseburger, so, wie sie sich heute aufgeführt hatte. Aber egal. Mir schmeckten Chicken-Burger sowieso besser.

 🐴

Mit Mom und Lynn aß ich zum Mittagessen Penne mit gekaufter Tomatensoße aus der Dose. Sich schnell einen Reste-Auflauf zusammenzukratzen wäre nicht viel teurer, echt! Egal, ohne Ayame und Mayari (AyAy und Yari) schmeckte sowieso jedes Essen fad.
Als ich fertig war und verständlicherweise keinen Bock auf eine zweite Portion hatte, fiel mir Lia wiede
r ein. Inzwischen musste sie wohl gekommen sein. Also ging ich auf den Hof und suchte alles nach ihr ab.
Schließlich sah ich sie über einen Zaun springen un
d auf mich zulaufen. Ihre Schuhe flogen ihr von den Füßen, als sie auf dem Boden aufkam. Sie stolperte und konnte sich gerade so am heruntergekommenen Lattenzaun festhalten, um nicht mit dem Gesicht im Dreck zu landen. Das hätte sicher schlimme Folgen für ihre dunkelrot geränderte Brille gehabt. Mit zitternden Knien sank sie doch auf den schmutzigen Boden. Lia streckte ihren Arm nach ihren unpraktischen High-Heels aus. Aber ich war schneller. Ich schnappte mir die Stöckelschuhe und hielt sie in die Luft. Lia wurde blass. Sie rutschte aus und knallte in einen Haufen von Pferdeäpfeln. „Iiihh!“, rief sie mit zitternder Stimme und rappelte sich auf. Ihre Bluse war komplett verdreckt. Auch ihre Jeansjacke hatte eine Wäsche jetzt dringend nötig. Ich klopfte ihr den Pferdemist einigermaßen von der Kleidung und ließ die High-Heels vor Lia fallen. Sie stand auf. Als sie sich die Stöckelschuhe angezogen und ihre Brille zurechtgerückt hatte, fragte sie verunsichert: „W... Was ist los? Ist was?“
Ich sah sie kühl an. „Ich hab dir geholfen und du gestehst mir was. Wie war das jetzt mit dem falschen Knöllchen auf Robs Tesla? Du wolltest ja Werbung machen und Geld sammeln. Kannst du mir das dann vielleicht erklären, hm? Hätte nämlich nicht gedacht, dass du für Mom so weit gehst.“
Lia lehnte sich an den Lattenzaun, schrie heiser auf und schlug die Hände vors Gesicht. „Oooh! Ihr wart das! Ich wollte das nicht, das heißt, ich wusste nicht, dass ihr das wart! Ich...“ Als sie zu Atem gekommen war, richtete sie den Zeigefinger auf mich und fragte in etwas festerem Tonfall: „Aber wie konntet ihr wissen, dass ich das war?“
Ich lächelte und hob das Kinn etwas an. Dann erklärte ich: „War doch klar! Du hast dich durch den Flyer verraten. Du wolltest ja Werbung machen...“ Jetzt lächelte auch Lia. „Stimmt ja, ihr seid so schlau.“ Sie klang schon wieder viel freundlicher. „Weil ihr es seid, müsst ihr mir das 'Strafgeld' natürlich nicht überweisen, das wäre ja sinnlos. Ich wollte es sowieso dann deiner Mutter geben. Gut, dass wir das geklärt haben. Ich wollte echt nur deiner Mutter helfen. Sie hat so große Geldnot, und die Reitstunden, die ich bei ihr genommen hab, habe ich nie vergessen. Ich kann bis heute reiten, sogar mit Stöckelschuhen.“
„Stimmt“, merkte ich an, „ich würde dir wirklich empfehlen, mal festere Schuhe zu kaufen. Die hier sind leider wirklich einfach nicht geeignet für die Arbeit mit Pferden. Und fürs Springen über einen Zaun und fürs Eimerputzen.“
Lia lachte. Und ich lachte mit. Die alte freundschaftliche Atmosphäre war wiederhergestellt. An Lia war nichts mehr komisch oder verdächtig. Wir hatten alles geklärt. Lia war einfach dauernd darauf aus, Mom mit Geldspenden zu helfen.

„Komm, Lia“, meinte ich, „Ich lad dich in das Café von Timo und Jette ein.“ Sie nickte und wir gingen zusammen ins Café.

Lia bekam einen Kaffee-Latte und ich einen Bubbletea klassisch taiwanesisch.
Es war nur Jette da. Sie brauchte ewig, um die Sachen herzustellen. Vielleicht wären ein Kühlschrank und eine Mikrowelle ganz gut gewesen. Naja, eigentlich machte Jette das verhältnismäßig gut. Mit Timo, der dauernd nur an der Spülmaschine herumfummelte, wäre sie wahrscheinlich nicht viel schneller gewesen. Und vor allem, wenn der dann auch noch Katastrophen angerichtet und mit Ayame geflirtet hätte... Ich wollte lieber nicht dran denken. Jette brauchte einfach eine zusätzliche Angestellte, am besten die kompetente Lynn. Aber die wurde von Mom gebraucht. Ayame, Timo, Jette, Lynn... Ich hatte Lust, über Timo und Ayame nachzudenken. Dass er nicht hier bei Jette war, hieß wahrscheinlich, dass Timo auf Tasukes Party Spaß mit Ayame hatte.
Ich legte mir das Handy auf den Tisch und ging auf den Gruppenchat mit Ayame und Mayari. Sie schickten mir gerade eine Menge sinnloser Fotos von der Geburtstagsparty. Es waren alles Gruppenfotos mit Mayari, Ayame, Timo und Tasuke. Das erste Bild war am lustigsten. Ayame und Timo waren auf den Schornstein geklettert und bekamen einen schwarzen Hintern, während sie zwinkerten, den Daumen hochreckten und wahrscheinlich schnalzten. Neben ihnen standen Tasuke und Mayari auf dem Dach. Tasuke schaute nicht in die Kamera und streckte dem Fotografen, wahrscheinlich einem Jungen von seiner Geburtstagsparty, die Zunge raus. Mayari klammerte sich an Tasukes Arm und strahlte.
Ich verdrehte grinsend die Augen.
Das waren wirklich alles Quatschköpfe.
Auf dem zweiten Bild, das mir Ayame geschickt hatte, schaufelte sich Tasuke ein riesiges Kuchenstück in den Mund. Ayame hing über Timos Rücken, während sie ein leeres Portemonnaie in die Kamera hielt. Mayari bemerkte nicht, dass ein Foto geschossen wurde, und trank eine Flasche Limonade aus. Ein anderer Junge huschte durch die Kamera und war wegen der Bewegung verschwommen. Die restlichen Fotos waren weniger mega als die ersten beiden. Ich scrollte mich wieder nach oben zu den beiden besten Fotos. Unter dem zweiten Bild war eine Nachricht von Ayame. Zu ganz vielen weinenden Emojis hatte sie geschrieben, dass Tasuke ihr ganzes Taschengeld eingefordert hatte, weil sie sein Kuchenstück versteckt hatte. Stimmt, er hatte gesagt: „Und ein Stück Kuchen kriegst du nur für dein ganzes Taschengeld!“ Das hieß ja nicht unbedingt, dass sie es aß. Ganz schön schlau. Und ganz schön gemein.
Trotzdem schienen alle auf der Party Spaß zu haben. Ob wegen Schadenfreude, Essen oder Liebe. Ich freute mich für meine glücklichen Friends. Und dann kam mein Bubbletea. Jette stellte ihn mir auf den Tisch. Also steckte ich mein Handy weg und gab mich dem Bubbletea hin. Klassisch taiwanesisch war ab dem ersten Tag hier im Café meine Lieblingssorte. Ich hatte noch gar keine andere Sorte probiert, aber ich war mir sicher, dass es keine bessere geben konnte.
 

Plötzlich suchte ein düsterer Gedanke meine noch so positive Gedankenwelt heim. Moritz ging es schlecht, weil er die ganze Zeit keine neuen Hufeisen bekommen konnte.
Als ich für uns beide bezahlt und Lia ihren Kaffee ausgetrunken hatte, stürmte ich sofort auf den Hof, um Mom zu fragen, was jetzt mit Moritz war. Wir hatten einfach nicht genug Geld. Wir mussten jetzt einfach Schulden aufnehmen, auch wenn sie nervig waren.
Das erklärte ich Mom. Es war wichtiger, dass es Moritz gutging, als dass wir keine Schulden hatten. Natürlich konnten wir ihn auch verkaufen, aber ein Pferd ohne normale Hufeisen wollte bestimmt keiner haben. Besser, wir verkauften ihn wenn überhaupt, wenn er neue Hufeisen hatte. Dann hätte er viel bessere Chancen auf dem Pferdemarkt.
Mom versprach, Moritz morgen neue Hufeisen machen zu lassen und dafür Schulden aufzunehmen. Wahrscheinlich würde Lia es sowieso mit ihren illegalen Strafzetteln weit bringen und so könnten wir unsere Schulden auch schon bezahlen. Wenn wir dann irgendwann mehr Geld hatten, würden wir der Polizei das Strafgeld geben und Lia müsste halt eine kleine Gebühr bezahlen. Denn das war alles ihre Sache.

 🐴

Um 17:32 Uhr kamen meine Friends von Tasukes Geburtstagsparty zurück. Tasuke kam auch zurück. Er ging sofort zum Stall, um sich von Mom Aufgaben zu holen. Mayari fand das süß, aber Ayame erklärte unzufrieden: „Tasuke ist so gemein! Ich hab das Geburtstagskuchenstück doch gar nicht gegessen, aber mein Taschengeld wollte er trotzdem! Eigentlich wollte ich mir davon so ein über 100 Euro kostendes Parfüm kaufen, das ist von-“
Mayari unterbrach sie: „Hey, Tasuke hat nicht gesagt, dass du das Kuchenstück essen musst! Einfach wenn du ohne Erlaubnis eins klaust, nimmt er dir das Taschengeld weg! Das ist überhaupt nicht gemein! Tasuke ist
süß! Du bist dauernd gemein zu ihm! Das ist einfach eine gerechte Strafe!“

„Ich bin dauernd gemein zu ihm und er ist dauernd gemein zu mir! Zum Beispiel haut er mir Eiskugeln auf den Kopf, bespritzt mich mit Bubbletea oder beschlagnahmt halt mein Taschengeld!“, widersprach Ayame.
„Aber du fängst immer an! Er reagiert nur auf dich! Außerdem machen Jungs so sowas! Du solltest echt mal aufhören, das nervig zu finden, und anfangen, das süß zu finden!“, rechtfertigte sich Mayari. Ich griff ein. „Hört auf!“, befahl ich, „Was kriegt ihr euch wegen Ayames kleinem Bruder eigentlich in die Haare? Ich find's übertrieben, dass du ihn immer nerven musst, Ayame, aber Mayari, das heißt nicht, dass du ihm dauernd hinterherlaufen musst. Das nervt auch. Echt. Gemein, süß, gemein, süß – beides nicht!“
Ayame und Mayari nickten halbherzig. „Reden wir über was anderes und gehen wir ins Café“, schlug Ayame vor. Ich nickte und ging voran. „Lia, kommst du mit?“, fragte ich.
Lia reckte den Daumen nach oben.
 

Im Café, das total voll war, ergatterten wir einen Vierertisch. Ich wollte gerade anfangen, von dem falschen Knöllchen zu erzählen, als die Tür noch mal aufging und Timo reinkam. Ayame, der das Blut in die Wangen schoss, rückte ihre Brille zurecht.
Timo winkte freundlich, ging aber an uns vorbei hinter den Tresen. Die von den vielen Gästen überforderte Jette stürmte mit allen möglichen Problemen und Aufgaben auf ihn zu. Letztendlich einigten sich die Geschwister darauf, dass Timo sich um die Sachen kümmerte, die hinter den Kulissen passierten, aber eigentlich notwendiger waren, während Jette Bestellungen entgegennahm und die Gäste bediente.
„Hier ist es ja gerammelt voll! Richtig viel los!“, bemerkte Lia wenig begeistert. Ich erwartete, dass sie dabei lächelte, aber das tat sie nicht. Sie schien sich nicht sehr darüber zu freuen, dass das Geschäft von Timo und Jette gut lief. „Das Geld, das die hier einnehmen, könnte deine Mutter bestimmt viel besser brauchen. Die beiden investieren das doch bestimmt nur in Kaffeebohnen.“ Der Ton, in dem sie redete, war sehr abschätzig. Irgendwie wär das krass gewesen. Klar, Mom brauchte auch Geld, aber durften Jette und Timo nicht ein bisschen erfolgreich sein? Das Geld ging eh an Lynn, und die gab es sicher Mom. Lia verstand das nicht. Ich fragte sie kurz, ob ich meinen Friends das mit den Strafzetteln erzählen durfte. Lia stimmte zu. Also laberte ich los. Lia warf immer wieder Informationen ein. Als wir fertig erzählt hatten, klopfte mir Ayame auf die Schulter. „Voll das Detektiv-Girl, die Rilana. Alles selber rausgefunden und kombiniert. Starke Leistung.“ Sie lachte und biss von ihrem Zitronenmuffin ab.
Ich wurde auf meinen kaum angerührten Cookie aufmerksam. Es ging einfach nichts über klassisch taiwanesischen Bubbletea. Nur dass mir ein zweiter bestimmt nicht gutgetan hätte.

Während Ayame, Mayari und ich uns auf das Essen fokussierten, schaute sich Lia unzufrieden im Café um. Es schien sie wirklich zu stören, dass hier und nicht in Moms Reiterhof so viel los war. Immer wieder murmelte sie kopfschüttelnd: „Einnahmen, die Sina was nützen würden... Sehr viel nützen würden.“ Am Abend würde ich bestimmt noch viel über diese schon ziemlich merkwürdigen Sätze nachdenken.

Ayame riss mich aus meinen Gedanken. „Tschüs, Gleichfalls, Schönen Tag noch, Hallo, Bittesehr, Dankesehr – Was Jette macht, ist bloß Quasseln. Die eigentliche Arbeit geht an Timo“, lästerte sie.
„Du fängst ja an zu reden wie Mayari!“, beschwerte ich mich.
„Ich schwärme aber nicht. Zum Beispiel reite ich nicht dauernd darauf rum, dass er süß ist.“

Mayari trat ihr unterm Tisch auf den Fuß. Ayame hob die Hände. Ich rollte mit den A
ugen, vergrub die Hände in den Hosentaschen meiner Hot Pants und schaute mich um.
Timo bekam nichts vom Gespräch bezüglich seiner Identität mit.
Ayame folgte meinem Blick. „Naja, eigentlich ist er doch ganz süß“, gab sie leise zu.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen