Freitag, 21. November 2025

4: Verdreht und verbogen!

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 4: Verdreht und verbogen!

Es war der dritte Ferientag. Direkt nachdem ich aufgestanden war, zog ich mich an, schnappte mein Handy und lief auf den Hof. Ich hielt Ausschau nach Rob. Wetten, er saß mit Ayesha Handy schauend auf einem Heuhaufen?
Genau das war der Fall. War ja klar. Ich lief auf ihn zu. „Hey, Rob!“, rief ich, wie immer.
Er schaute auf. „Hi, was gibt’s? Bin grad mitten in 'nem Krieg!“ Rob steckte sein Handy in seine Bauchtasche und stand auf.
„Fährst du in die Stadt zum McDonald's und schaust nach Knöllchen? Ach so, und bring uns am besten ein, zwei Burger mit. Dann muss ich heute nichts kochen. Nimm am besten einen – hm – Chicken-Burger und einen Veggie-Burger, für mich und Mom.“
Rob klopfte sich das Heu von der Hose. „Ah ja, der Knöllchen-Check. Ich fahr sofort los.“
Ich nickte ihm zu. „Genau.“ Dann zwinkerte ich. Rob ging zu seinem Tesla und stieg ein. Etwas später war von seinem Auto nur noch ein klitzekleiner Punkt auf der Autobahn zu sehen.
Ich schrieb meinen Freundinnen, dass Rob und ich den Fall jetzt untersuchten.
Total mies! Ayame verdächtigte mich, in Rob verknallt zu sein. Das war ich überhaupt nicht! Verärgert schob ich mir das Handy zurück in die Hosentasche.

Kaum war ich ein paar Schritte gegangen, kam Mom ungewöhnlich ernst auf mich zu. Während sie mir die bebenden Hände auf die Schultern legte, begann sie: „Morgen ist Pferdemarkt, Schatz. Das ist die Chance. Mit Lynn, ihrem Mann und Andreas habe ich schon besprochen, dass wir Ice Cream morgen verkaufen, weil wir letztes Jahr schon beim Pferdemarkt waren und uns dort einen festen Verkäuferplatz gesichert haben. Wenn wir Ice Cream verkaufen, sind eine Menge Probleme schon mal außer Gefecht. Wahrscheinlich wird Lia bis dahin aber auch noch etwas spenden.“
Ich biss mir auf die Unterlippe und nickte. Sollte ich Mom vielleicht doch sagen, dass Lia das Geld durch illegale Knöllchen auftrieb? Das als stummes Geheimnis mit mir herumzutragen, war echt nervig.
Aber Mom deutete meine Mimik total falsch. „Ich weiß, ich kann mich ja auch nur sehr schwer von Ice Cream trennen. Aber auf einem größeren und reicheren Pferdehof hat sie es bestimmt besser“, sagte sie verständnisvoll. Bevor Mom mein Gesicht in die Hände nehmen konnte, rannte ich zum Stall. Das war mir einfach alles zu viel. Dass ich die Sache mit Lia jetzt immer noch mit mir herumtragen musste, war wirklich blöd. Und das mit Ice Cream war auch sehr traurig. Ice Cream war ungefähr so alt wie ich und so schon richtig lange auf Moms Hof. Diese plötzliche komplette Umstellung würde ihr bestimmt nicht guttun. Außerdem war sie sehr lieb und sensibel und würde sich bestimmt noch extrem lange an ihre neue Umgebung gewöhnen müssen. Hoffentlich würde sie keiner kaufen, dann könnte sie hier bei uns bleiben, bei den Pferden, die sie kannte. Sie müsste halt den Umbau durchmachen, aber das war besser, als für immer ihr Zuhause zu verlassen. Vom Umbau bekamen die Pferde eigentlich nicht so viel mit – erst dann, wenn ihre Boxen vergrößert wurden. Und das hatte Mom noch gar nicht vor. Denn das konnten wir uns erst leisten, wenn wir ein bisschen mehr Geld hatten... Viel mehr Geld. Das bekamen wir dadurch, dass wir Ice Cream verkauften – Uff! Das war echt eine verflixte Zwickmühle.
Plötzlich musste ich weinen. Das alles überforderte mich einfach. Ich bewegte mich zu Ice Creams Box und sperrte ihre Tür auf. Ice Cream war so brav, dass ich mich darauf verlassen konnte, dass sie nicht aus dem Stall galoppierte. Ich schmiegte mich an ihren Hals. Meine Tränen tropften auf ihr Fell. Hoffentlich flossen sie nicht in ihre Nüstern. Boah, was für eklige Gedanken mich schon heimsuchten! Ich schüttelte den Kopf.

Zu spät bemerkte ich, dass Stimmen nach mir riefen. Was war wohl los? Ich hatte nichts mitbekommen. Ich schloss schnell Ice Creams Box ab und rannte aus dem Stall – zu meinen Friends. Sie waren gekommen und riefen mich. Als sie mich mit Pferdehaaren auf dem T-Shirt kleben und verflossenem Make-Up sah, fragte Ayame: „Rilana, was ist passiert? Bist du okay?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nö.“
Ayame trat einen Schritt auf mich zu und musterte mich besorgt. „Was ist los?“ Sie klopfte mein T-Shirt ab. Ich schaute ihr in die Augen und brach wieder in Schluchzen aus. „Wir verkaufen Ice Cream! Das ist so beknackt!“, schrie ich sie an. Eigentlich wollte ich gar nicht so wütend klingen.
Ayame umarmte mich. „Das ist echt doof. Hatte sie nicht vor drei Tagen erst Koliken?“ Ihr Kopf drückte gegen mein Ohr. Sie klang plötzlich richtig traurig, als sie hinzufügte: „Ich werd mir wohl ein neues Lieblingspferd suchen müssen!“
Mayari mochte es nicht, wenn Menschen traurig waren. „Kommt, Leute, gehen wir ins Café? Rilana, du kriegst einen extragroßen klassisch taiwanesischen Bubbletea und Ayame, du bekommst zwei Zitronenmuffins à la Timo.“ Ayame grinste und rückte ihre Brille zurecht. Wir gingen los.

Heute war ein bisschen weniger los als gestern Nachmittag, was aber auch daran lag, dass gerade noch Vormittag war. Jette lehnte über dem Tresen und spielte mit einem Kuli. Timo spülte einen benutzten Kaffeebecher aus.
Wir bestellten bei Jette den Bubbletea, die Zitronenmuffins und für Mayari einen neu dazugekommenen Erdbeersmoothie. Dann setzten wir uns an den Vierertisch von gestern, obwohl Lia nicht dabei war und deswegen ein Stuhl übrigblieb. Egal, konnte ja sein, dass Timo oder Tasuke sich noch dazusetzte. Aber im Gegensatz zu Mayari oder Ayame fand ich es nicht so entscheidend, wer von ihnen es war.

Etwas klirrte. An dem Tisch neben unserem saß Ayesha, der die Gabel runtergefallen war. Für den Bruchteil einer Sekunde lächelte sie fake, aber als sie mich erkannte, streckte sie mir die Zunge raus und rollte mit den dunkelbraunen, stark geschminkten Augen. Aber dann zog was anderes ihren Blick auf sich. Es war Rob, der gerade ins Café kam. Er winkte Ayesha und mir zu und Ayesha winkte zurück. Rob setzte sich zu ihr an den Tisch.
Ich lehnte mich zu ihnen rüber. „Wie ist's gelaufen?“, fragte ich Rob. Er reckte den Daumen nach oben und zog sich die Mütze vom Kopf. „Wie gedacht. Alles voll mit Knöllchen. Die armen McDonald's-Kunden! Die wollten sich doch nur schnell was zu essen holen!“ Er lachte und legte einen vor knallgelbem Käse strotzenden Cheeseburger auf den Tisch. „Hier“, sagte er zu Ayesha, „hab dir 'nen Cheeseburger besorgt.“
Ayesha zerrte Rob mit dem Arm um seinen Hals zu sich, während sie „Cheese!“ rief und ein Selfie mit Rob und dem Cheeseburger schoss. Ich verdrehte die Augen.

Ich sah, dass meine Freundinnen schon fertig gegessen und getrunken hatten. „Kommt!“, forderte ich sie auf und Mayari lief zur Kasse. Bei der Gelegenheit stützte sich Ayame auf den Tresen und winkte auffällig.
Timo grinste. Er winkte zurück. Als wir alle schon fast draußen waren, schrie er: „Stopp! Ich hab noch was vergessen!“ Mayari und ich liefen trotzdem weiter, weil wir wussten, dass er eigentlich nur Ayame zurückholen wollte. Peinliche Weise, ein Gespräch mit ihr anzufangen. Sie rückte ihre Brille zurecht und lief zum Tresen zurück.
„Beobachten wir die zwei?“, fragte Mayari und kicherte. Aber ich schüttelte entschlossen den Kopf. Ich entschied: „Wir gehen zu Mom und klären sie über die Sache mit Lia und den Knöllchen auf.“ Und das machten wir auch.
„Aha.“ Mom schien jetzt viel zu kapieren und nickte. „Ach so. Jetzt verstehe ich. Mit dieser Sache scheint Lia ja ziemlich erfolgreich zu sein, vorhin hat sie mir nämlich eine Menge Geld überwiesen. Ich hab mich schon gefragt, wo sie die her hat.“ Während ich bestätigend nickte, schaute ich zum Café. Ich bemerkte, dass viele Menschen reingingen. Jetzt waren schon kaum noch Plätze mehr frei, das sah ich durch die großen verglasten Fenster und die offene Tür.
Timo brauchte aber ganz schön lange mit seiner Liebeserklärung. Ayame war immer noch drin! Oder half sie ihm nur und er war schon fertig? Achselzuckend drehte ich mich wieder zu Mom um.
Plötzlich kam mir eine total gute Idee, wie wir Ice Cream behalten konnten. „Können wir nicht einfach Tornado verkaufen und dass Ice Cream hierbleibt? Der kann auch sicher teurer sein.“
Mom seufzte unbeeindruckt. Dann legte sie den Kopf schief. Und als sie in genervtem Tonfall „Nein, Schatz.“ sagte, schüttelte sie ihn. Ich stemmte den Arm in die Hüfte und sah sie schief an. „Dein Ernst? Okay, und was ist dein Argument?“, fragte ich und klang auch genervt.
Mom schloss die Augen und legte frustriert die Hände an die Schläfen. Sie atmete geräuschvoll ein und aus, während sie die Augenbrauen hochzog. Ich stampfte mit dem Fuß auf. „Da hast du's!“, erklärte ich ihr wütend, aber triumphierend. Ha! Mom hatte kein Argument. Und ohne Argument auch keine Chance, Ice Cream zu verkaufen statt Tornado.
Mom schaute weg. Und plötzlich fand ich sie verdächtig. Warum wollte sie Ice Cream unbedingt verkaufen? Wirklich nur aus Geldnot? Oder wollte sie sie einfach loswerden? Oder... ? Ich fragte sie direkt. Alles. Ice Cream war Geld und wir in Geldnot. „Haben wir wirklich so wenig Geld?“, flüsterte ich. Mom nickte traurig. „Es ist...“, stotterte sie, „ Wir müssen Ice Cream einfach verkaufen! Tornado wird mit dem Umbau viel besser klarkommen und man kann besser auf ihm Reitstunden nehmen! Wenn wir Ice Cream verkaufen, haben wir auch in Zukunft keinen Nachteil davon.“
Ich explodierte. „Aber Ice Cream! Dann können die Leute mehr Spaß bei den Reitstunden haben, aber Ice Cream wird dann mit einer komplett neuen Umgebung klarkommen müssen! Das ist viel schlimmer als ein Umbau! Eigentlich ist Ice Cream genau so lieb wie Tornado, nur dass sie weniger Bock hat, geritten zu werden und mehr gepflegt werden muss!“ Ich begann, langsam rückwärts zu gehen. „Ist das ein Problem? Ayame kümmert sich doch um sie! Ist ihr Lieblingspferd!“
Mom verschränkte die Arme vor der Brust und konterte bissig: „Das ist jetzt gelogen! Ihr hängt doch sowieso nur in Jettes und Timos Café ab! Außerdem wolltet ihr die Ferien gar nicht so richtig auf meinem Hof verbringen!“ Mom riss in einer Rekordgeschwindigkeit den Reißverschluss ihrer grau-violett gemusterten Fleecejacke auf. Das Geräusch ließ mich zusammenzucken. Es war zwar nur eine kleine Geste, aber sie vermittelte so viel Wut wie zehn Standpauken zusammen.
Als ich auf das Café zurannte, warf mir Mom ihre Strickjacke hinterher. So heiß wie ihr jetzt war, brauchte sie sie natürlich nicht. Außerdem war es Sommer! Warum trug sie immer diese bescheuerte Strickjacke?! Jetzt war sie mir plötzlich richtig verhasst. Ich hörte die Strickjacke hinter mir auf den Boden klatschen. Sollte sie da doch liegenbleiben!

Ich riss die Tür zum Café mit einer solchen Wucht auf, dass mich bestimmt alle Gäste anstarrten. Und das waren ganz schön viele. Ich hatte ja gesehen, wie sie während meinem Streit mit Mom reingegangen waren.
Wer waren diese ganzen Leute überhaupt? Mich interessierte es zwar nicht, aber mir fiel auf, dass ich niemanden kannte. Niemanden außer Jette, Timo, Ayame und Lia. Aber Jette, Timo und Ayame nahmen von mir keine Notiz. Sie waren viel zu beschäftigt. Also ging ich auf Lia zu, die miesepetrig dreinschauend auf einem Cookie herumkaute. Den frischen Kaffee-Latte, den Jette auf ihren Tisch stellte, schien sie irgendwie gar nicht zu bemerken. Als Lia sah, wie ich mich zu ihr setzte, hellte sich ihre Miene auf. „Hi Rilana!“, sagte sie zu mir. „Was machst du denn hier? Soll ich dir einen Bubbletea spendieren? Na ja, das Café wird heute auch ohne eine Zusatzspende von mir überleben, so wie es hier aussieht. An Gästen und Einnahmen mangelt es den Waltz-Kindern gerade ja nicht.“
Ich grinste frech und antwortete: „Ich hätte aber trotzdem nichts gegen einen kostenlosen Bubbletea.“ Mein Grinsen steckte Lia an. Sie stand von ihrem weißen Stuhl aus Kunststoff auf und beugte sich verschwörerisch zu mir. „Klar, es geht ja nicht um dich, sondern um das Café hier. Anstatt vier Euro neunundneunzig hier für ein vergängliches Produkt auszugeben, könnte ich sie ja auch Sina spenden – ihr hilft der kleinste Cent, den Reiterhof ein Stückchen aufzupeppen. Aber für dich mach ich das jetzt einmal. Um ehrlich zu sein, hab ich mir ja auch selbst Cookie und Kaffee-Latte gegönnt.“
Ich schnaubte, während sie mir den Rücken zuwandte und zum Tresen stöckelte, um meinen Bubbletea in Auftrag zu geben. Mom klaute mir die Bubbleteas! Hätte sie vor dem Umbau ein bisschen nachgedacht, müssten wir nicht so sparen und es würde auch kein Streit wegen Pferdeverkauf und spendablen Bubbletea-Aktionen geben.
Ich gab Lia ein Zeichen und verließ kurz das Café, um Moms verfluchte Strickjacke vom Boden aufzuheben, bevor eine Gruppe neuer Kunden sie tiefer in den Erdboden stampfte. Dass die alten Klamotten von meiner Mom hier herumlagen, hinterließ bestimmt keinen guten Eindruck. Manchmal musste ich doch wirklich den Kopf über sie schütteln. Als ich wieder im Café auf dem Weg zu Lias Tisch war, war ich immer noch damit beschäftigt, Moms Jacke abzuklopfen.

Jemand zupfte am Ärmel meines hellgrauen Jersey-T-Shirts. Wenn das jetzt Mom war... Würde ich ausrasten! Aber es war nicht Mom – es war Ayame. Die hatte sich aber ganz schön Zeit gelassen, bis sie mich endlich wahrnahm. Das war eindeutig Timos Einfluss.
AyAy strahlte mich an. „Hier zu arbeiten ist krass entspannend! Ich weiß, es sind voll viele Leute da, aber es ist halt 'ne tolle Arbeitsatmosphäre.“ Sie schielte durch die Brille zu Timo. Dass Ayame hier Spaß am Arbeiten hatte, war auch sein Einfluss. Ups.
Trotzdem. Ayame hatte jetzt wichtigeres zu tun. „Du musst Mom erklären, dass du dich gerne um Ice Cream kümmerst und das dann am besten auch machen, ansonsten muss sie wirklich verkauft werden! Aber stattdessen könnte doch auch einfach Tornado ausziehen!“ Ich griff Ayames Arm und sah ihr in die schmalen braunen Augen. Ayame klopfte mir auf die Schulter. „Das kriegen wir hin. Aber... Ist Tornado nicht dein Lieblingspferd?“ Sie nahm meine Hand. Ich sah mich um. Dann schüttelte ich den Kopf und erklärte: „Nein, eigentlich nicht. Ice Cream ist schon so lange auf dem Hof, ich mag sie einfach mehr.“
Ayame nickte verständnisvoll. Irgendwie war es schade, dass Ice Cream nicht auch Mayaris Lieblingspferd war – denn das war eindeutig Cora. Wo war Mayari überhaupt? Wenn mein Bubbletea gekommen war, würde ich sie suchen gehen. Und jetzt konnte ich ja live mitverfolgen, wann er kam. Ich brauchte nur über den Tresen zu schauen.
Ayame drückte meine Hand und ließ sie los, um Timo zuzuwinken. Dann ging sie aus dem Café. Ich sah, wie sie zu Mom und dann zu Ice Cream lief, und musste grinsen. Wir waren einfach ein echt gutes Team.
Jette drückte Lia meinen klassisch taiwanesischen Bubbletea in die Hand, und Lia mir. „Gehen wir?“, fragte sie mich, „Nicht dass wir noch in Versuchung kommen, weitere Produkte zu kaufen!“
Ich stimmte ihr zu. Also bezahlten wir bei Jette, die sich wie immer mehr um die Kunden und die Kasse kümmerte. Sie nickte uns zu, während sie das Geld umständlich in einer Schublade verstaute.
Wir gingen nach draußen. Als ich sah, dass Lia sich auf Mom zubewegte, fiel mir die Strickjacke ein, die ich mit mir herumtrug. Ich warf sie Lia zu und sie gab sie Mom. Die beiden fingen an, über den Pferdeverkauf zu reden. Ich stampfte auf. Als Mom das sah, band sie sich seufzend die Fleecejacke um. Uff. Darauf hatte ich jetzt überhaupt keine Lust.

 🐴

Vielleicht war Mayari im Stall. Also marschierte ich dorthin. Fehlanzeige. Ich konnte nur Ayame finden, die sich mit Ice Cream beschäftigte.
Ich sagte Ayame, dass ich Mayari suchen ging und sie, wenn sie fertig mit Ice Cream war, in die Suche einsteigen würde. In zwanzig Minuten würden wir uns im Haus treffen und falls eine von uns Mayari bis dahin gefunden hätte, würde sie sie mitbringen.
AyAy reckte den Daumen nach oben. „Okay, teilen wir uns auf. Du kannst schon losgehen, ich mach noch Ice Cream fertig. Hoffentlich mag Mayari sie auch so gerne, dass wir protestieren oder deine Mom anbetteln können, dass sie nicht zum Pferdemarkt muss. Good Luck!“
Ich nickte und rannte aus dem Stall. Fast prallte ich mit Ayesha zusammen. „Hey, pass doch auf!“, sagten wir gleichzeitig. Und anstatt deshalb zu lachen, wurden wir nur noch wütender.
Rob mischte sich ein. „Hey, passt doch beide auf! Übrigens, Rilana: Hier sind die Burger für dich und deine Mudda. Veggie und Chicken, ne?“ Er fuchtelte mit den Burgern und seiner Mütze. Ich nahm die Burger entgegen und zwinkerte bestätigend.
Ayesha stöhnte. Komisch! Warum war sie dauernd so aggro? Ich winkte Rob zum Abschied.

Als ich schon den ganzen Hof bis auf das Haus abgeklappert hatte und schon Ayame, Ayesha und Rob, Lynn, ihren (rauchenden) Mann, meinen Dad, Mom, Moritz (mit neuen Hufeisen!) und Timo, der auf der Suche nach Ayame auf dem Hof herumgestreift war, nach Mayari gefragt hatte, kam mir der Gedanke, dass sie vielleicht einfach nach Hause abgehauen war.
Stopp. Noch einen letzten Versuch. Da ich mich sowieso mit Ayame dort treffen würde, ging ich ins Haus. Vielleicht war sie ja dort!
Zuerst dachte ich, das Haus wäre leer. Aber dann hörte ich merkwürdige Geräusche. Es hörte sich so an, als würden Menschen fröhlich fiepen und auf- und abspringen. Bewaffnet mit zwei Burgern schlich ich von Zimmer zu Zimmer. Moment, die Geräusche wurden lauter und ich konnte außerdem hören, wie in unregelmäßigen Abständen etwas gegen die Wand klatschte.
Nervös bog ich um die Ecke und stieß die angelehnte Tür zum alten Wohnzimmer auf, das zum Gästezimmer umfunktioniert werden sollte, weil wir inzwischen ein neues Wohnzimmer hatten: Das mit dem grauen Sofa.
Fast hätte ich losgeprustet. Mayari war tatsächlich hier, aber sie war nicht allein. Zusammen mit Tasuke strich sie die Wand, und sie hatten eine richtig komische Art, das zu tun. Während Mayari fiepte und kicherte, lachte Tasuke etwas leiser. Mayari dagegen war unüberhörbar, denn ich hatte sie ja auch schon am anderen Ende des Flurs vernommen. Die Geräusche, die so klangen, als klatschte etwas gegen die Wand, kamen davon, dass Mayari und Tasuke hochsprangen, um die komplette Wand mit großen, vor Farbe triefenden Pinseln zu streichen. Na ja – streichen konnte man es nicht wirklich nennen. Sie gestalteten die Wand eher so, dass es nach abstrakter Kunst aussah.
Ich konnte nicht anders: Ich schnappte mir auch einen Pinsel und machte mit beim kindischen Hoch-spring-Spiel. Es war übrigens überhaupt nicht risikofrei, denn wie ich jetzt bemerkte, hatte Mayari viele bunte Tupfer im Haar. Tasuke hatte einen großen knallgelben Farbfleck im Wirbel. Schon bald hatte ich ebenfalls die Kontrolle verloren und sah aus wie die Wand – also wie abstrakte Kunst.
Während ich hochsprang, um an den obersten Punkt der Wand zu kommen, ging mein Schnürsenkel auf. Nachdem ich meinen gescheiterten Versuch abgebrochen hatte, hockte ich mich auf den Boden und band mir den Schnürsenkel zu einer Schleife. Als ich fertig war, sah ich mich noch ein wenig auf dem Boden um. Neben der Tür stand ein großer schwarzer Rucksack. Wahrscheinlich der von Tasuke. Er hätte auch Mayari gehören können, aber dafür kannte ich sie zu gut. Mayari trug keine Rucksäcke mehr, seit sie in der siebten Klasse war. Inzwischen schleppte sie ihre Schulsachen meistens in einer mintgrünen Longchamp-Tasche, und wir würden nach den Sommerferien in die Neunte kommen. Außerdem: Warum sollte Mayari in den Ferien einen schwarzen Rucksack tragen, wo sie doch nicht mal ihre Tasche mithatte?
Meine Schultasche war auch von Longchamp, aber dunkelblau. Die von Mayari fand ich jedoch ehrlich gesagt krasser, weil an der Tasche pinke und lilafarbene Schlüsselanhänger baumelten und die Tasche dadurch einen Tropic-Look erhielt. Ayames Schultasche war nicht von Longchamp, sondern eine Asics-Sporttasche in Apricot. Dass der schwarze Rucksack Tasuke gehörte, war trotzdem nicht klar. Er konnte genauso gut Lynns Mann, Rob, Dad oder Ayesha gehören. Oder vielleicht Lynn oder Lia. Dass er Mom gehörte, war eher unwahrscheinlich. Dann müsste er nämlich neu sein, und für neue Rucksäcke hatten wir kein Geld.
Ich stand auf und zeigte auf den Rucksack. „Tasuke?“, fragte ich, „Ist das deiner?“ Ich legte meinen Pinsel beiseite.
Tasuke drehte sich um und nickte. „Da ist... Nicht anfassen. Da ist was für später drin“, erklärte er nervös. Dann ging er zur Spüle, um seinen Pinsel auszuwaschen.
Verdächtig! Was war in seinem Rucksack?! Na ja, vielleicht war es auch nur eine geheime Überraschung für Mayari oder so. Bislang war mir Tasuke jedenfalls nicht sehr kriminell vorgekommen. Also zuckte ich die Achseln und ging auch zur Spüle, um meinen Pinsel zu säubern. Mayari begann währenddessen, die Deckel auf die Farbeimer zu packen. 

Die Tür ging auf. Ayame kam keuchend rein. Ich schaute auf meine Uhr. Sie war zwei Minuten zu spät.
„Da seid ihr!“, rief Ayame, nahm ihre Brille ab und rieb sie an ihrem T-Shirt sauber. Ich schmunzelte. „Ja, genau, hier sind wir! Nein, Spaß beiseite. Du hast die ganze Zeit mit Timo geflirtet und bist so gestresst, weil du die Zeit vergessen hast! So ist es doch, oder?“
Ayame setzte ihre Brille auf und verlagerte ihr Gewicht auf den linken Fuß. „Äh... nein, also – halbwegs. Aber es ist wirklich nicht so, wie ihr denkt. Ich hab schon nach euch gesucht, echt. Aber Timo hat eben mich gesucht, deswegen haben wir uns noch getroffen und bisschen geredet.“ Sie hielt den Zeigefinger einen Zentimeter über dem Daumen. Unter Lachen fügte sie hinzu: „Un peu!“, wie es immer unsere Französischlehrerin machte, wenn es nur ganz wenig regnete. Mayari und ich stimmten in das Kichern ein.
„Leute, wir haben Ferien und keinen Fremdsprachenunterricht, und außerdem sind wir nicht in Frankreich!“, kommentierte Tasuke und begann, laut in seinem Rucksack zu kramen. Ayame hob eine Augenbraue und verzog das Gesicht. „Aha, und passenderweise ist das aber dein Schulrucksack. Verarschen kann ich mich selbst.“
Tasuke konzentrierte sich auf seinen Rucksack. „Chill!“, stöhnte er, während er ihr einen genervten Blick zuwarf – einen Ich-bespritz-euch-gleich-mit-Bubbletea-Blick.
Ayame stampfte auf. „Wehe, wenn du da drin eine Granate hast, die du dir von meinem Taschengeld gekauft hast! Du weißt nicht, welchen Schaden du mit diesem Diebstahl angerichtet hast! Und falls du wirklich eine Bombe im Rucksack haben solltest: Auf Mayari brauchst du sie gar nicht zu werfen – ihr Herz explodiert gleich eh von alleine!“
Mayari ballte die Fäuste. „Was laberst du?!“
„Sorry, Mayari. Geht nur um Tasuke.“ Ayames Tonfall war nicht mehr ironisch. „Tasuke, du Taschengeld-Dieb und Mango-blondierter Blödmann! Übrigens, du hast selber gelbe Farbe auf dem Kopf!“ Sie zeigte auf den gelben Farbklecks in seinem Wirbel. Mayari schien jetzt wirklich zu explodieren: „Das ist doch...“ Ich schnitt ihr das Wort ab: „... Sweet, ja, ich weiß! Hört jetzt auf, euch zu zoffen, das bringt uns überhaupt nicht weiter!“
Plötzlich wurde Ayames wütender Blick weich. „Du wusstest das?!“
Ich hatte überhaupt nicht gesagt, dass ich irgendwas weiß. Was meinte Ayame? Ich starrte sie verwirrt an und auf meiner Stirn bildeten sich Falten. Aber vielleicht war auch gar nicht ich gemeint. Wusste Mayari was? Aber sie starrte nur auf Tasuke. Ich schaute zu ihm rüber.
Natürlich. In der Hand hielt er das überteuerte Parfüm von Ayames Lieblingssängerin. Und die hatte mit einer Bombe gerechnet – total daneben! Ich prustete los. Dann sah ich zu Mayari rüber, die in eine Art Schockstarre verfallen zu sein schien. Während sich ihr Körper überhaupt nicht regte, klappte ihr die Kinnlade runter und ihre Augen wurden von Sekunde zu Sekunde größer und glubschiger. Nein, Spaß, so super extrem war es nicht, aber schlau sah es auf jeden Fall nicht aus. Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte Mayari so fasziniert von Tasuke sein?!
Ayame schnappte Tasuke das Parfüm aus der Hand, aber ohne den üblichen gemeinen Blick.
Mayari, die inzwischen so aussah wie ein tomatenfarbener Fisch, der das Meer auszugluggern versuchte, fiel ihr um den Hals. Weil Ayame so beschäftigt mit dem Mayari-Fisch war und nicht bemerkte, wie ich ihr das Parfüm aus der Hand nahm, hatte ich genug Zeit, um die zwei damit vollzusprühen. Parfüm war in dem Fall viel besser geeignet als Bubbletea. Die Flasche war so groß, dass meine kleine Schandtat also keine Verschwendung war.

Wo waren eigentlich meine zwei Burger abgeblieben, mit denen ich mich bewaffnet hatte, als ich Mayaris und Tasukes komische Laute gehört hatte? Verstehe, ich hatte sie auf die Ablagefläche neben der Spüle gestellt. Inzwischen war es Zeit fürs Mittagessen, wie mir auffiel.
Mayari, die von ihrem Schock genesen war, fragte sofort: „Für wen sind die Burger?“ Ich grinste sie frech an und erklärte schadenfroh: „Für mich und Mom.“
Tasuke riss mir blitzschnell den Chicken-Burger aus der Hand. „Noch nicht!“, rief er dabei. Dann legte er meinen Burger aber schmollend wieder auf die Spüle. „Ich geh zum Asia-Shop und hol mir Chicken-Teriyaki. Willst du auch, Ayame?“
Ayame nickte stürmisch. „Ja, klar! Warum fragst du überhaupt? Oder... Nee, doch nicht. Ich geh lieber ins Waltz-Café und hol mir da was.“ Sie rückte ihre Brille zurecht. Ich war wirklich ziemlich erstaunt. „Wegen Timo lässt du dir kostenloses Asia-Food entgehen! Das nenn ich mal ein starkes Stück!“, rutschte mir raus.
„Okay“, grummelte Tasuke, „soll ich dann dir ein Chicken-Teriyaki mitbringen, Rilana? Ah, nee. Du hast ja deinen Burger. Dann du, Mayari?“
Mayari strahlte. Dann schien ihr aber einzufallen, dass sie in Wirklichkeit gar kein Chicken-Teriyaki mochte. Mit übertrieben traurigem Blick schüttelte sie den Kopf und vergrub die Hände in den Taschen ihrer blauen Wide-Leg-Jeans.
Kurz darauf brachte ich Mom ihren Veggie-Burger und verließ zusammen mit Ayame und Mayari das Haus, um im Waltz-Café zu essen. Tasuke war währenddessen im asiatischen Supermarkt und kaufte sich eine Fertigmischung für sein Chicken-Teriyaki.

Ungewohnterweise bestellte sich Ayame ein Tiramisu. Mir erklärte sie, dass die Zitronenmuffins ihr langweilig geworden waren, aber meine Vermutung, was wirklich dahinter steckte, lautete so: In Tiramisu war Koffein drin. Koffein, also Kaffee, tranken Erwachsene. Wenn Ayame Koffein aß, wirkte sie erwachsen und konnte Timo beeindrucken, der das sicher sehr cool fand und selber bestimmt noch keinen Kaffee trank. Ich schüttelte den Kopf über meine Freundinnen. Alles, was sie taten, hatte so einen unernsten Grund. Tiramisu wegen Timo, Glubschaugen wegen Tasuke, Drama wegen Parfüm.
Als Timo komischerweise nicht an der Spülmaschine oder sonst wo war, sonde
rn natürlich Ayame Tiramisu brachte (obwohl das eigentlich Jettes Job war) fiel mein Blick sofort auf die Gabel. Sie war so stark verbogen, dass man nicht mehr mit ihr essen konnte. Ich wies mit dem Zeigefinger auf die Sabotage. Denn das war es eindeutig. Wie dumm von Ayame, dass ihr die verbogene Gabel erst auffiel, als ich mit den Fingern schnippte.
Mayari schusterte sich einen halbwegs logischen Grund für die Sabotage zurecht: „Ayame, du musst dringend aufhören, Timo den Kopf zu verdrehen, ansonsten verdreht er hier alle Gabeln!“ Ich verdrehte (!!!) die Augen und nahm die Gabel in die Hand. „Leute“, begann ich tonlos, „hört mir mal zu! Jemand sabotiert das Waltz-Café!“
Ayame nickte ernst. Dann bekam sie plötzlich einen Lachflash. „Warst du das, Timo?“, fragte sie in Timos Richtung und hielt die Gabel in die Luft. Timo schreckte von der Kaffeemaschine hoch. „Was?! Was ist denn mit der Gabel passiert? Das war ich nicht! Scheiße...“ Er machte einen Umweg um den Tresen und rannte zu uns. Irgendwie war Timo verdächtig. Aber um sein eigenes Café zu sabotieren war er eigentlich zu dumm. Na ja, eher war es das Café seiner Mutter. Trotzdem.

Apropos Lynn. Gerade kam sie rein. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen, aber sie wirkte zufrieden.
Timo drehte sich zu ihr um und brachte ein misslungenes schiefes Lächeln zustande. „Hi, Mama. Bei uns wurde was sabotiert! Irgendein Kleiner hat diese Gabel hier verbogen.“
Lynn runzelte die Stirn und sah sich die Gabel genauer an. „Verbogen! So was! Das ist ja ein Ding! Warst du das vielleicht, Timo? Hast du sie irgendwie in der Spülmaschine zwischen zwei Töpfen eingeklemmt, natürlich aus Versehen?“ Sie lächelte, aber es wirkte besorgt. Timo riss die Augen weit auf und breitete erklärend die Arme aus. „Nein, das war ich nicht, Mama! Ich schwöre!“, rief er überzeugt.

Lynn nickte seufzend. „Jette? Wie sieht's mit dir aus?“ Sie bedeutete Jette mit einer Handbewegung, herzukommen. Jette schüttelte irritiert den Kopf. „Ich war's auch nicht, Mama! Ich schwöre! Auch!“ Sie stellte sich mit gehobenen Händen neben Timo. Der legte ihr den Arm um die Schulter und griff Ayames Hand. „Wir alle waren das nicht! Irgendwer verbiegt hier unsere Gabeln und will, dass wir pleite gehen!“, sagte er mit fester Stimme.
Ich legte Lynn die Hand auf den Arm. „Vielleicht können wir das genauer untersuchen. Ich mache das und Ayame und Mayari unterstützen mich dabei.“ Ich gab ihr die Hand. Lynn schüttelte sie kräftig. „Danke.“

Ayame lachte auf. „Bist ja schon wieder voll das Detektiv-Girl, Rilana!“, bemerkte sie, während sie unauffällig ihre Brille zurechtrückte. Ich winkte alle fünf näher an mich heran und flüsterte: „Aber wir ermitteln undercover. Wir sind auch keine offizielle Detektivgruppe, okay? Das ist jetzt nur dieses eine Mal. Wir sind keine zweiten Drei Ausrufezeichen oder sowas, kapiert? Wir machen die null nach.“
Ayame und Mayari nickten synchron. Lynn wandte den Blick nicht von der verbogenen Gabel ab. Heute trug sie eine hellblaue Musselinbluse und eine braune Skinny-Jeans mit Patches an den Knien. Ohne ihre typische abgewetzte Lieblingslatzhose wirkte sie viel weniger stämmig. „Wirklich gut, dass ihr für mich ermittelt“, sagte sie zu mir. „Ich hätte dafür leider echt keine Zeit. Der Umbau ist echt einnehmender, als ich dachte.“ Umbau, Umbau! Immer dieser Umbau! Gefühlt die ganze Zeit redeten alle vom Umbau. Und seit zwei Minuten hatten sie angefangen, auch über die Sabotage zu reden. Wer mochte nur der Saboteur sein?! Oder war es eine Frau, eine Saboteurin? Ich hatte keine Ahnung.

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