Rilana & Friends
Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 5: Kaffee, Kolik, leere Kasse
Am
vierten Ferientag, einem Dienstag, war ich aufgewacht, bevor mein
Wecker klingelte. Hoffentlich würde ich diese Gewohnheit behalten,
denn ein Detektiv-Instinkt war jetzt genau das Richtige. Ich
schaltete den Wecker aus, schlüpfte in die grauen Hot Pants und
tauschte mein Schlabber-T-Shirt, in dem ich geschlafen hatte, gegen
ein schwarzes Top ein. Dann drückte ich die Klinke meiner Zimmertür
runter und ging ins Bad, wo ich den morgendlichen Kram erledigte und
mich schminkte. Meine blonden Haare band ich mir diesmal zu einem
hohen Pferdeschwanz. Ich überlegte, ob ich Strähnchen raushängen
lassen sollte, entschied mich aber dagegen. Das war mir zu
unpraktisch.
In der Küche trank ich eine herumstehende Flasche
Apfelschorle leer und naschte ein paar von Moms Lieblingscookies aus
dem Küchenschrank. Als das alles hinter mir lag, brauchte ich meine
Füße nur noch in meine längst nicht mehr weißen Sneaker zu
stecken und aus dem Haus zu rennen. Ich hätte auch in meinem Zimmer
mit Ayame und Mayari chatten können, aber seit die Umbauarbeiten
auch meinen einzigen sicheren Zufluchtsort erreicht hatten, war es
nicht mehr so wirklich mein Zimmer. Außerdem waren meine
Friends bestimmt noch nicht wach und würden mir dann vorwerfen, den
Chat gespamt zu haben.
Und die Person, die das Waltz-Café
sabotiert hatte, musste schließlich gefunden werden!!!
Mit
schnellen Schritten lief ich zum Tatort. Es war nicht ausgeschlossen,
dass der Saboteur über Nacht wieder zugeschlagen hatte. Mist.
Abgeschlossen. Jette und Timo waren noch nicht da.
Nervös schlich
ich vor der Tür auf und ab. Plötzlich fiel mir etwas ein.
Vielleicht gab es einen Hintereingang, den Jette und Timo nicht
abgeschlossen hatten. So verpeilt, wie die zwei waren, konnte ich mir
das gut vorstellen.
Ich streifte um das Café, bis ich tatsächlich
eine nur angelehnte unscheinbare Tür entdeckte. So leise wie möglich
stieß ich sie auf. Zum Glück war sie relativ neu und hatte keine
quietschenden Angeln. Ich habe nie besonders auf Böden geachtet,
aber seit ich das Café zum ersten Mal betreten habe, habe ich mir
gemerkt, dass der Boden aus Fliesen und Beton gemacht war und deshalb
keine Gefahr wegen lauten Holzdielen bestand.
Ich schloss die Tür hinter mir und schaltete das Licht an. Hoffentlich würden
Jette und Timo nicht so bald kommen.
Ohne die leisesten Geräusche
von mir zu geben bewegte ich mich hinter den Tresen. Dort war alles
normal. Die Schubladen waren bis zum Ende nach hinten geschoben, die
Spülmaschine gluggerte vor sich hin und die Kaffeemaschine auf der
Vitrine stand reglos und mit ausgeschaltetem Display da. Nichts war
verdächtig. Der Saboteur hatte allem Anschein nach nicht wieder
zugeschlagen – es sei denn, er war sehr geschickt vorgegangen.
Ich
kam hinter dem Tresen hervor und konzentrierte mich auf den Boden.
Waren da auffällige Fußabdrücke oder zur Seite gestoßene Stühle?
Nein, wenn überhaupt nur von mir. Aber bis Jette und Timo darauf
kamen, den Boden nach Fußspuren abzusuchen und die Sohlen aller
ihrer Kunden zu kontrollieren, hatten schon zehn Gäste ihre Kaffees
verschüttet und alles wieder aufgewischt.
Ein
spitzer Schrei. Das Licht ging aus. Schlüsselgeklimper.
Ich
wirbelte herum. „Hey, was willst du?“, rief ich und erblickte
Jette. Sie schlotterte und zeigte auf mich. „Das... Das frage ich
dich! Bist du etwa die Saboteurin, Rilana Westfried?“ Für ihre
Verhältnisse war sie gerade ganz schön einfallsreich.
„Nein!
Bist du sie?“, donnerte ich zurück. Plötzlich bekam Jette einen
Lachflash. Unsere reflexartigen Ausrufe waren wirklich ziemlich
witzig. „Nein“, sagte Jette jetzt ruhiger, „ich bin doch das
Opfer! Und deine Reaktion zeigt, dass du nicht die Täterin bist.“
„Ganz schön logisch“, kommentierte ich und zog mir den Zopf
stramm. „Aber das Opfer kann natürlich auch der Täter
sein.“
Jette ließ die Schultern hängen und schlurfte zum
Kühlschrank. „Ich bin aber nicht der Täter, ich schwöre“,
grummelte sie mit einem Blick über die Schulter. Dann öffnete sie
die Kühlschranktür und holte ein paar Backwaren raus, um sie in die
leere Vitrine zu stellen.
Die
Tür ging auf. Ich hörte zwei verschiedene Stimmen. Es waren Timo
und Lynn.
„Timo, ihr müsst wirklich gut aufpassen jetzt. Das
mit der Sabotage ist wirklich ernst. Ich würde euch ja so gerne
helfen, aber Sina braucht mich. Ohne mich würde der Umbau noch viel
länger dauern“, erklärte Lynn ernst. Timo nickte missmutig.
Lynn
drehte den Kopf zu mir. „Ah, huch, Rilana! Was tust du denn hier?“,
sagte sie erfreut.
„Ich bin durch den Hintereingang reingekommen
und hab nach Spuren vom Saboteur gesucht, ob er wieder zugeschlagen
hat!“, stammelte ich. Lynn grinste. „Aha, die Detektivin legt
sofort los und ist bereits im Einsatz!“, bemerkte sie, bevor sie
ihre Aufmerksamkeit den Speisekarten widmete.
„Offenbar war in
der Nacht alles ruhig“, erklärte ich Lynn und verabschiedete
mich, um dann durch den Hintereingang wieder
rauszuschleichen.
Draußen auf dem Putzplatz spritzte Ayame Ice
Cream ab. Wirklich ein Sonderfall, dass sie heute so früh
hergekommen war. Aber wegen Ice Cream machte sie schließlich alles.
AyAys Brille war etwas verrutscht und ihr Zopf nicht ganz so
ultra-hyper-ordentlich wie sonst. Ihrem Aussehen nach zu urteilen war
sie sehr niedergeschlagen und sad, weil wir es nicht geschafft
hatten, Ice Cream zurückzuerobern. Es war so frustrierend, dass Mom
sich nicht hatte überreden lassen. Immerhin würde sie zum
Pferdemarkt auch Tornado mitnehmen, dann hatte Ice Cream vielleicht
eine Chance von 1 %. Gestern Abend hatten wir Mom davon überzeugen
können, dass Tornado auf dem Pferdemarkt heiße Ware wäre – um
einen sanftmütigen, ausdauernden, gut gebauten und relativ jungen
Braunen Wallach würden sich die Kunden bestimmt reißen. Der
Gegensatz zu Ice Cream, die eine ältere, pflegebedürftige
Schimmelstute war, fiel einem sofort ins Auge. Außerdem würde der
neue Name, den Tornado von seinen neuen Besitzern bekommen würde,
bestimmt besser passen – wir hatten ihn dummerweise Tornado
genannt, weil wir den Namen cool fanden. Wäre ich ein Pferd, würde
ich jedenfalls gerne so heißen.
Als
Mom an uns vorbeikam, um Ice Cream zu holen, lächelte sie gequält
und winkte kurz. Ayame ließ plötzlich Kopf und Schultern hängen.
Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Alles wird gut“,
flüsterte ich, obwohl ich selber mit dem Gegenteil rechnete.
Ayame
rückte ihre Brille zurecht und blinzelte dahinter ein paar
rebellische Tränchen weg. Ich spürte, wie sie sich einen Ruck gab,
bevor sie sich von der immer kleiner werdenden Ice Cream
wegdrehte.
Ich blieb noch stehen und konnte sehen, wie Mom auch
noch Tornado aus dem Stall holte und die beiden in den Pferdeanhänger
scheuchte. Am Steuer saß Rob mit einem Cheeseburger und zusammengepressten
Lippen. Mom setzte sich auf den Beifahrersitz, knallte die Tür zu
und klopfte Rob auf die Schulter. Er nickte. Dann setzte sich das
Auto leise brummend und mit laut wiehernden Pferden in Bewegung.
Als
ich dachte, Ayame hätte das alles nicht gesehen, irrte ich mich. Mit
aufgerissenen Augen und ausgestreckten Armen machte sie einen großen
Schritt in die Richtung des wegfahrenden Autos.
„Komm“, sagte
ich laut und bemühte mich um einen fröhlichen und aufmunternden
Tonfall, „wir helfen Lia!“ Ich wirkte zuversichtlicher, als ich
war, aber die Wirkung ging trotzdem auf Ayame über. Sie nickte
tapfer und wir gingen motiviert auf Lia zu, die barfuß vor einer
aufgerissenen Stelle an der Hauswand hockte. Sie lockerte Schrauben
an einem verschimmelten und verstopften alten Rohr. Ich wusste, dass
diese Tätigkeit seit Langem gemacht werden musste und alle sie nur
nervig fanden. Lia kam wie gerufen. Ohne sie würde das Problem
sicher noch zehn Jahre auf die lange Bank geschoben werden, bis
irgendwann das ganze Rohrsystem auseinanderfiel und wir
milliardenschwere Schulden für eine komplette Erneuerung aufnehmen
mussten. Zum Glück packte Lia tatkräftig mit an, bevor diese
Katastrophe passieren konnte. Aber damit alles noch schneller ging,
mussten wir ihr helfen. Zum Beispiel, in dem wir ihr Schuhe
ausliehen, denn sie war offenbar immer noch nicht dazu gekommen, sich
neue zu kaufen. Ich zwinkerte Ayame zu und rannte ins Haus. Meine
Reitstiefel, die eine Größe zu groß waren, hatte ich noch nie
angerührt und ehrlich gesagt hatte ich auch keinen Bock darauf, das
mal zu machen.
Wieder bei Ayame und Lia stellte ich diese vom
Schicksal gesegneten Wunderstiefel auf dem steinigen Boden ab. Lia
nickte mir dankbar zu und wies mit der Hand auf ihre High-Heels, die
ein paar Meter hinter ihr vernachlässigt unter einem jungen Bäumchen
standen. Na ja, ich konnte verstehen, dass Lia es vorzog, harte
Arbeit barfuß und nicht in Stöckelschuhen zu verrichten.
Ich
hörte ein Wiehern. Ich wusste nicht, von welchem Pferd es stammte,
aber es klang so ähnlich wie das von Ice Cream. Quatsch. Ice Cream
war auf dem Weg zum Pferdemarkt. Ich schaute zur Koppel. Carlo tollte
dort herum. Das Wiehern war von Ceci gekommen, die ruhig graste. Aber
diese Tatsache konnte mich jetzt nicht mehr vom Gedanken an Ice Cream
ablenken. Eigentlich konnte mich nur ein Thema von diesem Gedanken
ablenken; und das war die Sabotage.
„Lia?“, fragte ich. „Hast
du schon von der Sabotage gestern im Café gehört? Es wurde eine
Gabel verbogen!“
Lia schaute von den Rohren auf. „Nein, Sina
hat es mir noch nicht erzählt. Hast du die Info von Lynn?“ Sie
strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und auf ihrer Stirn
bildeten sich winzige, ernste Falten, die auf ihre Besorgnis
hindeuteten.
„Nein, Ayame hat sich was bestellt und ihre Gabel
war verbogen. Ich war die erste, die das bemerkt hat“, erklärte
ich mit gehörigem Stolz.
Ayame lief rot an. „Ich hab auf Timo
geachtet und nicht auf die Gabel. Erst mal dachte ich, er war das.
Total kindischer und egoistischer Gedanke. Ich dachte, er hat die
Gabel verbogen, um für spannenden Gesprächsstoff zu sorgen, damit
wir noch länger reden und, äh, flirten können. Natürlich war das
voll unlogisch und Rilana, das Detektiv-Girl, hatte die viel
logischere Vermutung: nämlich, dass es einen Saboteur gab. Ich hab
dann auch gemerkt, dass er nicht hinter Sache steckte. Er hat es
sogar geschworen.“
Lia senkte den Blick wieder auf die Rohre,
die schimmelnd vor ihr lagen. Schließlich merkte sie an: „Alle
Achtung vor Rilana dem Detektiv-Girl! Und vor allem alle Achtung vor
Ayames rosaroter Sonnenbrille durch übertriebene Verliebtheit! Ich
finde deine Vermutung ziemlich wahrscheinlich, Ayame! Für mich
klingt sie logisch.“ Sie zwinkerte aufmunternd.
„Für mich
klingt die Vermutung auch logisch“, meinte ich, „Timo hat aber
geschworen, dass er es nicht war. Findest du vielleicht sonst wen
verdächtig?“
Lia sah sich um. „Na ja... Jette vielleicht?
Oder es war eben doch Timo, manchmal meint man einen Schwur ja nicht
so ernst, oder er hatte halt was über Kreuz. Obwohl das nicht
wirklich zählt.“ Sie stand auf. „Hast du noch wen im Verdacht?
Was meinst du – dieser Rob... ?“
Ich schüttelte entschieden
den Kopf.
„Oder seine Freundin, diese Ayesha“, fuhr Lia fort,
„die ist immer so aggressiv und verschlossen!“ Misstrauisch ließ
sie den Blick über den Hof schweifen. Ich nickte. Stimmt. Ayesha.
Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie Gabeln verbog und Pläne für
die nächste Zeit ausheckte. Und dass sie auf TikTok Leute erpresste,
war auch nicht ausgeschlossen. „Komm, Ayame, wir gehen zu Ayesha!“,
entschied ich und marschierte los.
Ayesha
lungerte faul auf einem Stein, der die Autos davon abhalten sollte,
dort zu parken. Wenn sie die Kamera ihres Handys in den Selfie-Modus
stellte, konnte sie genau sehen, was in Jettes und Timos Café
passierte. Für den Anfang nicht schlecht. Ich gab ihr einen
kräftigen Stoß gegen die Rippen.
Ayesha hielt sich die Stelle
fest und schaute mich verärgert an. „Hey, was willst du?!“,
blaffte sie sofort. Ich verschränkte unbeirrt die Arme und konterte:
„Was ich will? Zumindest will ich die Gabeln hier nicht
verbiegen!“
Ayesha hatte auch schon eine Antwort parat: „Was
hat das jetzt wieder mit mir zu tun? Du willst nur Ärger!“ Das war
nicht besonders kreativ. Ich ließ mir was Besseres einfallen.
„Genau, weil du hier die Gabeln verbiegst! Ich weiß, dass du das
bist, und du weißt, wovon ich rede! Was du machst, ist komplett
lächerlich!“
Ayesha stand mit einem Ruck auf. Sie wedelte mit
der Hand vor meinem Gesicht herum und schrie: „Hau ab! Ich weiß
nicht, was das mit der Gabel ist, aber du weißt, dass du mich mobbst
und vollkommen aggro bist!“ Ich wich einen Schritt zurück.
Ayame
räusperte sich. „Überleg's dir, Ayesha. Wenn du die Saboteurin
bist, dann sag's uns lieber. Das ist auf die Dauer besser für alle,
auch für dich. Früher oder später werden wir es sowieso
rauskriegen“, warnte sie und legte mir eine Hand auf den Arm. „Sie
ist ein Detektiv-Girl, verstanden?“
Ayesha zog die Nase kraus.
„Im Ernst? Das ist doch kindisch! Die drei Ausrufezeichen werden
überhaupt nicht happy sein, wenn die rauskriegen, dass ihr sie
nachmacht.“
„Die gibt’s gar nicht mal“, erwiderte Ayame
überzeugt. Ihr gechillter Tonfall überraschte mich, machte mir aber
auch Mut. Man konnte es einfach ganz chillig angehen. Ayame fügte
hinzu: „Und wir machen die drei Ausrufezeichen auf keinen Fall
nach. Ist uns zu uncool. Außerdem sind sie professionelle
Detektivinnen, bei uns ist nur Rilana zufällig ein Naturtalent.
Mayari und ich sind gar keine Detektiv-Girls, sondern einfach nur die
Mega-BFFs von Rilana.“ Da konnte ich nur zustimmen. Also sagte ich:
„Genau.“
Ayesha ballte verzweifelt die Fäuste und verzog die
Miene. „Was habt ihr eigentlich immer gegen mich, ihr einfallslosen
Nachmacher?!“, kreischte sie und schwenkte ihr Handy. Dann drehte
sie sich ruckartig um und rannte weg. Wütend zeigte ich ihr das
Schweige-Einhorn, was sie aber nicht mehr sah. Und das war eigentlich
auch ganz gut so.
Synchron stapften Ayame und ich zu Lia zurück.
Die werkelte immer noch an den Rohren herum. Wir erzählten ihr von
Ayeshas Verhalten. Lia nickte bedächtig. „Nicht gerade
unverdächtig!“, kommentierte sie.
Das stimmte.
🐴
Um
kurz nach 11 kam Mayari an. „Und? Habt ihr den Saboteur gefunden?“,
fragte sie uns. Ayame nickte entschieden und schüttelte dann genauso
entschieden den Kopf. „Ja! Nein!“, sagte sie. „Das heißt –
wir glauben, dass Ayesha es ist. Und wenn nicht, dann Timo.“
Mayari
grinste verstohlen. „Also doch Timo.“ Apropos Timo: Wir mussten
uns gar nicht mal absprechen – wir gingen einfach gleichzeitig ins
Café. Jette und Timo waren beide da.
Mayari und ich holten uns
einen klassisch taiwanesischen Bubbletea und einen Erdbeersmoothie. Ayame bestellte einen Matcha-Milchtee und zwei
Brownies. Und das erstaunlichste: Sie hatte schon wieder eine
verbogene Gabel! War das jetzt Absicht oder Zufall?
Ayame rückte
ihre Brille zurecht, schnappte sich die verbogene Gabel und ging
damit zum Tresen. „Timo?“, rief sie. „Was hat das zu bedeuten?
Schon wieder 'ne verbogene Gabel! Ist das die gleiche wie
gestern?“
Jetzt war Timo an der Reihe, sich die Brille
zurechtzurücken. „Natürlich nicht! Die von gestern hab ich doch
wieder gerade gebogen und außerdem gerade erst in die Spülmaschine
gesteckt! Wie komisch!“
„Hm“, machte Ayame mit einem
schelmischen Funkeln in den Augen. „Komisch, komisch.“
„Ist
doch so!“, protestierte Timo.
Ayame warf über die Schulter
einen Blick zu mir und zwinkerte. „Sei ganz ehrlich. Steckst du
dahinter?“ Sie bog an der Gabel herum. Die Gabeln des Waltz-Cafés
waren echt voll biegsam!
„Ich hab doch gestern schon geschworen,
dass ich das nicht war! Warum sollte ich es dann heute sein?“,
regte sich Timo auf.
Ayame zuckte die Schultern und legte die
Gabel auf den Tresen. „War halt so 'ne Vermutung.“ Sie sah aus
dem großen verglasten Fenster, das sehr gut die Sicht auf die Koppel
freigab.
Timo ließ die Klappe der Spülmaschine einrasten. „Ist
schon okay.“ Er schaute hoffnungsvoll in Ayames Richtung. Die
wirkte plötzlich irgendwie niedergeschlagen. Sie holte eine
Tupperdose aus ihrer apricotfarbenen Asics-Sporttasche und stopfte
dort ihre Brownies rein. Dann schnappte sie sich auch noch ihren
Matcha-Milchtee, legte das Geld für unser Essen und Trinken auf den
Tresen und ging „Tschüss“ murmelnd aus dem Café. Durch das
Fenster sah ich, wie sie in Richtung Koppel stapfte und sich dort auf
einen großen Stein setzte.
Ich erzählte Mayari, wie sich Ayesha
verhalten hatte, als Ayame und ich sie verdächtigt hatten, und dass
wir die ganze Sache schon mit Lia besprochen haben. Mayari gab mir
einen wichtigen Gedankenanstoß: „Ich glaube, Ayesha ist gar nicht
so verdächtig, wie du sie findest. Ihr seid einfach verstritten und
sie fühlt sich eben gemobbt.“ Der Gedanke, den sie da ansprach,
war zwar wichtig, aber irgendwie fand ich es trotzdem blöd, dass
Mayari meine Sicht nicht unterstützte und was total anderes dachte.
Wir waren doch BFF! Ich gab meinem Drang, es ihr heimzuzahlen, nach,
und konterte frech: „Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass
Tasuke der Saboteur ist, ne?“ Okay, das ging vielleicht ein
bisschen zu weit. Mayari machte nämlich mit bei der Heimzahl-Sache
und behauptete, dass Mom auch irgendwie verdächtig war. „Die will
ja euer Lieblingspferd Ice Cream verkaufen und kümmert sich nur um
das Haus, und vom Waltz-Café hat sie halt keinen Nutzen. Was auch
komisch ist, ist dass ihr euch dauernd zofft! Habt ihr etwa einen
Familienstreit?“, fügte sie bissig hinzu.
„Nö!“ Mit Dad
hatten wir doch gar kein Problem. Ich schüttelte trotzig den Kopf.
Wir hatten nur Streit, weil sie Ice Cream verkaufen wollte – und,
weil sie mich dauernd Schatz nannte.
Ice Cream.
Ob sie schon
wer gekauft hatte? In meinem Hals stieg ein dicker Kloß auf. Ayame.
Jetzt konnte ich sie verstehen. Deshalb war sie so traurig
rausgegangen. Sie wollte Ice Cream nicht gehen lassen, aber sie
konnte nichts tun. Ich erklärte Mayari, was in Ayame und mir
vorging. Mayari presste die Lippen zu einer schmalen Linie
zusammen.
Anscheinend hatte Timo gelauscht, denn er verschwand
unauffällig durch die Tür nach draußen.
Ich trank einen großen
Schluck von meinem Bubbletea. Es waren drei Tapioca-Perlen dabei. Es
machte Spaß, sie zu zerkauen, weil sie so klebrig und gummiartig
(und vor allem lecker) waren. Aber der Geschmack vom eigentlichen
Bubbletea war auch klasse. Schwarzer Tee mit Zucker und Milch –
beste Kombi ever!
Wir saßen noch ein paar Minuten schweigend an
unserem Tisch und tranken unsere Getränke. Irgendwie hatte ich
Hunger, denn Tapioca-Perlen reichten nicht aus, um mich satt zu
kriegen. Ich glaube, von denen wäre keiner satt geworden. Was würde
es wohl zum Mittagessen geben? Zum Glück musste ich heute nicht
kochen – dafür aber den Abwasch machen. Ich wollte lieber nicht
dran denken.
Während ich mir den Strohhalm meines
Bubbletea-Bechers zwischen die Zähne steckte, holte ich mein Handy
hervor. Eigentlich war die Hosentasche meiner grauen Hot Pants nicht
so gut geeignet für dieses wichtige Gerät; aber zum Glück kannte
ich niemanden, der mir mein Handy klauen wollen würde.
Ich ging auf
TikTok und suchte nach Ayesha Al-Abadi. Tatsächlich hatte sie einen
TikTok-Kanal, auf dem sie jeden Tag mehrere Selfies postete. Vor
allem hatte sie aber sehr viele Follower – das stach mir besonders
ins Auge. Und was mich störte war, dass sie auf jedem ihrer Selfies
auf irgendetwas von unserem Hof herumlungerte! Leider schien es so,
als würde Ayesha auf keinem ihrer Selfies im Café sein; also gab es
auch keine Hinweise, ob sie dort Gabeln verbog... Seufzend trank ich
den letzten Schluck von meinem Bubbletea aus und steckte mein Handy
in die Hosentasche.
Jette, die gerade nichts zu tun hatte, lehnte
sich zu Mayari und mir rüber. „Mann Leute“, fing sie an, „seit
Timo diese BFF von euch kennt, tickt er total aus! Meint ihr, da wird
was draus?“
Ich grinste. „Kann sein. Sie heißt Ayame. Die ist
auch nicht mehr ganz klar im Kopf, aber immerhin kann sie noch
denken.“
Jette nickte. „Timo nicht. Ayame. Stimmt, Ayame. Du
hattest sie mir mal vorgestellt.“
„Ey!“, mischte sich Mayari
ein, „Ayame ist noch total klar im Kopf! Sprich nicht so
über deine Freundin!“
Wir redeten noch ein bisschen, bis ich
schließlich auf das Thema Bezahlen kam. Ich rechnete aus, dass
unsere Getränke zusammen 7,65 Euro machten, aber ich hatte nur
einen Zehn-Euro-Schein mit. Jette musste uns also 2,35 Euro
Wechselgeld geben.
„Hast du 2,35?“, fragte ich sie und
wedelte mit dem Zehner. Jette nickte und antwortete selbstbewusst:
„Sicher! Werd ich schon finden! Ich brauch nur zwei Euro, eine
Zwanzig-Cent-Münze, eine Zehn-Cent-Münze und eine Fünf-Cent-Münze
zu finden: Ist doch voll einfach!“ Sie nahm den Schein entgegen und
machte die Schublade mit dem Wechselgeld auf. Dann war sie plötzlich
ganz baff und starrte mit runterklappender Kinnlade vor sich hin.
Ich
ging zu ihr hinter den Tresen und sah sofort, was los war: die
Schublade mit dem Wechselgeld war leer! In ihr lag keine einzige
Münze. Der Saboteur hatte ganz offensichtlich wieder zugeschlagen.
Aber wann? Und warum? Und wie, unbemerkt? Und eben noch die ganzen
anderen unbeantworteten Fragen, die mit der Sabotage
zusammenhingen.
„Jette, soll ich was spenden?“, fragte Mayari
hilfsbereit. Jette schüttelte den Kopf. „Nein, nicht nötig. Wir
leben nicht von Spenden. Das gestohlene Geld holen wir uns zurück“,
erklärte sie übertrieben loyal. Ich zwinkerte ihr zu. „Das Geld
hole ich euch zurück!“
Jette nickte begeistert. Dann
hielt sie mir die Hand für ein High-Five hin. Ich schlug kräftig
ein. Dann fragte ich Mayari, ob sie vielleicht 7,65 Euro mithatte.
Zum Glück hatte sie 7,50 Euro dabei und Jette war so freundlich,
auf 15 Cent zu verzichten. Ihr konnte das Geld schließlich ziemlich
egal sein – das Café war das von Lynn.
Mayari
und ich gingen raus. Wir wollten diesen Fall jetzt lösen. Draußen
saßen Ayame und Timo auf den zwei großen Steinen bei der Koppel.
Das Thema Ice Cream schienen sie vergessen zu haben. Inzwischen
kümmerten sie sich nur noch um sich gegenseitig. Ayame rückte
gerade ihre Brille zurecht, als sie mich und Mayari auf sie zukommen
sah. Sie stand auf und lief zu uns. Timo schaute ihr verwirrt
hinterher.
„Scheinst zwar was gegen Spezial-Mango-Shampoo zu
haben, aber auf blonde Leute stehst du wohl immer noch, was?“,
gluckste Mayari und piekste Ayame leicht in die Seite. Die lachte und
brachte zu ihrer eigenen Verteidigung ein: „Das ist ein voll großer
Unterschied. Wer steht übrigens auf Mangoflecken-Typen? Ich schätze,
nur du. Aber ich hab mich eigentlich noch nie für gelbe Flecken im
Haar begeistern können.“ Ich bemerkte, dass ihre Wangen einen
seltenen Rosaton hatten und ihre Augen leuchteten.
Ich fuhr mir
durchs Haar. „Zwischen Gelb und Blond liegt tatsächlich ein
Riesenunterschied. Aber Ayame steht wirklich auf blonde Leute: die
besten Beispiele sind Timo und ich! Und als wir Freundinnen geworden
sind, hattest du ja blonde Strähnchen vorne, Mayari!“
Ayame
boxte mir gegen die Schulter. „Hä, ich steh nicht auf dich und
Yari! Ich bin doch nicht... Und auf andere blonde Leute hab ich auch
nie gestanden! Denkst du, ich hatte schon mal einen Crush – außer
jetzt? Ich hätte gedacht, du würdest mich besser kennen.“
Mayari
verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor.
„Ihr seid solche Spaßbremsen! Mein Mango-Witz war doch richtig
gut!“, schimpfte sie. Stimmt. Das war er wirklich.
Das laute
Brummen von einem Auto und das erschrockene Wiehern von Ceci und
Carlo. Auf der sonst wenig befahrenen Autobahn, die direkt an unserem
Reiterhof vorbeiführte, brauste ein mir wohlbekannter blauer Fiat
mit Pferdeanhänger vorbei. Es war Moms Auto, gefahren von Rob. Er
fuhr an uns vorbei! Und der Pferdemarkt lag doch in der anderen
Richtung, außerdem waren sie dort schon längst hingefahren! Wie
verrückt und unlogisch war das denn? Ich kapierte gar nichts. Wollte
sich ein Kunde Ice Cream oder Tornado nach Hause liefern lassen?
Eigentlich waren wir für so etwas gar nicht zuständig. Hoffentlich
war es wenn überhaupt Tornado.
Timo schaute auf die Uhr, vergrub
die Hände in den Hosentaschen und schlurfte mit einem nicht zu
deutenden Ausdruck auf dem Gesicht zum Café zurück. Aber Ayame
schien es erst gar nicht zu bemerken. Ihr Gesicht war plötzlich
verzerrt und sie starrte Moms Auto hinterher. Ich wusste genau, was
los war. Sie hatte dieselbe Vermutung wie ich – die mit dem
Abholservice – und fürchtete um Ice Cream. Cremefarbene Mähne...
Blonde Mähne?!
Ayame nahm ihre Brille ab und drehte sich
weg. „Ice Cream“, stotterte sie mit gebrochener Stimme. Mayari
und ich legten ihr die Arme um die Schultern. Mein Blick wanderte zu
den verglasten Fenstern des Cafés und traf den von Timo. Er wandte
sich schnell der Kaffeemaschine zu und tippte so verzweifelt auf dem
Display herum, dass sie rot blinkte und eine seltsame Kaffeemischung
ausspuckte. Es war offensichtlich. Timo hatte uns beobachtet und
wollte nicht, dass ich es bemerkte.
Schnell hielt er einen Pappbecher
unter den Kaffeefluss und leerte ihn so schnell, wie es nur Lynn
konnte. Wenn das das erste Mal war, dass er Kaffee trank, würde er
sicher sein Leben lang darauf verzichten wollen. Mit dem leeren
Pappbecher in der Hand stürmte er aus dem Café. Er fasste sich an
den Hals und es schien so, als wollte er sich übergeben, obwohl er
sich verschluckt hatte. Schließlich hustete er laut und schmiss den
Pappbecher in den Recycling-Container. Dann lief er auf uns zu.
„A-Alles okay, Ayame?“, krächzte er, obwohl gerade
offensichtlich er die meiste Hilfe brauchte. Ich klopfte ihm richtig
heftig auf den Rücken.
„Alles okay?“, fragte Ayame. Unter
Husten und zugekniffenen Augen nickte Timo. Die beiden setzten sich
etwas abseits unter einen Baum. Während die Traurigkeit wegen Ice
Cream wieder in Ayame zurückkehrte, schien es Timo besser zu
gehen.
Ich wandte mich Mayari zu. „Ich geh jetzt Mittagessen. Du
kannst ja mitkommen“, erklärte ich ihr. Mayari nickte überzeugt.
Zusammen gingen wir ins Haus. Sofort stieg mir der Duft von
Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Rahmspinat in die Nase. Was Dad
kochte, war immer lecker. Er war ein überragender Koch – jedenfalls
im Vergleich mit anderen Familienmitgliedern. Für dieses gute Essen
machte ich richtig gerne den Abwasch... Und das wollte was heißen.
Denn seit ich ihn irgendwann machen musste, war Abwasch mein Feind.
Nur manchmal konnte ich mich mit ihm anfreunden, wenn das bedeutete,
dass ich nicht kochen musste und jemand anderes eine Spezialität
zubereitete.
Mayari und ich aßen alles auf, was die Küche an Herumstehendem zu bieten hatte, und machten zusammen den Abwasch. Zu
zweit ging das viel schneller als alleine, aber dass Ayame uns nicht
helfen konnte, war trotzdem ärgerlich. Wahrscheinlich hätte sie
sich da sowieso nur rausgemogelt.
Wieder draußen lief uns Tasuke
mit einer Schubkarre voller Mist über den Weg. Als er uns sah, ging
er langsamer. „Hi. Habt ihr schon gegessen?“, fragte er. Wir
nickten. „Ja“, sagte ich, „war extrem lecker. Ich sag dir
Bescheid, wenn Dad wieder kocht.“
Er wischte sich den Schweiß
von der Stirn. „Sehr gut. Von Fertigfood kann man sich nicht sein
Leben lang ernähren. Aber gut, heute kaufe ich mir noch eine
Chicken-Teriyaki-Fertigmischung. Noch bin ich süchtig. Wollt ihr
auch was?“
Ich nickte. „Ja, eine Packung für den Abend. Ah,
und übrigens: Weißt du irgendwas übers Café zum Thema Einbruch?
Hast du zum Beispiel mitbekommen, wie Jette und Timo nicht aufgepasst
haben und sich jemand an der Kasse zu schaffen machte?“
Tasuke
überlegte. Dann lachte er verlegen. „Na ja, die Waltz-Kinder haben
sich zu mir gesetzt und mit mir geredet, als ich dort war. Ihr habt
da, glaub ich, was mit Ayesha gemacht, so sah's jedenfalls aus dem
Fenster aus. Und weil Jette und Timo mit mir geredet haben, haben sie
dem Tresen den Rücken zugedreht. Aber ich hab nicht drauf geachtet,
ob jemand beim Tresen herumschlich. Wir haben über Chicken Teriyaki
und die Fußball-Quali geredet – das fand ich natürlich
spannender.“ Ich schmunzelte. „Trotzdem Danke. Natürlich waren
wir voll abgelenkt, als wir mit Ayesha geredet hatten.“ Der Täter
musste also einer sein, der wusste, dass wir ihn suchten. Vielleicht
war es Tasuke selbst! „Bist du eigentlich sicher, dass du es nicht
selber warst?“, fragte ich misstrauisch. Dass er uns Tipps gab,
hieß schließlich nicht, dass wir ihm glauben mussten – er hatte
keine Beweise.
Tasuke hob mit leicht verärgertem Gesichtsausdruck
die Hände. „Glaubt ihr mir nicht? Ich bin sicher, dass ich es
nicht selber war!“
Mayari stellte sich vor mich und wies mit dem
Daumen nach hinten. „Sie glaubt dir nicht!“ Tasuke nickte,
zuckte mit den Schultern und wuschelte sich durchs Haar. „Okay“,
sagte er, „wenn ihr wollt, kann ich öfter ins Café gehen und den
Tresen beobachten. Und für den Abend gibt’s Chicken Teriyaki. Oder
magst du keins? Schien mir letztens so.“
Mayari schien sich darüber
aufzuregen, wie durchschaubar sie war, und auf ihrem Gesicht
zeichnete sich Verzweiflung ab. „Äh... Kannst du stattdessen
einfach Ramen besorgen?“, fragte sie zerknirscht. Tasuke reckte den
Daumen nach oben. Dann gab er seiner Schubkarre einen Schubs und lief
weiter.
Ich rief ihm hinterher: „Das mit dem Tresen-beobachten
machst du einfach immer, wenn du die Gelegenheit dazu hast, okay?“
Er warf mir über die Schulter einen Blick zu. „Jep!“
Inzwischen hatte Timo Ayame beide Arme um die Schultern gelegt und die einen Heulkrampf wegen Ice Cream. Wir hockten uns zu ihnen und ich erzählte von der Aktion mit Tasuke. Der Gedanke ans Chicken Teriyaki konnte Ayame zum Glück etwas aufheitern.
Das
Chicken Teriyaki war wirklich echt lecker. Was mich wunderte, war,
dass Timo wieder mit so einem komischen Gesichtsausdruck weggegangen
war.
Tasuke hatte nicht vergessen, dass Mayari Ramen wollte, und
eine Packung Ramen gekauft. Als sie es sich gekocht hatte, sah sie so
glücklich aus, als wäre ihr nie etwas besseres passiert. Ich
dagegen fand das gar nicht so spektakulär. Wäre ich Tasuke, hätte
ich auch das Ramen nicht vergessen – das war sowieso bestimmt viel
günstiger als Chicken Teriyaki. Wir aßen noch, als ich durch das
Fenster sah, wie Mom, Lynn und Rob zurückkamen. Ich ließ mein
Chicken Teriyaki stehen und rannte nach draußen.
„Ey Rob!“, rief
ich, „Wo ist Ice Cream? Hast du sie an die neuen Besitzer
geliefert?“
Rob riss die Augen auf und schüttelte dann lächelnd
den Kopf. „Glück, ne? Tornado wurde verkauft, aber Ice Cream
nicht. Sie hatte plötzlich Koliken, weil so'n blödes kleines Kind
von einem Käufer ihr Brot gegeben hat, was sie eigentlich nicht
durfte. Ich hab sie direkt zum Tierarzt gefahren.“ Ich wäre Rob
jetzt um den Hals gefallen, aber das war mir irgendwie zu
peinlich.
„Ice Cream haben wir noch“, sagte er, „aber
Tornado nicht mehr. Nur noch ein Haufen Geld ist von ihm
übriggeblieben. Ich hoffe, davon werden die Hufeisen-Schulden
beglichen, gutes Futter gekauft und Cecis Box vergrößert. Aber ich
denke, das wird alles nur in den Umbau einfließen und in neuen
Angeln für die Türen oder neuen Sofas zum Vorschein kommen.“ Er
atmete schnaubend aus. Ich konnte ihn gut verstehen. Es ging doch
jetzt um die Pferde und nicht um noch ein neues Sofa! Ich gab Rob den
Auftrag, dass er beim Hufschmied die Schulden für Moritz' Hufeisen
bezahlen sollte. Nicht dass das ganze Tornado-Geld schon in den Umbau
ging, bevor die wirklich wichtigen Sachen überhaupt bezahlt
wurden.
Ich ging schnell zurück ins Haus und aß hastig mein
Chicken-Teriyaki auf, während Rob die Sache mit Moritz regelte. Wo
war Ayame plötzlich? Sie war verschwunden. Vielleicht im Café? Ich
stopfte mir die letzte Nudel in den Mund und sah nach. Timo und Ayame
schienen etwas Ernstes zu besprechen.
Den Kopf voller verwirrender Gedanken ging ich wieder ins Haus und in mein Zimmer. Dort tauschte ich mein verschwitztes schwarzes Top und die Hot Pants gegen Schlabber-T-Shirt und Jogginghose. Den Rest des Abends verbrachte ich damit, Cookies aus dem Küchenschrank zu klauen und nachzudenken, bis ich irgendwann auf meinem Bett sitzend einschlief. Wahrscheinlich kippte ich um und kuschelte mich unbewusst unter die Decke.
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