Rilana & Friends
Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 8: Handy, Horror, Herzklopfen
Ich
wachte auf, als Mom mit einem Löffel auf die Unterseite ihres
Kochtopfs hämmerte. Ich schlug die Augen auf. „Was ist denn los?“,
fragte ich schlaftrunken und schnipste ein Schlafkörnchen weg. Mom
hielt einen Flyer für unseren Reiterhof hoch. „Lia hat Reklame
gemacht! Steh schon auf, wir müssen die Reithalle und allgemein den
ganzen Hof vorbereiten! Irgendwelche Kinder wollen jetzt hier reiten
lernen.“
Als Mom aus dem Zimmer getreten war und meine Tür
hinter sich geschlossen hatte, rollte ich mit den Augen. Wenn ich
heute als Ponymädchen gefragt war, konnte ich ja wohl kaum in meinem
Rockstar-Outfit rumlatschen. Ich schlüpfte in meine grauen Shorts,
zog mir Reiterstrümpfe an und warf mir mein graues T-Shirt über.
Zum Schluss kam noch ein pinkes Baumfällerhemd drauf, um den
professionellen Ponymädchen-Look zu unterstreichen. Mit Cookies im
Bauch, geputzten Zähnen, unauffälliger Schminke und einem
geflochtenen Zopf nahm ich meine blaue Longchamp-Tasche und steckte
meine Füße in schwarze Reitstiefeletten. Ich war absolut
überzeugend. Bestimmt würden alle von mir denken, ich sei ein
waschechtes, erfahrenes Berufsponymädchen. In meiner
berufstauglichen Kombi flitzte ich also die Treppe runter und sperrte
dann die Tür auf. Die noch kühle, morgendliche Sommerluft kam mir
entgegen und erfüllte meine Lunge mit dem Duft der Wildkräuter, die
auf der Koppel wuchsen.
In
der Reithalle traf ich auf Mom, Mayari, Ayame und Ayesha. Meine
Friends schienen auch als Hilfskräfte für den Pferdetag eingeplant
worden zu sein. Wo war Rob geblieben? Anders als AyAy und Yari hatte
er ja einen festen Job hier und eigentlich wäre es automatisch seine
Aufgabe, alles vorzubereiten und die kleinen Pferdefans zu
unterrichten. Ich schaute mich um. Mom hatte wohl ähnliche Gedanken
wie ich. „Hast du gesehen, wo Rob sich verschanzt? Ich habe ihn
heute noch gar nicht zu Gesicht bekommen!“ Sie runzelte die
Stirn.
„Ich frag mich auch, wo er steckt“, meinte ich besorgt.
Mom warf mir ein Banner aus weißem Stoff zu. Sie rief: „Mach das
über dem Eingang zur Reithalle fest, Schatz.“
Ich befestigte
das Banner an zwei Haken, die rechts und links vom Eingangstor zur
Reithalle am Backstein befestigt waren. Als ich fertig mit dem
Aufhängen war, konnte ich endlich erkennen, was auf dem Banner
stand. Eingerahmt von den Silhouetten zweier Pferde stand darauf in
Großbuchstaben mit Serifen: „WILLKOMMEN
AUF DEM REITERHOF WESTFRIED“. Wie immer, wenn ich den Nachnamen
meiner Familie irgendwo stehen sah, musste ich schmunzeln. Vor allem,
wenn es professionell wirkte.
🐴
Als
ich Moritz zum Putzplatz führte, stellten sich seine Ohren auf. „Was
ist denn?“, fragte ich und schaute mich um.
Ich verdrehte die
Augen. Unsere Kunden, nämlich vorlaute, gemeine, zappelige
Nervensägen, kamen gerade an. Als ich den aufgeregten Moritz
festgebunden hatte, ging ich einige Schritte auf unsere Kunden zu.
„Hi“, begann ich, „ihr seid zum Reiten hier, oder? Ich bin
Rilana.“
„Hi Rilana!“, quasselte die Kleinere drauflos, „Ich
bin Valerie! Wir können schon richtig gut auf Ponys reiten und
wollen es jetzt das erste Mal auf Pferden ausprobieren! Und wir
kennen uns schon richtig gut aus!“ Valerie hüpfte begeistert in
ihren schwarzen Kinderreitstiefeln auf und ab. Sie trug einen großen
türkisen Reithelm auf dem blonden Lockenkopf. Ich schätzte sie auf
sechs bis acht Jahre. Ihre Schwester war etwas größer und hatte
eher rotblondes Haar. Sie trug die gleichen Stiefel wie Valerie, nur
in einer größeren Größe. Ihr Reithelm war schwarz. „Ich bin
Vicky. Wir haben auch noch einen größeren Bruder, der Vidar heißt.
Wir sind eine V-Familie!“, erzählte sie stolz und ich musste mich
dazu durchringen, nicht zu einem Vollzeit arbeitenden
Augenroll-Roboter zu werden. Mit ihrer Plapperei gingen mir Valerie
und Vicky echt auf die Nerven. Seit wann interessierte es mich bitte,
dass sie einen großen Bruder namens Vidar hatten und deswegen eine
V-Familie waren?! Die Eltern hatten wahrscheinlich sowieso keine
Namen mit V und deswegen waren sie nur V-Geschwister.
Ich war
ziemlich erleichtert, als Ayame und Mayari kamen und die
V-Nervensägen zum Reiten abholten. Beim Herrichten der Reithalle
hatten wir unsere Dienste aufgeteilt und beschlossen, dass ich mit
Ayesha die älteren übernahm, während meine Friends die kleineren
mit ihren Pferden führten. Wenn sie zurückgekommen waren und sich
kennengelernt hatten, trainierte Mom in der Reithalle ein paar Tricks
mit ihnen. Ayesha und ich würden mit den älteren putzen und danach
ausreiten. Dass ich mit der Hauptverdächtigen zusammen ein Team war,
war eigentlich gar nicht so ärgerlich. Ich konnte alles mit ihr
klären, ohne dabei auszurasten – und ich musste mich nicht mit
Vicky und Valerie abquälen. Also war die Aufteilung ganz cool.
Problematisch war, dass ich gestern schon nicht so viel Zeit mit
meinen Friends verbracht hatte und sie dann auch noch diesen
Film-Abend ohne mich gemacht hatten, wodurch ich heute noch mehr die
Außenseiterin war.
Das hatte mir Rob eingebrockt, indem er sich
versteckte und die Arbeit vernachlässigte. Würde er an meiner
Stelle mit Ayesha das Putzen und Ausreiten übernehmen (wie es
eigentlich geplant war), könnte ich mit Ayame und Mayari
zusammenwachsen, indem wir uns gegen V und V verschworen. Ich ballte
die Faust. Alles nur wegen diesem dummen Typen. Ich warf mir den Zopf
über die Schulter und stampfte in den Stiefeletten zum Putzplatz, wo
Ayesha Selfies schießend auf mich wartete.
Ich boxte ihr in die
Seite. „Hey, steck mal lieber das Handy ein. Wir sind schon
unprofessionell genug.“
Zu meiner großen Überraschung nickte
Ayesha einfach. „Das stimmt. Ey, da kommen sie schon!“ Sie schob
sich das Handy in die Gesäßtasche und setzte ein fakes, aber
berufstaugliches Lächeln auf. Wir winkten und stellten uns vor. Als
der Blick von einer Kundin auf Ayeshas offene, schwarze Haare fiel,
band die sich alarmiert einen erstaunlich ordentlichen Zopf.
Ich
holte einen Striegel aus dem Putzkasten. „Beim Putzen beginnt man
mit dem Striegel und reinigt damit grob die großen und muskulösen
Flächen des Pferds. Wir striegeln, um den gröbsten Schmutz aus dem
Fell zu entfernen“, erklärte ich mit professioneller Miene und
Stimme. Ich machte es bei Moritz vor. Ayesha wies auf die drei
Pferde, die auf dem Putzplatz standen. „Das sind Moritz, Cora und
Ice Cream. Ich teil mir Moritz mit Rilana und mit ihm machen wir
alles vor. Ihr könnt jetzt unter euch ausmachen, wen ihr euch teilt.
Nur eine Person kann ein Pferd für sich allein haben.“
„Okay.“
Eins der drei größeren Mädchen nickte ihr zu. „Isabel, teilen
wir uns eins?“ Das blonde Mädchen, das Isabel hieß, reckte den
Daumen nach oben und sagte zu uns: „Emma und ich teilen uns den
Apfelschimmel.“
Ich drückte ihnen zwei Striegel in die Hände.
„Das ist Cora.“ Ayesha gab dem dritten, abtrünnigen Mädchen
auch einen Striegel und nahm sich selber einen. Die Außenseiterin
schlurfte unzufrieden zu Ice Cream. „Das ist blöd. Ich weiß schon
alles übers Putzen. Könnt ihr was Spannenderes machen?“
Synchron
augenrollend drehten Ayesha und ich uns zu Moritz. Diese sozial
inkompetente Angeberin war selber schuld, wenn sie zu unserem
unfreiwilligen Pferdetag kam. Sie hatte doch gewusst, dass wir putzen
würden, das stand im Programm! Ich schüttelte den Kopf.
Als Emma
und Isabel begannen, erst leise und dann lauter über Pferdefutter zu
reden, wandte ich mich Ayesha zu. „Sorry, dass ich oft so aggro zu
dir war. Du bist halt einfach mega verdächtig. Sabotierst du das
Café? Sei bitte, bitte ehrlich. Wenn wir diese Zicke aushalten
wollen und nicht vorhaben, unseren Reiterhof ins Verderben zu
stürzen, müssen wir uns jetzt halt zusammentun“, raunte ich ihr
zu. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Ayesha schüttelte
energisch den Kopf und traf mich fast mit ihrem voluminösen
Pferdeschwanz. „Ich bin nicht die Saboteurin! Das hab ich dir doch
schon so oft gesagt!“, protestierte Ayesha leise, „Ich finde das
Waltz-Café super und will selber mal irgendwann eins haben! So ein
richtiges TikTok-Insta-Café, wo Leute hingehen, um Fotos zu
schießen, und dafür bezahlen, Werbung für mich zu machen!“ So
stur, wie sie behauptete, nicht die Saboteurin zu sein, glaubte ich
ihr so langsam. Die Taten im Café trafen zwar genau auf ein
mögliches Motiv von ihr zu, aber sie war schon fast zu
offensichtlich. Wenn ich bei den Ermittlungen weiterkommen wollte,
konnte ich sie jetzt einfach nicht weiter verdächtigen. Das würde
dem echten Täter nur noch mehr Zeit verschaffen.
Als ich von
Moritz' Fell aufschaute und zufrieden feststellte, dass es um einiges
sauberer geworden war, drehte ich mich zu Ayesha, die schnaubte.
„Hey?!“, fragte ich verwirrt, „Was ist denn los mit dir?“
Meine
Teamkollegin verschränkte die Arme. Sie fauchte leise: „Ich find's
halt einfach … krass, dass du mich immer noch verdächtigst! Ich
bin unschuldig, klar?!“ Das provozierte mich. Es machte mich sauer,
dass sie wieder aggro wurde, obwohl ich ihr eine Chance gegeben hatte
und wir in einem Team waren. Ich hob abwehrend die Hände und
knurrte: „Schon okay. Du brauchst wirklich nicht immer gleich aggro
werden. Das ist eben asozial. Mach doch einfach mal vernünftig mit.
Wenn du nicht nur dauernd Selfies schießt, kriegst du sicher eine
Gehaltserhöhung. Nach dem Umbau kannst du wieder mehr influencen,
jetzt musst du aber mithelfen, damit es schneller geht“, machte ich
ihr klar. Ayesha rümpfte nur die Nase. Aber plötzlich schien ihr
eine Idee zu kommen. Ihr Gesichtsausdruck wurde wieder versöhnlicher,
als sie erklärte: „Ich mach auf TikTok Werbung für den Hof und
Leute, die als Hilfskräfte beim Umbau arbeiten wollen, können sich
bei mir melden.“ Das war tatsächlich eine super Idee. Ich
lächelte. Als Moritz uns mit der Nase anstupste und durch die
Nüstern pustete, mussten wir einfach beide kichern.
Emma
hielt uns ihren Striegel vor die Nase. „Wir sind fertig, Isabel und
ich! Wie geht’s weiter?“
Ayesha griff in den Putzkasten, um
Kardätschen rauszuholen. Ich nahm unseren drei Kundinnen
währenddessen die Striegel ab. Ayesha verteilte die Kardätschen und
ich verkündete: „Wir entfernen jetzt den gelösten Staub, lose
Haare und übriggebliebenen Schmutz mit der Kardätsche. So wird der
Körper des Pferdes gründlicher gesäubert als mit dem Striegel.
Achtet darauf, immer in der Wuchsrichtung des Fells zu bürsten. Ihr
fangt beim Kopf an und fahrt dann bis zum Schweifansatz
runter.“
Ayesha machte die Bewegung vor und Moritz schien den
Vorgang sehr zu genießen.
Die Außenseiterin stampfte mit dem Fuß
auf und murmelte etwas wütendes. „Das ist alles stinklangweilig!“,
schrie sie schließlich und ich merkte, wie Ice Cream erschrak.
Dieses blöde Mädchen musste die reinste Folter für sie sein. Wenn
sie wirklich alles besser wusste, warum wusste sie dann nicht, dass
man Pferde erschreckt, wenn man laut und unberechenbar war?
Ayesha
stemmte die Arme in die Hüften. „Das macht so keinen Spaß! Schrei
woanders rum, nicht auf unserem Reiterhof! Beim zweiten Mal fliegst
du raus“, schimpfte sie. Die Außenseiterin grummelte etwas in sich
hinein und wandte sich von uns ab.
Ayesha und ich schüttelten die
Köpfe. Dann putzten wir Moritz so sorgfältig, dass sein Fell
glänzend und weich wurde. Wahrscheinlich kam er sich gerade vor wie
in einer Wellness-Kur.
Nach
zahlreichen Putz-Schritten waren wir schon beim Hufauskratzen. Die
Außenseiterin war rausgeflogen, als sie während des Augenputzens
einen Wutanfall bekam. Deshalb hatte Isabel Ice Cream übernommen und
das Pferd schien sich damit viel wohler zu fühlen. Beim Ausreiten
müsste die Verstoßene auch zugucken, damit die Pferde Ruhe
hatten.
Ich schaute vom Hufkratzer auf und sah Rob vorbeilaufen.
Er machte den Eindruck, als suchte er etwas oder jemanden. Seine
gelbe Mütze hatte er in den Händen.
Als sich unsere Blicke
kreuzten, ließ er sie fallen und wirkte richtig baff. Kurz stand er
perplex da und starrte uns an, dann hob er mechanisch seine Mütze
auf und setzte sie sich falsch herum auf den Kopf. Würde ich ihn
nicht so merkwürdig finden, dass ich bewegungsunfähig wurde, hätte
ich ihm den Vogel gezeigt.
Ayesha bemerkte ihn auch. Sie schaute
von mir zu Rob und von Rob zu mir. Etwas angesäuert formte sie an
Rob gerichtet mit den Lippen die Worte: „Was machst du da?“ Rob
reagierte nicht, klatschte sich aber stattdessen mit der flachen Hand
an die Stirn. Auf einmal wirkte er nicht mehr nur verwirrt, sondern
auch verärgert. Die Hände in den Hosentaschen vergrabend verschwand
er hinter dem Stall. Bevor ich begreifen konnte, dass er wieder weg
war, stellte ich mir schon die Frage, was das zu bedeuten
hatte.
Ayesha drehte mich an den Schultern zu ihr. „Warum starrt
ihr euch so an?!“,
blaffte sie.
„Wer?“, fragte ich verwirrt, „Rob und ich?“
Ayesha verdrehte die Augen. „Wer sonst?!“
„Keine Ahnung“,
gab ich zu, „Er hat mit der ganzen Starrerei angefangen! Ich hab
zurückgestarrt, weil er so merkwürdig und verdächtig war! Und
du... Seid ihr etwa ein Paar?“ Ayesha beantwortete meine Frage
nicht und wandte sich einfach an die Teilnehmerinnen. Sie erklärte:
„Jetzt kämmen wir die Mähne aus und reinigen den Schweif. Das ist
wichtig für die Pferde, weil die Mähne sie vor Insekten und dem
Wetter schützt und der Schweif auch vor Insekten schützt. Damit
sich in den längeren Haaren aber kein Schmutz ansammelt, müssen wir
sie sauber halten. Es ist eigentlich genauso wie bei unseren
Haaren.“
Ich fügte hinzu: „Die Mähne kämmen wir am besten
auf eine Seite. Wenn wir mit den Händen Stroh und Heu aus dem
Schweif herausnehmen, stehen wir nie direkt hinter dem Pferd, weil es
uns dann treten kann.“
Emma nickte eifrig und schnappte sich
zwei Bürsten aus dem Putzkasten. Eine gab sie an Isabel weiter und
mit ihrer eigenen fing sie an, vorsichtig Coras Mähne zu kämmen.
Ich glaube, sie hatte schon gecheckt, dass man es vermeiden sollte,
den Pferden Haare auszureißen. Die Außenseiterin hätte diesen
Fehler bestimmt gemacht.
Ich sah mich um und stellte fest, dass
sie sich von uns entfernt hatte. Sie saß auf einem Baumstumpf und
scrollte auf ihrem pinken Handy herum.
🐴
Endlich
waren wir fertig mit dem Putzen. Die Außenseiterin war abgehauen und
hatte uns das Geld von ihrem Konto überwiesen. Dass sie überhaupt
schon ein eigenes Konto hatte! Ich schätzte sie auf 12. Egal. Die
musste uns nicht mehr interessieren.
„Wir reiten jetzt aus“,
kündete Ayesha an, „Weil wir nicht genug Pferde haben, gehe ich
neben euch und reite nicht. Damit ich noch gut mitkomme, reitet ihr
am besten im Schritt.“
Ich legte meine Hand auf Ayeshas
Schulter. „Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr euch an Ayesha wenden
und wenn ihr zum Beispiel Probleme mit dem Zügel habt, hilft sie
euch auch.“ Meine Teamkollegin nickte bestätigend.
Wir banden
Moritz, Cora und Ice Cream los, legten ihnen Sattel und Zaumzeug an
und setzten unsere Helme auf. Dann ritten wir los.
Ayesha lief
neben Emma, die auf Cora saß. Ich fand das Ausreiten echt
entspannend, weil die Außenseiterin nicht dabei war. Moritz'
Hufeisen, die ich zusammen mit Rob finanziert hatte, fielen mir
wieder auf. Sie leisteten gute Dienste und machten mich wirklich
stolz.
Ich bemerkte, dass Ayesha dauernd nervöse Blicke nach
hinten warf. Ich entschied mich, nachzusehen. Also hielt ich Moritz
kurz an und warf einen Blick über die Schulter.
Hinter uns stand
Rob. Mit der Mütze falsch herum auf dem Kopf. Er schien sehr
angestrengt nachzudenken und wirkte verärgert-verzweifelt. „Was
willst du?!“, fragte ich, aber er ging langsam wieder weg, ohne mir
zu antworten.
Ayesha versah mich mit einem forschenden Blick. Ich
klopfte sanft mit der Gerte auf Moritz, und er trabte weiter.
Wir
erreichten den angrenzenden Laubwald, als es schon später Vormittag
war. Ich war kurz davor, das Mysterium mit Rob zu vergessen, doch da
sah ich noch einmal eine Gestalt mit gelber Mütze am Waldrand
vorbeihuschen. Was um alles in der Welt wollte er?! Er spionierte uns
aus wie ein unprofessioneller Stasi-Agent! War er etwa der Saboteur
und wollte sichergehen, dass wir uns vom Café entfernten? Ab jetzt
musste ich aufpassen, mit wem ich mich da auf gefährliche
Autobahn-Abenteuer einließ. Und ich hatte zwei Verdächtige zu
befragen: Jette und ihn. Hoffentlich schaffte ich es heute
wenigstens, einen von ihnen zu erwischen.
Die Waldroute war
angenehm schattig. Früher hatten wir die Ausritte oft in dem
gegenüberliegenden Wald unternommen, aber dort wurde ein
Pferdeverbotsschild aufgestellt, weil unsere Vierbeiner gerne Farne
und junge Bäume abknabberten. Wir konnten nur hoffen, dass das in
diesem Wald nicht früher oder später auch passierte.
Am
Ende des Ausritts waren wir wieder beim Hof angekommen. Mom nahm uns
dort in Empfang und gab den Kundinnen Schokoriegel. Also echt. Ich
ermittelte hier, arbeitete hart und bei mir kam keine einzige Münze
an. Aber ich bekam natürlich keine Schokolade. (Um ehrlich zu sein,
hätte ich mich jetzt schon über eine Kleinigkeit gefreut!)
Emma
winkte mit dem Schokoriegel in der Hand. „Hat echt Spaß gemacht
mit euch!“, rief sie uns zu, während sie die Verpackung aufriss
und sich von uns entfernte, „Wenn ihr wieder so was anbietet, komm
ich wieder! Bis zum nächsten Mal!“ Sie lief zu einem kleinen
Škoda, der gerade am Straßenrand parkte. Ihre Mutter stieg aus dem
Auto und ging auf Emma zu, um sie zu umarmen. Dann legte sie den Arm
um ihre Tochter und bewegte sich zu Mom. Die beiden begannen einen
langweiligen Mütter-Smalltalk. Währenddessen schaffte Emma es, zu
Isabel zu laufen. Schokolade essend fragten sie Ayesha nach ihrer
Handynummer.
Als Mom und Emmas Mutter endlich fertig mit ihrem
Gespräch waren und außerdem Isabels Mutter in ihrem Auto angefahren
kam, um Isabel abzuholen, war ich ziemlich erleichtert. Ayesha und
ich begannen, Moritz, Cora und Ice Cream abzusatteln und ihnen das
Pferdegeschirr abzunehmen. In der berechtigten Annahme, dass ihre
Mütter noch quatschen würden, liefen uns Emma und Isabel hinterher.
Sie hatten Ayesha in den wenigen Stunden, die sie mit uns verbracht
hatten, offenbar zu ihrer Fern-Freundin auserkoren.
Als Emma ihren
Helm abnahm, konnte ich endlich erkennen, welche Haarfarbe sie hatte:
Genauso wie Vicky war sie rotblond, und ihre Mutter hatte eine
rotbraune Mähne.
Während sie ihr Schokoriegel-Papierchen
zerknüllte und in der Tasche ihrer dunkelblauen Reitweste
verschwinden ließ, fragte sie Ayesha, ob sie einen
Social-Media-Account habe, egal auf welcher Plattform.
Meine
Teamkollegin empfahl ihrer neuen Followerin ihr TikTok-Me.
Isabels
(wie Mom blondierte!!!) Mutter winkte ihrer Tochter mit einem
strahlenden Lächeln auf dem Gesicht zu und fiel Mom um den Hals.
Ihre Augenbrauen waren dunkel nachgezogen und ihre Haare reichten ihr
nur bis zum Kinn. Im Gegensatz zu anderen Müttern von Kundinnen
würde ich mich bestimmt noch länger an sie erinnern.
Nach einem
endlosen Smalltalk mit Mom und Emmas rotbraunhaariger Mutter brauste
sie irgendwann mit Isabel im Auto ab, dicht gefolgt von einem kleinen
Škoda, in dem eine zufriedene Emma und ihre jetzt plötzlich vom
Verkehr gestresste Mutter saßen.
🐴
Als
wir endlich wieder Ruhe hatten und Vicky, Valerie, Emma, Isabel und
die Mütter verschwunden waren, brachten Ayesha und ich alle Pferde
auf die Koppel. Zum Glück war Ceci jetzt wieder mit ihrem Fohlen
Carlo vereint! Obwohl sie auch noch kleine Kinder waren, konnte man
Vicky und Valerie nicht mit ihm vergleichen. Carlo freute sich auch
sehr über das Wiedersehen mit seiner Mutter. Er hatte heute von Lynn in der
Abwesenheit der anderen Pferde seine zweite Entwurmung
bekommen, die Rob und ich schon mit Tornados Erlös vorbezahlt
hatten.
Auf dem Weg zum Haus unterhielt ich mich noch mit Ayesha.
Dass wir jetzt nicht mehr voll die Feindinnen waren, war echt
gut.
„Die ganze Aktion war voll anstrengend. Und ich versteh
immer noch nicht, was Rob da wollte“, meinte Ayesha und klopfte
ärgerlich ihre verschmutzte pinke Jogginghose ab. Als ich länger
nichts antwortete und sie nur anstarrte, fragte sie: „Findest du
denn nicht, dass es anstrengend war?“
„Doch, doch, natürlich“,
antwortete ich schnell, „mit ungewöhnlich schmutziger Kleidung
siehst du halt ein bisschen anders aus als sonst. Hast du auch
Hunger? Ich freu mich schon aufs Essen.“
„Essen“ war
anscheinend das Stichwort, denn als wir das Haus betraten, strömte
uns der leckere Duft von Essen
entgegen. Genau definiert war dieses Essen
das Mittagessen
und bestand aus Käsespätzle, Hähnchenbrustfilet und Apfelsaft.
Lynn hatte auch ihre hauseigene Beilage beigesteuert, den
Kartoffelsalat à la Lynn Waltz.
Als wir alle versammelt am
Esstisch saßen, stellte ich fest, was für ein komisches,
fünfköpfiges Team wir waren: Mom, Dad, Lynn, Ayesha und ich.
Mein
Magen hielt es nicht länger aus. Ich stürzte mich auf meinen Teller
und leerte ihn ratzfatz, ohne so wirklich darauf zu achten, was auf
ihm lag. Den ganzen Vormittag lang hatte ich nichts gegessen
(geschweige denn gefrühstückt!) und trotzdem tapfer durchgehalten,
damit die Kundinnen keinen schlechten Eindruck von mir bekamen. Dann
war mir unfairerweise ein Schokoriegel nicht gegönnt worden, was
mich total quälte. Das leckere Mittagessen war jetzt also die
Rettung. Trotzdem brauchte ich drei Portionen, um satt zu werden. Mom
zog schon die Augenbrauen hoch, aber ich mampfte unbeirrt weiter. Sie
wusste genau, dass ich Schokoriegel über alles liebte und lange
nicht mehr gegessen hatte!
Abgesehen davon war die Stimmung am
Tisch echt super. Natürlich wünschte ich mir trotzdem meine Friends
dazu, damit sie erstens Dads (verhältnismäßig nicht mittelmäßige)
Kochkunst bewundern konnten und wir zweitens wieder mehr zusammen
machten.
Ich
räumte mein Geschirr ab, bedankte mich bei Dad für das Essen und
stürmte unter Moms genervtem Seufzen überhastet raus. Meine Friends
aßen bestimmt im Café, also suchte ich dort zuerst nach
ihnen.
Volltreffer.
Ich riss die Tür zum Waltz-Café mit etwas
zu viel Enthusiasmus auf (ich stolperte fast) und lief
freudestrahlend auf den Zweiertisch zu, an dem Mayari und Ayame
saßen. Während ich mir einen Stuhl vom Nachbartisch klaute und zum
Zweiertisch schob, fragte Mayari misstrauisch: „Wo warst
du?“
Dieser grummelige Empfang war ja komplett anders, als ich
erwartet hatte! Ich hätte jetzt mit einem freundlichen Hi und einer
BFF-Umarmung gerechnet! Aber stattdessen sowas, na toll.
„Hä,
ich hab mit meiner Familie Mittag gegessen! Dad hat gekocht,
Käsespätzle und Hähnchen!“, rechtfertigte ich mich
verständnislos. Offensichtlich führte das aber nur zur
Verschlimmerung der Lage, denn anstatt begeistert zu sein, wurde
Mayari neidisch und knurrte augenrollend: „Ja, und ich muss hier
bei einem Erdbeermilchshake und Zitronenmuffins sitzen. Für den
Milchshake allein zech ich dann 2,66 Euro und werd noch nicht mal
richtig satt. Ayames Zitronenmuffins sind ja noch sozusagen gratis,
weil sie die bezahlt.“
Ayame war noch nicht so grumpy drauf wie
Mayari, aber sie fiel mir auch nicht gerade um den Hals. Während sie
einen großen Schluck von ihrem Matcha-Milchtee nahm, berichtete sie
sachlich: „Timo hat's zurzeit voll schwer. Heute wurde wieder
sabotiert, denn im Kunden-WC gab's einen Rohrbruch, der kein Zufall
sein kann. So langsam werden die Sabotageakte ja immer schlimmer!“
Nachdenklich rückte sie ihre Brille zurecht. Dann fing sie an, mit
leerem Blick aus dem Fenster zu starren, was mich irgendwie richtig
doll nervte. Dadurch machte sie nämlich meine letzte Hoffnung auf
ein vernünftiges Gespräch zunichte. Mit der Zeit hatte ich
rausgefunden, dass der leere Blick bei ihr hieß, dass sie
nachdachte, nicht anzusprechen war und keine Lust auf den Tag mehr
hatte. Ich konnte ja einigermaßen verstehen, dass sie Trauma von
Vicky und Valerie hatte und wegen dem anstrengenden Vormittag müde
war, aber es war trotzdem kein gutes Gefühl, dass meine Friends
nicht mit mir reden wollten. Denn eins bedeutete Ayames Haltung vor
allem: Sie hatte schlechte Laune. Bei ihr war das genauso
offensichtlich wie bei Mayari, die ansonsten eigentlich eher der
fröhliche Typ war. Um das Gespräch nicht komplett erlöschen zu
lassen wie eine kleine Flamme, die noch nie richtig groß gewesen
war, meinte ich zur Sabotage: „Um ehrlich zu sein, ich verdächtige
Jette. Sie geht dauernd aufs Klo – also zum Tatort – und ist die
ganze Zeit im Café. Außerdem wissen wir nicht, warum sie und Timo
Lia beschuldigen, Tasuke überfallen zu haben. Eigentlich haben sie
gar keine Beweise oder guten Ausreden. Und ihr habt bestimmt nicht
vergessen, dass sie sich irgendwie verdächtig benommen hat, als wir
mit ihr über den Überfall auf Tasuke geredet haben. Was meint ihr?“
Perfekt gelöst. Mit einer Frage konnte ich sie zum Reden anregen.
Denn das Letzte, was ich jetzt wollte, war bedrückende Stille und
mein einsamer Monolog.
„Ja, kann schon sein. Wir müssen mal mit
ihr reden“, murmelte Ayame nach einer unangenehmen Pause und schien
dabei immer noch nicht ganz bei der Sache zu sein. Argh! Waren dieses
Gespräch und die Stimmung denn gar nicht mehr zu retten?! Ich
versuchte es mit aller Kraft und sie gaben mir nicht einmal eine
Chance! Wenn sie jetzt nicht noch etwas sagten, würde ich wieder
weggehen.
Ich wollte gerade ernsthaft aufstehen, als Mayari
plötzlich rief: „Ich find diesen Verdacht total blöd! Jette ist
unschuldig! Warum soll sie denn die Saboteurin sein?! Das Café ist
doch ihrs!“ Das machte jetzt gar keinen Sinn. Solche Diskussionen
hatten wir schon viel zu oft geführt, ihre Argumente waren nicht
überzeugend. Mayari wollte gerade einfach nur streiten. Die Stille
so zu beenden, war auch nicht gerade eine gute Lösung. Seit wann war
Mayari denn so drauf?! Wollte sie mich etwa aus dem Café locken? War
sie etwa verdächtig? War sie etwa die Saboteurin?!?! Ich äußerte
meinen Verdacht sofort. Wenn Mayari schon wütend war, hatte ich auch
Grund dazu – sogar noch viel mehr! Irgendwie war gerade alles
ungerecht.
Ayame kam mit einem anderen Verdacht dazwischen (was
aber nicht sehr hilfreich war): „Tasuke ist doch auch verdächtig.
Er ist so oft im Café, und zwar ohne uns! Er könnte auch der
Saboteur sein, und der Zwischenfall mit den Kratzern auf seinem Kopf
hatte private Gründe.“ Das brachte Mayari jetzt zum vollkommenen
Ausrasten, und sie schrie Ayame an: „Du verdächtigst deinen
eigenen Bruder?! Du bist doch safe selber die Saboteurin!“ Dass
Ayame den Verdacht auf ihren Bruder lenkte, war wirklich verdächtig.
Würde sie nicht irgendwas im Schilde führen, würde sie ihn
verteidigen – auch, wenn sie ihn gerne ärgerte. Ich sah sie
prüfend an, und wahrscheinlich war mein Blick zu scharf geraten.
Ayame stützte nämlich den Kopf in die Hände und beachtete dabei
nicht, dass ihre Brille verrutschte. „Dass ihr jetzt eure BFF
verdächtigt, ist gemein und unfair“, zischte sie, „Dann kann ich
ja auch euch verdächtigen.“
Mayari zeigte mit bebendem Finger
auf mich. „Klar, sie denkt ja auch, dass ich das Café
sabotiere!“
Ich schüttelte den Kopf. „Merkt ihr denn nicht,
dass das alles Quatsch ist?!“, rief ich verzweifelt, „Wir sind
Best Friends Forever! Wir sind doch keine Saboteurinnen! Jette und
Timo sind die einzigen, die hier verdächtig sind. Und vielleicht
noch Lynn oder so. Kapiert ihr das denn gar nicht?!“
Anstatt
jetzt vernünftig zu werden, stritt Ayame meine Theorie ab. „Timo
ist nicht verdächtig! Das hat er doch schon so oft geschworen!“,
schluchzte sie. Sie war die erste, die weinerlich wurde. Ich funkelte
sie mit vorgeschobenem Unterkiefer und knirschenden Zähnen an,
während ich mit den Tränen kämpfte. So unfair kannte ich meine
Friends gar nicht, vor allem die ruhige AyAy. Es ging mir doch gar
nicht so doll darum, dass Timo verdächtig war – ich wollte ihnen
nur friedlich klarmachen, dass es Schwachsinn war, uns gegenseitig zu
verdächtigen. Aber stattdessen nahm sie jetzt alles persönlich und
fand Timo außerdem wichtiger als uns.
Mayari bildete eine eigene
Meinung. Während sie die Arme verschränkte, kreischte sie: „Jette
ist nicht schuldig! Wahrscheinlich seid ihr ein komisches Dreierteam
mit Timo und sabotiert Jettes Café, um ihr zu schaden. Ich hasse
euch alle!“
„Ich euch auch, aber sowas von! Ihr seid einfach
nur doof!“ Ich schob meinen Stuhl weg, stapfte zur Tür, knallte
sie hinter mir zu und stapfte weiter. Was ich gesagt hatte, klang
irgendwie kindisch, aber anders konnte ich es auch nicht ausdrücken.
Meine Ex-Freundinnen als beschissene Arschlöcher zu bezeichnen, ging
einfach nicht - dafür waren sie noch zu kurz erst meine
Ex-Freundinnen. Vielleicht würde ich ihnen diese Info später in den
Gruppenchat schreiben (und den danach direkt löschen), wenn ich Bock
hatte, Gedanken an sie zu verschwenden.
Ohne zu wissen, warum
eigentlich, drehte ich mich noch mal zur Tür um. Ayame bezahlte
gerade und hängte sich dann mit tränenüberlaufenem Gesicht an den
überforderten Timo. Mayari starrte mich an und saß schmollend am
verlassenen Zweiertisch. Sie hatte sich einen Hoodie übergeworfen
und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Als ich nicht mehr aushalten
konnte, wie sie mich anglotzte, zeigte ich ihr einfach den
Mittelfinger. Ich konnte nicht anders.
Dann rannte ich weg –
direkt in Lia rein.
Nachdem
ich mich eine halbe Stunde lang bei Lia über meine komischen
Freundinnen beschwert hatte, gab sie mir erst einen Rat und brachte
mich dann zum Glück auf andere Gedanken: „Ich glaube, es ist
ratsam, wenn du in den nächsten Tagen einen Bogen um das Café
machst, denn deine sturen Freundinnen werden sich dort ja wohl
aufhalten. Nicht, dass ich dich davon abhalten will, zu ermitteln
oder Bubbleteas zu kaufen, aber es ist die beste Lösung, würde ich
mal sagen. Sie sollen schmerzlich merken, wie es sich anfühlt, wenn
du ihnen fehlst. Schließlich haben sie dich doch auch verletzt,
oder? Dann würde ihnen eine kleine Lektion auch nicht schaden. Deine
Freundin Ayame ist meiner Ansicht nach sowieso nicht unbedingt die
Art Freundin, die du brauchst – wer kann das auch schon sein, der
mit Timo Waltz zusammen ist?“, sagte sie mit ernster Stimme. Das
war ihr Rat. Sie schien echt eine Abneigung gegen Timo und Ayame zu
haben! (Die gegen Letztere konnte ich verstehen!) Dann fuhr sie in
etwas muntererem Tonfall fort: „Vielleicht solltest du mal einen
Freund suchen, das wäre eine gute Ablenkung! Und es wäre ja auch so
gut, dann hast du nämlich jemanden an deiner Seite – also außer
mir und deinen Eltern... Ach ja, und Lynn. Also letztens erwähntest
du Rob. Wie sieht's denn damit aus?“
Ich stöhnte. „Rob? Ich
hab ein gefährliches Abenteuer mit ihm erlebt, ansonsten läuft da
nix. Der ist komisch und verdächtig und außerdem mit Ayesha
zusammen. Jedenfalls ist die offensichtlich in ihn verknallt und er
hat uns beschattet.“
Lia zuckte seufzend die Achseln. „Aber
wenn du ihn jetzt magst? Dann kann dir Ayesha eigentlich egal sein.
Manchmal muss man Leuten schaden, um das Richtige zu tun.“ Sie
lächelte mich an. Ich lächelte matt zurück, stützte aber den Kopf
in die Hände und die Ellbogen auf die Knie. Das Gespräch mit Lia
war zwar einigermaßen beruhigend, aber gleichzeitig auch total
überfordernd. Keine Ahnung, wie das sein konnte. Denn eigentlich war
es ja ein Widerspruch. Ich stand mühsam auf und ging ein paar
Schritte weg.
Lia lief zu einer Stelle, wo sie Werkzeug,
Ziegelsteine und abmontierte Rohre liegen gelassen hatte, um den Kram
wegzubringen.
Jemand
zupfte an meinem Ärmel. Ich drehte mich um und schaute direkt in
Robs dunkles Gesicht. „Hey Rilana“, sagte er, „warum bist du so
depri? Übrigens war das ein großer Fehler von mir, dass ich mich
nicht an der Arbeit von heute Vormittag beteiligt hab. Eigentlich
wollte ich dadurch nämlich erreichen, dass...“
Ich unterbrach
ihn, denn dieses Geschwafel interessierte mich jetzt nicht. Ich hatte
eine wichtigere Frage, mit der ich sofort herausplatzte. „Was läuft
zwischen uns? Bist du in mich verknallt?!“, schrie ich
unkontrolliert, weinerlich und wahrscheinlich viel zu plump.
Rob
trat einen Schritt zurück und fasste sich verwirrt an die Mütze.
„Ja!“, sagte er perplex, „Ich... mag dich. Ungefähr seit
unserem Abenteuer. Wenn du's genau wissen willst.“ Dann wurde seine
Stimme ruhig, aber ernst. „Deshalb hab ich euch ja auch beschattet,
weil ich dachte, du machst nicht mit und ich kann's dir dann in aller
Ruhe sagen. Aber dann hast du dich an meiner Stelle an der Aktion
beteiligt und alles ist komplett schiefgelaufen. Ich hätte mich
einfach von Anfang an nicht verstecken sollen. Jetzt hab ich mir
damit nur einen verkorksten Plan eingebrockt. Und Ayeshas Wut
und den Ärger von Frau Westfried und so weiter.“ Er zuckte mit den
Schultern. „Also, ja, ich bin in dich... Äh. Das soll jetzt nicht
seltsam klingen oder so.“
Ich stieß einen stillen Schrei aus und
taumelte mit den Armen rudernd nach hinten. Wäre er nicht so
geschockt von meiner plötzlichen Frage gewesen, hätte er
wahrscheinlich nicht alles auf einmal gestanden. Und vielleicht wäre
das auch besser gewesen, denn die Dosis der Informationen war etwas
zu hoch für mich. Während sich Chaos und Leere gleichzeitig in
meinem Gehirn ausbreiteten, suchte ich nach passenden
Worten.
„Ich... Ich glaube, ich gehe jetzt was trinken“,
stammelte ich schließlich und hielt mich an einem Baum fest. Es war
die junge Eiche, an der ich mich festgehalten hatte, als Rob meine
Schubkarre zu fest angestoßen hatte. Das war am dritten Ferientag
gewesen, und irgendwie war die Erinnerung an diesen Tag gut.
Rob
schlurfte wortlos in die entgegengesetzte Richtung davon. Mir kam
erst etwas später der Gedanke, dass er enttäuscht war.
🐴
Es
tat gut, dass Dad mal aus dem Flur rauskam und wir zusammen das
Abendessen vorbereiteten. Wir schmierten und belegten Brote und
schnitten Gurken und Tomaten für den Salat. Ein paar Gurkenscheiben
kamen auf die Brote.
Obwohl das Abendessen sehr einfach war,
schmeckte es uns allen gut. Es war eine reine Familienrunde. Nur Mom,
Dad und ich saßen am Tisch. Was eigentlich auch ganz gut war, denn
vor dem Umbau war es sowieso immer so gewesen.
„Wir kommen
gerade richtig gut weiter beim Umbau! Vielleicht können wir ihn
schon in einer Woche abschließen, wenn wir jetzt richtig rangehen“,
verkündete Dad fröhlich.
Mom verdrehte die Augen. Dads gute
Laune konnte sie nicht anstecken. Im Gegenteil, Mom meckerte
drauflos: „Das sagst du jetzt so, Andreas! Es ist längst nicht so
leicht, wie du es dir vorstellst. Wenn wir wirklich weiterkommen
wollen, kannst du nicht nur dauernd im Flur rumstehen und irgendwie
mal chillig einen alten Nagel rausreißen. Draußen im Café wird
sabotiert und wir müssen dauernd was organisieren. Kannst du dich
nicht um mehr Zimmer als nur den Flur kümmern? Du könntest
auch das Wohnzimmer auf Vordermann bringen! Ist dir schon bewusst,
ne? Oder es würde zumindest mal helfen, wenn du uns finanziell
unterstützen würdest, und zwar mit einem richtigen Job.“
Dad
stand von seinem Stuhl auf. „Du hast doch auch keinen 'Job'!
Stattdessen verstrickst du dich in kriminelle Sachen und nimmst
illegales Geld an! Das hab ich schon mitbekommen, Sina! Ich sag dir,
das gibt am Ende nur Ärger. Da nützt es uns mehr, dass ich den
ganzen Tag lang stehe und unseren komplett runtergekommenen Flur ganz
neu mache. Dabei hilft mir ja auch keiner, Herrn Waltz habt ihr ja
vergrault! Um Lynns Café könnt ihr euch doch später kümmern. Es
ist besser, wenn wir erst mal den Umbau beenden und dann Vollzeit
ermitteln. Außerdem übernimmt das schon Rilana.“ Ich biss mir auf
die Unterlippe. Durch den Streit mit meinen Friends wurde das
Ermitteln schwerer, außerdem hatte Lia mir geraten, mich vom Café
fernzuhalten.
Dad fuhr fort: „Was machst du denn die ganze Zeit?
Das möchte ich mal wissen! Etwa Geld einkassieren und
Pferdetag-Aktionen planen? Also von dem, was ich so mitbekomme,
könnte man meinen, du stehst rum, laberst und kommandierst Leute
rum! Und du bezahlst Schokoriegel, nimmst Schulden auf und lässt
unsere Pferde da vergammeln.“ Ich nickte heftig und stellte mich
neben Dad.
„Dad hat Recht!“, rief ich, „Schokoriegel kosten
auch was! Ich hätte übrigens wirklich mal einen verdient. Und
unsere Pferde verdienen größere Boxen. Das sag ich dir ja schon die
ganze Zeit! Es will sich aber keiner darum kümmern, weil man da halt
mal anpacken müsste!“
Mom zog frustriert ab. „Ja, ihr stellt
euch jetzt natürlich auf eine Seite“, brummte sie entnervt.
Dad
und ich atmeten gleichzeitig wütend aus. Dann tätschelte Dad meinen
Kopf und versprach mir, dass er dafür sorgen würde, dass die Boxen
vergrößert wurden. Er ging in den Flur, um dort sein
Sanierungsprojekt zu beenden.
Ich
donnerte meine vollgestickerte Zimmertür mit Wucht zu und schloss
geräuschvoll ab. Dann tat ich genau dasselbe wie die angebrauchte
Cookie-Packung, die ich aus dem Küchenschrank gemopst hatte: Ich
ließ mich auf mein Bett fallen. Die Krümel auf meiner kindischen
Decke waren mir jetzt egal. (Ich wollte mich ja schließlich auch
verkrümeln!!!)
Zur
Entspannung machte ich auf meinem Handy meinen Lieblingssong von „Die
Schule der magischen Tiere“ an: „Halt, das ist unser Wald!“
Eine Weile hörte ich einfach der Musik zu, kam aber nicht richtig in
den Flow. Die Probleme von Ida und ihren Klassenkameraden waren
einfach nicht mit denen vergleichbar, die ich heute durchmachte. Der
Song passte gerade überhaupt nicht zu meinen aktuellen Gedanken und
war gar keine Hilfe.
Verärgert stoppte ich das Musik-Video und
tippte auf ein anderes. Wie sich herausstellte, war es
„Karamell“.
Ich
häng' mit meinen Girls auf der Party-Insel
Unsere Yacht parkt an
der Küste
Wo wir auf der Veranda sitzen
Macadamianüsse in der
Marmorschüssel
Jeder weiß, dass wir es sind
High Heels, Cat
Eyes, Tigerprint
Wir haben Hunger, also sag der Küche
Auf die
Pasta müsste noch schwarzer Trüffel
Blattgoldflocken
im Salat, denn wir sind Stars heute
So viel Selbstbewusstsein,
Jungs kriegen Albträume
Riesenvilla, Feuerquallen in einer
Glassäule
Wir wollen mehr davon, immer mehr davon...
Ich
natürlich auch! Aber das war voll der Schwachsinn. Von wegen
Macadamianüsse und schwarzer Trüffel! Ich fand hier Käsespätzle
und Hähnchenbrust schon 5-Sterne-mäßig.
Ich rekelte mich
ärgerlich auf der Matratze und schmatzte so laut wie möglich, als
ich mir den nächsten Cookie reinstopfte. Die Wiedergabe zu stoppen
war mir zu aufwendig, lieber übertönte ich das arrogant-utopische
Geträller. Als die nächste Strophe anfing, konnte ich nur noch mit
den Augen rollen und mich innerlich protestierend
ergeben:
Sonnenbrille
auf, unsre Zukunft wird hell
Das Leben schmeckt süß, zuckersüß,
Karamell
Wer braucht Konfetti? Wir schmeißen mit Geld
Gib mir
mehr davon, immer mehr davon
Sonnenbrille auf, unsre Zukunft wird
hell
Buch' uns 'ne Suite im Fünf-Sterne-Hotel
Wer braucht
Konfetti? Wir schmeißen mit Geld
Gib mir mehr davon, immer mehr
davon
Brauch' keinen Typen, lieb' mich selbst
Independent,
kauf' die Welt
Schwarze Karte, lila Geld
Hab' für alle Drinks
bestellt
Flaschen kommen mit Feuerwerk
Nachbarn rufen
Feuerwehr
So ikonisch wie Chanel
Gästeliste, Triple
A-A-A
Wirklich nichts gegen
Emilia Pieske (Helene) und den Song an sich, die Songwriter hatten ja
eigentlich nicht vorgehabt, mich neidisch zu machen und zu quälen.
Aber im Moment weckte das in mir eine rasende Wut. Diese Zicken in
ihrer Traumvilla waren total stinkreich, beliebt, weltberühmt und
tierquälerisch. Da ging es meinen Pferden in ihren kleinen Boxen
während des Umbaus besser als diesen armen Feuerquallen, die in
Glassäulen eingesperrt wurden und dort herumschwimmen mussten. Gegen
alle Regeln der Faulheit raffte ich mich dazu auf, noch etwas zu tun:
Ich tippte auf das Wiedergabe-Symbol auf meinem Handy, bevor die
nächste Strophe anfangen konnte. Helene hatte ja ihre treuen BFF
Katinka und Finja (die so ungefähr alles für sie machten). Meine
Friends waren nur beschissen. Bis sie sich freiwillig zu meinen
Ex-Friends erklärt hatten, waren sie meine einzigen richtigen
Freunde gewesen. Jetzt hatte ich nur noch Lia und vielleicht Rob.
Ich
griff erneut nach dem Handy und ging auf die Chat-App. Bevor ich in
den Gruppenchat schrieb, dass Ayame und Mayari beschissene
Arschlöcher waren, überflog ich die anderen Chats und schaute, ob
mir jemand sinnvolle Nachrichten geschrieben hatte. Außer sinnlosen
Hi-Nachrichten und Emojis im Schulchat, den ein Mitschüler letztens
erstellt hatte, gab es nur die wütenden Spam-Nachrichten von Mayari.
Das provozierte mich. Ich zögerte keine Sekunde.
Ihr
seid beschissene Arschlöcher! Ich hasse euch! Solche BFF braucht
keiner, weil sie NICHT FOREVER sind!!!,
tippte ich mit vor Wut zitternden Fingern. Selbst sie wurden von
meinem Zorn durchflutet.
Ich starrte aufs Display. Einige Minuten
passierte nichts, dann tauchten kleine Punkte von Ayame auf. Sie
tanzten und sprangen nervauftreibend lange herum, verschwanden wieder
und tauchten wieder auf. Ich konnte nicht anders, als auf Ayames
verdammt lange Nachricht zu warten, aber schließlich kam keine.
Enttäuscht, frustriert und augenrollend warf ich mein Handy von hier
bis zum Schreibtisch rüber. Es hatte schon so einige harte Aufpralle
erlebt.
Überfordert stöhnend ließ ich mich wieder rücklings
aufs Bett fallen und testete damit die Widerstandsfähigkeit meines
Bettgestells. Irgendwie konnte ich gerade auf alle nur sauer sein.
Zum Beispiel auf Mom und Dad, die heute gestritten und deshalb die
Stimmung beim Abendessen vermiest hatten. Vermiest! Timo und Jette
hatten mir meine BFF vermiest. Die waren ihnen jetzt nämlich
anscheinend wichtiger als ich. Wen hatte ich denn dann überhaupt
noch?! Auf dem Hof vielleicht noch Lia und Ayesha und in der Klasse
niemanden.
Noch waren Ferien. Und es war auch erst der siebte
Ferientag. Ich hatte genug Zeit, mich wieder mit meinen Ex-Friends zu
vertragen, nur die würden das sicher nicht mitmachen. Ich riss mir
eins von Ayames vier Freundschaftsarmbändern vom Handgelenk und warf
es unters Bett in den Staub. Dort konnte es vergammeln, einstauben
und zur Nahrung von irgendwelchen Milben und Krabbelviechern
werden.
Die komische halbe Ersatzfreundschaft mit Ayesha konnte
meinen großen Verlust nicht wiedergutmachen. Wegen Rob würde es
sicher noch Probleme zwischen uns geben. Rob...
Mein Blick fiel
aufs Fenster. Er würde bestimmt wieder herkommen, um den
Sonnenuntergang anzugucken. Inzwischen stand die Sonne schon tief am
Himmel.
Den Schock, den seine Geständnisse bei mir ausgelöst
hatten, hatte ich während meines stillen Wutausbruchs überwunden.
Nur dass er wiederum wahrscheinlich meine Reaktion verkraften musste.
Die hatte ein ziemlich großes Missverständnis ausgelöst. Rob
dachte bestimmt, dass ich null Interesse hatte und vollkommen
überfordert war. Aber jetzt fühlte ich das Gegenteil.
Als ich
lange aus dem Fenster gestarrt hatte, entwickelte ich einen Plan, wie
ich unser Missverständnis hinter uns bringen konnte...
🐴
Ich
kam frisch geduscht und mit geputzten Zähnen aus dem Bad raus. In
ein graues Handtuch gewickelt, ging ich in mein Zimmer und zog mir
dort das schwarze Top und die weiße Jogginghose an. Hatte ich diese
Hose nicht auch bei der Autobahn-Action getragen? Wenn ja, dann war
das nur gut.
Ich stellte meinen Taschenspiegel auf den
Schreibtisch und sah darin, wie ich mir einen lockeren Dutt band.
Danach flitzte ich die Treppe runter. Wenige Millisekunden, bevor ich
in meine total verschlammten, ehemals weißen Sneaker schlüpfte,
blieb ich stehen. Die würde ich jetzt nicht anziehen. Ich hatte sie
viel zu lange nicht geputzt und jeden Tag getragen. Zum Glück hatte
ich noch ein bisschen Zeit, sie zu putzen, bis die Sonne anfing
unterzugehen und mein Schatten immer länger wurde. Deswegen rannte
ich noch mal schnell in die Küche, machte ein Küchentuch nass und
schnappte mir eine Bürste.
Als meine Sneaker zumindest halbwegs
wieder weiß glänzten, stellte ich sie zum Trocknen auf den Balkon
des Erdgeschosses. Der war an die Küche drangebaut und mit einem
aufgehängten schwarzen Sitzkorb in Flechtkorb-Optik
ausgestattet.
Dann bewegte ich mich zum Schuhregal im Flur. Ich
klappte das unterste Schuhfach auf, das Schuhfach mit meinen
Schuhen. Welche Sommerschuhe hatte ich da denn noch? Die Sandalen mit
Leopardenprint und goldenen Schnallen, die ich vorletztes Jahr
gekauft hatte, waren mir schon zu klein. Auf dem Hof waren die
sowieso nicht so praktisch, selbst wenn man nur einmal zur Wiese
neben der Scheune lief, um dort den Sonnenuntergang zu beobachten.
Also ließ ich meinen Blick über die anderen Schuhpaare wandern, die
in dem Schuhfach standen. Die schicken schwarzen Spangen-Pumps, die
ich diesen Frühling zur Konfirmation getragen hatte, kamen auch
nicht infrage. Und auf meine Reitstiefel (die mir passten und die ich
nicht Lia gegeben hatte) hatte ich jetzt auch keinen Bock. Da blieben
nur noch meine blau-weißen Turnschuhe, die Stiefeletten von heute
Vormittag und weiße Chucks mit Blütenprint übrig. Meine
Winterschuhe standen zum Glück im Keller. Also, ich musste eine
Entscheidung treffen. Und die fiel auf die Turnschuhe. Eigentlich
trug ich die in der Schule beim Sportunterricht, aber über die
Ferien hatte ich sie nach Hause mitgenommen.
Ich lockerte ihre
Schnürsenkel und hüpfte mit den Füßen unter die Schuhzunge.
Nachdem ich mir die Schuhe wieder gebunden hatte, rannte ich los, um
meinen Plan durchzuführen.
Ich
wartete eine Viertelstunde vor der Scheune, bis Rob kam, um die
untergehende Sonne zu beobachten. Während meine Gedanken immer
wirrer und gleichzeitig leerer wurden, kam mehr und mehr Bewegung in
meine Hände. Ich wischte mit den Handflächen auf dem erdigen Boden
herum, bis ich ein sauberes Plätzchen zum Sitzen hatte. Ich setzte
mich hin und schob ein Bein übers andere.
Endlich tauchte eine
Person mit gelber Mütze hinter dem schemenhaften Stall auf. Rob
hatte die Hände in den Hosentaschen und lief geradewegs auf mich zu.
Jetzt kam es darauf an, möglichst versöhnlich auszusehen.
Als er
so nah war, dass er mein Gesicht genau erkennen konnte, trat er einen
Schritt zurück. Ohne etwas zu sagen, stand er eine Weile vor mir und
schien darüber nachzudenken, was er tun sollte. Ich überlegte kurz,
ob ich charmant lächeln und ihn mit einer fließenden Handbewegung
zu mir winken sollte, entschied mich aber dagegen. Das würde zu
einem Zitterkrampf und einem peinlichen Bild von mir in Robs Kopf
führen. Um trotzdem alles richtig zu machen, setzte ich mich etwas
aufrechter hin und bereitete mich darauf vor, etwas zu sagen.
Rob
wollte sich gerade seine Mütze vom Kopf nehmen und sich abwenden,
damit es nicht zu einem Gespräch kam, als ich mir einen Satz
zurechtgelegt hatte. „Hey, Rob!“, sagte ich wie immer, „Geh
bloß nicht weg! Das würde meinen schönen Plan ruinieren. Ich bin
dafür, dass wir jetzt alles klären.“
Rob drehte sich im
Schneckentempo wieder zu mir und hatte dabei einen sehr skeptischen
Gesichtsausdruck. „Bin mir gar nicht so sicher, ob's da noch was zu
klären gibt!“
Ich stand auf. Dann ließ ich die Arme
theatralisch schlenkern und rief kopfschüttelnd: „Du denkst, ich
wäre... ich... keine Ahnung, ich wäre gegen deine Freundschaft oder
so.“ Bravo, echt mega ausgedrückt, Rilana! Das klang gerade wie
die Ausrede eines Kleinkinds, das Schokolade gemopst hatte! Trotzdem
fuhr ich fort: „Das stimmt halt gar nicht! Ich“ - wurde
rot - „hab echt nichts gegen
dich. Bei der Sache heute war ich einfach von der Infomenge
überfordert! Außerdem hatte ich vorher Streit mit meinen BFF und
deswegen waren mir eigentlich alle neuen Informationen zu viel. Mein
Verhalten tut mir echt leid. Ich hab das nicht so gemeint, okay? Das
war wirklich blöd von mir. Wenn du willst, können wir weiter...
Freunde sein.“ Jetzt war es raus. Ich hatte nichts mehr zu sagen.
Rob war dran.
Nach einem zweiminütigen, von Robs Räusper-Anfällen
unterbrochenen Schweigen bemerkte mein Gesprächspartner einfach:
„Früher waren abends Pferde auf der Koppel, aber seit die
Sicherheitszäune abgerissen werden mussten, werden einfach keine
neuen mehr besorgt und die Pferde schlafen immer im Stall. Wird echt
Zeit, dass Frau Westfried oder sonst wer dafür sorgt, dass die
Pferde nachts wieder auf die Koppel können. Das Gras ist dann
weniger zuckerhaltig und die Pferde sind eigentlich dämmerungsaktiv.
Außerdem gibt's dann weniger Insekten.“ Ich wusste nicht, ob der
plötzliche Themawechsel ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war,
also sagte ich nichts und musterte Rob. Er schaute zur Koppel und das
Licht der fast verschwundenen Sonne traf auf sein Gesicht. Es
entstand ein echt besonderer Lichteffekt, den ich gar nicht
beschreiben konnte. Das einzige, was ich dazu sagen konnte, war, dass
ich ab jetzt an diesen faszinierenden Moment gebunden war, wenn ich
an Rob dachte.
„Aber
den Sonnenuntergang gucken wir uns auch ohne Pferde auf der Koppel
an, ne?“, riss mich Rob aus meinen Gedanken.
Ich lächelte und
schüttelte den Kopf. „Nö!“, sagte ich entschlossen. Ich packte
Rob an der Hand und ging mit ihm zur Scheune. Dort standen unsere
Futtervorräte und einige Geräte und Maschinen. Außerdem lagerten
wir dort Partydeko und Turnier-Ausstattung. Ich war schon lange nicht
mehr in der Scheune gewesen und hatte Bock, dort Zeit mit Rob zu
verbringen.
Als ich es ihm erklären wollte und wir kurz davor
waren, das alte Gebäude zu betreten, kam Ayesha um die Ecke. Sie sah
von ihrem Handy auf, setzte dazu an, etwas Nettes zu sagen, hob dann
aber nur die Augenbraue.
Ayesha
drehte mich an den Schultern zu ihr. „Warum starrt ihr euch so
an?!“,
blaffte sie.
„Wer?“, fragte ich verwirrt, „Rob und ich?“
Ayesha verdrehte die Augen. „Wer sonst?!“
„Keine Ahnung“,
gab ich zu, „Er hat mit der ganzen Starrerei angefangen! Ich hab
zurückgestarrt, weil er so merkwürdig und verdächtig war! Und
du... Seid ihr etwa ein Paar?“ Ayesha beantwortete meine Frage
nicht und wandte sich einfach an die Teilnehmerinnen...
Alles,
was hier gerade passierte, war mir plötzlich unangenehm. Als Ayesha
mit verzogenem Gesicht vorbeigegangen war, griff ich verzweifelt Robs
zweite Hand und flüsterte: „Seid ihr zusammen?“
Rob sagte
nichts und machte sich sanft los. Mich ließ er auf der Schwelle zur
Scheune zurück und kurz darauf war er in der hereinbrechenden Nacht
verschwunden.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen