Rilana & Friends
Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 2: Geheime Winke-Hand
Als
ich am nächsten Tag um kurz vor 10 mit einem Bubbletea, der wieder
klassisch taiwanesisch war, aus Jettes und Timos Café kam, lagen auf
dem Boden ein Fünfhunderterschein, vier Hunderterscheine und zwei
Fünfzigerscheine. Ich hob die Scheine auf. Merkwürdig! Wer verlor
bitte so viel Geld auf unserem Reiterhof?
Während ich weiter
darüber nachgrübelte, lief ich zu Mom. „Lag auf dem Boden. Hat
wahrscheinlich jemand verloren. Kannst du haben“, erklärte ich und
drückte ihr die Geldscheine in die Hand.
Mom strahlte. „Super,
Schatz! Damit können wir die Schulden bezahlen, die Rob und Ayesha
gestern wegen Ice Creams Koliken beim Tierarzt aufgenommen haben.
Leider befürchte ich, dass wir trotzdem neue Schulden aufnehmen
müssen, denn heute wird Carlo entwurmt und um die Hufeisen von
Moritz müssen wir uns ja auch noch kümmern.“
Ich atmete
erleichtert auf. Mom hatte also doch auch noch die Probleme von den
Pferden auf dem Schirm. Nur war ihr anscheinend noch nicht klar, dass
die Pferdeboxen vergrößert werden mussten.
Mit dem Bubbletea in
der Hand ging ich Steine kickend durch den Hof. Wer würde Carlo wohl
entwurmen? Auf jeden Fall jemand, der wusste wie das ging. Ich lief
noch mal zu Mom zurück und stellte ihr die Frage.
„Lynn wird
das machen“, antwortete Mom und ein paar Falten bildeten sich auf
ihrer Stirn. Sie fuhr ernst fort: „Mit mir zusammen ist sie die
einzige vom Hof, die von sowas wirklich Ahnung hat. Sie wird Carlo
aus einer Tube ein Medikament gegen Zwergfadenwürmer verabreichen.
Heute hatte er nämlich Durchfall, was ein Zeichen dafür ist, dass
man ihn entwurmen muss. Ohne Lynn haben wir allerdings eine
Hilfskraft weniger.“
Mom ging zur Sattelkammer, von der der Putz
abbröckelte, und trat den blöden Steinhaufen zur Seite, über den
Lynn mich gestern in der Schubkarre rumpeln gelassen hatte und durch
den ich in einer Katastrophe gelandet war.
Ayesha und Rob kamen an
Mom vorbei. Ayesha schaute auf ihr Handy und Rob kaute auf einem
Strohhalm. Er bekam von Mom die 1000 Euro in die Hand gedrückt.
Zusammen mit Ayesha sollte er jetzt zum Tierarzt fahren und die
Schulden begleichen.
Mom fing an, den noch verbliebenen Putz von
der Wand zu reißen.
🐴
Ich
lief zu Lynn, die mit einer Tube in der Hand zielstrebig auf den
Stall zuging. „Hi Lynn, ich bin's!“, rief ich. Lynn nickte mir
zu.
„Du entwurmst jetzt Carlo?“, fragte ich sie.
Lynn zeigte
auf die Tube. „Genau. Und du?“
Ich schaute mich um und
erklärte spontan: „Ich glaub, ich geh jetzt ins Haus. Bis später!“
Ich winkte und sah, wie Lynn die Tür von Carlo und Cecis Box
aufsperrte. Dann lief ich ins Haus. Überall lagen hässliche
dunkelgraue Filzunterlagen mit bunten Fusseln und Farbklecksen.
Dad
stand auf einem Hocker und werkelte an der Therme. Neben ihm stand
Lynns Mann, Herr Waltz, auf einer Leiter und strich ein Rohr weiß
an. Dabei rauchte er eine Zigarette.
Ich rümpfte die Nase.
„Immer
schön nett zu allen Leuten sein!“, säuselte Dad. Auf dem Hof war
das Rauchen verboten, im Haus offenbar nicht. Sowas Dummes. Im Haus
müsste es doch eigentlich erst recht verboten sein. Aber Herr Waltz
rauchte unverschämt weiter und genoss den stinkenden Qualm.
Offensichtlich konnte er so besser arbeiten.
Ich zuckte mit den
Achseln und ging weiter durch das Haus. Angekommen im Wohnzimmer ließ
ich mich auf das graue Leinensofa fallen. Es war ein neues
Möbelstück. Wir hatten es gegen das alte, durchgesessene, halb
kaputte Ledersofa getauscht. Das war eine von den wenigen
Veränderungen im Haus, die ich total gut fand.
Ich schob mir ein
Kissen hinter den Rücken und griff nach meinem Handy. Irgendwie
hatten in der letzten Zeit viele Leute hellrote Handys, das war total
im Trend.
Ich tippte auf den Gruppenchat mit Ayame, Mayari und
Tasuke. Wir schrieben uns, dass Tasuke in 10 Minuten vorbeikommen
würde, um bei den Umbauarbeiten zu helfen, und Ayame und Mayari dann
ab den Mittagessen dazustoßen würden. Wahrscheinlich würde es
einfach Tiefkühlpizza geben.
Ich steckte das Handy wieder weg und
trank meinen Bubbletea aus.
„Rilana!
Pizza!“, dröhnte Moms Stimme aus einem anderen Zimmer. Ich
schlurfte in die Küche und holte die Pizzen aus dem Kühlschrank.
Die packte ich dann aus und schob sie in den Backofen. Dann bereitete
ich die Soßen vor. Eigentlich fand ich, dass es auch ohne ging, aber
Mom war da ganz anderer Meinung. Außerdem wollte ich mir ein
bisschen die Zeit vertreiben, bis meine Friends kamen.
Es
klingelte. Ich ließ die Soßen stehen, die ich gerade vorbereitete,
und rannte zur Tür. Tasuke kam rein. „Hi“, sagte er, „bin
jetzt da. Wo ist deine Mutter?“
„Die ist im Bad und repariert
die Dusche. Kannst zu ihr.“ Ich ließ ihn durch und ging wieder in
die Küche. Dort schüttete ich die Soße in einen Topf und ließ sie
darin köcheln.
Als die Soßen und die Pizzen fertig waren,
stellte ich alles auf den Tisch im Esszimmer und ging nach draußen
zum Stall. Lynn kam gerade raus. Sie hatte Schweißperlen auf der
Stirn und wirkte sehr zufrieden. „Die Entwurmung ist gut gelaufen,
zum Glück!“, erklärte sie.
„Super!“, sagte ich
erleichtert. Ich war wirklich froh, dass es Carlo gutging.
Das
Mittagessen war leckerer als gedacht. Ehrlich gesagt lag das
wahrscheinlich eigentlich nur daran, dass Ayame und Mayari mitaßen.
Und daran, dass ich es gekocht hatte, hihi.
„Was hast du am
Vormittag so gemacht?“, fragte Ayame mich und stopfte sich das
letzte Stück von ihrer Pizza in den Mund.
Ich schluckte ein Stück
Pizza hinunter. „Ich hab 1000 Euro gefunden und Mom gegeben.“,
erzählte ich.
„Waaas?“ Ayames Augen wurden kugelrund. „Du
hast im Ernst 1000 Euro gefunden? Das ist... der Hammer! Hat die
jemand verloren?“
„Wahrscheinlich, keine Ahnung. Ich kenn
keinen vom Hof, der so viel Geld einfach verlieren würde...“
Mayari
sprang auf. „Wir kriegen das raus!“ Wir wechselten einen Blick.
Dann nickten wir uns zu und klatschten uns ab.
Als wir alle
aufgegessen hatten, standen wir auf und gingen raus. Den Abwasch
konnte ja Mom machen, denn ich hatte ja gekocht. Ich hörte sie
seufzen und grinste.
Draußen
sahen wir eine junge Frau im geblümten Sommerkleid auf dem Reiterhof
umherstreifen. Sie schien etwas zu suchen.
Ayame kniff mich in den
Arm. Ich verstand das Zeichen. Mayari hatte die Situation offenbar
auch schon gecheckt und reagierte sofort. „Suchen Sie zufällig
1000 Euro?“, fragte sie die Frau. Die nickte dankbar. Sie hatte
kinnlange hellbraune Haare und eine weinrot geränderte Brille. Über
dem geblümten Sommerkleid trug sie eine blaue Jeansjacke mit buntem
Rankenmuster an den Knopfleisten.
Ich trat einen Schritt vor.
„Entschuldigung, das Geld habe ich leider schon meiner Mutter
gegeben, weil ich dachte, es gehört keinem mehr, und meine Mutter
hat es schon an den Tierarzt verfüttert. Wenn wir selber wieder mehr
Geld haben, können wir Ihnen die 1000 Euro zurückzahlen. Ich heiße
Rilana Westfried. Brauchen Sie meine Nummer?“
Die junge Frau
wurde blass. „Das kommt drauf an. Wie heißt deine Mutter?“,
fragte sie mich.
„Sina Westfried. Warum?“ Ich wurde langsam
nervös.
Die Augen der Frau leuchteten hinter den Gläsern ihrer
Brille auf. „Ich – ich glaube, ich brauche deine Nummer nicht“,
sagte sie stockend, „Ich bin mit deiner Mutter befreundet und
wollte das Geld sowieso ihr spenden, weil ich erfahren habe, dass sie
in Not ist.“ Sie lächelte uns an. Dann gab sie mir die Hand. „Ich
heiße Lia Reddehase. Kennst du Lynn Waltz, die Freundin von deiner
Mutter? Ich bin Lynns Schwester!“, erklärte sie freundlich.
Ich
schaute meine Freundinnen an. Ayame trat vor. „Ich bin Ayame
Nakamura“, sagte sie zu Lia. Die nickte.
„Ich bin Mayari
Entrada. Meine Eltern kommen von den Philippinen“, stellte Mayari
sich vor.
„Meine kommen aus Japan!“, ergänzte Ayame.
Lia
schaute sich verstohlen um. „Kann ich mal kurz zu deiner Mutter?“,
fragte sie mich. „Sie wird sich sicher freuen, mich zu
sehen.“
„Klar. Die ist drinnen.“ Ich wies mit dem Daumen auf
das Haus. „Vielen Dank!“, sagte Lia und stöckelte mit laut
klappernden Absätzen zum Haus. Einmal stolperte sie fast über einen
herumliegenden Ziegelstein, dann blieb sie mit ihrem Kleid an einem
Strauch hängen und kurz bevor sie das Haus erreichte verfingen sich
ihre Haare in dem riesigen Misthaufen, den Mom und Tasuke gestern
aufgeschaufelt hatten. Aber sie schien sich über all das nicht zu
ärgern.
Als sie hinter der Tür verschwunden war, gingen wir in das
Café von Jette und Timo und setzten uns dort an einen Tisch. Weil
ich heute schon einen Bubbletea gehabt hatte, bestellte ich
nichts.
Wo Lia wohl die 1000 Euro in Bar herhatte? Wir dachten
darüber nach und beschlossen, sie bald zu fragen.
Jette räusperte
sich. „Ich muss mal. Soll ich euch bei der Gelegenheit zeigen, wo
das Klo ist?“, fragte sie uns. Für wie dumm hielt sie uns bitte?
Es war total klar, wo der Toilettenraum war. Auf der Tür zu ihm
stand dick und fett WC drauf. Außerdem war die Tür für Kunden
komplett sichtbar.
Mayari setzte ein fakes Lächeln auf und wir
drei schüttelten die Köpfe. Jette zuckte die Achseln und schlurfte
los.
Es klapperte laut. Timo hatte die oberste Schublade der
Spülmaschine zu weit rausgezogen und die war mit dem schmutzigen
Besteck auf den Boden gekracht.
„Scheiße! Mist!“, schimpfte
Timo ärgerlich und stampfte mit dem Fuß auf. Er trat auf eine
Gabel. „Verfluchte Kack-Gabel!“ Zu dumm, dass er nur Socken
anhatte!
Ayame sprang auf und rannte hinter den Tresen. „Ich helf
dir, Tollpatsch!“, rief sie und bückte sich, um die brutale Gabel
aufzuheben. Timo starrte sie an. „Äh... okay.“
Zusammen
räumten sie das Besteck wieder in die Schublade und stellten sie in
die Spülmaschine zurück.
„Äh... Cool, dass du mir geholfen
hast...“, stotterte Timo und ließ die Klappe der Spülmaschine
einrasten.
Ayame rückte ihre Brille zurecht und ging langsam
wieder zu unserem Tisch zurück. Mayari und ich tauschten einen
Blick. „Zukünftiger Boyfriend?“, flüsterte Mayari. Ayame boxte
ihr gegen die Schulter.
„Hey, was?!“, beschwerte sich
Mayari.
Die Tür vom Toilettenraum ging auf. Jette kam raus und
stellte sich hinter den Tresen. Timo riss ein Stück von der
Küchenrolle ab und wischte damit über die Kaffeemaschine.
Mayari
sprang auf, stellte sich hinter Ayame und schob sie zum Tresen.
„Tschüs, Timo. Sehr cooles Abenteuer!“, flötete sie und haute
hinter Ayames Rücken ab. Ayame legte ein paar Münzen auf den Tresen
und schlenderte auf die Tür zu.
Mayari gab Knutschgeräusche von
sich und verschwand zusammen mit mir kichernd nach draußen. Ayame
warf uns einen Fühl-mich-gemobbt-Blick zu und knallte hinter uns die
Tür zu, um sich dann die Brille zurechtrückend wieder an den Tresen
zu stellen.
„Der Flirt geht weiter“, wisperte ich in Mayaris
Ohr.
„Dieser dumme Timo kann unserer Ayame nicht widerstehen!“,
kicherte Mayari. Wir bekamen einen Lachflash und positionierten uns
hinter dem Café-Fenster, um Ayame weiter zu beobachten.
„Na,
was treibt ihr jetzt wieder für Unfug?“, fragte hinter uns eine
Stimme. Lynns Stimme. Sie ging mit neuen Speisekarten auf die Tür
zu. Stimmt, sie hatte ja die Preise erneuert.
„Wir beobachten
was, was du gleich mitkriegst!“, gluckste Mayari. Lynn runzelte die
Stirn und zog die Augenbrauen hoch. „Aha? ...“
Ich spoilerte:
„Timo flirtet.“
Lynn lachte kurz und machte die Tür auf. „Oh
Gott. Coming-of-age“ sagte sie und ging rein. „Na, Timo?“,
fragte sie so laut, dass wir es hören konnten. Timo und Ayame
zuckten zusammen.
Jette nahm ihrer Mutter die erneuerten
Speisekarten aus der Hand und verstaute sie.
Timo ging hinter dem
Tresen in die Hocke und man sah nur noch eine Hand, die Ayame
zuwinkte. Ayame schlich an Lynn vorbei aus dem Café. Ich zeigte ihr
Peace. „Jetzt ist Mayari mit Tasuke nicht mehr allein“, verriet
ich ihr. Sie verdrehte grinsend die Augen. „Und Lynn weiß das!“,
fügte ich frech hinzu.
„Hey, das war doch gar nichts!“,
schwindelte Ayame. „Was habt ihr dagegen, dass ich ihm helfe,
runtergefallenes Besteck aufzusammeln?“ Sie verschränkte die Arme
und warf einen Blick zurück.
„Gar nichts“, sagte ich im
Gehen, „aber Timos geheime Winkehand war sehr verdächtig.“
Mayari
gluckste. „Und du musst auch immer schön schick deine Brille
zurechtrücken. Heiß!“ Anstatt was Gemeines zu kontern oder Mayari
zu treten oder zu boxen, steckte Ayame nur die Hände in die
Hosentaschen und schwieg. War sie jetzt beleidigt? Oder schwärmte
sie einfach nur vor sich hin? Ich zuckte die Achseln und kickte mit
meinen weißen Sneakern ein Steinchen zur Seite.
🐴
Auf
dem Hof sahen wir zu, wie Mom und Lia die Pferde nach und nach vom
Stall auf die Koppel führten. Lia schien sich echt gut mit Pferden
auszukennen, obwohl ihre Kleidung gar nicht geeignet war.
Stöckelschuhe und Sommerkleid, also echt!
„Braucht ihr Hilfe?“,
rief ich Mom zu und joggte auf die Koppel zu. Sie führte gerade Ceci
und Lia lief dahinter mit Carlo zur Wiese. Bei der Gruppe von Pferden
waren viele Stuten und Fohlen dabei, was bei Carlos Erziehung
half.
„Nein, geht schon. Ich hab ja Lia“, erklärte Mom und
wedelte mit der Hand. „Wenn wir hiermit fertig sind, komm ich zu
euch. Treffen wir uns im Wohnzimmer?“
„Klar!“, sagten Ayame,
Mayari und ich wie aus einem Mund.
„Und bereite Cookies vor, ja,
Schatz? Das ist mein Kraftfutter!“, rief Mom uns hinterher und
lachte auf. Ich rollte mit den Augen und vergrub die Hände in den
Hosentaschen meiner Jeans. Während meine Friends und ich zum Haus
liefen, konnten wir Tasuke sehen, der Satteldecken ausklopfte.
Wir
gingen rein. Drinnen holte ich Cookies aus dem Küchenschrank und
schüttete sie in eine Schale. Dann bewegten wir uns ins Wohnzimmer
und setzten uns dort auf das neue graue Leinensofa.
Mayari schien
etwas einzufallen. „Wir dürfen nicht vergessen, Lia nach ihrem
Geld zu fragen!“, erinnerte sie uns.
Ayame nickte. „Ja, können
wir ja gleich machen, wenn deine Mutter mit uns geredet hat“, sagte
sie zu mir. Ich nickte auch und naschte heimlich einen Cookie. „Hat
keiner gesehen!“, flunkerte ich schnell.
Wir warteten noch kurz
und nach einer Weile kam Mom. Sie lächelte schlapp, zog sich
das Haargummi vom Zopf und setzte sich zufrieden seufzend zu uns aufs
Sofa. „So, Mädels. Jetzt erzähle ich euch was.“ Sie überschlug
die Beine und nahm sich einen Cookie aus der Schale. „Wahrscheinlich
habt ihr ja schon Bekanntschaft mit Lia gemacht“, begann sie und
schob sich den Cookie in den Mund. „Als Lia 10 war und ich mit 28
schon den Reiterhof aufgebaut hatte, nahm sie hier öfters
Reitstunden oder war einfach zum Ponyreiten hier. Wir waren gut
befreundet. Weil Lynn, die damals 22 war, oft mit ihrem Lastenrad
herkam, um Lia von ihren Reitstunden abzuholen, freundete ich mich
auch mit ihr an. Das war vor 17 Jahren. Ganz schön lange her, was?
Erst 3 Jahre später, da war ich 31, kamst du zur Welt, Rilana
Schatz. Ach so, und 2 Jahre vor dir hat Lynn Jette zur Welt gebracht.
Damals war Lynn 23. Als sie schwanger war, hatte sie Herrn Waltz
geheiratet. Ein Jahr danach kam auch noch Timo. Und ein Jahr, bevor
Jette zur Welt kam, hatte ich deinen Dad Andreas Westfried
geheiratet.
Weil Lynn mit Geburtsnamen Reddehase heißt und erst
durch ihre Heirat zu Lynn Waltz geworden ist, heißen Lia und Lias 7
Jahre älterer Bruder Leon, der inzwischen 32 Jahre alt ist, noch
Reddehase. Lia hat nämlich noch nicht geheiratet. Leon schon, aber
er ist Reddehase geblieben. Ziemlich verwirrend, was?“ Mom machte
eine kleine Pause und schaute aus dem Fenster. Draußen stand Lia und
striegelte Sternschnuppe, eine Rappenstute.
„Weil Lia unseren
Reiterhof so liebgewonnen hat, als sie hier Reitstunden nahm, und
jetzt erfahren hat, dass wir Hilfskräfte für den Umbau brauchen,
ist sie hierhergekommen, um zu helfen. Das ist echt nett von ihr. Ich
habe ihr erzählt, wie schlecht unsere finanzielle Lage wegen dem
Umbau ist, und da hat sie beschlossen, ehrenamtlich für uns zu
arbeiten. Sie hilft uns wirklich sehr. Weißt du noch, die 1000 Euro?
Das waren ihre“, fuhr Mom fort. Sie strich mit dem Finger durch
die leere Schale, um verbliebene Krümel aufzuspüren.
Ich nickte.
„Wir gehen jetzt auf den Hof.“
Ayame, Mayari und ich sprangen vom
Sofa auf und ließen Mom mit der leeren Schale zurück. Sie schaute
mir verärgert hinterher. „Hättest auch noch die Schüssel
wegbringen können!“ Ich grinste und lief innerlich triumphierend
raus.
Wir gingen auf Lia zu. „Hallo Lia!“, begann ich, während
ich die Hand auf Sternschnuppes Rücken legte. Ich warf einen
fragenden Blick in die Runde. Mayari zeigte auf sich und nickte. „Wo
hattest du 1000 Euro in Bar her?“, fragte sie Lia begeistert.
Lia
lächelte. „Ich habe Lynns altes Lastenrad verkauft und das Geld
bei der Bank umgetauscht. So ein Lastenrad ist echt erstaunlich
teuer!“ Sie packte den Striegel in den Putzkasten und führte
Sternschnuppe in den Stall.
„Ich rate dir, für die
Ponymädchenkleidung mal geeignetere Sachen anzuziehen!“, rief
Ayame ihr hinterher. Dann wandte sie sich an uns. „Übrigens,
Leute: Morgen ist Tasukes Geburtstagsparty! Die vermiese ich ihm!“
Sie grinste gemein.
Mayari streckte ihr die Zunge raus. Dann
fragte sie: „Wie alt wird er denn?“
„14.“
Dann ist
er so alt wie ich!, dachte ich.
Da war Tasuke. Er sortierte
Reithelme. Ayame und Mayari liefen auf ihn zu. Ich wollte ihnen
folgen, aber da fiel mein Blick auf Ayesha und Rob, die in einer
schattigen Ecke kauerten und auf ihre Handys starrten. „Komme
gleich dazu!“, rief ich meinen Friends zu und eilte zu Rob und
Ayesha.
„Warum könnt ihr eigentlich immer abhängen und
chillen? Es sind Umbauarbeiten, vergessen? Müsst ihr etwa nicht
helfen?“, fragte ich mit einem scharfen Ton in der Stimme.
„Klar
müssen wir mithelfen!“, verplapperte sich Rob sauer. Er machte den
Reißverschluss seiner Bauchtasche auf und steckte sein Handy rein.
Währenddessen schoss Ayesha ein Selfie mit Duckface. Dann stand sie
auf, schob sich das Handy in die Gesäßtasche und erklärte: „Wir
kriegen halt nie Aufgaben.“
Robs dunkle Hand glitt wieder zum
Reißverschluss seiner Bauchtasche. Diesmal zog er ihn zu. „Frau
Westfried müsste uns mal welche geben!“ Er stand mit einem Ruck
auf und marschierte ins Haus, um sich von Mom Aufgaben zu holen.
Ayesha zog ihr weißes Langarm-Shirt zurecht. Dann folgte sie
Rob.
Die zwei waren extrem verdächtig. Immer wenn ich sie
ansprach, steckten sie ihre Handys weg und gingen los, um irgendwas
halbwegs schwachsinniges zu machen. Also lief ich zurück zu Ayame,
Mayari und Tasuke. Die drei lachten gerade über irgendwas. Ich
lachte einfach mit.
„Ist dieser Timo echt so scharf?“, fragte
Tasuke skeptisch.
„Wahrscheinlich nicht so scharf wie du“,
meinte Mayari und ergriff die Flucht. Es ging also um Ayame und
Timo.
Tasuke betrachtete seine Schwester mit unangenehm
durchbohrendem Blick. „Boah, kaum zu glauben!“, kommentierte er, „Ayame Nakamura hat einen Crush auf Timo Waltz! Als ich ihn gestern
gesehen hab, wo ich mir den Bubbletea gekauft hab, um euch damit zu
bespritzen, kam er mir eher dumm vor. Aber okay, wenn du willst,
kannst du gerne in ihn verknallt sein! Dann heiratet ihr am besten
und kriegt 3 dumme, gemeine Chaos-Kinder.“
Ayame schlug Tasuke
auf den Bauch. „Du hast von sowas keine Ahnung!“, schimpfte sie.
Dann warf sie einen Blick nach hinten, dorthin, wohin Mayari
verschwunden war, und lächelte listig. „Oder vielleicht
doch?“
Tasuke verschränkte die Arme. Ayame fügte hinzu: „Wer
weiß? Vielleicht hast du zwar auf dein Eis keinen Knutschabdruck von
Mayari bekommen, aber dafür auf die Wange?“ Sie kicherte.
„Morgen
stehst du auf, gehst raus und hältst dich bis zum Abend von unserem
Haus fern, damit du mir die Party nicht vermiesen kannst. Du kriegst
Hausverbot! Und ein Stück Kuchen kriegst du nur für dein ganzes
Taschengeld!“, sagte Tasuke wütend und haute ab.
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