Rilana
& Friends
Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 3: Ein falsches Knöllchen
„Heute
gibt es viel zu tun, Mädels!“, sagte Mom, als wir am zweiten
Ferientag zu ihr kamen. „Tasuke muss ja seine Party vorbereiten und
Lia arbeitet heute nur bis 10 und kommt erst nach dem Mittagessen
wieder. Also müssen wir jetzt liefern. Rob fährt mit euch zum
Pferdefachgeschäft, und ihr sucht das Kraftfutter für die Fohlen
aus, okay? Aber ihr fahrt erst in einer Stunde los, also um 9:45 Uhr.
Bis dahin heißt es: Ran an die Arbeit! Ich bin beim Stall. Ihr geht
jetzt einfach zu Lia und fragt sie, was ihr machen könnt.“
Wir
gingen zu Lia. Sie kratzte in Sternschnuppes Huf. Die war wohl ihr
Lieblingspferd geworden. „Cora, Ice Cream und Tornado müssen noch
geputzt werden“, sagte sie zu uns, „Macht ihr das?“
„Ich
nehm Cora!“, rief Mayari. Ayame lachte. „War ja klar. Okay, ich
putze Ice Cream. Sie scheint keine Koliken mehr zu haben.“
Ich
holte uns einen Putzkasten und sagte: „Dann kümmer ich mich halt
um Tornado.“ Tornado war ein brauner Wallach mit Flocke und
Fesseln. Cora war eine Apfelschimmelstute mit Schnippe und Stiefeln
an den Hinterbeinen.
Während Lia schon anfing, Sternschnuppe
abzuspritzen, schnappten wir uns erst die Striegel. Mit kreisenden
Bewegungen entfernten wir groben Schmutz von Hals, Rücken und Kruppe
der Pferde. Als Lia Sternschnuppe abgetrocknet und in den Stall
gebracht hatte, tauschten wir unsere Striegel gegen Kardätschen
ein.
Lia kam mit ein paar schmutzigen Eimern aus dem Stall zurück.
Während sie sie säuberte, sagte sie in traurigem Tonfall: „Der
Hof scheint in letzter Zeit nur noch Ausgaben zu machen.“ Das
stimmte. Wir hatten wirklich kaum noch Einnahmen, seit Mom mit dem
Umbau gestartet hatte. Ich hasste diesen Umbau. Der war nur blöd.
Ich nickte trotzig.
Lia schaute mich mitfühlend an. „Ich werde
euch so gut es geht helfen. Echt schade, dass kaum noch Leute zum
Reiten herkommen. Der Umbau schreckt sie ab. Ich glaube, ich werde
ein bisschen Werbung für den Hof machen müssen.“ Sie bückte sich
nach einem Eimer. Der schmutzige Lappen fiel ihr aus der Hand und
klatschte auf ihre High-Heels. Wie dumm! Heute hatte sie zwar
Reiterstrümpfe, Bluse und Hot Pants mit Spitzenbesatz angezogen,
aber Stöckelschuhe trug sie immer noch. Vielleicht hatte sie einfach
keine anderen Schuhe.
Ich fing an, vorsichtig Tornados Beine zu
säubern und fragte mich im Kopf, wie Lia wohl Werbung machen würde.
Wie ein professionelles Werbemodel kam sie mir gar nicht vor.
Lia
hob den runtergefallenen Lappen auf und stöckelte weg, um die
gesäuberten Eimer wegzubringen. Ich konnte sehen, wie sie sich mit
Mörtel und Spaten an einer kaputten Wand zu schaffen machte.
Meine
Friends und ich schnappten uns weiche Bürsten und farblich
gekennzeichnete Schwämme, um die Köpfe von Tornado, Cora und Ice
Cream zu putzen.
„Echt
fies, dass Tasuke mir Hausverbot für heute gegeben hat“, sagte
Ayame plötzlich. „Ich weiß, ich bin ja selber manchmal bisschen
gemein zu ihm, aber... Ich glaub, ich werd trotzdem heimlich ins Haus
gehen und ihm einen Streich spielen.“
Mayari stampfte mit dem
Fuß auf und Cora wieherte erschrocken. Aber als ich eine Hand auf
ihren Hals legte, beruhigte sie sich wieder.
„Nein, du
entschuldigst dich bei ihm!“, forderte Mayari entschlossen. Da kam
mir eine Idee. „Du spielst ihm einen Streich, der am Ende doch nur
auf eine Entschuldigung hinausläuft! Einen
Entschuldigungsstreich!“
Ayame nickte heftig. „Ich verstecke
sein Stück von der Geburtstagstorte auf dem Dach und lege noch einen
Zettel mit einem Smiley und einer Entschuldigung dazu! Smarter Plan,
ne?“ Sie bekam einen Kicheranfall und fing an, Ice Creams Hufe
auszukratzen.
„Und bis dahin führen wir sie mit einer
Schnitzeljagd an der Nase herum!“, beschloss Mayari. Ayame nickte
geistesabwesend und wurde still. Ich griff nach dem Hufauskratzer für
Tornado. Schließlich fragte Ayame: „Leute, glaubt ihr, Tasuke hat
Timo eingeladen?“ Sie rückte ihre Brille zurecht.
Mayari und
ich wechselten einen Blick und prusteten fast los. „Kann sein, kann
auch nicht sein“, meinte ich.
„Das ist jetzt aber wirklich
verdächtig!“, protestierte Mayari, „Gestern geheimer
Abschiedswink und heute unauffällige Sehnsucht.“
Ayame
betrachtete angelegentlich ihre Fingernägel. „Wärst du nicht gern
zu Tasukes Geburtstagsparty eingeladen?“ Sie schaute Mayari
schelmisch an.
Ich ließ das Wasser fürs Abspritzen der Pferde an
und machte erst mal Mayari und Ayame nass, bevor ich mich Tornado
zuwendete.
„Ey!“, schrie Mayari, kümmerte sich schnell um Cora
und rannte ins Haus, um sich umzuziehen. Nachdem wir Tornado und Ice
Cream abgespritzt hatten, begann zwischen Ayame und mir eine kurze
Wasserschlacht.
🐴
Als
Lia um 9:40 Uhr 20 Minuten früher ging als geplant, fuhr auch Rob
mit uns zum Pferdespezialgeschäft. Es gab einen kurzen Stau, wegen
dem wir uns etwas verspäteten. Zum Glück hatten wir ja keinen
Zeitdruck. Und leider auch keinen Parkplatz! Deshalb parkte Rob auf
einer Stelle, auf der man eigentlich nicht parken durfte. Aber wir
würden ja nicht lange weg sein.
Rob, Mayari, Ayame und ich
stiegen aus dem Auto und liefen über die Straße ins
Pferdefachgeschäft. Dort schauten wir uns so lange um, bis wir das
passende Kraftfutter gefunden hatten. Obwohl wir das eigentlich nicht
vorgehabt hatten, kauften wir auch noch einen neuen Salzleckstein für
Ceci, weil ihrer fast verbraucht war. Der neue war komplett
rosa-lachsfarben und aus hochwertigem Himalayasalz.
Wir bezahlten
und brachten den Einkauf in den Kofferraum von Robs Tesla. Neben dem
hinteren Kennzeichen klebte ein Anti-Musk-Aufkleber. Ich fand ihn
eher peinlich als rechtfertigend, aber Rob schien ihn lustig und cool
zu finden. Er wollte gerade die Fahrertür aufmachen und einsteigen,
als er mich zu ihm winkte. „Rilana! Komm mal her! Hier is'n
Knöllchen! Und noch was!“ Er klang aufgebracht.
Ich nahm das
Knöllchen in die Hand und schaute es mir an. Aha. Das sah ja
ziemlich unseriös aus. Auf dem Knöllchen stand nichts von Polizei –
nur eine Nummer, um 25 Euro Strafgeld für Falsches Parken zu
überweisen. Dann fiel mein Blick auf den Flyer, den Rob hochhielt.
Er hatte ebenfalls zwischen den Scheibenwischern geklemmt, als wir
aus dem Geschäft rausgekommen waren.
Wie komisch! Der Flyer war
Werbung für Moms Reiterhof. Er wirkte nicht sehr professionell und
die Tinte, mit der er bedruckt war, war von den Scheibenwischern
etwas verwischt.
Das Knöllchen flog mir aus der Hand. Mayari und
Ayame waren losgerannt und hatten Wind erzeugt. „Hey!“, sagte ich
verärgert und breitete hilflos die Arme aus, „Wo wollt ihr
hin?“
„Zu mir nach Hause!“, antwortete Ayame, „Ist voll in
der Nähe. Wir machen den Prank mit Tasuke.“ Ich nickte und hob das
„Knöllchen“ auf. Plötzlich war ich mir sicher, dass das kein
echter Strafzettel sein konnte. Ich seufzte. Ich musste jetzt wohl
allein rausfinden, wer uns beobachtet und ihn uns so frech hingelegt
hatte. Nein, nicht allein. Zusammen mit Rob. Uff... Ayame und Mayari
wären mir viel lieber gewesen.
„Ey, Rob!“, begann ich und
stieß ihn leicht in den Arm. „Wir müssen rauskriegen, wer das
war!“
Rob nickte. „Ich fahr bisschen in der Gegend rum.
Vielleicht kriegen wir so Hinweise. Kommst du mit oder fährst du
schon mit der U-Bahn zum Hof und gibst deiner Mutter den Einkauf?“,
fragte er mich. Ohne zu überlegen antwortete ich: „Ich nehm die
Bahn und bring schon mal die Sachen zu Mom. Kommst du dann nach dem
Essen zurück?“
„Klar. Bis dann.“ Rob drückte mir
Kraftfutter und Salzleckstein in die Hände, stieg ins Auto und
brauste um die Ecke.
Ich stand verloren da. Was sollte ich einfach
so mit einem Salzleckstein ohne Verpackung und einer zerbrechlichen
Papiertüte mit Kraftfutter anfangen? Das einfachste war, mein Handy
hervorzukramen und mir ein U-Bahn-Ticket zu kaufen. Als ich damit
durch war, gab ich mir einen Ruck und marschierte auf die
U-Bahn-Station zu. Meine U-Bahn kam und ich ergatterte einen
Sitzplatz, aber auch die verwirrten Blicke von allen Mitfahrenden. Um
nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu provozieren, schaute ich zu Boden
auf meine Füße. Meine weißen Sneaker waren total dreckig geworden.
Das erinnerte mich an Lia mit ihren nassen, ungeeigneten
Stöckelschuhen.
Lia! Sie wollte Werbung für Moms Hof machen,
wahrscheinlich in Form von Flyern. So langsam setzte sich ein
Zusammenhang in meinem Kopf zusammen. Lia wollte Werbung für Moms
Reiterhof machen und Geld für Mom sammeln. Kurz vor uns ist sie nach
Hause gefahren. Wahrscheinlich kannte sie das Pferdefachgeschäft und
auf Robs Tesla lagen ein falsches Knöllchen und ein Flyer für Moms
Hof. Alles sprach dafür, dass Lia uns aus einem Fenster beobachtet,
aber nicht erkannt hatte und uns dann das Knöllchen und den Flyer
aufgehalst hatte, um das Geld, also die 25 Euro „Strafgeld“ dann
Mom zu überweisen, um sie zu unterstützen. Lia war die
Täterin.
Mist, Rob kurvte jetzt immer noch umsonst mit dem Auto
in der Stadt herum. Egal.
Ich stieg aus und ging zum Hof. Wenn Lia
zurückkam, würde ich sie sofort zur Rede stellen. Leider kam sie
erst nach dem Mittagessen zurück, genauso wie Rob.
🐴
Auf
einer Bank vorm Stall saß Ayesha und schaltete den Intervall für
ein Selfie ein. Ich sprang hinter sie, zeigte ihr Hasenohren und
schrie: „Buh!“ In dem Moment, wo das Handy Ayeshas Selfie schoss,
zuckte sie zusammen und bekam die realistischsten Hasenohren
ever.
„Warum schießt du dauernd Selfies?! Es gibt so viel
Arbeit!“, meinte ich wirklich genervt. Ich war fassungslos.
„Ich
hab einen TikTok-Kanal mit richtig vielen Followern und poste täglich
mehrere Fotos. Warum sollte ich dann einen Misthaufen weggabeln,
wenn's auch einfacher geht, Geld zu kriegen? Dass ihr euch da immer
einmischen müsst, ist krass nervig! Rob versteht das nicht, aber ich
sag dir eins: Er kann echt gut Videospiele spielen! Wenn Gamer sein
Traumjob ist?!“, fuhr mich Ayesha an.
Ich stemmte den Arm in die
Hüfte, verdrehte die Augen und stöhnte: „Schieß deine Selfies in
der Shopping-Mall! Was hängst du hier ab, wenn du dir wahrscheinlich
wirklich einfacher das Geld verdienen könntest?“
Ayesha verzog
die Miene und verschränkte die Arme vor der Brust. „Studier Jura
und lass mich in Ruhe!“, zischte sie und zog ab.
Ich schüttelte
den Kopf. Dann schnappte ich mir den Einkauf und ging damit zu Mom in
den Stall. Sie versuchte gerade, Moritz zu beruhigen, und war sehr
froh, dass ich mit den notwendigen Dingen zurückgekommen war.
„Hi,
Mom!“, rief ich, während ich auf Cecis riesigen neuen
Salzleckstein und das frisch gekaufte Kraftfutter zeigte. „Der
Salzleckstein ist für Ceci“, erklärte ich, „der war günstig
und da stand drauf, dass der eine gute Qualität hat. Außerdem
braucht Ceci ja wirklich einen neuen. Vielleicht kann Carlo ja schon
mitlecken?“ Mom lächelte und nahm mir die Einkäufe ab. Ich
überlegte, ob ich ihr von Lias Knöllchen erzählen sollte,
entschied mich aber dagegen. Auch wenn es schmutzig war, war es
trotzdem besser, wenn sie das Geld einfach bekam. Mom hatte viel zu
viel um die Ohren. Und das war ja auch einigermaßen ihre Schuld. Sie
hatte selbst mit dem Umbau angefangen.
Ich lief in die
Abstellkammer, schnappte mir eine Schubkarre und setzte mich in sie
rein. Dann kramte ich mein Handy hervor und tippte auf den
Gruppenchat mit Ayame und Mayari, ohne
Tasuke. Sie hatten mir geschrieben, was sie gerade machten.
Ayame
schrieb:
Gerade haben wir Tasukes Kuchenstück auf dem Dach
versteckt und den Zettel dazugelegt. Er sucht noch nicht.
Wahrscheinlich kommen sie gleich hoch. Wir verstecken uns hinterm
Schornstein! Das is ne echt krasse Aktion! LG AyAy
Mayari
hatte geschrieben:
Der Prank ist funny, aber Tasuke tut mir
leid. LG Yari
Ich tippte:
Ich glaube, Lia hat uns ein falsches Knöllchen verpasst, um uns
abzuzocken. Das Geld geht an Mom. Erklär ich euch später. LG
Lana
Ayame antwortete:
Du bist voll das Detektiv-Girl! In letzter Zeit müssen wir voll oft
wegen irgendwas ermitteln, haha. OMG! Ich glaub, sie kommen rauf!
Tasuke ist ultra aggro hihi! LG AyAy
Ich
steckte das Handy zurück in die Hosentasche meiner grauen Hot Pants.
Dann gab ich meiner Schubkarre einen Schubs und rollerte ein wenig
durch die Gegend. Plötzlich tauchte Rob hinter mir auf und gab
meiner Schubkarre noch einen kräftigeren Stoß. Eigentlich wollte er
so weitermachen, aber weil die Schubkarre viel zu schnell wurde,
streckte er seinen Arm vergeblich aus und knallte vornüber auf den
Boden. Ich raste mit Karacho auf ein Bäumchen zu, das im Weg stand.
Zum Glück sauste ich knapp daran vorbei und konnte mich mit dem Arm
an der jungen Eiche festhalten. Das ging so schnell, dass Rob nicht
checkte, dass ich angehalten hatte. Nachdem er sich rasch
aufgerappelt hatte, rannte er auf die Schubkarre zu, kollidierte mit
ihr und fiel ein zweites Mal hin, diesmal mit dem Kopf an meinen
Sneaker. Zum Glück trug er eine Mütze. Die wurde jetzt richtig
dreckig.
Ich half dem komplett durcheinandergebrachten Rob,
aufzustehen und brachte die Schubkarre sicherheitshalber weg. Wir
hatten noch gar nicht das Mittagessen gegessen! Warum war er schon so
früh hier? Er lief mir mit den Armen fuchtelnd hinterher. In der
einen Hand hielt Rob einen großen Cheeseburger von McDonald's, in
der anderen jetzt seine Mütze. Ich sah zum ersten Mal seine
schwarzen Afro-Stoppeln. Bislang hatte ich mir irgendwie immer
vorgestellt, er hätte sie entweder ganz abrasiert oder blond
gefärbt, aber so war es ja eigentlich besser. Ich hatte echt viele
Fragen an Rob. Aber eine war besonders wichtig. „Hey, Rob!“, rief
ich, „Warum bist du früher gekommen?“
Er fuchtelte immer noch
mit seinem Cheeseburger. „Ja, deswegen bin ich ja zu dir gekommen!
So was gemeines! Mann ey! Frechheit!“ Rob war viel zu aufgebracht.
Ich wurde ärgerlich. So konnte ich ja gar nichts verstehen! „Ey,
Rob! Ich hab dich was gefragt! Was meinst du denn jetzt?!“
„Okay,
ich sag dir alles.“ Er beruhigte sich ein bisschen. „Ich bin wie
ich's gesagt hab in der Stadt rumgefahren, um halt Hinweise oder
sowas zu finden. Da hab ich 'nen McDonald's gesehen, da war's
richtig voll drin. Ich hab mir aber trotzdem zwei Cheeseburger
gekauft, einen für mich und einen für Ayesha. Die kriegt ja nie was
von eurem Mittagessen ab. Also, ich bin rein und hab welche gekauft.
Der McDonald's war total voll, wie gesagt. Da draußen hatten die
auch alle keinen Parkplatz mehr. Deshalb gab's ganz viele Autos von
den Leuten, die da was gegessen haben, die einfach irgendwo auf 'nem
verbotenen Platz standen. Ich glaub's nicht, die hatten alle kein
Knöllchen! Mann!“
Ich sah mich um und trat einen
Schritt auf Rob zu. „Das Knöllchen war fake. Diese Lia hat uns das
verpasst. Wenn sie zurückkommt, sprech ich sie drauf an“, machte
ich ihm klar. „Ich wette drauf, dass beim McDonald's morgen jeder,
der dort verboten geparkt hat, so ein Fake-Lia-Knöllchen hat. Fährst
du morgen noch mal hin und schaust nach?“
Rob nickte ernst.
„Klar! Ich fand das einfach so dreist, dass ich sofort zurück bin.
Mann, ich wurde zwei mal angefahren! Mann! ...Mann!“ Rob setzte
sich die Mütze auf. „Wo ist Ayesha? Ich geb' ihr ihren
Cheeseburger. Meinen hab ich im Auto gegessen.“
Ich wies mit dem
Zeigefinger auf einen Strohhaufen. Ayesha scrollte auf ihrem Handy
herum. Wahrscheinlich las sie sich die Kommentare zu ihren Selfies
durch. Ich verdrehte die Augen. Sie verdiente keinen Cheeseburger,
so, wie sie sich heute aufgeführt hatte. Aber egal. Mir schmeckten
Chicken-Burger sowieso besser.
🐴
Mit
Mom und Lynn aß ich zum Mittagessen Penne mit gekaufter Tomatensoße
aus der Dose. Sich schnell einen Reste-Auflauf zusammenzukratzen wäre
nicht viel teurer, echt! Egal, ohne Ayame und Mayari (AyAy und Yari)
schmeckte sowieso jedes Essen fad.
Als ich fertig war und
verständlicherweise keinen Bock auf eine zweite Portion hatte, fiel
mir Lia wieder ein. Inzwischen musste sie wohl gekommen sein. Also
ging ich auf den Hof und suchte alles nach ihr ab.
Schließlich sah
ich sie über einen Zaun springen und auf mich zulaufen. Ihre Schuhe
flogen ihr von den Füßen, als sie auf dem Boden aufkam. Sie
stolperte und konnte sich gerade so am heruntergekommenen Lattenzaun
festhalten, um nicht mit dem Gesicht im Dreck zu landen. Das hätte
sicher schlimme Folgen für ihre dunkelrot geränderte Brille gehabt.
Mit zitternden Knien sank sie doch auf den schmutzigen Boden. Lia
streckte ihren Arm nach ihren unpraktischen High-Heels aus. Aber ich
war schneller. Ich schnappte mir die Stöckelschuhe und hielt sie in
die Luft. Lia wurde blass. Sie rutschte aus und knallte in einen
Haufen von Pferdeäpfeln. „Iiihh!“, rief sie mit zitternder
Stimme und rappelte sich auf. Ihre Bluse war komplett verdreckt. Auch
ihre Jeansjacke hatte eine Wäsche jetzt dringend nötig. Ich klopfte
ihr den Pferdemist einigermaßen von der Kleidung und ließ die
High-Heels vor Lia fallen. Sie stand auf. Als sie sich die
Stöckelschuhe angezogen und ihre Brille zurechtgerückt hatte,
fragte sie verunsichert: „W... Was ist los? Ist was?“
Ich sah
sie kühl an. „Ich hab dir geholfen und du gestehst mir was. Wie
war das jetzt mit dem falschen Knöllchen auf Robs Tesla? Du wolltest
ja Werbung machen und Geld sammeln. Kannst du mir das dann vielleicht
erklären, hm? Hätte nämlich nicht gedacht, dass du für Mom so
weit gehst.“
Lia lehnte sich an den Lattenzaun, schrie heiser
auf und schlug die Hände vors Gesicht. „Oooh! Ihr wart das! Ich
wollte das nicht, das heißt, ich wusste nicht, dass ihr das wart!
Ich...“ Als sie zu Atem gekommen war, richtete sie den Zeigefinger
auf mich und fragte in etwas festerem Tonfall: „Aber wie konntet
ihr wissen, dass ich das war?“
Ich lächelte und hob das Kinn
etwas an. Dann erklärte ich: „War doch klar! Du hast dich durch
den Flyer verraten. Du wolltest ja Werbung machen...“ Jetzt
lächelte auch Lia. „Stimmt ja, ihr seid so schlau.“ Sie klang
schon wieder viel freundlicher. „Weil ihr es seid, müsst ihr mir
das 'Strafgeld' natürlich nicht überweisen, das wäre ja sinnlos.
Ich wollte es sowieso dann deiner Mutter geben. Gut, dass wir das
geklärt haben. Ich wollte echt nur deiner Mutter helfen. Sie hat so
große Geldnot, und die Reitstunden, die ich bei ihr genommen hab,
habe ich nie vergessen. Ich kann bis heute reiten, sogar mit
Stöckelschuhen.“
„Stimmt“, merkte ich an, „ich würde dir
wirklich empfehlen, mal festere Schuhe zu kaufen. Die hier sind
leider wirklich einfach nicht geeignet für die Arbeit mit Pferden.
Und fürs Springen über einen Zaun und fürs Eimerputzen.“
Lia
lachte. Und ich lachte mit. Die alte freundschaftliche Atmosphäre
war wiederhergestellt. An Lia war nichts mehr komisch oder
verdächtig. Wir hatten alles geklärt. Lia war einfach dauernd
darauf aus, Mom mit Geldspenden zu helfen.
„Komm, Lia“, meinte
ich, „Ich lad dich in das Café von Timo und Jette ein.“ Sie
nickte und wir gingen zusammen ins Café.
Lia bekam einen
Kaffee-Latte und ich einen Bubbletea klassisch taiwanesisch.
Es war
nur Jette da. Sie brauchte ewig, um die Sachen herzustellen.
Vielleicht wären ein Kühlschrank und eine Mikrowelle ganz gut
gewesen. Naja, eigentlich machte Jette das verhältnismäßig gut.
Mit Timo, der dauernd nur an der Spülmaschine herumfummelte, wäre
sie wahrscheinlich nicht viel schneller gewesen. Und vor allem, wenn
der dann auch noch Katastrophen angerichtet und mit Ayame geflirtet
hätte... Ich wollte lieber nicht dran denken. Jette brauchte einfach
eine zusätzliche Angestellte, am besten die kompetente Lynn. Aber
die wurde von Mom gebraucht. Ayame, Timo, Jette, Lynn... Ich hatte
Lust, über Timo und Ayame nachzudenken. Dass er nicht hier bei Jette
war, hieß wahrscheinlich, dass Timo auf Tasukes Party Spaß mit
Ayame hatte.
Ich legte mir das Handy auf den Tisch und ging auf den
Gruppenchat mit Ayame und Mayari. Sie schickten mir gerade eine Menge
sinnloser Fotos von der Geburtstagsparty. Es waren alles Gruppenfotos
mit Mayari, Ayame, Timo und Tasuke. Das erste Bild war am lustigsten.
Ayame und Timo waren auf den Schornstein geklettert und bekamen einen
schwarzen Hintern, während sie zwinkerten, den Daumen hochreckten
und wahrscheinlich schnalzten. Neben ihnen standen Tasuke und Mayari
auf dem Dach. Tasuke schaute nicht in die Kamera und streckte dem
Fotografen, wahrscheinlich einem Jungen von seiner Geburtstagsparty,
die Zunge raus. Mayari klammerte sich an Tasukes Arm und strahlte.
Ich verdrehte grinsend die Augen. Das waren wirklich alles
Quatschköpfe.
Auf dem zweiten Bild, das mir Ayame geschickt hatte,
schaufelte sich Tasuke ein riesiges Kuchenstück in den Mund. Ayame
hing über Timos Rücken, während sie ein leeres Portemonnaie in die
Kamera hielt. Mayari bemerkte nicht, dass ein Foto geschossen wurde,
und trank eine Flasche Limonade aus. Ein anderer Junge huschte durch
die Kamera und war wegen der Bewegung verschwommen. Die restlichen
Fotos waren weniger mega als die ersten beiden. Ich scrollte mich
wieder nach oben zu den beiden besten Fotos. Unter dem zweiten Bild
war eine Nachricht von Ayame. Zu ganz vielen weinenden Emojis hatte
sie geschrieben, dass Tasuke ihr ganzes Taschengeld eingefordert
hatte, weil sie sein Kuchenstück versteckt hatte. Stimmt, er hatte
gesagt: „Und ein Stück Kuchen kriegst du nur für dein ganzes
Taschengeld!“ Das hieß ja nicht unbedingt, dass sie es aß. Ganz
schön schlau. Und ganz schön gemein.
Trotzdem schienen alle auf der
Party Spaß zu haben. Ob wegen Schadenfreude, Essen oder Liebe. Ich
freute mich für meine glücklichen Friends. Und dann kam mein
Bubbletea. Jette stellte ihn mir auf den Tisch. Also steckte ich mein
Handy weg und gab mich dem Bubbletea hin. Klassisch taiwanesisch war
ab dem ersten Tag hier im Café meine Lieblingssorte. Ich hatte noch
gar keine andere Sorte probiert, aber ich war mir sicher, dass es
keine bessere geben konnte.
Plötzlich suchte ein düsterer
Gedanke meine noch so positive Gedankenwelt heim. Moritz ging es
schlecht, weil er die ganze Zeit keine neuen Hufeisen bekommen
konnte.
Als ich für uns beide bezahlt und Lia ihren Kaffee
ausgetrunken hatte, stürmte ich sofort auf den Hof, um Mom zu
fragen, was jetzt mit Moritz war. Wir hatten einfach nicht genug
Geld. Wir mussten jetzt einfach Schulden aufnehmen, auch wenn sie
nervig waren.
Das erklärte ich Mom. Es war wichtiger, dass es Moritz
gutging, als dass wir keine Schulden hatten. Natürlich konnten wir
ihn auch verkaufen, aber ein Pferd ohne normale Hufeisen wollte
bestimmt keiner haben. Besser, wir verkauften ihn wenn überhaupt,
wenn er neue Hufeisen hatte. Dann hätte er viel bessere Chancen auf
dem Pferdemarkt.
Mom versprach, Moritz morgen neue Hufeisen machen zu
lassen und dafür Schulden aufzunehmen. Wahrscheinlich würde Lia es
sowieso mit ihren illegalen Strafzetteln weit bringen und so könnten
wir unsere Schulden auch schon bezahlen. Wenn wir dann irgendwann
mehr Geld hatten, würden wir der Polizei das Strafgeld geben und Lia
müsste halt eine kleine Gebühr bezahlen. Denn das war alles ihre
Sache.
🐴
Um
17:32 Uhr kamen meine Friends von Tasukes Geburtstagsparty zurück.
Tasuke kam auch zurück. Er ging sofort zum Stall, um sich von Mom
Aufgaben zu holen. Mayari fand das süß, aber Ayame erklärte
unzufrieden: „Tasuke ist so gemein! Ich hab das
Geburtstagskuchenstück doch gar nicht gegessen, aber mein
Taschengeld wollte er trotzdem! Eigentlich wollte ich mir davon so
ein über 100 Euro kostendes Parfüm kaufen, das ist von-“
Mayari
unterbrach sie: „Hey, Tasuke hat nicht gesagt, dass du das
Kuchenstück essen musst! Einfach wenn du ohne Erlaubnis eins klaust,
nimmt er dir das Taschengeld weg! Das ist überhaupt nicht gemein!
Tasuke ist süß! Du
bist dauernd gemein zu ihm! Das ist einfach eine gerechte
Strafe!“
„Ich bin dauernd gemein zu ihm und er ist dauernd
gemein zu mir! Zum Beispiel haut er mir Eiskugeln auf den Kopf,
bespritzt mich mit Bubbletea oder beschlagnahmt halt mein
Taschengeld!“, widersprach Ayame.
„Aber du fängst immer an!
Er reagiert nur auf dich! Außerdem machen Jungs so sowas! Du
solltest echt mal aufhören, das nervig zu finden, und anfangen, das
süß zu finden!“, rechtfertigte sich Mayari. Ich griff ein. „Hört
auf!“, befahl ich, „Was kriegt ihr euch wegen Ayames kleinem
Bruder eigentlich in die Haare? Ich find's übertrieben, dass du ihn
immer nerven musst, Ayame, aber Mayari, das heißt nicht, dass du ihm
dauernd hinterherlaufen musst. Das nervt auch. Echt. Gemein, süß,
gemein, süß – beides nicht!“
Ayame und Mayari nickten
halbherzig. „Reden wir über was anderes und gehen wir ins Café“,
schlug Ayame vor. Ich nickte und ging voran. „Lia, kommst du mit?“,
fragte ich.
Lia reckte den Daumen nach oben.
Im Café, das total
voll war, ergatterten wir einen Vierertisch. Ich wollte gerade
anfangen, von dem falschen Knöllchen zu erzählen, als die Tür noch
mal aufging und Timo reinkam. Ayame, der das Blut in die Wangen
schoss, rückte ihre Brille zurecht.
Timo winkte freundlich, ging
aber an uns vorbei hinter den Tresen. Die von den vielen Gästen
überforderte Jette stürmte mit allen möglichen Problemen und
Aufgaben auf ihn zu. Letztendlich einigten sich die Geschwister
darauf, dass Timo sich um die Sachen kümmerte, die hinter den
Kulissen passierten, aber eigentlich notwendiger waren, während
Jette Bestellungen entgegennahm und die Gäste bediente.
„Hier
ist es ja gerammelt voll! Richtig viel los!“, bemerkte Lia wenig
begeistert. Ich erwartete, dass sie dabei lächelte, aber das tat sie
nicht. Sie schien sich nicht sehr darüber zu freuen, dass das
Geschäft von Timo und Jette gut lief. „Das Geld, das die hier
einnehmen, könnte deine Mutter bestimmt viel besser brauchen. Die
beiden investieren das doch bestimmt nur in Kaffeebohnen.“ Der Ton,
in dem sie redete, war sehr abschätzig. Irgendwie wär das krass
gewesen. Klar, Mom brauchte auch Geld, aber durften Jette und Timo
nicht ein bisschen erfolgreich sein? Das Geld ging eh an Lynn, und
die gab es sicher Mom. Lia verstand das nicht. Ich fragte sie kurz,
ob ich meinen Friends das mit den Strafzetteln erzählen durfte. Lia
stimmte zu. Also laberte ich los. Lia warf immer wieder Informationen
ein. Als wir fertig erzählt hatten, klopfte mir Ayame auf die
Schulter. „Voll das Detektiv-Girl, die Rilana. Alles selber
rausgefunden und kombiniert. Starke Leistung.“ Sie lachte und biss
von ihrem Zitronenmuffin ab.
Ich wurde auf meinen kaum angerührten
Cookie aufmerksam. Es ging einfach nichts über klassisch
taiwanesischen Bubbletea. Nur dass mir ein zweiter bestimmt nicht
gutgetan hätte.
Während Ayame, Mayari und ich uns auf das Essen
fokussierten, schaute sich Lia unzufrieden im Café um. Es schien sie
wirklich zu stören, dass hier und nicht in Moms Reiterhof so viel
los war. Immer wieder murmelte sie kopfschüttelnd: „Einnahmen, die
Sina was nützen würden... Sehr viel nützen würden.“ Am Abend
würde ich bestimmt noch viel über diese schon ziemlich merkwürdigen
Sätze nachdenken.
Ayame
riss mich aus meinen Gedanken. „Tschüs, Gleichfalls, Schönen Tag
noch, Hallo, Bittesehr, Dankesehr – Was Jette macht, ist bloß
Quasseln. Die eigentliche Arbeit geht an Timo“, lästerte sie.
„Du
fängst ja an zu reden wie Mayari!“, beschwerte ich mich.
„Ich
schwärme aber nicht. Zum Beispiel reite ich nicht dauernd darauf
rum, dass er süß ist.“
Mayari trat ihr unterm Tisch auf den
Fuß. Ayame hob die Hände. Ich rollte mit den Augen, vergrub die
Hände in den Hosentaschen meiner Hot Pants und schaute mich um.
Timo
bekam nichts vom Gespräch bezüglich seiner Identität mit.
Ayame
folgte meinem Blick. „Naja, eigentlich ist er doch ganz süß“,
gab sie leise zu.
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