Sonntag, 22. Februar 2026

10: Gelbe Mütze und gelber Koffer

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 10: Gelbe Mütze und gelber Koffer

Frühstück im Café?, tippte ich.
Ayame schickte einen Daumen-hoch-Emoji. Ich verließ unseren Zweierchat und scrollte mich durch die Seitenleiste, wo mir alle sichtbaren Chats angezeigt wurden. Den Gruppenchat mit meiner Klasse blendete ich aus, und danach auch den Gruppenchat mit AyAy und Mayari.
Weil ich gestern Abend die Wäsche aufgehangen hatte, konnte ich heute Morgen ein richtig cooles Outfit aussuchen und anziehen. Meine Wahl war auf das schwarze Top von gestern, die grauen Hot Pants, das pinke Baumfällerhemd und meine weißen Chucks gefallen.

Als wir uns um kurz nach neun im Waltz-Café trafen, beschlossen wir, einen Brunch zu machen. So konnten wir das Waltz-Café unterstützen und gleichzeitig lange bleiben, um Kunden wie Lia zu beobachten und zu ermitteln.
Wir bestellten uns zwei große Tabletts mit allen möglichen Waltz-Spezialitäten, die wir später auffrischen konnten. Heute hatten Jette und Timo frischen Melonensaft gepresst, der exklusiv für heute war, weil sie frische Wassermelonen gekauft hatten. Außerdem war er für uns gratis, hihi.
Ich biss herzhaft in einen Marmormuffin, während ich mich unauffällig umschaute. Lia war noch nicht da, aber sie würde bestimmt kommen... Wenn sie die Täterin war, um zu sabotieren, und wenn sie unschuldig war, um sich einen Kaffee-Latte zu holen. Aber natürlich war sie die Täterin.
„Schade, dass es hier keine Croissants gibt“, kommentierte Ayame. Dabei schien sie Lynns Blondies aber eigentlich gar nicht schlimm zu finden. Wahrscheinlich würde sie ein Brunch-Tablett aus dem Waltz-Café sogar einem französischen Buffet vorziehen, obwohl eine Paris-Reise seit der siebten Klasse ihr großer Traum war. Ich fand, dass das Waltz sehr viele Waren hatte – dafür, dass gestern die Vitrine und der Kühlschrank geplündert worden waren.

Die Tür wurde aufgestoßen. Tasuke kam rein. Vorher hatte ich ihn draußen beim Sortieren von Reithelmen gesehen. Jetzt begrüßte er Timo und wollte ihm bei der Spülmaschine helfen, aber Jettes Bruder hielt ihn zurück. „Stopp!“, rief Timo, „Sicherheitsabstand! Gestern hat mir rausfließende Milch die Hose versaut!“
Tasuke warf ihm einen verschwörerischen Blick zu und öffnete die Klappe ganz vorsichtig. Es kam keine Milch aus den Ritzen. Lia hatte höchstwahrscheinlich noch nicht zugeschlagen. Als er merkte, dass ich ihn und Ayames Freund beobachtete, zwinkerte er mir zu und ließ seinen Blick durch den Raum wandern. Ehrlich gesagt war das dumm! Wusste er denn nicht, dass meine BFF und ich alles im Blick hatten?
Tasuke gab Timo ein Zeichen. Jettes Bruder leitete es an Ayame weiter. Die nickte, reckte den Daumen nach oben und rückte ihre Brille zurecht. Sie nahm einen Schluck Melonensaft aus ihrem Glas und beugte sich zu mir rüber. „Wir haben heute ein Date, Timo und ich“, informierte sie mich.
Ich grinste. Das war klar. Ohne Tasukes Zeichen würde Timo das Date wahrscheinlich vergessen, und dann wäre heute nicht der Anfang, sondern das Ende der Beziehung.

Als ich mir einen Cookie vom anderen Ende des Tischs nehmen wollte, stieß ich mit dem Ellbogen gegen meinen Bubbletea. Er fiel von der Kante und lief auf dem Boden aus, während er immer weiter wegrollte. „Shit!“, fluchte ich und stand vom Stuhl auf.
Jette, die vor dem Tresen stand, stoppte meinen Bubbletea mit dem Fuß. Sie hob ihn auf und legte kurz ihr Handy auf den Tresen. Ich sah zu ihr hoch, um mich zu bedanken, und mein Blick fiel auf das Display. Es lief ein Video-Chat mit Mayari. Jette gab mir den Bubbletea. Zum Glück war noch die Hälfte drin. Dann nahm sie sich wieder ihr Smartphone und sagte lachend etwas zu Mayari.
Kopfschüttelnd steckte ich mir den Strohhalm zwischen die Zähne. Als ich mich umschaute, bemerkte ich, dass das Café etwas voller geworden war. Gerade kamen drei Kunden durch die verglaste Tür rein... Ein mittelaltes Paar und – Lia! Sie trug als Tarnung einen alten Laptop unterm Arm. Als sie an mir vorbeiging und mich bemerkte, winkte sie mir lächelnd zu.
Ich lächelte harmlos zurück und wartete ab, bis sie mich nicht mehr anschaute, damit ich sie weiter beobachten konnte. Sie war fast an mir vorbeigegangen, als sie den Kopf noch mal zu mir drehte und mir zuraunte: „Ich vertraue dir und du mir.“ Was war das denn bitte? Eine Drohung?! Was auch immer sie Verstörendes zu mir sagte, ich würde nicht aufhören, gegen sie zu ermitteln. Nicht jetzt, wo ich so nah am Ziel war. Sie konnte mich nicht mehr abwimmeln. Und Vertrauen spielte keine Rolle mehr, denn ich vertraute ihr nicht. Höchstwahrscheinlich hatte sie mich schon mehrmals angelogen. Ich begriff, dass ich echt nicht davon ausgehen konnte, dass man ehrlich zu mir war, wenn ich jemanden nach der Wahrheit fragte. Nur Fragen reichte nicht – es musste hardcore ermittelt werden, um die Sabotage zu stoppen. Man konnte mir eben die Wahrheit sagen, oder halt auch nicht. Es passierte demjenigen ja nichts, wenn er mich anlog. Nur dass ich bisher immer von Ehrlichkeit ausgegangen war – und die war nicht selbstverständlich. Ich war echt naiv gewesen; echte Detektive mussten einen Lügendetektor im Gehirn haben. Leider war ich ja keine waschechte Detektivin.

Lia hatte sich an einen Einzeltisch am Fenster gesetzt, der weit entfernt von unserem war. Ihr Laptop stand aufgeklappt vor ihr auf dem Tisch und sie telefonierte leise mit jemandem. Aber ich konnte auch so nicht hören, was sie sagte, dafür gab es zu viele laute Geräusche im Café: Stühle, die gerückt wurden, laute Gespräche, das Summen der Spülmaschine, Lachen vom Nachbartisch, klapperndes Geschirr, die Kaffeemaschine, das Klimpern von Besteck und Geld, Schritte, eine auf- und zugehende Tür und die Swiftie-Musik.
Für Außenstehende wirkte Lia wie eine richtig normale Café-Kundin, die hier auf ihrem Laptop arbeiten wollte und mit dem Chef telefonierte – und das war bestimmt genau das, was sie wollte: Sie wollte unauffällig und harmlos wirken.

Während wir über Lia tuschelten, tranken Ayame und ich alle unsere Getränke aus: ich meinen Bubbletea, meinen Melonensaft und meine heiße Schokolade und Ayame ihren Bubbletea, ihren Melonensaft und ihren Matcha-Milchtee. Als wir unsere leeren Gläser und Becher bemerkten, gingen wir zu Timo, um nachzubestellen. Er schien ziemlich nervös und verwirrt, füllte uns aber schnell nach.
„Ist was los?“, fragte Ayame, während sie ihr aufgefülltes Melonensaft-Glas entgegennahm.
Timo stützte sich auf die Vitrine. „Ja“, sagte er bedrückt, „ich hab zu Hause was echt Schlimmes entdeckt. Ich erklär's euch später genauer. Gleich komm ich auf euch zu, wenn weniger los ist.“
AyAy und ich wechselten einen alarmierten Blick und setzten uns mit den Getränken wieder auf unsere Stühle. Grübelnd stützte ich meine Ellbogen auf dem Tisch ab. Ich saugte lustlos am Strohhalm meines neuen Bubbleteas und bekam eine Riesenladung Tapioca-Perlen in den Mund.
Nach einer Weile kam Timo zu uns an den Tisch. Ayame rückte ihre Brille zurecht und nahm seine Hand.
„Also“, begann Timo mit gedämpfter Stimme, „im Zimmer von meiner Mutter hab ich heute Morgen einen Drohbrief gesehen. Eigentlich wollte ich dort Kaffeebohnen holen, weil sie sie immer dort lagert. Ich würde sagen, wir schauen uns das nachher mal an.“
„Nachher?“, rief Ayame, „Jetzt! Jette kann doch auch mal die ganze Arbeit übernehmen.“ Sie sprang auf.

Nachdem wir alles abgeräumt und aufgegessen hatten, verließen wir zu dritt das Café und nahmen die U-Bahn in die Stadt, wo die Waltz-Familie wohnte. Weil es sehr heiß und sonnig war, fanden wir die kühle U-Bahn-Fahrt richtig angenehm, obwohl es voll war. Anders als sonst in der Bahn deprimierte es mich nicht, wie die dunklen Wände an uns vorbeirauschten. Meinen neuen Bubbletea hatte ich mitgenommen, was sich im Lauf der Fahrt als großer Nachteil erwies. Ich hatte nicht an eine Tasche gedacht und musste den ausgetrunkenen Behälter deswegen die halbe Fahrt über in der Hand halten. Darum konnte ich mich auch schlechter festhalten und nutzte sofort die Chance, als ein Sitzplatz frei wurde. Ayame und Timo hatten schon vorher zwei Plätze nebeneinander ergattert und waren deshalb von mir getrennt.

🐴

Im zweiten Stockwerk des Waltz-Hauses hasteten wir durch den Flur. Timo öffnete eine angelehnte Tür. Es war die zu Lynns Zimmer.
Er wies mit dem Zeigefinger auf Lynns Schreibtisch. „Heute Morgen lag er noch hier“, erklärte er, aber wir konnten keinen Drohbrief sehen. Er vermutete, dass seine Mutter den Drohbrief versteckt hatte, damit niemand ihn sehen konnte. Also suchten wir ganz vorsichtig den Schreibtisch ab, der zum Glück ziemlich ordentlich war. Unter einem To-Do-Zettel fand ich den Brief. Ich zeigte ihn den beiden anderen. Er war schon nicht mehr im Umschlag drin, was er heute Morgen aber auch nicht gewesen war.
Ayame schloss die Tür, damit wir nicht gehört oder gesehen werden konnten. „Soll ich vorlesen?“, fragte sie.
Timo nickte und gab ihr das Papier. Ayame begann vorzulesen: „
Lynn, du weißt, dass sabotiert wird. Solltest du doch die Polizei einschalten, hat das Konsequenzen. Leg in einem unauffälligen Umschlag 500 Euro in die Ecke am Hintereingang des Cafés und sorge dafür, dass die Tür dort immer offen bleibt. Ansonsten musst du mit Sabotage und Konsequenzen rechnen. Die Toilette könnte überflutet werden und eure Fenster sind nicht einschlaggesichert. Ich weise darauf hin, dass die Lieferung der Waren verhindert werden kann, d. S.“ Ayame schaute bestürzt in die Runde. „Glaubst du, dass das der erste ist?“, fragte sie Timo.
„Keine Ahnung“, antwortete ihr Freund, „Mama ist schon seit längerer Zeit sehr nervös und depri. Aber vielleicht liegt das auch an unserem Vater und der Sabotage allgemein.“
Ayame legte den Brief, der eher das Format eines Zettels hatte, auf den Schreibtisch zurück. „Was könnte dieses
d. S. bedeuten? … Die Saboteurin vielleicht, oder der Saboteur?“ Timo nickte. „Das ist sehr wahrscheinlich, gerade weil das D kleingeschrieben ist.“

Wir zuckten zusammen, als die Tür mit einem Ruck aufging. Lynn, die reinkam, war mindestens genauso schockiert wie wir. Ayame beugte sich schnell über den Brief, aber machte ihn so nur noch auffälliger.
„Habt ihr es schon gelesen?“, fragte Lynn resigniert und ließ den Kopf mit einem Seufzer hängen.
Timo nickte schuldbewusst. „Ja, Mama, ich hab ihn ihnen gezeigt. Sie ermitteln ja gegen die Sabotage, also können sie vielleicht was damit anfangen.“
„Vielleicht“, grummelte Lynn ärgerlich, „und vielleicht auch nicht. Diese Sache ist mehr was für Erwachsene, versteht ihr? Ich wollte euch damit nicht belasten. Das hier ist nun echt ernst. Ach je.“
Timo hob die Hände. „Sorry...“
Ich sah Lynn fest in die Augen. „Leider ist es so, dass wir alle Beweise brauchen. Wenn wir davon nichts wüssten, würden einige Puzzleteile fehlen und wir könnten den Fall nicht komplett lösen.“
Lynn nickte langsam. „Nun, jetzt wisst ihr ja davon. Den nächsten werde ich euch eigenhändig zeigen. Ja, es gab nämlich schon einige davor. Ich hoffe, dass euch das jetzt etwas bringt. Und dass ihr endlich mal vorankommt mit den Detektivgeschichten. Ihr wisst jetzt, wie ernst die Lage ist. Da muss was geschehen.“ Sie nahm den Brief und faltete ihn. Nach einer Pause sagte sie: „Ich habe den Umschlag mit dem Geld heute Morgen schon an die vereinbarte Stelle gelegt. Es ist immer die gleiche Stelle und die Drohungen haben sich auch kaum verändert, aber was gestern passiert ist, zeigt, dass ich darauf hören muss. Beim nächsten Mal zeige ich euch den Brief sofort und ihr könnt den Täter an der richtigen Stelle damit abfangen, in Ordnung? Manchmal muss man Opfer bringen, damit etwas weitergeht.“
Wir nickten synchron. Timo faltete die Hände. „Es gibt da leider ein Problem“, sagte er, „nämlich, dass wir nicht die Polizei rufen können. Wenn wir das machen, kann der Täter die Konsequenzen umsetzen, ohne dass wir wissen, wer er ist. Deshalb müssen wir das erst mal rausfinden.“
Ayame nickte Timo und mir zu. „Da haben wir übrigens schon einen Verdacht. Was wir jetzt noch brauchen, sind handfeste Beweise und ein Plan, wie wir die Saboteurin entlarven können.“
Ich verkündete: „Wir verdächtigen Lia...“

🐴

Zu Moms Reiterhof musste ich alleine zurückfahren, denn Ayame und Timo hatten ihr Date spontan auf jetzt verlegt und hielten es im Eiscafé hinter dem McDonald's ab. Ich hatte mir dort noch schnell ein Eis gekauft und war dann abgezogen, um das Date nicht zu beeinflussen.
Als ich in der Bahn saß, war ich froh, dass ich ein Eis in der Waffel und nicht im Becher gewählt hatte. So musste ich keinen Verpackungsmüll mehr mit mir herumtragen, während ich dort saß. Den leeren Bubbletea-Behälter hatte ich bei der Gelegenheit im Waltz-Haus entsorgt und deswegen eine Hand frei.

Weil wir ziemlich viel gebruncht hatten, aß ich zum Mittagessen nur eine kleine Portion Makkaroni. Wenn wir zu Ende gebruncht hätten, wäre das gar nicht nötig gewesen, aber wir haben den Brunch ja wegen der Drohbriefaktion abgebrochen.
Ich schob meinen Teller in die Spüle und ging auf den Hof. Plötzlich sprach mich jemand an, den ich gar nicht gesehen hatte. „Hi Roxana! Wir wollen euch helfen. Ayesha hat uns gestern in einem Post angeworben. Weißt du, wo sie ist?“ Es war Isabel vom Pferdetag. Hinter ihr stand ihre Mutter mit den nachgezogenen Augenbrauen.
Ich schaute mich um. „Aktuell nicht. Ich bin übrigens Rilana, nicht Roxana. Mit I und L. Merk dir einfach, dass meine Freunde mich Lana nennen.“
Ihre Mutter reichte mir ihre Hand. „Jessica. Ich bin die Mama von der Isabel, aber ich glaube, du kennst mich noch.“ Sie lächelte und ging mit Isabel weiter. Aha! Ayesha war gestern also tatsächlich nicht krank gewesen, wie gedacht. Aber immerhin hatte sie etwas Sinnvolles gemacht - denn Werbung für unseren Hof zu machen, war absolut sinnvoll.
Ich spazierte in die entgegengesetzte Richtung von Isabel und Jessica. Ein unbekannter Jugendlicher kam auf mich zu. Wahrscheinlich war er auch ein freiwilliger Helfer. Er zeigte mir auf seinem Handy ein Foto von Ayesha aus ihrem TikTok-Kanal und fragte mich, ob ich sie kannte und gesehen hatte.
Ich nickte und war kurz davor, ihm den Vogel zu zeigen. „Ja, klar kenne ich sie! Sie arbeitet hier. Und ich bin Frau Westfried.“
Er steckte sein Handy zurück und runzelte die Stirn, obwohl er dabei grinste. „Frau? Okay... Frau Westfried junior, ne?“
Ich nickte wieder. „Jaa?“, vermutete ich verständnislos. Mir fiel auf, wie ähnlich mein Gesprächspartner Vicky und Valerie sah, die auch beim Pferdetag dabei gewesen waren. Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr wie Mom. Ich fragte den Jugendlichen: „Bist du der Bruder von den Nervensägen? Und Teil der V-Familie ohne V-Eltern?"
Jetzt nickte er. „Woher weißt du das mit den Eltern?“
Ich kam nicht mehr zu einer Antwort, weil Ayesha und Rob vor uns auftauchten und er auf die beiden zurannte. Er klatschte Ayesha ab und fragte sie, was er machen sollte.
Ayesha zeigte das Peace-Zeichen auf Bauchhöhe und machte einen Schritt auf ihn zu. „Moin Vidar! Kannst vielleicht beim Stall was abreißen. Die Boxen sollen vergrößert werden.“
„Eigentlich der ganze Stall“, korrigierte Rob und stand auf. Ayesha schaute zu ihm und dann wieder zu Vidar. Stimmt, er hieß Vidar. Das hatten Valerie und Vicky auch schon erzählt.

Ayesha ging mit Vidar zum Stall. Ich blieb mit Rob zurück und die Frage, ob er mit Ayesha zusammen war, fiel mir wieder ein.
Nachdem ich den verschwindenden TikTokern nachgeschaut hatte, ging ich einen Schritt auf Rob zu. Er lehnte an der Wand der leerstehenden Reithalle. Ich trat durch die Türöffnung und winkte Rob rein. „Können wir mal kurz was besprechen?“, fragte ich leise.
Rob nickte und kam in die Halle. Er schnupperte ein bisschen in der Luft und nieste. Es lag wirklich viel Staub in der nicht sehr gut riechenden Luft.
Ich sah Rob in die Augen. „Bist du mit Ayesha zusammen?“ Meine Stimme klang bedrohlich leise. Dann wurde sie vorwurfsvoll. „Sag mir das jetzt. Ich will Klarheit haben. Ihr macht immer so ein Geheimnis daraus.“
Rob steckte sein Handy weg. „Wir sind nicht zusammen. Aber du musst noch Ayesha fragen“, antwortete er kühl, „Sie könnte das anders sehen.“
Ich verzog die Miene. „Und was macht ihr jetzt?“
„Da weiß sie mehr als ich“, sagte Rob trocken, „Die großen Pläne sind ihre. Ich bin da nicht eingeweiht. Aber Vidar ist ein sehr treuer Fan und ich versuch dauernd, sie zu seinem Fan zu machen.“ Jetzt klang er wieder freundlicher. Er nahm seine gelbe Mütze ab.
Ich wollte mich lockern, aber die Stimmung war noch zu gedrückt. „Aha“, brachte ich raus, „ich geh jetzt wieder raus. Kannst auch mitkommen.“
„Wir könnten in die Scheune gehen“, schlug er vor. Als wir schon fast dort waren, fügte er hinzu: „Ich glaub, Ayesha wird nicht um die Ecke kommen, solange sie mit Vidar den Stall abreißt.“ Er grinste.
Ich schmunzelte auch. Dann zog ich die Augenbrauen zusammen. „Und was machen wir hier?“
„Party natürlich“, scherzte Rob. Dann hob er eine Partygirlande vom Boden der Scheune auf und hängte sie mir um den Hals. „Nee, Spaß. Wir schauen uns einfach die Scheune von innen an und das ganze Turnierzeugs, was da drin rumliegt. Die Abzeichen, die die Westfried-Pferde früher gewonnen haben.“
Ich band mir das Baumfällerhemd um die Taille. Nach einigen Abzeichen, Stangen und Pokalen stießen wir auf einen kleinen quietschgelben Koffer mit einem winzigen Schloss. Dummerweise waren am Schloss der Schlüssel und der Ersatzschlüssel befestigt. Ich machte mich daran, einen Schlüssel vom winzigen silbernen Karabinerring loszumachen und das Schloss zu öffnen.
Rob, der noch ein rotes Abzeichen von Tornado in der Hand hielt, schaute mir zu.

Gerade, als ich das Schloss geöffnet hatte und mehrere silberne Sachen in dem Koffer aufblitzten, wurde die nur angelehnte Tür aufgestoßen. Für einen Moment dachte ich, Ayesha würde reinkommen und uns ertappen. Aber dann sah ich, dass es Lia war. Ich ließ den Schlüssel fallen und schob den Koffer zurück in den Kram.
Lia entfuhr ein entsetztes Keuchen. Sie wurde bleich im Gesicht und stützte sich taumelnd an der Wand ab. „Was macht ihr?“, krächzte sie atemlos. Dann gaben ihre schlotternden Knie nach und sie sank leise stöhnend auf den Boden. Dieser Schwächeanfall war eindeutig mit ihrem Schock und dem Stress der letzten Tage verbunden. Während ich zu ihr lief, um ihr zu helfen, drehte Rob blitzschnell den winzigen Schlüssel ins winzige Schloss des Koffers und nahm sich dann beide Schlüssel. Er zwinkerte mir zu und ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden.
Ich sah Lia in die Augen. „Geht es dir gut, darf ich dir eine Frage stellen?“
Sie nickte schwach und schloss halb die Augen, aber ihren feindseligen Blick konnte ich trotzdem spüren.
„Gehört dir der gelbe Koffer hier?“, fragte ich.
Lias Stimme war erstickt, aber erstaunlich laut, als sie zischte: „Ja! Er ist meiner und nicht eurer!“
Ich hielt sie fest. „Und was ist da drin?!“ Aber Lia antwortete nicht. Ihre Pupillen rollten nach oben und verschwanden unter den sich schließenden Augenlidern. Ich wollte meine Frage wiederholen, als ich merkte, dass sie nicht mehr bei sich war. In alten Büchern hatten die Leute immer Riechsalz oder Wasser parat, aber jetzt war das nicht der Fall. „Rob!“, keuchte ich.
Er drehte sich zu mir um. „Ja?“
„Lia ist k.o.! Was soll ich machen?!“, japste ich überfordert.
Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung! Warten, bis sie zu sich kommt? Vielleicht ist es ja nur ein vorübergehender Anfall. Oder du holst wen, zum Beispiel deine Mudda. Aber was machen wir jetzt mit dem Koffer?“ Er holte aus seiner Hosentasche die Schlüssel und drückte sie mir in die Hand.
Ich stand auf. „Rob, wir können den Koffer nicht mitnehmen. Er gehört ihr, das wäre Diebstahl. Aber wir behalten die Schlüssel und kommen später wieder.“
„Aber wenn wir ihn hierlassen, wird sie ihn bestimmt mitnehmen und woanders verstecken! Dann kriegen wir nie raus, was drin ist“, widersprach Rob.
Ich wog die Schlüssel in meiner Hand. „Ich glaube, darin sind verbogene Gabeln. Aber wenn wir ihn hierlassen, kann sie ja sowieso nicht mehr darauf zugreifen, weil sie die Schlüssel nicht hat.“ Dann beobachtete ich panisch, wie Lia eine Zuckung durchfuhr und sie die Augen mit flatternden Lidern aufschlug. Ihre Brille war verrutscht und ihr Haar zerzaust, und irgendwie wirkte sie gefährlich. Nicht wie eine Freundin, der man vertrauen konnte. Jetzt wirkte sie wie eine leicht verrückte Saboteurin.

Lia machte „Haaah!“ und griff mit beiden zitternden Händen frustriert in die Luft. Sie war so anders als die Lia, der ich mal vertraut hatte, dass ich für einen längeren Augenblick bewegungsunfähig wurde. Die Schlüssel umschloss ich in meiner Faust.
Rob klemmte sich schnell den gelben Koffer unter den Arm und packte mich an der Hand. Dann zerrte er mich aus der Scheune raus und rannte mit mir zur Koppel. Meine Beine schalteten endlich ein und ich sprintete so schnell ich konnte, obwohl das eigentlich gar nicht nötig war. Wir hatten längst einen Riesenvorsprung und vielleicht wollte Lia uns gar nicht verfolgen. Bestimmt war sie auch noch lange nicht in Topform.
Rob ließ meine Hand los. Ich stolperte fast.
„Versteckst du die Sachen bei dir?“, fragte er und hielt mir den Koffer hin.
Ich nahm ihn an mich und nickte. Mein Kopf ratterte und suchte nach dem passenden Satz, den ich noch sagen konnte, bevor Rob weiter arbeitete und ich das Material versteckte. Während ich Rob anstarrte, breitete sich eine überfordernde Leere in meinem Gehirn aus. Ich konnte auch einfach etwas sagen, was so rational war wie „Okay, dann versteck ich das jetzt. Vielleicht sehen wir uns später“, aber selbst sowas fiel mir nicht ein oder ich brachte es zumindest nicht heraus.
Rob klopfte mir auf die Schulter. „War 'ne coole Aktion“, sagte er, „und vergiss nicht Ayesha zu fragen.“ Dann holte er sein Handy aus der Hosentasche und ging zur Reithalle.
Ich lief ins Haus und verstaute den Koffer und die Schlüssel in meinem Zimmer. Später musste ich weiter aufräumen, die restlichen Wände streichen und die Möbel ranstellen. Aber erstmal Ayesha fragen.

Im Stall riss sie mit Vidar und einer weiteren freiwilligen Helferin die Wände und Boxen ab.
Ich setzte ein freundliches Lächeln auf und ging auf sie zu. „Hi“, begann ich so harmlos wie möglich, „ich würd dich gern was fragen.“
Ayesha wandte sich an die beiden anderen. „Vidar, Esma, macht einfach weiter, okay? Ich bin gleich wieder ansprechbar.“ Dann strich sie sich die Hose glatt und kam auf mich zu.
Ich legte los: „Ayesha, findest du, dass du mit Rob zusammen bist?“
Sie legte die Hände auf die Oberschenkel und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie nicht mehr gut drauf war. Während sie nicht antwortete, bemerkte ich, dass Vidar aufsah und zu uns schaute. Er war bei meiner Frage hellhörig geworden und guckte uns mit einem sehr komischen Blick an.
Ich nahm Ayesha unwillig am Arm, damit wir uns von ihm entfernen konnten. Er musste die Antwort nicht hören.
Ayesha zupfte sich einen Strohhalm aus den Haaren. „Das weiß ich nicht so genau. Es ist nicht klar, aber ich denke schon. Auf jeden Fall wäre es toll.“ Dann wurde ihre Stimme wütend. „Warum willst du das überhaupt wissen?! Bist du jetzt mit ihm zusammen! Ich weiß ja nicht, aber ich glaub, der Altersunterschied ist schon ziemlich groß. Das wär uncool für Rob, wenn ihr zusammen wärt! In der Schule würden die ihn auslachen.“ Sie machte einen Schritt auf mich zu und hob eine Augenbraue. „Willst du, dass Rob seine Freunde verliert? Ich hab euch vorgestern an der Scheune gesehen. Was war da?“
Ich zuckte die Achseln. „Nichts.“ Ich wollte echt nicht, dass Rob bei seinen Freunden zum Gespött wurde. Wenn sie Tasuke und Timo waren, würden sie ihn wohl kaum wegen einer vierzehnjährigen, hyperdetektivischen, blonden Reiterhoftochter auslachen. Aber er hatte bestimmt andere Freunde. Die fänden es sicher cool, wenn er mit einer erfolgreichen, geschminkten Influencerin zusammen war. Und die war ja auch noch seine Kollegin und stand auf ihn. Was die Lage ein bisschen besser machte, war, dass Rob keinen Crush auf Ayesha hatte.
Nachdem ich eine ganze Weile gestanden und gestarrt hatte, drehte Ayesha sich von mir weg und ging zu den anderen. Sie setzte ihr Influencer-Lächeln auf und klatschte in die Hände. „Ihr macht das super! Könnt ihr morgen wiederkommen?“, fragte sie.
Vidar und Esma nickten. Ayesha zückte ihr Handy. „Okay“, sagte sie, „dann schießen wir jetzt ein paar Gruppenselfies und ich mach Werbung für euch.“
Vidar strahlte über das ganze Gesicht. Er stellte sich neben Ayesha und legte ihr einen Arm um die Schulter. Nachdem Esma sich dazugestellt hatte, schoss Ayesha das erste Selfie.

🐴

Ich holte Moritz von der Koppel und führte ihn zum Putzplatz. Während des Putzens dachte ich viel nach. Ich konnte Ayesha mehr und mehr verstehen, je länger ich über sie nachdachte. Wenn das nicht mal ein komisches Zeichen für sie war, dass Rob die Reiterhoftochter bevorzugte und nicht sie, die eine Top-TikTok-Influencerin war. Eigentlich dachte sie sogar ziemlich ähnlich wie ich:
Das weiß ich nicht so genau. Es ist nicht klar, aber ich denke schon. Auf jeden Fall wäre es toll.
Das waren genau meine Gedanken, obwohl wir in unterschiedlichen Beziehungen zu Rob standen. Bei mir war es wegen mir nicht klar, bei ihr war es wegen Rob nicht klar. Immerhin wusste sie nicht, dass Rob mir ein Geständnis gemacht hatte.
Plötzlich kam Vidar auf mich zu. „Du!“, rief er, „Was hat sie gesagt? Ayesha. Sind sie zusammen?“ Er wirkte richtig niedergeschlagen in seinen von der Arbeit schmutzigen Sportklamotten.
Ich verdrehte die Augen. „Frag doch sie! Keine Ahnung.“ Der Typ war nervig, wie seine zwei Schwestern. Ich fuhr Moritz demonstrativ mit der Kardätsche über den Rücken.
Vidar zog ab. Dabei quietschten seine Turnschuhe auf dem Steinboden. Nerviges Geräusch.

Nach einer Weile war ich fertig mit dem Putzen und brachte Moritz zurück auf die Koppel. Ich trainierte noch ein bisschen mit ihm und Carlo, bevor ich ins Haus ging und Ayame eine Message schickte. Sie saß gerade mit Timo in der U-Bahn und war auf dem Weg zu uns.
Ich schrieb:
Wenn du da bist, muss ich dir was zeigen. Ermittlungen vorangeschritten.

Ultimatives Detektivgirl 😝😍
Ich bin in paar Minuten da! LG AyAy

Es ist ein gelber Koffer von Lia.

Aha????? Sehr verdächtig

Ich hab ihn mit Rob in der Scheune gefunden.
Dann ist Lia total creepy aufgetaucht und hat einen Schwächeanfall bekommen.
Ich hab jetzt Schiss vor ihr!

CREEPYCREEPY! Aber MIT ROB????

Ja.
Du bist nervig!

Ooooooohhhhh!!!
Treffen wir uns in deinem Zimmer? Dann kannst du alles erzählen.

Okay, geht klar!

Bis gleich. LG AyAy

Als meine BFF zu mir ins Zimmer kam, kramte ich den gelben Koffer und die Schlüssel hervor. Ayame schloss von innen ab.
„Hier“, erklärte ich und zeigte auf den Koffer, „Das ist der gelbe Koffer. Ich mach ihn jetzt zum zweiten Mal auf, aber beim ersten Mal konnte ich nicht richtig reinschauen.“ Ich steckte den fummeligen kleinen Schlüssel in das winzige Schloss und drehte ihn um. Das Schloss sprang mit einem Klicken auf. Ich öffnete behutsam den Koffer. Uns blitzten verbogene Gabeln und einige Münzen entgegen.
Ayame setzte eine sehr geheimniskrämerische Miene auf und rückte ihre Brille zurecht. „Okay, dann erzähl mal. Die ganze Geschichte vom Fund des mysteriösen Koffers. Im Detail.“
Ich erzählte ihr alles ab dem Moment, wo ich auf den Koffer gestoßen war. Ich erzählte, wie wir ihn öffneten und wie Lia auftauchte, wie sie uns ertappte, ohnmächtig wurde und wie wir dann mit dem Koffer und den Schlüsseln weggerannt sind.
„Aha“, sagte Ayame, „das passiert also mit den geklauten und verbogenen Gabeln. Aber ich hab noch 'ne andere Frage: Wie kam es denn überhaupt dazu, dass ihr da in der Scheune wart, zu zweit?“ Sie schaute mich mit schelmisch schiefgelegtem Kopf an.
Ich band mir einen Zopf. „Wir wollten da in der Scheune so Sachen von Turnieren anschauen.“
Ayame schüttelte den Kopf. „Ja, das ist ziemlich klar! Aber warum seid ihr da überhaupt zu zweit hingegangen, um die Turniersachen anzuschauen? Er muss doch auch arbeiten und so.“
„Eigentlich waren wir in der Reithalle, aber dann sind wir in die Scheune gegangen, weil die Stimmung und die Luft da besser sind“, gab ich zu. Für sie musste das ziemlich verwirrend sein.
„Und warum wart ihr zusammen in der Reithalle? Wo die Stimmung und die Luft schlecht waren?“, hakte sie verständnislos nach.
Ich gestikulierte ein bisschen. „Er war halt mit Ayesha bei der Reithalle und ich musste ihn noch fragen, ob sie zusammen sind!“
AyAy seufzte. „Und warum musstest du ihn das jetzt fragen?“
„Weil ich's wissen wollte und ich es gestern vergessen hab.“
„Uff...“ Ayame stützte den Kopf in die Hände. „Lana, mit dieser schrecklichen Salami-Taktik wird das ja echt nie was! Ich muss mir diese bruchstückhaften Puzzleteile alle in meinem Kopf mühsam zusammensetzen! Das ist anstrengend. Nein, das ist eher der Horror. Erzähl mir doch einfach alles! Und ich wäre ganz froh darüber, wenn's diesmal chronologisch nicht rückwärts ist. Dann lässt es sich leichter verstehen.“ Sie legte mir freundschaftlich die Hand auf den Arm.
Ich atmete tief durch. „Okay“, begann ich, „da ist halt so'n nerviger Typ aufgetaucht, der wissen wollte, wo Ayesha ist, weil sie ihn angeheuert hat. Der Bruder von den V-Nervensägen, musst du dir vorstellen. Der wollte hier beim Umbau helfen. Wir sind dann zu Ayesha gegangen, die da mit Rob war. Der Typ ist mit Ayesha zum Stall gegangen. Ich hab Rob das mit Ayesha gefragt, und zwar in der Reithalle. Dann sind wir zur Scheune gegangen, wegen der Luft und so...“ Ayame verdrehte die Augen, „... Ja, und dann waren wir halt in der Scheune und haben uns so dieses Turnierzeugs angeschaut. Rob hat ein rotes Abzeichen von Tornado entdeckt.“ Ich breitete die Arme aus. „Zufrieden?“ Ich selber war gar nicht zufrieden. Solange ich AyAy nicht das Hintergrundwissen gab, dass ich einen Crush auf Rob hatte, war alles halbwegs eine Lüge. Gerade hatte ich nur die unwichtigen Details erzählt, wie die schlechte Luft und das rote Abzeichen. Ich fühlte mich schlecht damit.
„Nee, ehrlich gesagt eher nicht so“, antwortete Ayame und wirkte ein bisschen enttäuscht. „Ich dachte, es gibt da noch irgendeine Sache mit Rob, die du mir vielleicht erzählen könntest, und dann würde ich alles verstehen. Aber wenn's nur um Reithallenluft und so geht...“
Ich schüttelte den Kopf und überwand mich. „Wir sind sozusagen zusammen. Nur halt nicht offiziell. Ich hab einen Crush auf Rob. Das Problem ist, dass ich ihm das nicht gesagt hab. Aber eigentlich weiß er es auch schon, glaube ich.“ Ich umarmte meine BFF.
Jetzt lächelte Ayame wieder. „Ziemlich blöd. Weil wenn du nicht weißt, ob er in dich verknallt ist, macht alles ziemlich wenig Sinn für dich. Immerhin hast du's ihm noch nicht-“
Ich unterbrach sie. „Ich weiß aber, dass er in mich verknallt ist! Er hat's mir schon gesagt!“
Ayames Augen leuchteten hinter den Brillengläsern. „Wann?“
„Vorgestern“, sagte ich, „als wir uns gestritten haben.“
Ayame senkte den Kopf. „Irgendwie... Vermisst du Mayari auch?“ Sie griff nach ihrer Asics-Tasche, machte den Reißverschluss auf und holte etwas heraus. Es war ein duftender Chicken-Burger von McDonald's. „Wo wir schon so nah beim McDonald's waren...“, sagte sie und gab ihn mir. Sie fügte hinzu: „Der könnte ja als Abendessen gehen, oder?“
Ich nickte begeistert.

Wir räumten zusammen weiter mein Zimmer auf. Heute strichen wir die übriggebliebenen Wände und stellten die ersten Möbel wieder an die schon getrockneten Wände. In entlegenen Schubladen fanden wir Sticker, die an meine Tür kamen.
Als wir schon etwas müde waren, tauschten wir erstmal den Bettbezug aus. Die winterlichen Motive wichen coolen weißen Strichen auf Staubaquatürkis. Es war ja auch der Bettbezug von Mom, der jetzt nicht mehr zu der Form ihrer neuen Decke passte. Mit dem neuen Bettzeug wirkte mein Zimmer gleich viel erwachsener.

🐴

Draußen begegneten wir Mom. Sie brachte mit einer Schubkarre Schrott von den abgerissenen Wänden im Stall weg. Tasuke lief ihr mit einer weiteren Schubkarre hinterher.
Mom wies mit dem Zeigefinger auf die umzäunte Koppel. Sie erklärte uns, dass die Sicherheitszäune fertig waren und die Pferde ab jetzt abends auf der Koppel bleiben konnten, solange ihr Stall umgebaut wurde.
Als die beiden vorbeigegangen waren, hielt mir AyAy die Hand für ein High Five hin. Ich schlug ein. Wir kamen gleichzeitig auf die Idee, ins Café zu gehen.
Wir bestellten und setzten uns an den Tisch, an dem wir gebruncht hatten. Als ich Timo an der Spülmaschine sah, fiel mir wieder ein, dass ich Ayame fragen wollte, wie das Date war. Ich fragte sie.
„War gut“, sagte Ayame, „wir haben uns überlegt, dass wir in den Herbstferien zusammen nach Paris wollen. Wenn wir dann den Louvre besuchen wollen, dann müssten wir halt bald mal die Tickets dafür kaufen.“ Sie lachte. „Aber nach Paris wollte ich ja auch schon immer, also das ist jetzt nicht nur wegen des Louvre.“
Ich nickte. Hinter dem McDonald's irgendwo Reisen planen – das war jetzt nicht so die Art Date, die ich mir vorgestellt hatte. Aber Ayame und Timo waren ja auch vollkommen independent. Eigentlich war die Idee ja gut.

Timo brachte uns die Bestellung an den Tisch. Für mich gab es Eistee und für Ayame Orangensaft. Heute war es so heiß, dass wir was Gekühltes haben wollten, und das konnte man von Matcha-Milchtee oder heißer Schokolade nicht behaupten.
„Wie steht's denn so bei den Ermittlungen?“, fragte Ayames Freund, als er uns die Getränke auf den Tisch stellte.
„Ziemlich gut“, erklärte ich, „Lia ist weiter unsere Hauptverdächtige.“
Als Ayame einen Schluck getrunken hatte, stellte sie fest: „Aber zum silbernen Gegenstand wissen wir immer noch kaum.“ Sie klärte Timo über die womögliche Gabel in Lias Jackentasche auf. Dann dachten wir uns zu dritt einen Plan aus, wie wir Lia überlisten konnten. Der silberne Gegenstand war zwar eigentlich nicht unbedingt sehr gefährlich oder wichtig, aber wenn wir herausfinden konnten, was er war, konnten wir vielleicht noch mehr herausfinden.

Wir sagten Jette Bescheid und verließen zu dritt das Café.
Timo zeigte auf eine Gestalt am Stall. „Da ist sie!“, flüsterte er, „Aktion kann starten!“
Ayame und ich begannen erst leise, dann immer lauter zu kichern und über Unsinn zu tuscheln, während wir übertrieben auffällig hinter Lia herschlichen. Timo sicherte uns von hinten ab. Alles war Teil des Plans und perfekt kalkuliert.
Wir spürten förmlich Lias Anspannung, während wir begannen, hörbar ihre Jeansjacke zu loben.
Ayame flüsterte mir laut zu: „Wow, so eine mega ultra supercoole Jacke hab ich in meinem ganzen Leben noch kein einziges Mal getragen!“
„Frag sie doch, ob du sie mal anprobieren darfst! Sie beißt nicht!“, zischte ich und gab ihr einen Schubs.
Lia drehte sich verunsichert und ärgerlich zu uns um. Ja, ja, wir waren sehr nervig! „Hallo“, brummte sie.
„Hallo Lia!“, flötete Ayame übertrieben enthusiastisch, „Deine Jacke ist ja ein Traum! Weißt du, ich vergöttere sie!“ Sie warf mir einen gespielt schüchternen Blick zu, während Lia verdattert zwischen uns hin- und herschaute.
„Kann Ayame sie mal anprobieren?“, bat ich und trat hinter meine Freundin. Die lächelte so übertrieben, dass Timo und mir Zweifel bezüglich ihres schauspielerischen Talents kamen.
„Äh, ja?“, sagte Lia irritiert und zog ihre Jeansjacke aus. Sie warf sie Ayame zu. Die zog sie schnell an und tat so, als würde sie wie ein Model posieren. Sofort wollte sie die Hände in den Jackentaschen vergraben. Aber wenige Sekunden bevor sie es tat, rief Lia heiser: „Stopp!“ Sie zerrte die Jacke von Ayames Schultern, griff mit einer groben Handbewegung in die Jackentasche und zog blitzschnell den silbernen Gegenstand heraus. Dann steckte sie ihn notdürftig in ihren Reiterstiefel und gab Ayame die Jacke zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln sagte sie schnell: „Äh... Ich möchte das gerade einfach nicht. Jetzt kannst du deine Traumjacke gerne anprobieren! Viel Spaß.“
Mist. Plan fehlgeschlagen.
Sichtlich verärgert zog Ayame die Jacke an, murmelte „Wow, steht mir super, danke, megacool, vielen Dank, das ist echt super nett“ und zog sie wieder aus.
Timo trat vor. „Was war denn der Gegenstand, den Sie da rausgenommen haben?“, fragte er mutig, während Ayame Lia mit der Jacke bewarf.
„Ach, das war bloß eine Gabel“, verplapperte sich Lia und verschwand möglichst unauffällig, aber sehr hastig. Ich sah, dass sie zur Scheune ging. Aber den Koffer und die Schlüssel hatte ich mitgenommen. Ich presste die Lippen zu einer schmalen Linie. „Okay, Leute, hat nicht ganz so geklappt, wie wir geplant haben, aber immerhin wissen wir jetzt, dass es eine Gabel ist.“
„Morgen müssen wir sie mal verhören!“, grummelte Ayame missmutig und scharrte mit den Füßen wie Moritz ohne Hufeisen.
Ich verabschiedete mich von Ayame und Timo und ging ins Haus, um meinen Burger zu essen. Ein ziemlich spätes Abendessen.

🐴

Nachdem ich gegessen und geduscht hatte, ging ich noch mal raus. „Heute haben wir's nicht hingekriegt“, flüsterte ich, „aber wir finden dich, Lia. Ganz sicher.“
Der Hof lag still da. Die Pferde schnaubten leise auf der Koppel, irgendwo klapperte noch ein Haken im Wind. Ich blieb einen Moment stehen und hörte einfach nur zu. Ich wusste jetzt mehr als vorher. Nicht alles – aber genug, um weiterzugehen. Morgen würden wir wieder ermitteln.

Mittwoch, 4. Februar 2026

9: Ein Geständnis zum Mitnehmen

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 9: Ein Geständnis zum Mitnehmen

Verdammt, in der Nacht hatte ich echt nicht gut geschlafen! Ich hatte nie richtig die Augen geschlossen und gefühlt alle drei Minuten auf mein Handy geschaut, ob das Display aufleuchtete und Nachrichten anzeigte. Wenn ich es gar nicht aushielt, tippte ich sogar darauf, was ein paarmal vorkam.
Jetzt war ich eindeutig wach. Mitten in der Nacht konnte es nicht mehr sein, denn durch mein dünnes Rollo erreichten die ersten Sonnenstrahlen mein Zimmer. Mich weiter im Bett herumzuwälzen und so zu tun, als könnte ich noch einschlafen, war sinnlos. Also riss ich die Schneeflocken-Decke von mir runter, griff mir das Smartphone und berührte das Display mit meinem Zeigefinger. Es war 05:17 Uhr. Damit der Wecker, den ich gestern Abend eingestellt hatte, nicht in einer Stunde und 28 Minuten vibrierte, stellte ich ihn schon mal vorzeitig aus. Schließlich war ich jetzt wach und konnte nicht mehr unter die Decke kriechen. Stattdessen lag noch der ganze Tag vor mir. Ich entschied, dass er damit begann, dass ich das Rollo hochfuhr. Sofort wurden die Lichtstrahlen, die vom Fenster hereinschienen, noch heller und fielen auf meinen Schreibtisch.
Im Lichtfeld sah ich kleine Staubpartikel über dem Chaos auf meinem Schreibtisch tanzen. Wenn er sich auf etwas angesammelt hatte, hasste ich Staub, aber in der Luft war er manchmal einfach wunderschön.

🐴

Nach dem gemeinsamen Frühstück mit Mom und Dad lief ich in meinen blauen Turnschuhen raus. Zu meinem schwarzen Top und den blauen Flare-Jeans waren die vielleicht nicht perfekt... Was konnte ich auch dafür, dass alle meine anderen Anziehsachen in der Wäsche waren?! Immerhin konnte ich das oben-schwarz-unten-blau-Outfit mit zwei französischen Zöpfen aufpeppen.
Mein erstes Ziel war, Ayesha zu suchen. Ihre gestrigen Reaktionen auf meine Aktionen mit Rob waren wirklich merkwürdig gewesen. Es war Zeit, Klarheit zu schaffen. Ich musste sie fragen, ob Rob und sie ein Paar waren. Ehrlich, das fände ich beschissen. Es wäre nicht cool von denen.
Auf dem Heuhaufen vorm Stall war Ayesha schon mal nicht, obwohl das sonst ihr Lieblings-Spot für Selfies und Kurzvideos war. Auf dem großen Stein vor dem Café konnte ich sie auch nicht finden, obwohl das mein Plan B gewesen wäre. Wo versteckte sich diese überbezahlte Angeberin?! Ich ging nicht davon aus, dass sie im Café war, und hatte auch keine Lust, dort nach ihr zu suchen. Vielleicht half es mir eher weiter, jemanden auf dem Hof zu fragen. Wer war denn um diese Uhrzeit schon auf? Rob...? Wenn ich ihn schon nach Ayesha fragen konnte, dann konnte ich auch fragen, was zwischen ihnen lief. Hoffentlich gab er mir dieses Mal eine Antwort. Wenn nicht, hätte ich so langsam allen Grund, angepisst zu sein.

Ich ging in den Stall, wo er wahrscheinlich die Boxen der Pferde reinigte. Na ja, er war zwar im Stall, aber Boxen ausmisten tat er nicht gerade. Vielmehr erwischte ich ihn dabei, wie er Krieg gegen eine andere Armee führte und das Zuhause unserer Pferde verstrahlte. Er war schon so angespannt und versunken in das Videospiel, dass ich ihn vielleicht doch lieber in Ruhe lassen wollte. Als ich mich umdrehte und auf den Ausgang zusteuerte, hatte er mich offenbar schon bemerkt und fragte: „Suchst du was?“ Ein leiser Knall kam von seinem Handy, und er murmelte ärgerlich: „Mist, alle drei Leben verbraucht. Mann ey. Egal.“
Ich ging ein paar Schritte näher an ihn ran und kniff ihn in den Arm. Es entstand eine kleine elektrische Zuckung, die ich gar nicht beabsichtigt hatte. Als ich mich gefasst hatte und wieder zurückgewichen war, sagte ich mit eiserner Stimme: „Willkommen zurück in der Realität.“
Sein unschuldiger Blick und die Art, wie er sein Handy in die Bauchtasche steckte, jagten mir einen Schauer über den Rücken. Ich atmete tief ein und zog mir das Top über den Hosenbund. Zuerst fragte ich: „Weißt du, wo Ayesha ist?“ Die andere Frage war kein sehr guter Einstieg in ein Gespräch, und obwohl ich Ayesha jetzt nicht mehr brauchte, war es trotzdem ganz gut zu wissen, wo sie war.
Robs Augen blitzten und er grinste. „Denke mal, zu Hause. Sie hat sich halt heute krankgemeldet.“ Als er mich kurz gemustert hatte, fügte er hinzu: „Alles gut mit dir?“
Meine Gedanken spielten verrückt. Dass Ayesha nicht anwesend war, bedeutete mehr Freiheit für Rob und mich. Wir konnten weiter unsere Verbindung aufbauen. In meinem Bauch bildete sich ein Knoten, denn Ayesha wusste sowieso, dass wir nicht einfach zwei Kollegen waren, die nebeneinander herlebten... Kollegen waren wir eh nicht. Sie war seine Kollegin. Und sie war auch meine Kollegin. Wir funktionierten ganz gut als Team gegen zickige Außenseiterinnen. Aber funktionierten wir auch noch, wenn ich versuchte, ihr alles mit Rob zu verheimlichen? Schließlich war es mehr als wahrscheinlich, dass Ayesha, die 17 Jahre alt war, und ihr 18-jähriger Kollege zusammen waren. Jedenfalls wahrscheinlicher, als dass ihr 18-jähriger Kollege nicht mit ihr zusammen und in seine 14-jährige Nicht-Kollegin verknallt war. Diese war zufälligerweise ein hyperdetektivischer Freak und Bubbletea-Suchti, der sich auf gefährliche Abenteuer auf der Autobahn einließ. Und dass diese überreife Tomate übermäßig viel von dem Achtzehnjährigen hielt, gefiel ihren Eltern bestimmt nicht. Das hieß, dass Mom und Dad nicht von meinem Crush auf Rob erfahren durften. Punkt.
Ich erwachte aus meiner Trance und biss mir auf die Zunge. Aua. Ich schluckte. „Hast du was gesagt?“
„Geht? Es? Dir? Gut???“, fragte Rob überdeutlich. Ich schüttelte den Kopf, sagte aber Ja. Um die peinliche Situation zu beenden, haspelte ich drauflos: „Ähm... Wahrscheinlich hat Ayesha sich krankgemeldet, damit sie den ganzen Tag in der Shoppingmall abhängen kann und ihren TikTok-Kanal füttern kann. Und ganz nebenbei wird sie auch noch dafür bezahlt. Ist doch verdächtig, dass sie im Sommer krank ist.“ Okay, das war jetzt nicht ganz das, was ich eigentlich sagen wollte – und außerdem hatte ich meine unangenehme Frage vergessen. Und natürlich wusste Rob, dass Ayesha eine TikTok-Persönlichkeit war.
Er schaute mich etwas irritiert an und schien noch nicht ganz überzeugt zu sein, obwohl er nickte. Dann schnappte er sich die Mistgabel, die an der Wand lehnte, und sperrte die Tür zu Moritz' leerer Box auf.

Außerhalb vom Stall war die Luft sehr gut. Obwohl das Gespräch in der Stallung irgendwie seltsam verlaufen war, hatte es das Genie in meinem Kopf zustande gebracht, die schlechten und verwirrenden Gedanken vorerst in meine hinteren Gehirnzellen zurückzudrängen. Geblieben war nur noch ein Eindruck, der sich aus der Mischung aus einer gelben Mütze, goldenen Sprenkeln in einer Iris und elektrischen Berührungen zusammensetzte.
Meine Laune hob sich mit der steigenden Sonne und erreichte ihren Höhepunkt, als ich auf dem Putzplatz Lia sah, die Sternschnuppe abspritzte. Ich stellte mich neben das schwarze Pferd und schlang meine Arme um seinen muskulösen Hals. Lia spritzte uns weiter nass, was in der hochkletternden Temperatur sehr guttat. „Na, du? Schon aufgestanden?“, begrüßte sie mich lächelnd und winkte mit der freien Hand. Ich schaute ihr durch den Sprühstrahl ins Gesicht, das auf einmal gar nicht so happy wirkte wie sonst. Ihr Lächeln war mehr gequält als freudestrahlend. Ich war hier freudestrahlend. Ich strahlte also vor Freude, obwohl meine Friends nicht dabei waren. Früher wäre das nicht möglich gewesen, aber jetzt waren sie ja meine Ex-Friends und Ayames Freundschaftsarmband lag irgendwo im Staub unter meinem Bett. Es gab AyAy und Yari nicht mehr. Sie waren nur noch Ayame und Mayari, die Arschlöcher. Und sie würden nie wiederkommen, weil sie keinen Grund hatten, mich auf meinem beknackten Reiterhof zu besuchen. Tasuke war auch von der Liste der freiwilligen Mitarbeiter und Ermittler zu streichen.
Bevor die schlechte Laune wieder aus der hinteren Ecke meines Gehirns herauskriechen konnte, schaute ich schnell wieder zur gequält lächelnden Lia. Sie drehte das Wasser ab und fragte mich, ob ich Moritz putzen wollte. Schließlich war Rob im Stall und die Pferde deshalb auf der Koppel. Sie stockte, als sie ihre Hand in die Tasche ihrer Jeansjacke gleiten ließ, und zog diese ruckartig wieder raus. Dabei blitzte etwas Silbernes aus ihrer Tasche auf. War das der silberne Gegenstand, den sie eingesteckt hatte, als ich sie wegen des Angriffs im Café verhört hatte?! Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich ihre Frage noch nicht beantwortet hatte. Ich nickte und ging zur Koppel, wo ich Moritz holte und an einem Strick zum Putzplatz führte. Grübelnd begann ich mit dem Putzen.

Als ich um 06:53 Uhr ins Haus ging, drehte ich mich noch mal um und winkte Lia hinterher. Sie hatte mir schon den Rücken zugewandt und lief auf Mom zu, die hinterm Stall hervorkam. Zusammen schauten sie einem LKW zu, der gerade auf unseren Parkplatz fuhr. Ein kräftiger Mann stieg aus und sie kamen zu ihm, um ihm die Hand zu schütteln. Dann lud der LKW-Fahrer mehrere sehr große Pakete aus. Zu dritt rissen sie sie auf. Lia, Mom und der Mann brachten den Inhalt zur Koppel, wo die Pferde grasten.
Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als ich erkannte, was sie aus dem LKW geschleppt hatten: die Sicherheitszäune!
Mit neuer Lebensfreude aufgeladen, sprang ich die Treppenstufen zu meinem Zimmer hoch. Ein kribbelndes Glücksgefühl durchflutete meinen Körper. Endlich wurde angepackt. Endlich konnten die Boxen vergrößert werden. Endlich konnten die Pferde abends auf der Koppel bleiben.

🐴

Ich war mit dem Aufräumen meines Zimmers beschäftigt, als es an der Tür klopfte. Ich musste nur noch die Wände streichen und meine Möbel umsortieren. Den Kampf gegen die Zettelwirtschaft meines Schreibtischs hatte ich gewonnen. Treuen Beistand hatten mir dabei die kameradschaftliche Mülltonne und das revolutionäre Kehrblech geleistet. Außerdem hatte ich unnötige Kisten entsorgt und meine Schränke sortiert. Bis auf den Bereich unter meinem Bett hatte ich alles mit dem Staubsauger abgesaugt.
Während ich zufrieden seufzte und mir ein Kaugummi mit Melonengeschmack in den Mund steckte, öffnete ich meine vollgestickerte Zimmertür. Lynn kam rein. „Hallo“, sagte sie schnaufend und wirkte für einen kurzen Moment müde. „Es wurde wieder sabotiert. Schaust du dir den Schaden an? Die Ermittlungen müssen vorankommen!“ Ihr Blick war fast vorwurfsvoll.
Ich kratzte mich am Kopf. „Was ist denn passiert?“, wollte ich wissen. Lynn ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn kraftlos. „Komm, das zeig ich dir jetzt. Rilana, ich weiß nicht, was los ist. Jette und Timo sind gerade erst aufgestanden und nicht in der Lage, mit mir darüber zu reden. Die Playlist spielt auf einmal katastrophale LoFi-Walgesänge ab, die komplette Vitrine wurde geplündert und die Kundentoilette... du kannst es dir nicht vorstellen.“
Ich packte sie an der Hand und wir rannten sofort zum Tatort.

Lynn riss die Tür auf und warf Jette sofort einen genervten Blick zu. Es war entsetzlich. Lynns Tochter hing am Handy ab. Ich schaute unauffällig auf ihr Display. Sie CHATTETE MIT MAYARI!!! Anstatt die vielen Schäden zu beheben und ihrer überforderten Mutter zu helfen, tat sie das sinnloseste, was man in dieser Situation machen konnte. Außerdem provozierte es mich, weil Mayari mich jetzt allgemein provozierte.
Timo hielt zwei Zuckergläser hoch, die mit „Vanillezucker“ und „Salz“ beschriftet waren. „Aus Flat White wird heute wohl nichts mehr“, sagte er zu Lynn, „alles ist total durcheinandergeraten. Die Saboteurin hat alle Zutaten vertauscht und auf den Kopf gestellt. Wir können gar nichts machen. Unsere Tiefkühlvorräte sind einfach verschwunden!“
Jette schaute von ihrem Smartphone auf. „Ein Kunde hat sich beschwert, dass sein Espresso komisch schmeckt, und dann haben wir die vertauschten Zuckergläser bemerkt“, berichtete sie und sah zu Timo rüber. Er fügte hinzu: „Als ich die Spülmaschine ausräumen wollte, hat sie erst mal geklemmt und dann ist Milch aus den Ritzen geflossen! Ich hab mir erst mal schön die Hose versaut und dann auch noch die Finger eingeklemmt, als ich sie dann doch aufgekriegt hab. Alle Becher sind nacheinander auseinandergebröselt! Ich meine, das ist der Wahnsinn!“ Plötzlich wurde ja alles auf einmal sabotiert! Es hatte jetzt offensichtlich nichts mehr mit der Tollpatschigkeit von Jettes Bruder zu tun.
Mein Blick fiel auf die ausgeplünderte Vitrine. Lynn legte mir eine Hand auf die Schulter und zeigte mit der anderen auf den Boden. Selbstgebackene Muffins, Kuchen und Cookies lagen über die Fliesen verteilt. Ein leckerer Brownie war komplett zertreten gestorben und zu keinem Prozent mehr essbar. In einer Ecke lag ein in fünf Stücke gebrochener Cranberry-Zitronen-Cookie. Ich enthauptete ein Blümchen, das in seiner Vase auf dem Tresen stand. Das Köpfchen warf ich auf den Brownie und sagte: „Mein Beileid.“ Mein Herz krampfte sich noch mehr zusammen, als ich den ausgelaufenen Erdbeersmoothie entdeckte, der wehrlos neben dem Cookie lag.
Lynn ging mit mir zum Kunden-WC. Die Tür stand sperrangelweit offen. Der Blick auf die komplett kaputte, mit Schmutzwasser überlaufene Kloschüssel und die daneben liegende Klobrille war frei. Ich schaute zu Lynn, die zusammenzuckte, obwohl sie den Anblick heute Morgen schon einmal ertragen hatte. „Die Rohre sind komplett abmontiert worden“, brummte sie mit Grabesstimme, „und meine Schwester Lia hat sich geweigert, neue dranzumontieren und uns zu helfen. Dabei ist sie doch Spezialistin auf diesem Gebiet! Weißt du, wir waren schon immer ziemlich zerstritten, aber so weit ist es noch nie gekommen. Wir haben dann noch heftig gestritten und diskutiert. Und dann hat sie gesagt, dass ich selber Schuld mit Herrn Waltz war und sie ihn auch nicht leiden kann, aber dass er in einer Sache Recht hat: nämlich, dass Jette und Timo nicht alleine das Café leiten sollen.“ Sie verschränkte die Arme, ohne mich anzuschauen. „Ich hab wirklich schon genug zu tun“, murmelte sie leise und ich konnte aus ihrer Stimme Wut heraushören. Ich musste daran denken, dass Lia einmal zu abmontierten Rohren und Werkzeugen gegangen war, worauf ich damals nicht so geachtet hatte. Und an den silbernen Gegenstand musste ich auch denken. Ich fragte Lynn, ob sie wusste, was Lia immer bei sich trug. Die Besitzerin des Cafés wusste es natürlich nicht und wurde still.

Ich hörte, wie die Tür zum Café aufgestoßen wurde, und machte die zum WC schnell hinter mir zu. Die Klo-Katastrophe musste echt nicht jeder dahergelaufene Kunde sehen, da reichten die ganzen Sachen auf dem Boden schon völlig aus.
Timo winkte hinter dem Tresen. „Hi, Tasuke! Wie du siehst, ist bei uns das totale Chaos ausgebrochen! Die Saboteurin hat jetzt alles auf einmal sabotiert!“, begrüßte er Ayames Bruder. Uff. Kein Kunde. Keine Ayame. Nur ein Detektiv.
Tasuke blieb kurz unschlüssig vor der Sauerei auf dem Boden stehen. Dann schaute er sich nach etwas um.
Timo machte eine abwinkende Handbewegung. „Hier wurde halt sabotiert. Können wir was für dich tun?“
Tasuke überlegte. „Vielleicht... die Musik ändern? Diese seltsamen Töne sind ziemlich irritierend. Oder glaubt ihr, damit trefft ihr den Geschmack eurer Kunden?“, frotzelte er.
Jette verdrehte die Augen. „Falls du's noch nicht bemerkt hast: Diese Musik ist auch Sabotage! Denkst du, wir würden Walgesänge anmachen? Und wo die Musikbox versteckt ist, wissen wir nicht. Also: nein. Und eigentlich kannst du im Moment auch gar nix bestellen. Alles, was wir haben, sind Matschekuchen auf dem Boden. Der Kühlschrank ist leer. Das einzige, was du jetzt machen kannst, ist, zu spenden... Ansonsten zieh ab!“, meckerte sie ihn an.
Ich sprang über ein paar versaute Zitronenmuffins und zeigte dann auf Tasuke. „Kommt Ayame auch?“, schoss es aus mir, bevor ich drüber nachdenken konnte. Ich hängte schnell noch dran: „Und, äh, warum bist du hergekommen?“
„Ayame hat mich geschickt. Sie kommt nach dem Mittagessen“, antwortete er, „Ich bin nur hier, um nach dir zu schauen und dir das zu sagen. Ich soll ihr schreiben, wie du drauf bist.“
Mein Gesichtsausdruck wurde kühl. „Du bist also ihr Spion. Und nach dem Essen will sie mich verprügeln? Du kannst ihr melden, dass ich ihr Freundschaftsarmband unter mein Bett in den Staub geschmissen hab.“
Tasuke schluckte. „Ich weiß, das ist sehr feige von ihr, dass sie nicht selbst nach dir schaut. Aber... ich glaub nicht, dass sie dich verprügeln will.“ Während er langsam wieder zur Tür ging, holte er sein Handy hervor und tippte etwas.
Timo, der inzwischen das Chaos auf dem Boden wegfegte, ließ das Kehrblech stehen und holte ihn zurück. „Hey! Suk! Ich bezahl dich. Und du hilfst uns.“ Als er sah, dass Tasukes Video-Chat mit Ayame ihn aufzeichnete, sagte er: „Er hilft uns, okay?“ Die winzige Ayame auf dem Bildschirm nickte zehnmal hintereinander und winkte. Dabei sah sie nicht, dass ich mit aufs Display schauen konnte.
„Okay, ich helfe euch“, sagte Tasuke zu Timo, und leise zu Ayame: „Du kannst dich auf einen R-Punkt-Eiszapfen freuen. Dich erwarten Nordpol-Temperaturen in ihrer Nähe und vielleicht ein kleines Gewitter mit Schnee.“ Dann beendete er den Video-Chat, steckte sein Handy zurück und schaute sich nach der versteckten Musikbox um. Timo ging zur Kasse und machte die Schublade auf. Er holte einen Zehner raus und gab ihn Tasuke.
Ich trat aus dem Café. Jette winkte mir noch zu und ging dann zur Spülmaschine hinter den Tresen.

Draußen an der Koppel begegneten mir Mom und Lia. Ich sah, dass sie Fortschritte mit dem Sicherheitszaun gemacht hatten, aber fertig waren sie noch lange nicht. Mom drückte mir ihre Geldbörse in die Hand und erklärte, dass sie mit Lia den Zaun befestigen musste. Deswegen sollte ich mit dem Fahrrad zum Supermarkt fahren und für das Mittagessen einkaufen.
Ich holte schnell meine Tasche und mein hellblaues Fahrrad. Nachdem ich einen Blick auf die Einkaufsliste von Mom geworfen hatte, radelte ich los. Zum Lidl in der Nähe musste man so fahren wie zur Schule, nur am Ende musste man rechts abbiegen. Tatsächlich fuhr ich immer mit dem Rad zur Schule.
Als ich angekommen war, stieg ich vom Fahrradsattel und befestigte mein Schloss an einem öffentlichen Fahrradständer und am Hinterrad. Ich hängte noch meinen Helm dran und betrat dann die Filiale.
Als Erstes nahm ich mir einen Einkaufswagen und steuerte auf das Tiefkühl-Regal mit den Pizzen zu. Auf der Einkaufsliste stand Pizza ganz oben. Ich machte es immer so, dass ich die Waren nach der Reihenfolge kaufte, wie es auf der Liste stand. Das war am unkompliziertesten.
Von der Tiefkühlpizza, die wir immer kauften, waren nur noch zwei da. Ich schob die durchsichtige Schiebetür auf. Dann nahm ich beide Pizzen und legte sie in den Einkaufswagen.

Außer dem, was auf der Einkaufsliste stand, hatte ich noch geheime Süßigkeiten für mich, Cookies und Himbeeren gekauft. Jetzt schob ich gerade meinen Einkaufswagen zurück und ging dann mit einer vollen Tasche zu meinem Fahrrad zurück. Ich schloss es auf und fuhr nach Hause. Dort verstaute ich alles außer den Pizzen und den Süßigkeiten in Kühlschrank oder Küchenschrank.
Ich machte den Ofen an und fing an, die Soßen vorzubereiten, die Mom liebte. Als der Ofen bereit war, schob ich die Pizzen rein und stellte die Eieruhr auf 12 Minuten.

 🐴

Dad, der mit uns zusammen gegessen hatte, übernahm den Abwasch. Die Pizza war echt lecker gewesen. Jetzt war ich satt und wollte mich nicht länger im Gebäude aufhalten. Deshalb ging ich nach draußen auf den Hof. Gleich musste Ayame ankommen, und am besten bereitete ich mich geistig schon mal darauf vor. Es musste ein kühler Empfang werden; ein cooler, kühler Empfang.
Plötzlich fiel mir ein, dass ich mir gestern vorgenommen hatte, Jette endgültig zu fragen, ob sie die Saboteurin war. So langsam kam sie mir echt verdächtig vor. Schließlich war sie immer im Café und bekam alles mit, ging ständig aufs Klo - also zum Tatort – und benahm sich in Tasukes Gegenwart grummelig und aggro. Dann kam noch dazu, dass sie so gut wie nie etwas fürs Café tat und stattdessen am Handy rumhing. Wahrscheinlich hatte sie auch noch Stress und Druck in der Familie, weil es zwischen Lynn und ihrem Mann nicht so rund lief und alles unerträglich wurde. Deshalb konnte es gut sein, dass sie Aufmerksamkeit von ihren Eltern haben wollte – und die bekam sie, wenn sie das Café sabotierte.
Die Sabotageakte heute wiesen auch darauf hin, dass es der Saboteurin nicht um Geld ging. Die Taten wirkten verzweifelt. Die Täterin schien Zeitdruck zu haben... oder Angst, entlarvt zu werden! Sonst hätte sie nicht alles auf einmal sabotiert. Bisher war sie immer diskret und systematisch vorgegangen.
Ich musste es jetzt einfach durchsetzen. Je länger die Täterin (die wahrscheinlich Jette war) unentdeckt blieb, desto mehr Schaden konnte sie anrichten. Also stieß ich die Tür zum Café mit warnend-detektivischem Gesichtsausdruck auf und trat ein.
Timo und Tasuke hatten die Schweinerei auf dem Boden bereits beseitigt und LoFi-Walgesänge waren auch nicht mehr zu hören. Stattdessen lief jetzt ein poppiger Song von Taylor Swift. Jette stand harmlos hinter dem Tresen und tippte auf ihrem Handy. Ich stellte mich ihr gegenüber und bestellte: „Hi, Jette. Ich hätte gern ein Geständnis.“
„Kommt sofort“, trällerte Jette geistesabwesend und bückte sich, um in die Vitrine zu greifen. Dann stockte sie. „Äh, was? Ein Ge... Ein Geständnis? Kein Bubbletea? Ach ja, wir haben auch gar keinen, den wir dir geben könnten. Was für ein Geständnis meinst du denn?“
Ich packte sie an den Schultern und sah ihr eindringlich in die Augen. Ich flüsterte: „Keine Sorge, ich verdächtige dich nicht, aber du bist verdächtig. Äh, ja, okay, egal. Aber jedenfalls würde ich gern wissen, ob du das Café sabotierst. Das ist jetzt auch das letzte Mal, dass ich dich frage.“
Jette wirkte nicht sehr beruhigt. „Sehr gut! Und Timo kann bezeugen, dass ich es nicht bin. Sehe ich etwa so aus? Wir sagen doch, dass Lia es ist! Sie hat Tasuke überfallen! Ich find's gut, dass du so detektivisch bist, aber manchmal geht dieses Misstrauen bisschen zu weit. Würde ich mal sagen.“ Sie schaute mich an wie ein Welpe, der im Regen alleingelassen wurde. „Rilana“, sagte sie traurig, „Mama hat gerade schon so viel zu tun, und ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann, ohne sie aufzuregen. Aber ihr Café sabotieren, das würde ich auch nicht machen, wenn alles super laufen würde. Timo hätt's auch gar nicht erst zugelassen. Hier irgendwas zu sabotieren, ohne dass er's merkt, ist gar nicht möglich.“ Es gab keinen Zweifel mehr, dass Jette unschuldig war. Timo war auch ausgeschlossen, denn dann hätte sie es ja gemerkt. Vielmehr war Lia jetzt meine Hauptverdächtige. Ayesha hatte schon mehrfach beteuert, dass sie unschuldig war. Alle aus meiner Familie kamen nicht infrage. Lynn konnte es nicht sein, weil das Café ihr gehörte und die Sabotage sie stresste. Jette, Timo und Herr Waltz waren auch aus dem Spiel. Meine Freundinnen sabotierten natürlich auch nicht. Rob traute ich gerade nicht zu, dass er der Saboteur war. Tasuke war Opfer der Sabotage und ermittelte für uns. Mich selber hatte ich nie verdächtigt. Also konnte es praktisch nur noch Lia oder eine externe Person sein.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als die frische Sommerluft durch die Tür reinströmte.
„Timo!“, rief eine verdächtig bekannte Stimme und die Person rannte stürmisch auf Jettes Bruder zu. Ich zuckte zusammen. Als ich mit meinen Gedanken abgeschweift war, hatte ich Ayame vergessen. Jetzt war ich komplett unvorbereitet. Zum Glück hatte ich ein wenig Zeit, mich zu fassen, während meine Ex-Freundin Timo umarmte.
Ich starrte auf Ayames T-Shirt. Ayame hatte es getragen, als wir uns in der Schule anfreundeten. Es war weiß und hatte einen roten Schriftzug. Damals saß ich beim Mittagessen in der Schulmensa an ihrem Nachbartisch und es gab Nudeln mit Tomatensoße. Mayari saß neben mir und ist plötzlich aufgesprungen, weil sie Tasuke am Buffet gesehen hatte. Dabei stieß sie mich versehentlich mit dem Ellbogen an und mir fiel der Löffel aus der Hand. Er klatschte in die Tomatensoße, die überall hinspritzte. Sogar Ayame am Nachbartisch wurde vollgespritzt. Die anderen waren alle total sauer und liefen zum Klo oder motzten mich an, aber Ayame, die eine Klasse höher war, blieb sitzen. Die Situation an sich war megapeinlich, Ayame rettete sie aber. Sie sagte mir, dass ihr T-Shirt so jetzt viel besser aussah und die Tomatenflecken zum roten Schriftzug passten. Die anderen versuchten alle, die Soße auszuwaschen und trugen die Klamotten danach nie wieder. Ayame ließ das T-Shirt so und hat es oft getragen – und heute trug sie es wieder, obwohl sie auf einen grünen Stil umgestellt hatte. Damals, als ich sie vollspritzte, hatten wir uns angefreundet; vorher kannte ich sie nämlich nur vom Sehen. Mit Mayari, die in meiner Klasse war, hatte ich mich kurz davor schon angefreundet. Ich wurde auf sie aufmerksam, als sie sich vorne am Haaransatz zwei Strähnchen blond färbte. Ayame war auch begeistert davon und wir wurden zu einer klassenübergreifenden Dreiergruppe, die sich in den Pausen und nach Schulschluss traf. Meistens half uns Ayame erst mal bei den Hausaufgaben und dann machten wir coole Sachen und hingen ab.

Ich hob meinen Blick von Ayames T-Shirt und sah ihr direkt in die Augen. „Hi“, presste ich hervor.
Ayame lächelte traurig. „Lana“, sagte sie leise. Sie blickte kurz zur Tür und dann wieder zu mir. Ich verstand das Zeichen und nickte. Wir verließen das Café, um die Lage zu klären, ohne von allen gehört zu werden.
„Du willst die Situation mit mir besprechen, oder?“, fragte ich und strich mir das Top glatt.
Ayame schaute auf ihre Füße, die in schwarzen Retro-Sneakern steckten. „Die Situation von gestern. Die hat sich nämlich verändert.“ Als sie eine kleine Pause machte, um zu überlegen, wanderte ihr Blick wieder hoch. „Gestern hab ich voll überreagiert. Sorry.“
Ich guckte weg und bewegte einen Mundwinkel ungeschickt nach oben. Kühl und lässig zu wirken, war echt leichter gesagt als getan. Gerade war ich einfach angespannt und wusste nicht, was ich machen sollte. Unsicher verlagerte ich mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ich erwartete, dass Ayame weiterredete. Nach einer kurzen Pause tat sie das auch.
„Irgendwie war ich gestern total fertig von der Horrortour mit Vicky und Valerie und hab meinen Ärger dann aber an euch rausgelassen. Aber du warst eigentlich gut drauf und wolltest mit uns eine coole Zeit haben. Nur dass ich trotzdem genervt war und einfach unfair zu dir war. Ich hab eigentlich schon gewusst, dass du Recht damit hattest, dass wir nicht die Saboteurinnen sind – ist ja auch klar. Aber ich hab's da einfach nicht ausgehalten, dass du alles besser wusstest. Als du dann Timo verdächtigt hast, hab ich das einfach als Grund genommen, beleidigt zu sein. Das war richtig blöd von mir“, gab sie zu. Ayame rückte ihre Brille zurecht.
Ab diesem Moment konnte ich ihr nicht mehr böse sein. Ich grinste. „Dann sind wir jetzt wieder BFF?“
AyAy nickte und zeigte auf die drei Freundschaftsarmbänder an ihrem Handgelenk. „Best Friends Forever und keine beschissenen Arschlöcher. Echt, ich bin nicht sauer auf dich, weil du das in den Chat geschrieben hast.“ Sie schaute aufmunternd in Richtung Café. „Jetzt ermitteln wir wieder gemeinsam und finden den Täter.“

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Im Haus gingen wir auf den Balkon und richteten es uns dort gemütlich ein, mit Himbeeren und Süßigkeiten. Ich setzte mich in den Sitzkorb und Ayame holte sich einen Campingstuhl dazu.
Ich klärte sie über meinen aktuellen Verdacht auf Lia auf, während ich die Himbeerpackung halbierte. „Dass sie mich vom Café fernhalten will, ist mir inzwischen klar. Und dahinter steckt nicht nur, dass sie Jette und Timo nicht mag. Ich glaube, es steht fest, dass sie die Saboteurin ist“, kombinierte ich, „Es kann eben auch nur Lia oder Rob sein. Jette habe ich heute gefragt. Sie ist es eindeutig nicht. Und ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Ayesha mich immer anlügt. Heute hat sie sich krankgemeldet.“
Ayame kaute nachdenklich auf einem Lachgummi. „Konntest du irgendwas Neues zum silbernen Gegenstand rausfinden, den Lia vorgestern nach dem Überfall dabei hatte?“, fragte sie. Sie hielt mir die Packung hin und ich schob mir auch ein Lachgummi in den Mund. Als ich es zerkaut und runtergeschluckt hatte, sagte ich: „Sie hat ihn jeden Tag in der Tasche. Heute ist sie zusammengezuckt, als sie ihn berührt hat. Irgendwie denke ich, dass es eine Gabel ist.“
„Würde passen“, meinte Ayame, „Jette und Timo sagen auch, dass Lia Tasuke angegriffen hat. Und der Angriff passierte ja mit einer Gabel. Außerdem hat die Saboteurin am Anfang Gabeln verbogen. Die Kratzer waren übrigens nicht sehr tief. Tasuke ist wieder fit.“
Ich schaukelte in meinem Sitzkorb hin und her. Ich fragte AyAy, ob sie Tasuke von unserem Streit erzählt hatte oder ob das Mayari gewesen war.
„Beides“, antwortete meine BFF, „also Mayari hat's ihm schon direkt nach dem Streit geschrieben und ich hab es ihm gestern Abend erzählt, als ich dazu bereit war.“ Ayame beugte sich zu mir vor und griff drei Himbeeren aus der halb leeren Packung.
Ich schmunzelte. „Du hast dich also dagegen entschieden, eine Mobberin zu sein?“
Ayame nickte ernst. „Mobbing ist eigentlich was anderes“, erklärte sie, „Da macht eine Gruppe einen Schwächeren runter, um sich cool und mächtig zu fühlen. Oft ist das richtig traumatisierend. Gestern hab ich ein paar Videos über Mobbing geguckt und rausgefunden, dass ich Tasuke nicht mobbe. Ich ärgere ihn eigentlich nur und bin fies. Aber das will ich nicht mehr machen. Zu echtem Mobbing soll es nicht kommen.“
Ich gab ihr ein Zeichen, dass sie kurz warten sollte, und ging in mein Zimmer, um das Freundschaftsarmband aus dem Staub zu fischen. Das machte ich mir ums Handgelenk und ging wieder auf den Balkon. Ich klärte Ayame darüber auf, was ihr Geschenk durchgemacht hatte. Wir kamen auf die Idee, es Mayari zu schenken, damit sie auch eins hatte. Allerdings wusste keine von uns beiden, ob sie jemals wieder zu uns auf den Reiterhof kommen würde. Nach tausend wütenden Spam-Nachrichten hatte sie nichts mehr in den Gruppenchat geschrieben.
Ayame holte ihr Handy aus ihrer Asics-Sporttasche, die sie heute mitgenommen hatte. Als sie einen Blick darauf geworfen hatte, sagte sie: „Mir hat sie noch geschrieben, dass ihre neue BFF jetzt Jette ist. In dem Chat bist du nicht drin.“ Sie rückte ihre Brille zurecht und seufzte.

Ich zeigte Ayame mein aufgeräumtes Zimmer und lud sie ein, mit mir zusammen die Wand zu streichen. Dafür stellten wir alle Möbel in die Mitte des Zimmers und holten uns aus dem neuen Gästezimmer die Farbtöpfe. Die bunte Wand dort sah richtig krass aus; deshalb wollten wir die in meinem Zimmer auch mit der Hochsprung-Technik streichen.
Als Hauptfarben wählten wir Mintgrün, Hellblau und Flieder aus. Diese Pastellfarben spiegelten unsere Freundschaft: Mint stand für Ayame, Blau für mich und Flieder für Mayari. Und falls sie nie wieder unsere Freundin sein würde, wäre es halt immer noch eine coole Farbkombi. Natürlich stand sie eigentlich eher auf knalliges Pink, aber das war ja keine Pastellfarbe und ich wollte keine knalligen Wände haben. Das Streichen (oder Gestalten?) der Wände war der erste Schritt zu einem coolen Zimmer. Ich hatte den komischen, kindischen Mittelzustand satt. Jetzt wollte ich ein cooles Zimmer haben. Bald würde ich auch noch den Bezug der Decke austauschen, der dann ja nicht mehr reinpasste. Und die Tür wurde weiter zugestickert.

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Wir hatten zweieinhalb Wände fertig und brauchten frische Luft. Während wir rausgingen, konnte die Farbe trocknen. Bevor wir die Möbel ranstellen konnten, dauerte es wahrscheinlich sowieso noch drei Tage. Wir setzten uns auf den Heuhaufen vor dem Stall, wo sonst immer Rob und Ayesha abhingen. Ich wollte Ayame schon über Rob und mich aufklären, begann dann aber doch lieber eine Diskussion über Poster. Eigentlich hatte ich nie Geheimnisse (außer meinen Süßigkeiten, die Mom nicht sehen durfte), aber diese Sache war irgendwie anders. Also fragte ich Ayame, ob ein Poster von „Halt, das ist unser Wald“ aus „Die Schule der magischen Tiere“ cool genug für mein Zimmer wäre. Wir steigerten uns rein und schweiften vom Thema ab, bis Tasuke mit einer Schubkarre vorbeikam. Sofort brachen wir die Überlegungen ab und sprangen rein. Dann begann eine richtige Abenteuerfahrt mit Höchstgeschwindigkeit.

Samstag, 10. Januar 2026

8: Handy, Horror, Herzklopfen

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 8: Handy, Horror, Herzklopfen

Ich wachte auf, als Mom mit einem Löffel auf die Unterseite ihres Kochtopfs hämmerte. Ich schlug die Augen auf. „Was ist denn los?“, fragte ich schlaftrunken und schnipste ein Schlafkörnchen weg. Mom hielt einen Flyer für unseren Reiterhof hoch. „Lia hat Reklame gemacht! Steh schon auf, wir müssen die Reithalle und allgemein den ganzen Hof vorbereiten! Irgendwelche Kinder wollen jetzt hier reiten lernen.“
Als Mom aus dem Zimmer getreten war und meine Tür hinter sich geschlossen hatte, rollte ich mit den Augen. Wenn ich heute als Ponymädchen gefragt war, konnte ich ja wohl kaum in meinem Rockstar-Outfit rumlatschen. Ich schlüpfte in meine grauen Shorts, zog mir Reiterstrümpfe an und warf mir mein graues T-Shirt über. Zum Schluss kam noch ein pinkes Baumfällerhemd drauf, um den professionellen Ponymädchen-Look zu unterstreichen. Mit Cookies im Bauch, geputzten Zähnen, unauffälliger Schminke und einem geflochtenen Zopf nahm ich meine blaue Longchamp-Tasche und steckte meine Füße in schwarze Reitstiefeletten. Ich war absolut überzeugend. Bestimmt würden alle von mir denken, ich sei ein waschechtes, erfahrenes Berufsponymädchen. In meiner berufstauglichen Kombi flitzte ich also die Treppe runter und sperrte dann die Tür auf. Die noch kühle, morgendliche Sommerluft kam mir entgegen und erfüllte meine Lunge mit dem Duft der Wildkräuter, die auf der Koppel wuchsen.

In der Reithalle traf ich auf Mom, Mayari, Ayame und Ayesha. Meine Friends schienen auch als Hilfskräfte für den Pferdetag eingeplant worden zu sein. Wo war Rob geblieben? Anders als AyAy und Yari hatte er ja einen festen Job hier und eigentlich wäre es automatisch seine Aufgabe, alles vorzubereiten und die kleinen Pferdefans zu unterrichten. Ich schaute mich um. Mom hatte wohl ähnliche Gedanken wie ich. „Hast du gesehen, wo Rob sich verschanzt? Ich habe ihn heute noch gar nicht zu Gesicht bekommen!“ Sie runzelte die Stirn.
„Ich frag mich auch, wo er steckt“, meinte ich besorgt. Mom warf mir ein Banner aus weißem Stoff zu. Sie rief: „Mach das über dem Eingang zur Reithalle fest, Schatz.“
Ich befestigte das Banner an zwei Haken, die rechts und links vom Eingangstor zur Reithalle am Backstein befestigt waren. Als ich fertig mit dem Aufhängen war, konnte ich endlich erkennen, was auf dem Banner stand. Eingerahmt von den Silhouetten zweier Pferde stand darauf in Großbuchstaben mit Serifen: „WILLKOMMEN AUF DEM REITERHOF WESTFRIED“. Wie immer, wenn ich den Nachnamen meiner Familie irgendwo stehen sah, musste ich schmunzeln. Vor allem, wenn es professionell wirkte.

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Als ich Moritz zum Putzplatz führte, stellten sich seine Ohren auf. „Was ist denn?“, fragte ich und schaute mich um.
Ich verdrehte die Augen. Unsere Kunden, nämlich vorlaute, gemeine, zappelige Nervensägen, kamen gerade an. Als ich den aufgeregten Moritz festgebunden hatte, ging ich einige Schritte auf unsere Kunden zu. „Hi“, begann ich, „ihr seid zum Reiten hier, oder? Ich bin Rilana.“
„Hi Rilana!“, quasselte die Kleinere drauflos, „Ich bin Valerie! Wir können schon richtig gut auf Ponys reiten und wollen es jetzt das erste Mal auf Pferden ausprobieren! Und wir kennen uns schon richtig gut aus!“ Valerie hüpfte begeistert in ihren schwarzen Kinderreitstiefeln auf und ab. Sie trug einen großen türkisen Reithelm auf dem blonden Lockenkopf. Ich schätzte sie auf sechs bis acht Jahre. Ihre Schwester war etwas größer und hatte eher rotblondes Haar. Sie trug die gleichen Stiefel wie Valerie, nur in einer größeren Größe. Ihr Reithelm war schwarz. „Ich bin Vicky. Wir haben auch noch einen größeren Bruder, der Vidar heißt. Wir sind eine V-Familie!“, erzählte sie stolz und ich musste mich dazu durchringen, nicht zu einem Vollzeit arbeitenden Augenroll-Roboter zu werden. Mit ihrer Plapperei gingen mir Valerie und Vicky echt auf die Nerven. Seit wann interessierte es mich bitte, dass sie einen großen Bruder namens Vidar hatten und deswegen eine V-Familie waren?! Die Eltern hatten wahrscheinlich sowieso
keine Namen mit V und deswegen waren sie nur V-Geschwister.
Ich war ziemlich erleichtert, als Ayame und Mayari kamen und die V-Nervensägen zum Reiten abholten. Beim Herrichten der Reithalle hatten wir unsere Dienste aufgeteilt und beschlossen, dass ich mit Ayesha die älteren übernahm, während meine Friends die kleineren mit ihren Pferden führten. Wenn sie zurückgekommen waren und sich kennengelernt hatten, trainierte Mom in der Reithalle ein paar Tricks mit ihnen. Ayesha und ich würden mit den älteren putzen und danach ausreiten. Dass ich mit der Hauptverdächtigen zusammen ein Team war, war eigentlich gar nicht so ärgerlich. Ich konnte alles mit ihr klären, ohne dabei auszurasten – und ich musste mich nicht mit Vicky und Valerie abquälen. Also war die Aufteilung ganz cool. Problematisch war, dass ich gestern schon nicht so viel Zeit mit meinen Friends verbracht hatte und sie dann auch noch diesen Film-Abend ohne mich gemacht hatten, wodurch ich heute noch mehr die Außenseiterin war.
Das hatte mir Rob eingebrockt, indem er sich versteckte und die Arbeit vernachlässigte. Würde er an meiner Stelle mit Ayesha das Putzen und Ausreiten übernehmen (wie es eigentlich geplant war), könnte ich mit Ayame und Mayari zusammenwachsen, indem wir uns gegen V und V verschworen. Ich ballte die Faust. Alles nur wegen diesem dummen Typen. Ich warf mir den Zopf über die Schulter und stampfte in den Stiefeletten zum Putzplatz, wo Ayesha Selfies schießend auf mich wartete.
Ich boxte ihr in die Seite. „Hey, steck mal lieber das Handy ein. Wir sind schon unprofessionell genug.“
Zu meiner großen Überraschung nickte Ayesha einfach. „Das stimmt. Ey, da kommen sie schon!“ Sie schob sich das Handy in die Gesäßtasche und setzte ein fakes, aber berufstaugliches Lächeln auf. Wir winkten und stellten uns vor. Als der Blick von einer Kundin auf Ayeshas offene, schwarze Haare fiel, band die sich alarmiert einen erstaunlich ordentlichen Zopf.

Ich holte einen Striegel aus dem Putzkasten. „Beim Putzen beginnt man mit dem Striegel und reinigt damit grob die großen und muskulösen Flächen des Pferds. Wir striegeln, um den gröbsten Schmutz aus dem Fell zu entfernen“, erklärte ich mit professioneller Miene und Stimme. Ich machte es bei Moritz vor. Ayesha wies auf die drei Pferde, die auf dem Putzplatz standen. „Das sind Moritz, Cora und Ice Cream. Ich teil mir Moritz mit Rilana und mit ihm machen wir alles vor. Ihr könnt jetzt unter euch ausmachen, wen ihr euch teilt. Nur eine Person kann ein Pferd für sich allein haben.“
„Okay.“ Eins der drei größeren Mädchen nickte ihr zu. „Isabel, teilen wir uns eins?“ Das blonde Mädchen, das Isabel hieß, reckte den Daumen nach oben und sagte zu uns: „Emma und ich teilen uns den Apfelschimmel.“
Ich drückte ihnen zwei Striegel in die Hände. „Das ist Cora.“ Ayesha gab dem dritten, abtrünnigen Mädchen auch einen Striegel und nahm sich selber einen. Die Außenseiterin schlurfte unzufrieden zu Ice Cream. „Das ist blöd. Ich weiß schon alles übers Putzen. Könnt ihr was Spannenderes machen?“
Synchron augenrollend drehten Ayesha und ich uns zu Moritz. Diese sozial inkompetente Angeberin war selber schuld, wenn sie zu unserem unfreiwilligen Pferdetag kam. Sie hatte doch gewusst, dass wir putzen würden, das stand im Programm! Ich schüttelte den Kopf.

Als Emma und Isabel begannen, erst leise und dann lauter über Pferdefutter zu reden, wandte ich mich Ayesha zu. „Sorry, dass ich oft so aggro zu dir war. Du bist halt einfach mega verdächtig. Sabotierst du das Café? Sei bitte, bitte ehrlich. Wenn wir diese Zicke aushalten wollen und nicht vorhaben, unseren Reiterhof ins Verderben zu stürzen, müssen wir uns jetzt halt zusammentun“, raunte ich ihr zu. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Ayesha schüttelte energisch den Kopf und traf mich fast mit ihrem voluminösen Pferdeschwanz. „Ich bin nicht die Saboteurin! Das hab ich dir doch schon so oft gesagt!“, protestierte Ayesha leise, „Ich finde das Waltz-Café super und will selber mal irgendwann eins haben! So ein richtiges TikTok-Insta-Café, wo Leute hingehen, um Fotos zu schießen, und dafür bezahlen, Werbung für mich zu machen!“ So stur, wie sie behauptete, nicht die Saboteurin zu sein, glaubte ich ihr so langsam. Die Taten im Café trafen zwar genau auf ein mögliches Motiv von ihr zu, aber sie war schon fast zu offensichtlich. Wenn ich bei den Ermittlungen weiterkommen wollte, konnte ich sie jetzt einfach nicht weiter verdächtigen. Das würde dem echten Täter nur noch mehr Zeit verschaffen.

Als ich von Moritz' Fell aufschaute und zufrieden feststellte, dass es um einiges sauberer geworden war, drehte ich mich zu Ayesha, die schnaubte. „Hey?!“, fragte ich verwirrt, „Was ist denn los mit dir?“
Meine Teamkollegin verschränkte die Arme. Sie fauchte leise: „Ich find's halt einfach … krass, dass du mich immer noch verdächtigst! Ich bin unschuldig, klar?!“ Das provozierte mich. Es machte mich sauer, dass sie wieder aggro wurde, obwohl ich ihr eine Chance gegeben hatte und wir in einem Team waren. Ich hob abwehrend die Hände und knurrte: „Schon okay. Du brauchst wirklich nicht immer gleich aggro werden. Das ist eben asozial. Mach doch einfach mal vernünftig mit. Wenn du nicht nur dauernd Selfies schießt, kriegst du sicher eine Gehaltserhöhung. Nach dem Umbau kannst du wieder mehr influencen, jetzt musst du aber mithelfen, damit es schneller geht“, machte ich ihr klar. Ayesha rümpfte nur die Nase. Aber plötzlich schien ihr eine Idee zu kommen. Ihr Gesichtsausdruck wurde wieder versöhnlicher, als sie erklärte: „Ich mach auf TikTok Werbung für den Hof und Leute, die als Hilfskräfte beim Umbau arbeiten wollen, können sich bei mir melden.“ Das war tatsächlich eine super Idee. Ich lächelte. Als Moritz uns mit der Nase anstupste und durch die Nüstern pustete, mussten wir einfach beide kichern.

Emma hielt uns ihren Striegel vor die Nase. „Wir sind fertig, Isabel und ich! Wie geht’s weiter?“
Ayesha griff in den Putzkasten, um Kardätschen rauszuholen. Ich nahm unseren drei Kundinnen währenddessen die Striegel ab. Ayesha verteilte die Kardätschen und ich verkündete: „Wir entfernen jetzt den gelösten Staub, lose Haare und übriggebliebenen Schmutz mit der Kardätsche. So wird der Körper des Pferdes gründlicher gesäubert als mit dem Striegel. Achtet darauf, immer in der Wuchsrichtung des Fells zu bürsten. Ihr fangt beim Kopf an und fahrt dann bis zum Schweifansatz runter.“
Ayesha machte die Bewegung vor und Moritz schien den Vorgang sehr zu genießen.
Die Außenseiterin stampfte mit dem Fuß auf und murmelte etwas wütendes. „Das ist alles stinklangweilig!“, schrie sie schließlich und ich merkte, wie Ice Cream erschrak. Dieses blöde Mädchen musste die reinste Folter für sie sein. Wenn sie wirklich alles besser wusste, warum wusste sie dann nicht, dass man Pferde erschreckt, wenn man laut und unberechenbar war?
Ayesha stemmte die Arme in die Hüften. „Das macht so keinen Spaß! Schrei woanders rum, nicht auf unserem Reiterhof! Beim zweiten Mal fliegst du raus“, schimpfte sie. Die Außenseiterin grummelte etwas in sich hinein und wandte sich von uns ab.
Ayesha und ich schüttelten die Köpfe. Dann putzten wir Moritz so sorgfältig, dass sein Fell glänzend und weich wurde. Wahrscheinlich kam er sich gerade vor wie in einer Wellness-Kur.

Nach zahlreichen Putz-Schritten waren wir schon beim Hufauskratzen. Die Außenseiterin war rausgeflogen, als sie während des Augenputzens einen Wutanfall bekam. Deshalb hatte Isabel Ice Cream übernommen und das Pferd schien sich damit viel wohler zu fühlen. Beim Ausreiten müsste die Verstoßene auch zugucken, damit die Pferde Ruhe hatten.
Ich schaute vom Hufkratzer auf und sah Rob vorbeilaufen. Er machte den Eindruck, als suchte er etwas oder jemanden. Seine gelbe Mütze hatte er in den Händen.
Als sich unsere Blicke kreuzten, ließ er sie fallen und wirkte richtig baff. Kurz stand er perplex da und starrte uns an, dann hob er mechanisch seine Mütze auf und setzte sie sich falsch herum auf den Kopf. Würde ich ihn nicht so merkwürdig finden, dass ich bewegungsunfähig wurde, hätte ich ihm den Vogel gezeigt.
Ayesha bemerkte ihn auch. Sie schaute von mir zu Rob und von Rob zu mir. Etwas angesäuert formte sie an Rob gerichtet mit den Lippen die Worte: „Was machst du da?“ Rob reagierte nicht, klatschte sich aber stattdessen mit der flachen Hand an die Stirn. Auf einmal wirkte er nicht mehr nur verwirrt, sondern auch verärgert. Die Hände in den Hosentaschen vergrabend verschwand er hinter dem Stall. Bevor ich begreifen konnte, dass er wieder weg war, stellte ich mir schon die Frage, was das zu bedeuten hatte.
Ayesha drehte mich an den Schultern zu ihr. „Warum starrt ihr euch so
an?!“, blaffte sie.
„Wer?“, fragte ich verwirrt, „Rob und ich?“ Ayesha verdrehte die Augen. „Wer sonst?!“
„Keine Ahnung“, gab ich zu, „Er hat mit der ganzen Starrerei angefangen! Ich hab zurückgestarrt, weil er so merkwürdig und verdächtig war! Und du... Seid ihr etwa ein Paar?“ Ayesha beantwortete meine Frage nicht und wandte sich einfach an die Teilnehmerinnen. Sie erklärte: „Jetzt kämmen wir die Mähne aus und reinigen den Schweif. Das ist wichtig für die Pferde, weil die Mähne sie vor Insekten und dem Wetter schützt und der Schweif auch vor Insekten schützt. Damit sich in den längeren Haaren aber kein Schmutz ansammelt, müssen wir sie sauber halten. Es ist eigentlich genauso wie bei unseren Haaren.“
Ich fügte hinzu: „Die Mähne kämmen wir am besten auf eine Seite. Wenn wir mit den Händen Stroh und Heu aus dem Schweif herausnehmen, stehen wir nie direkt hinter dem Pferd, weil es uns dann treten kann.“
Emma nickte eifrig und schnappte sich zwei Bürsten aus dem Putzkasten. Eine gab sie an Isabel weiter und mit ihrer eigenen fing sie an, vorsichtig Coras Mähne zu kämmen. Ich glaube, sie hatte schon gecheckt, dass man es vermeiden sollte, den Pferden Haare auszureißen. Die Außenseiterin hätte diesen Fehler bestimmt gemacht.
Ich sah mich um und stellte fest, dass sie sich von uns entfernt hatte. Sie saß auf einem Baumstumpf und scrollte auf ihrem pinken Handy herum.

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Endlich waren wir fertig mit dem Putzen. Die Außenseiterin war abgehauen und hatte uns das Geld von ihrem Konto überwiesen. Dass sie überhaupt schon ein eigenes Konto hatte! Ich schätzte sie auf 12. Egal. Die musste uns nicht mehr interessieren.
„Wir reiten jetzt aus“, kündete Ayesha an, „Weil wir nicht genug Pferde haben, gehe ich neben euch und reite nicht. Damit ich noch gut mitkomme, reitet ihr am besten im Schritt.“
Ich legte meine Hand auf Ayeshas Schulter. „Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr euch an Ayesha wenden und wenn ihr zum Beispiel Probleme mit dem Zügel habt, hilft sie euch auch.“ Meine Teamkollegin nickte bestätigend.
Wir banden Moritz, Cora und Ice Cream los, legten ihnen Sattel und Zaumzeug an und setzten unsere Helme auf. Dann ritten wir los.
Ayesha lief neben Emma, die auf Cora saß. Ich fand das Ausreiten echt entspannend, weil die Außenseiterin nicht dabei war. Moritz' Hufeisen, die ich zusammen mit Rob finanziert hatte, fielen mir wieder auf. Sie leisteten gute Dienste und machten mich wirklich stolz.
Ich bemerkte, dass Ayesha dauernd nervöse Blicke nach hinten warf. Ich entschied mich, nachzusehen. Also hielt ich Moritz kurz an und warf einen Blick über die Schulter.
Hinter uns stand Rob. Mit der Mütze falsch herum auf dem Kopf. Er schien sehr angestrengt nachzudenken und wirkte verärgert-verzweifelt. „Was willst du?!“, fragte ich, aber er ging langsam wieder weg, ohne mir zu antworten.
Ayesha versah mich mit einem forschenden Blick. Ich klopfte sanft mit der Gerte auf Moritz, und er trabte weiter.

Wir erreichten den angrenzenden Laubwald, als es schon später Vormittag war. Ich war kurz davor, das Mysterium mit Rob zu vergessen, doch da sah ich noch einmal eine Gestalt mit gelber Mütze am Waldrand vorbeihuschen. Was um alles in der Welt wollte er?! Er spionierte uns aus wie ein unprofessioneller Stasi-Agent! War er etwa der Saboteur und wollte sichergehen, dass wir uns vom Café entfernten? Ab jetzt musste ich aufpassen, mit wem ich mich da auf gefährliche Autobahn-Abenteuer einließ. Und ich hatte zwei Verdächtige zu befragen: Jette und ihn. Hoffentlich schaffte ich es heute wenigstens, einen von ihnen zu erwischen.
Die Waldroute war angenehm schattig. Früher hatten wir die Ausritte oft in dem gegenüberliegenden Wald unternommen, aber dort wurde ein Pferdeverbotsschild aufgestellt, weil unsere Vierbeiner gerne Farne und junge Bäume abknabberten. Wir konnten nur hoffen, dass das in diesem Wald nicht früher oder später auch passierte.

Am Ende des Ausritts waren wir wieder beim Hof angekommen. Mom nahm uns dort in Empfang und gab den Kundinnen Schokoriegel. Also echt. Ich ermittelte hier, arbeitete hart und bei mir kam keine einzige Münze an. Aber ich bekam natürlich keine Schokolade. (Um ehrlich zu sein, hätte ich mich jetzt schon über eine Kleinigkeit gefreut!)
Emma winkte mit dem Schokoriegel in der Hand. „Hat echt Spaß gemacht mit euch!“, rief sie uns zu, während sie die Verpackung aufriss und sich von uns entfernte, „Wenn ihr wieder so was anbietet, komm ich wieder! Bis zum nächsten Mal!“ Sie lief zu einem kleinen Škoda, der gerade am Straßenrand parkte. Ihre Mutter stieg aus dem Auto und ging auf Emma zu, um sie zu umarmen. Dann legte sie den Arm um ihre Tochter und bewegte sich zu Mom. Die beiden begannen einen langweiligen Mütter-Smalltalk. Währenddessen schaffte Emma es, zu Isabel zu laufen. Schokolade essend fragten sie Ayesha nach ihrer Handynummer.

Als Mom und Emmas Mutter endlich fertig mit ihrem Gespräch waren und außerdem Isabels Mutter in ihrem Auto angefahren kam, um Isabel abzuholen, war ich ziemlich erleichtert. Ayesha und ich begannen, Moritz, Cora und Ice Cream abzusatteln und ihnen das Pferdegeschirr abzunehmen. In der berechtigten Annahme, dass ihre Mütter noch quatschen würden, liefen uns Emma und Isabel hinterher. Sie hatten Ayesha in den wenigen Stunden, die sie mit uns verbracht hatten, offenbar zu ihrer Fern-Freundin auserkoren.
Als Emma ihren Helm abnahm, konnte ich endlich erkennen, welche Haarfarbe sie hatte: Genauso wie Vicky war sie rotblond, und ihre Mutter hatte eine rotbraune Mähne.
Während sie ihr Schokoriegel-Papierchen zerknüllte und in der Tasche ihrer dunkelblauen Reitweste verschwinden ließ, fragte sie Ayesha, ob sie einen Social-Media-Account habe, egal auf welcher Plattform.
Meine Teamkollegin empfahl ihrer neuen Followerin ihr TikTok-Me.
Isabels (wie Mom blondierte!!!) Mutter winkte ihrer Tochter mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht zu und fiel Mom um den Hals. Ihre Augenbrauen waren dunkel nachgezogen und ihre Haare reichten ihr nur bis zum Kinn. Im Gegensatz zu anderen Müttern von Kundinnen würde ich mich bestimmt noch länger an sie erinnern.
Nach einem endlosen Smalltalk mit Mom und Emmas rotbraunhaariger Mutter brauste sie irgendwann mit Isabel im Auto ab, dicht gefolgt von einem kleinen Škoda, in dem eine zufriedene Emma und ihre jetzt plötzlich vom Verkehr gestresste Mutter saßen.

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Als wir endlich wieder Ruhe hatten und Vicky, Valerie, Emma, Isabel und die Mütter verschwunden waren, brachten Ayesha und ich alle Pferde auf die Koppel. Zum Glück war Ceci jetzt wieder mit ihrem Fohlen Carlo vereint! Obwohl sie auch noch kleine Kinder waren, konnte man Vicky und Valerie nicht mit ihm vergleichen. Carlo freute sich auch sehr über das Wiedersehen mit seiner Mutter. Er hatte heute von Lynn in der Abwesenheit der anderen Pferde seine zweite Entwurmung bekommen, die Rob und ich schon mit Tornados Erlös vorbezahlt hatten.
Auf dem Weg zum Haus unterhielt ich mich noch mit Ayesha. Dass wir jetzt nicht mehr voll die Feindinnen waren, war echt gut.
„Die ganze Aktion war voll anstrengend. Und ich versteh immer noch nicht, was Rob da wollte“, meinte Ayesha und klopfte ärgerlich ihre verschmutzte pinke Jogginghose ab. Als ich länger nichts antwortete und sie nur anstarrte, fragte sie: „Findest du denn nicht, dass es anstrengend war?“
„Doch, doch, natürlich“, antwortete ich schnell, „mit ungewöhnlich schmutziger Kleidung siehst du halt ein bisschen anders aus als sonst. Hast du auch Hunger? Ich freu mich schon aufs Essen.“
„Essen“ war anscheinend das Stichwort, denn als wir das Haus betraten, strömte uns der leckere Duft von
Essen entgegen. Genau definiert war dieses Essen das Mittagessen und bestand aus Käsespätzle, Hähnchenbrustfilet und Apfelsaft. Lynn hatte auch ihre hauseigene Beilage beigesteuert, den Kartoffelsalat à la Lynn Waltz.
Als wir alle versammelt am Esstisch saßen, stellte ich fest, was für ein komisches, fünfköpfiges Team wir waren: Mom, Dad, Lynn, Ayesha und ich.
Mein Magen hielt es nicht länger aus. Ich stürzte mich auf meinen Teller und leerte ihn ratzfatz, ohne so wirklich darauf zu achten, was auf ihm lag. Den ganzen Vormittag lang hatte ich nichts gegessen (geschweige denn gefrühstückt!) und trotzdem tapfer durchgehalten, damit die Kundinnen keinen schlechten Eindruck von mir bekamen. Dann war mir unfairerweise ein Schokoriegel nicht gegönnt worden, was mich total quälte. Das leckere Mittagessen war jetzt also die Rettung. Trotzdem brauchte ich drei Portionen, um satt zu werden. Mom zog schon die Augenbrauen hoch, aber ich mampfte unbeirrt weiter. Sie wusste genau, dass ich Schokoriegel über alles liebte und lange nicht mehr gegessen hatte!
Abgesehen davon war die Stimmung am Tisch echt super. Natürlich wünschte ich mir trotzdem meine Friends dazu, damit sie erstens Dads (verhältnismäßig nicht mittelmäßige) Kochkunst bewundern konnten und wir zweitens wieder mehr zusammen machten.

Ich räumte mein Geschirr ab, bedankte mich bei Dad für das Essen und stürmte unter Moms genervtem Seufzen überhastet raus. Meine Friends aßen bestimmt im Café, also suchte ich dort zuerst nach ihnen.
Volltreffer.
Ich riss die Tür zum Waltz-Café mit etwas zu viel Enthusiasmus auf (ich stolperte fast) und lief freudestrahlend auf den Zweiertisch zu, an dem Mayari und Ayame saßen. Während ich mir einen Stuhl vom Nachbartisch klaute und zum Zweiertisch schob, fragte Mayari misstrauisch: „Wo warst du?“
Dieser grummelige Empfang war ja komplett anders, als ich erwartet hatte! Ich hätte jetzt mit einem freundlichen Hi und einer BFF-Umarmung gerechnet! Aber stattdessen sowas, na toll.
„Hä, ich hab mit meiner Familie Mittag gegessen! Dad hat gekocht, Käsespätzle und Hähnchen!“, rechtfertigte ich mich verständnislos. Offensichtlich führte das aber nur zur Verschlimmerung der Lage, denn anstatt begeistert zu sein, wurde Mayari neidisch und knurrte augenrollend: „Ja, und ich muss hier bei einem Erdbeermilchshake und Zitronenmuffins sitzen. Für den Milchshake allein zech ich dann 2,66 Euro und werd noch nicht mal richtig satt. Ayames Zitronenmuffins sind ja noch sozusagen gratis, weil sie die bezahlt.“
Ayame war noch nicht so grumpy drauf wie Mayari, aber sie fiel mir auch nicht gerade um den Hals. Während sie einen großen Schluck von ihrem Matcha-Milchtee nahm, berichtete sie sachlich: „Timo hat's zurzeit voll schwer. Heute wurde wieder sabotiert, denn im Kunden-WC gab's einen Rohrbruch, der kein Zufall sein kann. So langsam werden die Sabotageakte ja immer schlimmer!“ Nachdenklich rückte sie ihre Brille zurecht. Dann fing sie an, mit leerem Blick aus dem Fenster zu starren, was mich irgendwie richtig doll nervte. Dadurch machte sie nämlich meine letzte Hoffnung auf ein vernünftiges Gespräch zunichte. Mit der Zeit hatte ich rausgefunden, dass der leere Blick bei ihr hieß, dass sie nachdachte, nicht anzusprechen war und keine Lust auf den Tag mehr hatte. Ich konnte ja einigermaßen verstehen, dass sie Trauma von Vicky und Valerie hatte und wegen dem anstrengenden Vormittag müde war, aber es war trotzdem kein gutes Gefühl, dass meine Friends nicht mit mir reden wollten. Denn eins bedeutete Ayames Haltung vor allem: Sie hatte schlechte Laune. Bei ihr war das genauso offensichtlich wie bei Mayari, die ansonsten eigentlich eher der fröhliche Typ war. Um das Gespräch nicht komplett erlöschen zu lassen wie eine kleine Flamme, die noch nie richtig groß gewesen war, meinte ich zur Sabotage: „Um ehrlich zu sein, ich verdächtige Jette. Sie geht dauernd aufs Klo – also zum Tatort – und ist die ganze Zeit im Café. Außerdem wissen wir nicht, warum sie und Timo Lia beschuldigen, Tasuke überfallen zu haben. Eigentlich haben sie gar keine Beweise oder guten Ausreden. Und ihr habt bestimmt nicht vergessen, dass sie sich irgendwie verdächtig benommen hat, als wir mit ihr über den Überfall auf Tasuke geredet haben. Was meint ihr?“ Perfekt gelöst. Mit einer Frage konnte ich sie zum Reden anregen. Denn das Letzte, was ich jetzt wollte, war bedrückende Stille und mein einsamer Monolog.
„Ja, kann schon sein. Wir müssen mal mit ihr reden“, murmelte Ayame nach einer unangenehmen Pause und schien dabei immer noch nicht ganz bei der Sache zu sein. Argh! Waren dieses Gespräch und die Stimmung denn gar nicht mehr zu retten?! Ich versuchte es mit aller Kraft und sie gaben mir nicht einmal eine Chance! Wenn sie jetzt nicht noch etwas sagten, würde ich wieder weggehen.
Ich wollte gerade ernsthaft aufstehen, als Mayari plötzlich rief: „Ich find diesen Verdacht total blöd! Jette ist unschuldig! Warum soll sie denn die Saboteurin sein?! Das Café ist doch ihrs!“ Das machte jetzt gar keinen Sinn. Solche Diskussionen hatten wir schon viel zu oft geführt, ihre Argumente waren nicht überzeugend. Mayari wollte gerade einfach nur streiten. Die Stille so zu beenden, war auch nicht gerade eine gute Lösung. Seit wann war Mayari denn so drauf?! Wollte sie mich etwa aus dem Café locken? War sie etwa verdächtig? War sie etwa die Saboteurin?!?! Ich äußerte meinen Verdacht sofort. Wenn Mayari schon wütend war, hatte ich auch Grund dazu – sogar noch viel mehr! Irgendwie war gerade alles ungerecht.
Ayame kam mit einem anderen Verdacht dazwischen (was aber nicht sehr hilfreich war): „Tasuke ist doch auch verdächtig. Er ist so oft im Café, und zwar ohne uns! Er könnte auch der Saboteur sein, und der Zwischenfall mit den Kratzern auf seinem Kopf hatte private Gründe.“ Das brachte Mayari jetzt zum vollkommenen Ausrasten, und sie schrie Ayame an: „Du verdächtigst deinen eigenen Bruder?! Du bist doch safe selber die Saboteurin!“ Dass Ayame den Verdacht auf ihren Bruder lenkte, war wirklich verdächtig. Würde sie nicht irgendwas im Schilde führen, würde sie ihn verteidigen – auch, wenn sie ihn gerne ärgerte. Ich sah sie prüfend an, und wahrscheinlich war mein Blick zu scharf geraten. Ayame stützte nämlich den Kopf in die Hände und beachtete dabei nicht, dass ihre Brille verrutschte. „Dass ihr jetzt eure BFF verdächtigt, ist gemein und unfair“, zischte sie, „Dann kann ich ja auch euch verdächtigen.“
Mayari zeigte mit bebendem Finger auf mich. „Klar, sie denkt ja auch, dass ich das Café sabotiere!“
Ich schüttelte den Kopf. „Merkt ihr denn nicht, dass das alles Quatsch ist?!“, rief ich verzweifelt, „Wir sind Best Friends Forever! Wir sind doch keine Saboteurinnen! Jette und Timo sind die einzigen, die hier verdächtig sind. Und vielleicht noch Lynn oder so. Kapiert ihr das denn gar nicht?!“
Anstatt jetzt vernünftig zu werden, stritt Ayame meine Theorie ab. „Timo ist nicht verdächtig! Das hat er doch schon so oft geschworen!“, schluchzte sie. Sie war die erste, die weinerlich wurde. Ich funkelte sie mit vorgeschobenem Unterkiefer und knirschenden Zähnen an, während ich mit den Tränen kämpfte. So unfair kannte ich meine Friends gar nicht, vor allem die ruhige AyAy. Es ging mir doch gar nicht so doll darum, dass Timo verdächtig war – ich wollte ihnen nur friedlich klarmachen, dass es Schwachsinn war, uns gegenseitig zu verdächtigen. Aber stattdessen nahm sie jetzt alles persönlich und fand Timo außerdem wichtiger als uns.
Mayari bildete eine eigene Meinung. Während sie die Arme verschränkte, kreischte sie: „Jette ist nicht schuldig! Wahrscheinlich seid ihr ein komisches Dreierteam mit Timo und sabotiert Jettes Café, um ihr zu schaden. Ich hasse euch alle!“
„Ich euch auch, aber sowas von! Ihr seid einfach nur doof!“ Ich schob meinen Stuhl weg, stapfte zur Tür, knallte sie hinter mir zu und stapfte weiter. Was ich gesagt hatte, klang irgendwie kindisch, aber anders konnte ich es auch nicht ausdrücken. Meine Ex-Freundinnen als beschissene Arschlöcher zu bezeichnen, ging einfach nicht - dafür waren sie noch zu kurz erst meine Ex-Freundinnen. Vielleicht würde ich ihnen diese Info später in den Gruppenchat schreiben (und den danach direkt löschen), wenn ich Bock hatte, Gedanken an sie zu verschwenden.
Ohne zu wissen, warum eigentlich, drehte ich mich noch mal zur Tür um. Ayame bezahlte gerade und hängte sich dann mit tränenüberlaufenem Gesicht an den überforderten Timo. Mayari starrte mich an und saß schmollend am verlassenen Zweiertisch. Sie hatte sich einen Hoodie übergeworfen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Als ich nicht mehr aushalten konnte, wie sie mich anglotzte, zeigte ich ihr einfach den Mittelfinger. Ich konnte nicht anders.
Dann rannte ich weg – direkt in Lia rein.

Nachdem ich mich eine halbe Stunde lang bei Lia über meine komischen Freundinnen beschwert hatte, gab sie mir erst einen Rat und brachte mich dann zum Glück auf andere Gedanken: „Ich glaube, es ist ratsam, wenn du in den nächsten Tagen einen Bogen um das Café machst, denn deine sturen Freundinnen werden sich dort ja wohl aufhalten. Nicht, dass ich dich davon abhalten will, zu ermitteln oder Bubbleteas zu kaufen, aber es ist die beste Lösung, würde ich mal sagen. Sie sollen schmerzlich merken, wie es sich anfühlt, wenn du ihnen fehlst. Schließlich haben sie dich doch auch verletzt, oder? Dann würde ihnen eine kleine Lektion auch nicht schaden. Deine Freundin Ayame ist meiner Ansicht nach sowieso nicht unbedingt die Art Freundin, die du brauchst – wer kann das auch schon sein, der mit Timo Waltz zusammen ist?“, sagte sie mit ernster Stimme. Das war ihr Rat. Sie schien echt eine Abneigung gegen Timo und Ayame zu haben! (Die gegen Letztere konnte ich verstehen!) Dann fuhr sie in etwas muntererem Tonfall fort: „Vielleicht solltest du mal einen Freund suchen, das wäre eine gute Ablenkung! Und es wäre ja auch so gut, dann hast du nämlich jemanden an deiner Seite – also außer mir und deinen Eltern... Ach ja, und Lynn. Also letztens erwähntest du Rob. Wie sieht's denn damit aus?“
Ich stöhnte. „Rob? Ich hab ein gefährliches Abenteuer mit ihm erlebt, ansonsten läuft da nix. Der ist komisch und verdächtig und außerdem mit Ayesha zusammen. Jedenfalls ist die offensichtlich in ihn verknallt und er hat uns beschattet.“
Lia zuckte seufzend die Achseln. „Aber wenn du ihn jetzt magst? Dann kann dir Ayesha eigentlich egal sein. Manchmal muss man Leuten schaden, um das Richtige zu tun.“ Sie lächelte mich an. Ich lächelte matt zurück, stützte aber den Kopf in die Hände und die Ellbogen auf die Knie. Das Gespräch mit Lia war zwar einigermaßen beruhigend, aber gleichzeitig auch total überfordernd. Keine Ahnung, wie das sein konnte. Denn eigentlich war es ja ein Widerspruch. Ich stand mühsam auf und ging ein paar Schritte weg.
Lia lief zu einer Stelle, wo sie Werkzeug, Ziegelsteine und abmontierte Rohre liegen gelassen hatte, um den Kram wegzubringen.

Jemand zupfte an meinem Ärmel. Ich drehte mich um und schaute direkt in Robs dunkles Gesicht. „Hey Rilana“, sagte er, „warum bist du so depri? Übrigens war das ein großer Fehler von mir, dass ich mich nicht an der Arbeit von heute Vormittag beteiligt hab. Eigentlich wollte ich dadurch nämlich erreichen, dass...“
Ich unterbrach ihn, denn dieses Geschwafel interessierte mich jetzt nicht. Ich hatte eine wichtigere Frage, mit der ich sofort herausplatzte. „Was läuft zwischen uns? Bist du in mich verknallt?!“, schrie ich unkontrolliert, weinerlich und wahrscheinlich viel zu plump.
Rob trat einen Schritt zurück und fasste sich verwirrt an die Mütze. „Ja!“, sagte er perplex, „Ich... mag dich. Ungefähr seit unserem Abenteuer. Wenn du's genau wissen willst.“ Dann wurde seine Stimme ruhig, aber ernst. „Deshalb hab ich euch ja auch beschattet, weil ich dachte, du machst nicht mit und ich kann's dir dann in aller Ruhe sagen. Aber dann hast du dich an meiner Stelle an der Aktion beteiligt und alles ist komplett schiefgelaufen. Ich hätte mich einfach von Anfang an nicht verstecken sollen. Jetzt hab ich mir damit nur einen verkorksten Plan eingebrockt. Und Ayeshas Wut und den Ärger von Frau Westfried und so weiter.“ Er zuckte mit den Schultern. „Also, ja, ich bin in dich... Äh. Das soll jetzt nicht seltsam klingen oder so.“
Ich stieß einen stillen Schrei aus und taumelte mit den Armen rudernd nach hinten. Wäre er nicht so geschockt von meiner plötzlichen Frage gewesen, hätte er wahrscheinlich nicht alles auf einmal gestanden. Und vielleicht wäre das auch besser gewesen, denn die Dosis der Informationen war etwas zu hoch für mich. Während sich Chaos und Leere gleichzeitig in meinem Gehirn ausbreiteten, suchte ich nach passenden Worten.
„Ich... Ich glaube, ich gehe jetzt was trinken“, stammelte ich schließlich und hielt mich an einem Baum fest. Es war die junge Eiche, an der ich mich festgehalten hatte, als Rob meine Schubkarre zu fest angestoßen hatte. Das war am dritten Ferientag gewesen, und irgendwie war die Erinnerung an diesen Tag gut.
Rob schlurfte wortlos in die entgegengesetzte Richtung davon. Mir kam erst etwas später der Gedanke, dass er enttäuscht war.

🐴

Es tat gut, dass Dad mal aus dem Flur rauskam und wir zusammen das Abendessen vorbereiteten. Wir schmierten und belegten Brote und schnitten Gurken und Tomaten für den Salat. Ein paar Gurkenscheiben kamen auf die Brote.
Obwohl das Abendessen sehr einfach war, schmeckte es uns allen gut. Es war eine reine Familienrunde. Nur Mom, Dad und ich saßen am Tisch. Was eigentlich auch ganz gut war, denn vor dem Umbau war es sowieso immer so gewesen.
„Wir kommen gerade richtig gut weiter beim Umbau! Vielleicht können wir ihn schon in einer Woche abschließen, wenn wir jetzt richtig rangehen“, verkündete Dad fröhlich.
Mom verdrehte die Augen. Dads gute Laune konnte sie nicht anstecken. Im Gegenteil, Mom meckerte drauflos: „Das sagst du jetzt so, Andreas! Es ist längst nicht so leicht, wie du es dir vorstellst. Wenn wir wirklich weiterkommen wollen, kannst du nicht nur dauernd im Flur rumstehen und irgendwie mal chillig einen alten Nagel rausreißen. Draußen im Café wird sabotiert und wir müssen dauernd was organisieren. Kannst du dich nicht um mehr Zimmer als nur den Flur kümmern? Du könntest auch das Wohnzimmer auf Vordermann bringen! Ist dir schon bewusst, ne? Oder es würde zumindest mal helfen, wenn du uns finanziell unterstützen würdest, und zwar mit einem richtigen Job.“
Dad stand von seinem Stuhl auf. „Du hast doch auch keinen 'Job'! Stattdessen verstrickst du dich in kriminelle Sachen und nimmst illegales Geld an! Das hab ich schon mitbekommen, Sina! Ich sag dir, das gibt am Ende nur Ärger. Da nützt es uns mehr, dass ich den ganzen Tag lang stehe und unseren komplett runtergekommenen Flur ganz neu mache. Dabei hilft mir ja auch keiner, Herrn Waltz habt ihr ja vergrault! Um Lynns Café könnt ihr euch doch später kümmern. Es ist besser, wenn wir erst mal den Umbau beenden und dann Vollzeit ermitteln. Außerdem übernimmt das schon Rilana.“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Durch den Streit mit meinen Friends wurde das Ermitteln schwerer, außerdem hatte Lia mir geraten, mich vom Café fernzuhalten.
Dad fuhr fort: „Was machst du denn die ganze Zeit? Das möchte ich mal wissen! Etwa Geld einkassieren und Pferdetag-Aktionen planen? Also von dem, was ich so mitbekomme, könnte man meinen, du stehst rum, laberst und kommandierst Leute rum! Und du bezahlst Schokoriegel, nimmst Schulden auf und lässt unsere Pferde da vergammeln.“ Ich nickte heftig und stellte mich neben Dad.
„Dad hat Recht!“, rief ich, „Schokoriegel kosten auch was! Ich hätte übrigens wirklich mal einen verdient. Und unsere Pferde verdienen größere Boxen. Das sag ich dir ja schon die ganze Zeit! Es will sich aber keiner darum kümmern, weil man da halt mal anpacken müsste!“
Mom zog frustriert ab. „Ja, ihr stellt euch jetzt natürlich auf eine Seite“, brummte sie entnervt.
Dad und ich atmeten gleichzeitig wütend aus. Dann tätschelte Dad meinen Kopf und versprach mir, dass er dafür sorgen würde, dass die Boxen vergrößert wurden. Er ging in den Flur, um dort sein Sanierungsprojekt zu beenden.

Ich donnerte meine vollgestickerte Zimmertür mit Wucht zu und schloss geräuschvoll ab. Dann tat ich genau dasselbe wie die angebrauchte Cookie-Packung, die ich aus dem Küchenschrank gemopst hatte: Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Die Krümel auf meiner kindischen Decke waren mir jetzt egal. (Ich wollte mich ja schließlich auch verkrümeln!!!)
Zur Entspannung machte ich auf meinem Handy meinen Lieblingssong von „Die Schule der magischen Tiere“ an: „Halt, das ist unser Wald!“ Eine Weile hörte ich einfach der Musik zu, kam aber nicht richtig in den Flow. Die Probleme von Ida und ihren Klassenkameraden waren einfach nicht mit denen vergleichbar, die ich heute durchmachte. Der Song passte gerade überhaupt nicht zu meinen aktuellen Gedanken und war gar keine Hilfe.
Verärgert stoppte ich das Musik-Video und tippte auf ein anderes. Wie sich herausstellte, war es „Karamell“.
Ich häng' mit meinen Girls auf der Party-Insel
Unsere Yacht parkt an der Küste
Wo wir auf der Veranda sitzen
Macadamianüsse in der Marmorschüssel
Jeder weiß, dass wir es sind
High Heels, Cat Eyes, Tigerprint
Wir haben Hunger, also sag der Küche
Auf die Pasta müsste noch schwarzer Trüffel
Blattgoldflocken im Salat, denn wir sind Stars heute
So viel Selbstbewusstsein, Jungs kriegen Albträume
Riesenvilla, Feuerquallen in einer Glassäule
Wir wollen mehr davon, immer mehr davon...
Ich natürlich auch! Aber das war voll der Schwachsinn. Von wegen Macadamianüsse und schwarzer Trüffel! Ich fand hier Käsespätzle und Hähnchenbrust schon 5-Sterne-mäßig.
Ich rekelte mich ärgerlich auf der Matratze und schmatzte so laut wie möglich, als ich mir den nächsten Cookie reinstopfte. Die Wiedergabe zu stoppen war mir zu aufwendig, lieber übertönte ich das arrogant-utopische Geträller. Als die nächste Strophe anfing, konnte ich nur noch mit den Augen rollen und mich innerlich protestierend ergeben:

Sonnenbrille auf, unsre Zukunft wird hell
Das Leben schmeckt süß, zuckersüß, Karamell
Wer braucht Konfetti? Wir schmeißen mit Geld
Gib mir mehr davon, immer mehr davon
Sonnenbrille auf, unsre Zukunft wird hell
Buch' uns 'ne Suite im Fünf-Sterne-Hotel
Wer braucht Konfetti? Wir schmeißen mit Geld
Gib mir mehr davon, immer mehr davon
Brauch' keinen Typen, lieb' mich selbst
Independent, kauf' die Welt
Schwarze Karte, lila Geld
Hab' für alle Drinks bestellt
Flaschen kommen mit Feuerwerk
Nachbarn rufen Feuerwehr
So ikonisch wie Chanel
Gästeliste, Triple A-A-A
Wirklich nichts gegen Emilia Pieske (Helene) und den Song an sich, die Songwriter hatten ja eigentlich nicht vorgehabt, mich neidisch zu machen und zu quälen. Aber im Moment weckte das in mir eine rasende Wut. Diese Zicken in ihrer Traumvilla waren total stinkreich, beliebt, weltberühmt und tierquälerisch. Da ging es meinen Pferden in ihren kleinen Boxen während des Umbaus besser als diesen armen Feuerquallen, die in Glassäulen eingesperrt wurden und dort herumschwimmen mussten. Gegen alle Regeln der Faulheit raffte ich mich dazu auf, noch etwas zu tun: Ich tippte auf das Wiedergabe-Symbol auf meinem Handy, bevor die nächste Strophe anfangen konnte. Helene hatte ja ihre treuen BFF Katinka und Finja (die so ungefähr alles für sie machten). Meine Friends waren nur beschissen. Bis sie sich freiwillig zu meinen Ex-Friends erklärt hatten, waren sie meine einzigen richtigen Freunde gewesen. Jetzt hatte ich nur noch Lia und vielleicht Rob.

Ich griff erneut nach dem Handy und ging auf die Chat-App. Bevor ich in den Gruppenchat schrieb, dass Ayame und Mayari beschissene Arschlöcher waren, überflog ich die anderen Chats und schaute, ob mir jemand sinnvolle Nachrichten geschrieben hatte. Außer sinnlosen Hi-Nachrichten und Emojis im Schulchat, den ein Mitschüler letztens erstellt hatte, gab es nur die wütenden Spam-Nachrichten von Mayari. Das provozierte mich. Ich zögerte keine Sekunde.
Ihr seid beschissene Arschlöcher! Ich hasse euch! Solche BFF braucht keiner, weil sie NICHT FOREVER sind!!!, tippte ich mit vor Wut zitternden Fingern. Selbst sie wurden von meinem Zorn durchflutet.
Ich starrte aufs Display. Einige Minuten passierte nichts, dann tauchten kleine Punkte von Ayame auf. Sie tanzten und sprangen nervauftreibend lange herum, verschwanden wieder und tauchten wieder auf. Ich konnte nicht anders, als auf Ayames verdammt lange Nachricht zu warten, aber schließlich kam keine. Enttäuscht, frustriert und augenrollend warf ich mein Handy von hier bis zum Schreibtisch rüber. Es hatte schon so einige harte Aufpralle erlebt.
Überfordert stöhnend ließ ich mich wieder rücklings aufs Bett fallen und testete damit die Widerstandsfähigkeit meines Bettgestells. Irgendwie konnte ich gerade auf alle nur sauer sein. Zum Beispiel auf Mom und Dad, die heute gestritten und deshalb die Stimmung beim Abendessen vermiest hatten. Vermiest! Timo und Jette hatten mir meine BFF vermiest. Die waren ihnen jetzt nämlich anscheinend wichtiger als ich. Wen hatte ich denn dann überhaupt noch?! Auf dem Hof vielleicht noch Lia und Ayesha und in der Klasse niemanden.
Noch waren Ferien. Und es war auch erst der siebte Ferientag. Ich hatte genug Zeit, mich wieder mit meinen Ex-Friends zu vertragen, nur die würden das sicher nicht mitmachen. Ich riss mir eins von Ayames vier Freundschaftsarmbändern vom Handgelenk und warf es unters Bett in den Staub. Dort konnte es vergammeln, einstauben und zur Nahrung von irgendwelchen Milben und Krabbelviechern werden.
Die komische halbe Ersatzfreundschaft mit Ayesha konnte meinen großen Verlust nicht wiedergutmachen. Wegen Rob würde es sicher noch Probleme zwischen uns geben. Rob...
Mein Blick fiel aufs Fenster. Er würde bestimmt wieder herkommen, um den Sonnenuntergang anzugucken. Inzwischen stand die Sonne schon tief am Himmel.
Den Schock, den seine Geständnisse bei mir ausgelöst hatten, hatte ich während meines stillen Wutausbruchs überwunden. Nur dass er wiederum wahrscheinlich meine Reaktion verkraften musste. Die hatte ein ziemlich großes Missverständnis ausgelöst. Rob dachte bestimmt, dass ich null Interesse hatte und vollkommen überfordert war. Aber jetzt fühlte ich das Gegenteil.
Als ich lange aus dem Fenster gestarrt hatte, entwickelte ich einen Plan, wie ich unser Missverständnis hinter uns bringen konnte...

🐴

Ich kam frisch geduscht und mit geputzten Zähnen aus dem Bad raus. In ein graues Handtuch gewickelt, ging ich in mein Zimmer und zog mir dort das schwarze Top und die weiße Jogginghose an. Hatte ich diese Hose nicht auch bei der Autobahn-Action getragen? Wenn ja, dann war das nur gut.
Ich stellte meinen Taschenspiegel auf den Schreibtisch und sah darin, wie ich mir einen lockeren Dutt band. Danach flitzte ich die Treppe runter. Wenige Millisekunden, bevor ich in meine total verschlammten, ehemals weißen Sneaker schlüpfte, blieb ich stehen. Die würde ich jetzt nicht anziehen. Ich hatte sie viel zu lange nicht geputzt und jeden Tag getragen. Zum Glück hatte ich noch ein bisschen Zeit, sie zu putzen, bis die Sonne anfing unterzugehen und mein Schatten immer länger wurde. Deswegen rannte ich noch mal schnell in die Küche, machte ein Küchentuch nass und schnappte mir eine Bürste.

Als meine Sneaker zumindest halbwegs wieder weiß glänzten, stellte ich sie zum Trocknen auf den Balkon des Erdgeschosses. Der war an die Küche drangebaut und mit einem aufgehängten schwarzen Sitzkorb in Flechtkorb-Optik ausgestattet.
Dann bewegte ich mich zum Schuhregal im Flur. Ich klappte das unterste Schuhfach auf, das Schuhfach mit
meinen Schuhen. Welche Sommerschuhe hatte ich da denn noch? Die Sandalen mit Leopardenprint und goldenen Schnallen, die ich vorletztes Jahr gekauft hatte, waren mir schon zu klein. Auf dem Hof waren die sowieso nicht so praktisch, selbst wenn man nur einmal zur Wiese neben der Scheune lief, um dort den Sonnenuntergang zu beobachten. Also ließ ich meinen Blick über die anderen Schuhpaare wandern, die in dem Schuhfach standen. Die schicken schwarzen Spangen-Pumps, die ich diesen Frühling zur Konfirmation getragen hatte, kamen auch nicht infrage. Und auf meine Reitstiefel (die mir passten und die ich nicht Lia gegeben hatte) hatte ich jetzt auch keinen Bock. Da blieben nur noch meine blau-weißen Turnschuhe, die Stiefeletten von heute Vormittag und weiße Chucks mit Blütenprint übrig. Meine Winterschuhe standen zum Glück im Keller. Also, ich musste eine Entscheidung treffen. Und die fiel auf die Turnschuhe. Eigentlich trug ich die in der Schule beim Sportunterricht, aber über die Ferien hatte ich sie nach Hause mitgenommen.
Ich lockerte ihre Schnürsenkel und hüpfte mit den Füßen unter die Schuhzunge. Nachdem ich mir die Schuhe wieder gebunden hatte, rannte ich los, um meinen Plan durchzuführen.

Ich wartete eine Viertelstunde vor der Scheune, bis Rob kam, um die untergehende Sonne zu beobachten. Während meine Gedanken immer wirrer und gleichzeitig leerer wurden, kam mehr und mehr Bewegung in meine Hände. Ich wischte mit den Handflächen auf dem erdigen Boden herum, bis ich ein sauberes Plätzchen zum Sitzen hatte. Ich setzte mich hin und schob ein Bein übers andere.
Endlich tauchte eine Person mit gelber Mütze hinter dem schemenhaften Stall auf. Rob hatte die Hände in den Hosentaschen und lief geradewegs auf mich zu. Jetzt kam es darauf an, möglichst versöhnlich auszusehen.
Als er so nah war, dass er mein Gesicht genau erkennen konnte, trat er einen Schritt zurück. Ohne etwas zu sagen, stand er eine Weile vor mir und schien darüber nachzudenken, was er tun sollte. Ich überlegte kurz, ob ich charmant lächeln und ihn mit einer fließenden Handbewegung zu mir winken sollte, entschied mich aber dagegen. Das würde zu einem Zitterkrampf und einem peinlichen Bild von mir in Robs Kopf führen. Um trotzdem alles richtig zu machen, setzte ich mich etwas aufrechter hin und bereitete mich darauf vor, etwas zu sagen.
Rob wollte sich gerade seine Mütze vom Kopf nehmen und sich abwenden, damit es nicht zu einem Gespräch kam, als ich mir einen Satz zurechtgelegt hatte. „Hey, Rob!“, sagte ich wie immer, „Geh bloß nicht weg! Das würde meinen schönen Plan ruinieren. Ich bin dafür, dass wir jetzt alles klären.“
Rob drehte sich im Schneckentempo wieder zu mir und hatte dabei einen sehr skeptischen Gesichtsausdruck. „Bin mir gar nicht so sicher, ob's da noch was zu klären gibt!“
Ich stand auf. Dann ließ ich die Arme theatralisch schlenkern und rief kopfschüttelnd: „Du denkst, ich wäre... ich... keine Ahnung, ich wäre gegen deine Freundschaft oder so.“ Bravo, echt mega ausgedrückt, Rilana! Das klang gerade wie die Ausrede eines Kleinkinds, das Schokolade gemopst hatte! Trotzdem fuhr ich fort: „Das stimmt halt gar nicht! Ich“
- wurde rot - „hab echt nichts gegen dich. Bei der Sache heute war ich einfach von der Infomenge überfordert! Außerdem hatte ich vorher Streit mit meinen BFF und deswegen waren mir eigentlich alle neuen Informationen zu viel. Mein Verhalten tut mir echt leid. Ich hab das nicht so gemeint, okay? Das war wirklich blöd von mir. Wenn du willst, können wir weiter... Freunde sein.“ Jetzt war es raus. Ich hatte nichts mehr zu sagen. Rob war dran.
Nach einem zweiminütigen, von Robs Räusper-Anfällen unterbrochenen Schweigen bemerkte mein Gesprächspartner einfach: „Früher waren abends Pferde auf der Koppel, aber seit die Sicherheitszäune abgerissen werden mussten, werden einfach keine neuen mehr besorgt und die Pferde schlafen immer im Stall. Wird echt Zeit, dass Frau Westfried oder sonst wer dafür sorgt, dass die Pferde nachts wieder auf die Koppel können. Das Gras ist dann weniger zuckerhaltig und die Pferde sind eigentlich dämmerungsaktiv. Außerdem gibt's dann weniger Insekten.“ Ich wusste nicht, ob der plötzliche Themawechsel ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, also sagte ich nichts und musterte Rob. Er schaute zur Koppel und das Licht der fast verschwundenen Sonne traf auf sein Gesicht. Es entstand ein echt besonderer Lichteffekt, den ich gar nicht beschreiben konnte. Das einzige, was ich dazu sagen konnte, war, dass ich ab jetzt an diesen faszinierenden Moment gebunden war, wenn ich an Rob dachte.

Aber den Sonnenuntergang gucken wir uns auch ohne Pferde auf der Koppel an, ne?“, riss mich Rob aus meinen Gedanken.
Ich lächelte und schüttelte den Kopf. „Nö!“, sagte ich entschlossen. Ich packte Rob an der Hand und ging mit ihm zur Scheune. Dort standen unsere Futtervorräte und einige Geräte und Maschinen. Außerdem lagerten wir dort Partydeko und Turnier-Ausstattung. Ich war schon lange nicht mehr in der Scheune gewesen und hatte Bock, dort Zeit mit Rob zu verbringen.
Als ich es ihm erklären wollte und wir kurz davor waren, das alte Gebäude zu betreten, kam Ayesha um die Ecke. Sie sah von ihrem Handy auf, setzte dazu an, etwas Nettes zu sagen, hob dann aber nur die Augenbraue.
Ayesha drehte mich an den Schultern zu ihr. „Warum starrt ihr euch so an?!“, blaffte sie.
„Wer?“, fragte ich verwirrt, „Rob und ich?“ Ayesha verdrehte die Augen. „Wer sonst?!“
„Keine Ahnung“, gab ich zu, „Er hat mit der ganzen Starrerei angefangen! Ich hab zurückgestarrt, weil er so merkwürdig und verdächtig war! Und du... Seid ihr etwa ein Paar?“ Ayesha beantwortete meine Frage nicht und wandte sich einfach an die Teilnehmerinnen...

Alles, was hier gerade passierte, war mir plötzlich unangenehm. Als Ayesha mit verzogenem Gesicht vorbeigegangen war, griff ich verzweifelt Robs zweite Hand und flüsterte: „Seid ihr zusammen?“
Rob sagte nichts und machte sich sanft los. Mich ließ er auf der Schwelle zur Scheune zurück und kurz darauf war er in der hereinbrechenden Nacht verschwunden.