Sonntag, 30. November 2025

6: Abenteuer Autobahn

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 6: Abenteuer Autobahn

Um Viertel vor sieben klingelte mein Wecker. Nein. Gestern Abend hatte ich doch vergessen, ihn zu stellen, weil ich da so durcheinander war. Aber mein Handy beepte. Das war es, was mich weckte. Gestresst holte ich es unter meinem Kopfkissen hervor.
AyAy hatte mir eine Nachricht geschrieben. Eine? Gefühlt tausend!

Lana!!! Notfall! 
Allerhöchste Alarmstufe! Aufwachen!
Help! Help!!!
Hilf mir, ich bin am Ende. 😭😭😭
Was soll ich tun??? T hat Schluss gemacht!
Timo hat Schluss gemacht! SOS! 😱😢

Damit wusste ich genug. Die restlichen Nachrichten klickte ich weg. Einerseits war ich nicht überrascht, dass Timo Schluss gemacht hatte, aber andererseits waren sie ja nicht so wirklich zusammen gewesen. Ich schrieb meiner verzweifelten BFF:
Wo bist du?

Auf dem Weg zu dir, in der U-Bahn.

Heulst du?

Nein, also, ich versuche es nicht zu tun. Das wäre ja super peinlich vor allen Leuten!

Du sitzt also in der U-Bahn.

Ja.

Bist du überrascht?

Nein.
Nein, das ist eine Lüge.
Ja. Ich bin super überrascht!

Ich muss gestehen, dass du keine so tolle Freundin bist – also für Jungs.

Huhu! 😰

Dafür bist du eine super Mädchen-BFF.

Meinst du echt?

Na ja, du bist so BFF mit uns, dass du sogar aufspringst und zu uns rennst, wenn du mit Timo flirtest – also neuerdings war das jedenfalls so.

Stimmt...

Vielleicht fühlt sich Timo dann vernachlässigt.

Sicher! Ich bin so asozial!!!

Red keinen Quatsch! Na ja, teilweise schon. Dein Streit mit Tasuke ist nervig!

Tut mir leid, wenn ich dich damit nerve. Ich kann aufhören.

Schon okay, ich denke, du wirst es sowieso nicht machen.

Kann sein. Hihi. 😁

Was wirst du jetzt machen?

Weiß ich noch nicht. Aussteigen. Bin in zwei Minuten da.

Aber jetzt wegen der Timo-Sache.

Können wir das analog zusammen besprechen?

Uns hackt keiner.

Ich weiß. Trotzdem!

Geht schon.
So hätten wir ewig weiterchatten können. Aber ich fand das sinnlos und steckte das Handy weg. Paar Minuten später war Ayame da. Heute hatte sie kein Make-Up. Und das war ganz gut so, denn in der U-Bahn wäre es ihr verflossen und sie hätte ausgesehen wie an Halloween. Gerade heulte sie zwar nicht mehr, aber man konnte ihr ansehen, dass sie
geheult hatte. Ich hakte sie bei mir unter und wir gingen gemeinsam ins Haus, um uns dann auf mein Bett zu setzen und meine vollgestickerte Zimmertür abzuschließen.
Ob Ayame ihren Chat mit Mayari wohl auch schon gespamt hatte? Ich schaute auf mein Handy und prüfte, ob die schon wach war. Aber von Mayari kam kein Lebenszeichen.
Ich war froh, dass ich nicht mit ihr in einem Haus wohnte, denn Mayari konnte nichts bis auf ihren viel zu lauten Handy-Wecker aus dem Schlaf reißen. Und mir jeden Morgen ohrenbetäubende Dudelmusik anzuhören, war eine nicht gerade verlockende Aussicht.

„Könnten auch ins Café gehen und was essen“, verplapperte sich Ayame in einem Anfall von Zerstreutheit. Ich grinste. „Wo dein Lover gerade mit dir Schluss gemacht hat?“, hakte ich nach. Ayame rückte verzweifelt ihre Brille zurecht und schüttelte den Kopf. „Nein... Doch nicht. Das ist ein Bad Habit. Aber ich hab schon genug schlechte Gewohnheiten... Zum Beispiel, meinen Bruder zu mobben. Na ja, ich hab halt noch nichts gegessen.“
„Ich hol dir was“, schlug ich spontan vor. Ich sah sie fragend an. Ayame nickte am Boden zerstört. „Ich kann mich dort wohl nicht mehr blicken lassen. Wie auch? Ich würde entweder einen Heulkrampf oder einen Wutanfall kriegen, oder so steif und unbeweglich sein, dass man mich für einen Roboter hält, der noch nicht ganz so reibungslos funktioniert, wie man eigentlich will.“
Ich klopfte ihr auf die Schulter und stand auf. „Spätestens morgen wirst du dem deine Meinung sagen, das kann ich fühlen. Aber jetzt bleibst du erst mal hier und ich kauf dir Blondies nach Lynns Art.“ Ich sperrte die Zimmertür auf und ließ Ayame auf meinem Bett zurück. Sie lächelte zerknirscht und sah dabei aus wie jemand, dessen Heimat nach dem Krieg kapituliert hatte.
Normalerweise war sie immer so selbstsicher und bestimmt, dass ich mich im Nachhinein sicher fragen würde, ob ich das alles vielleicht nur geträumt hatte. Aber es war echt. Ayame konnte auch so sein.

Ich schlenderte aus dem Haus, schlurfte über den Hof und stapfte ins Café. Wütend stieß ich die Tür auf. Der Duft von Gebäck, der mir in die Nase stieg, konnte mich nicht ablenken. Wenn überhaupt machte er mich nur noch unkontrollierter.
Mist. Riesenmist. Ultimativer Gigamist. Jette war außer Haus. Nur Timo war da. Er fummelte an der Spülmaschine und drehte sich nicht zu mir um.
„Wo ist Jette?“, entfuhr es mir, während ich in die Vitrine starrte. Timo wandte sich mir verärgert zu, und als er mich erkannte, wurde er noch verärgerter. Sein Gesichtsausdruck wurde verzerrt, ich wusste nicht von was. Wahrscheinlich Schmerz, Wut und Ungerechtigkeit. „Bei Onkel Leon. Warum?“
„Nur so...“, knurrte ich.
Er rollte mit den Augen. „Ist klar.“
Ich zeigte auf die verführerischen Blondies in der Vitrine. „Pack mir mal drei davon in eine Tüte,
bitte“, grummelte ich.
„Tschüss“, sagte Timo, während er die Blondies einpackte.
Ich nahm ihm die Tüte aus der Hand und er mir das Geld. „Tschüss!“, blaffte ich, „Ach, und ich wollte dir noch sagen, dass du zufälligerweise ein Arschloch bist.“ Ich verließ das Café. Timo schnaubte hinter mir, aber ich ignorierte ihn.
Die Tür fiel zu.

🐴

Als Ayame die Blondies aufgegessen hatte und sich schon wieder besser fühlte, setzte sie sich aufrechter hin und fragte mich: „Du hast nur mit Jette geredet, oder?“
Ich verdrehte die Augen. „Das hatte ich vor. Aber die hat ihren Onkel besucht. So was Dummes! Ich hab Timo gesagt, dass er ein Arschloch ist.“
Ayame drückte meine Hand. „Bestie-Power ist die beste Power“, flüsterte sie. Dann holte sie ihre Asics-Sporttasche und kramte darin herum. „Hier“, sagte sie und hielt mir ein Bündel aus bunten Fäden vor die Nase. „Material für Freundschaftsarmbänder. Ich kann dir beibringen, wie man die knüpft. Flechten geht aber auch.“ Sie zeigte mir, wie man sieben Fäden in einen Knüpfstern spannte, und wie man damit knüpfte. Sie machte mir insgesamt vier Armbänder, zwei für den einen und zwei für den anderen Arm. Ich war ein bisschen langsamer, deswegen bekam Ayame nur drei. Auf eins davon, eins aus grünen und goldenen Fäden, war ich besonders stolz, denn es passte zu ihrer Brille und traf genau ihren Geschmack. Das Blöde an der Aktion war, dass sie die Zeit wie im Flug vergehen ließ und es schon halb neun war, als wir alle Fäden verbraucht hatten. Trotzdem fand ich, dass Ayames Idee, Freundschaftsarmbänder zu basteln, zwar etwas kindisch, aber jetzt einfach genau das Richtige war. An Tagen wie heute konnte doppelte oder dreifache Bestie-Power nie schaden.
Während ich meinen Arm stolz in die Höhe hielt, fragte ich AyAy: „Was machen wir jetzt?“ Ich hatte zwar Bock auf einen chilligen BFF-Tag, aber die Detektivarbeit durfte auch nicht vernachlässigt werden.
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, nur nicht von Ayame, sondern von Mom, die in der Tür stand. „Die Pferde müssen geputzt werden!“

Ayame und ich tauschten einen Blick und spurteten nach draußen. Dort warteten Moritz und Ice Cream. Daneben stand Sternschnuppe, die von Lia geputzt wurde. Die winkte mit dem Striegel in der Hand und rief fröhlich: „Hi Girls! Schön, euch zu sehen! Gute Nachrichten: Ice Creams Koliken sind schon wieder vorbei! Das war wohl nur ein vorübergehender Anfall, aber nichts Ernstes. Ihr wisst, Ice Cream ist auch ein bisschen anfällig für so was.“
Ich nickte erleichtert. Während ich nach dem Putzkasten griff, fragte ich Lia, ob sie Neuigkeiten von der Sabotage hatte. Sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Wie steht's denn mit Ayesha?“, fragte sie.
Ich zuckte nur mit den Schultern. Wahrscheinlich fühlte sie sich einfach nur weiter ungerecht behandelt und war immer noch aggro. Obwohl ich auch gerne Ice Cream geputzt hätte, überließ ich das diesmal Ayame, weil sie heute so einen schlechten Start in den Tag gehabt hatte. Und ich war auch ganz froh, mal wieder Moritz putzen zu können. Moritz war mein Freund. War er vielleicht sogar mein Lieblingspferd? Es kam mir nur immer ein bisschen diskriminierend vor, wenn ich sagte, dass ich ein Pferd am meisten mochte. Trotzdem war der Anblick von einem fröhlichen Moritz mit neuen, glänzenden Hufeisen gut für die Seele. Ich begann mit dem Striegeln, dem ersten Schritt beim Putzen.

Als ich schon nach der Kardätsche griff, bäumte sich Moritz auf und wieherte aufgeregt. Ich strich ihm beruhigend über den Hals und rief ärgerlich: „Mayari! Du weißt doch, dass Pferde sich erschrecken, wenn man von vorne auf sie zurennt!“
Mayari entschuldigte sich und streichelte Moritz über den Rücken. Dann ging sie weiter zu Ayame, die mit Ice Cream beschäftigt war. „AyAy? Alles okay? Brauchst du mentale Unterstützung oder Nervennahrung? Timo ist ein Idiot.“
Ayame winkte ab. „Ich auch, um ehrlich zu sein. Und ich hab schon was gegessen, danke. Ich wünschte, es wäre wieder Schule. Dann könnte ich mich mit Lernsachen ablenken. Ich versteh nicht, wie ich mich so auf die Ferien freuen konnte! Sie haben richtig blöd gestartet. Heute ist erst der fünfte Ferientag, und es liegen noch 37 vor uns! Wie soll ich das aushalten? Vielleicht hätte ich mir Extra-Hausaufgaben für die Ferien holen sollen...“
Ich ließ Moritz kurz stehen und legte den Kopf schief. Mit in die Hüften gestützten Armen meinte ich: „Das meinst du nicht ernst, oder? Hausaufgaben waren schon immer dein Feind. Wir verbringen die Ferien damit, BFF zu sein und den Fall zu lösen!“

„Stimmt“, sagte Ayame etwas munterer und rückte ihre Brille zurecht. „Das ist bessere Ablenkung als Schulkram. Nur ein Problem: die Sabotage war im Café.“ Seufzend schnappte sie sich Schwämme für Augen, Ohren und Nüstern.
Mayari legte ihr die Hand auf die Schulter. „Vielleicht...“,
begann sie, „könnt ihr das ja klären?“
Ayame nickte langsam. „Müssen wir wohl. Aber nicht heute.“ Nach einem kurzen Blick in die Richtung des Cafés entschied sie: „Lasst uns über was anderes reden.“
Mayari flitzte in den Stall, um Cora zu holen. Die schien sich darüber zu freuen, mal wieder von Mayari geputzt zu werden. „Tasuke hat mir eine Ramen-Garantie geschickt. Immer, wenn er uns Chicken Teriyaki kauft, krieg ich Ramen. Und ich hab ihn in der U-Bahn noch mal getroffen.“
„Und?“, fragte Ayame. „Wie war er so?“ Sie machte den Wasserhahn an und fing an, Ice Cream abzuspritzen.
Mayari grinste. „Wie immer. Nice.“
„Uuuh!“, machten Ayame und ich wie aus einem Mund und kicherten.

Als wir die Pferde abgespritzt und zurück in den Stall gebracht hatten, lief Tasuke auf uns zu. „Hi, Leute“, sagte er, „war grad noch im Café. Ihr wisst schon. Mir ist nichts aufgefallen, aber als ich reinging, sind mir zwei Leute entgegengekommen: eure Freundin, also diese Lia, und ein unbekannter Mann mit schwarzen und blauen Klamotten. Der hat irgendwie komisch geguckt. Vielleicht ist das 'ne Spur?“ Er zuckte die Achseln.
Ich nickte. „Auf jeden Fall.“ Ein auffällig unauffälliger Mann, der sich im Café verdächtig verhielt – wenn das mal nicht ein fetter Fang war!
„Warte“, Tasuke vergrub die Hände in den Hosentaschen, „was komisch an der Sache ist, ist, dass keine zusätzlichen Gabeln verbogen wurden oder so.“ Nachdenklich ließ er seinen Blick über den Hof schweifen. „Soll ich gleich noch mal hingehen und nachschauen? Es ist nur Timo da, und der scheint heute auch eher seinen Gedanken nachzuhängen, also kann es gut sein, dass der Saboteur noch mal kommt.“
„Das wär super“, erklärte ich und hakte mich bei Mayari und Ayame unter. Tasuke wollte schon losgehen, als er sich noch mal zu uns umdrehte. „Kommt ihr mit?“
Bevor Ayame etwas einwenden konnte, nickte Mayari heftig und zog uns hinter Tasuke her. Ayame sträubte sich mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, aber es nützte nichts. „Hey“, wunderte sich Tasuke, „warum willst du nicht mit, Ayame? Im Café ist doch Timo! Findest du peinlich, dass du keine Schminke hast und nicht nach dem hundert-Euro-Parfüm riechst? Da achtet er doch sowieso nicht drauf!“ Er starrte sie irritiert an und ich presste mir die Hand vor den Mund.
„Lass es einfach, Tasuke“, murmelte Ayame und schubste ihn. Er ging vor und machte die Tür auf. Mayari stellte sich in den Türrahmen und ließ uns durch. Zum Glück verfärbte sich Ayames Kopf nicht sofort dunkelrot, als sie Timo sah. Ich überlegte, Tasuke aufzuklären, denn ich glaubte, er wusste gar nicht, dass Timo mit Ayame Schluss gemacht hatte. Typisch, dass sie ihm das nicht gesagt hatte. Das war bestimmt einer von vielen Mobbing-Akten. Ich stieß Mayari in die Seite. Vielleicht sollte lieber sie ihn aufklären. Mit Grimassen und Bewegungen erklärte ich ihr das.
„Tasuke!“, rief Mayari und fuhr extralaut fort: „Timo hat mit Ayame Schluss gemacht!“ Tasuke starrte erst mal Mayari und dann abwechselnd Timo und Ayame an. Dann unterdrückte er ein Lachen und verdrehte schließlich die Augen. „Hättest du mir ruhig selber sagen können, Ayame“, knurrte er. „Irgendwann reicht's auch. Ich finde, du könntest mal anfangen, mich wie einen normalen Bruder und nicht wie ein Mobbing-Opfer zu behandeln.“
„Klären wir später, okay?“, sagte Ayame genervt und setzte sich mit dem Rücken zu Timo an einen Tisch. Heute war ein guter Tag, um Dinge zu klären. Und um Ayame Versprechen auf Klärung zu entlocken. Dass sie seinen kleinen Protest nicht mit einer ironischen Beleidigung zurückwies, war ein gutes Zeichen. Endlich würden sie diesen komischen Streit mal klären.

Auch für Lia schien heute ein guter Tag zu sein, sie kam nämlich fröhlich ins Café rein und bestellte sich einen Kaffee. Timo stritt sich gerade mit einem Kunden im schwarzen Hoodie und blauer Jeans, und nahm sie nicht wirklich wahr. „Können Sie sich nicht den Kaffee selber machen?“, grummelte er an Lia gewandt, „Sie brauchen nur auf dem Display die Sorte auszuwählen!“ Anscheinend war das Betätigen der Kaffeemaschine doch etwas komplizierter, als er es ihr beschrieben hatte, denn Lia schaute ihn irritiert an und drückte mehrmals auf Optionen, die sich auf dem Display anboten. Schließlich kratzte sie sich am Kopf und drehte an einem Knopf. Zum Glück kam trotzdem Kaffee aus einer Drüse. Als auch noch der Milchschaum rausgekommen war, drehte sie den Knopf wieder zurück und drückte auf ein paar andere Knöpfe. Vermutlich setzte sie die Einstellungen für ihren Kaffee zurück. Diese Kaffeemaschine schien wirklich ziemlich schwer zu bedienen zu sein. Während Lia sich mit ihrem Kaffee zu uns setzte, brüllte Timo den Mann im Hoodie an, dass er aufhören solle, im Café zu rauchen.
Tasuke stieß Mayari und mich in die Seite. „Hey!“, raunte er, „Behaltet mal diesen Mann im Auge, der mit Timo streitet. Das ist der von vorhin!“
Ich nickte. Irgendwie kam mir der Verdächtige bekannt vor, aber weil die Kapuze ihm tief ins Gesicht hing, wollte mir die Erinnerung nicht einflüstern, wer es war. Ich holte das Handy hervor und schoss unauffällig ein Foto von dem Mann, wobei ich so tat, als würde ich ein Selfie machen.

Lia lehnte sich zu mir. „Sag mal, Rilana, was ist eigentlich mit deiner Freundin los? Warum flirtet die nicht?“ Ihre Stimme war gedämpft.
„Timo hat Schluss gemacht“, klärte ich sie auf. Lia verzog das Gesicht und leerte ihren Kaffeebecher. „Autsch“, sagte sie, „das muss bestimmt sehr schlimm gewesen sein. Dann kann sie ihren Aufenthalt im Café ja gar nicht genießen!“ Sie schielte hinter ihren dicken Brillengläsern verstohlen zu Ayame rüber.
„Das ist ja das ganze Problem!“ Ich breitete erklärend die Arme aus.
Lia schüttelte den Kopf. „Was für ein Dilemma! Zwischen Gefühlen und Detektivarbeit! Was wohl gewinnt?“ Dann stand sie auf, um ihren leeren Kaffeebecher zusammen mit dem Geld auf den Tresen zu stellen.

„Hey! Sie!“, fuhr Timo sie an. „Ein leerer Kaffeebecher kommt doch nicht einfach auf den Tresen!“
„Sag das doch früher!“, zickte Lia zurück, „Jetzt stell ihn halt in die Spülmaschine! Brauchst du nicht so'n Drama drum machen!“
„Stellen Sie den doch selber in die Spülmaschine! Sehen Sie denn nicht, dass ich zu tun hab? Sie wollten doch den Kaffee!“, blaffte Timo überfordert.
Lia stöckelte verärgert vor sich hin grummelnd hinter den Tresen und stellte ihren Becher in die Spülmaschine. Komischerweise schien sie sich noch länger mit der Spülmaschine zu beschäftigen, denn sie bückte sich und ordnete bereits dort drin stehende Sachen neu. Das vermutete ich, weil ich es mir nicht anders erklären konnte. Außerdem konnte ich mir gut vorstellen, dass Timo benutztes Besteck sehr schlampig in die Spülmaschine packte.

Der Mann im schwarzen Hoodie verabschiedete sich grummelig von Timo und ging gebückt durch den Hintereingang raus. Ich sah, wie er sich draußen eine Zigarette anzündete. Er war der Verdächtige, also machte es keinen Sinn, dass wir noch weiter hier drin blieben. Ich gab meinen Friends ein Zeichen und folgte ihm.
Mist, er lief zu einem kleinen roten VW und setzte sich ans Steuer. Moment mal, gehörte das Auto nicht Lynn? Das machte den mysteriösen Mann noch verdächtiger. Warte, sein Autoschlüssel hatte Zugang zu Lynns Auto! Wie konnte das sein? Wahrscheinlich hatte er ihren geklaut.
Das Auto brauste davon. Riesenmist. So konnten wir ihn nicht verfolgen. Zum Glück wusste ich jetzt, in welchem Auto er fuhr – und, dass er fahren konnte.

Mom erzählte ich nichts von dem verdächtigen Mann, um sie nicht zu beunruhigen. „Wie geht’s den Pferden?“, fragte ich stattdessen beiläufig. Mom fuhr sich durch die Haare und ihr Blick wanderte zufrieden über den Hof. „Denen geht’s super! Aktuell scheint sich alles zum Guten zu wenden! Vor Kurzem hat Lia uns richtig viel Geld gespendet. Weil ihr einen großen Anteil von Tornados Erträgnissen offenbar in irgendwas Unnützes investiert habt, haben wir nur noch wenig Geld für den Umbau übriggehabt, aber zum Glück kam Lia mal wieder wie der rettende Engel in der Not.“ Sie lächelte breit und spielte glücklich am Reißverschluss ihrer Fleecejacke herum.
„Robs und meine Ausgaben waren überhaupt nicht unnütz!“, erklärte ich wütend und verschränkte die Arme vor der Brust, „Bevor du das ganze Geld in Renovierungsarbeiten verschwinden lassen konntest, wollten wir lieber noch die ganzen Sachen mit den Pferden abschließen! Wir haben die Hufeisen-Schulden beglichen, neues Kraftfutter gekauft und noch viel mehr gemacht, was du ansonsten vergessen hättest – zum Beispiel haben wir die zweite Entwurmung von Carlo schon mal vorbezahlt.“ Für einen Moment schien Mom nicht zu wissen, ob sie dankbar oder stinksauer sein sollte, und schließlich zuckte sie mit den Achseln und sagte ausdruckslos: „Jedenfalls hat Lia jetzt ganz viel gespendet. Ob das alles von Knöllchen kommt?“
Lias Weise, Mom Geld zu beschaffen, war mir schon immer etwas merkwürdig vorgekommen. Illegale Knöllchen waren echt was, worauf ich nicht gekommen wäre. Aber es war schon ziemlich vorstellbar, dass das ganze Geld, das Lia neulich gespendet hatte, von Knöllchen kam – schließlich war der McDonald's beim falschen Parkplatz ungefähr der einzige in der Stadt.
„Sag mal, wie viel hat sie eigentlich gespendet?“, fragte ich Mom. Die strahlte. „Erst 367 Euro, danach hat sie mir noch 175 Euro gespendet. Ganz schön hohe Beträge, was? Deswegen ist Lia ja so wichtig. Und natürlich, weil sie bei den Pferden und beim Umbau generell hilft. Dafür, dass sie uns gestern beim Rohrsystem geholfen hat, bin ich ihr wirklich sehr dankbar.“
 

Ich war in Gedanken noch beim Geld geblieben. Die zweite Spende konnte ich mir so erklären: Die Knöllchen, die Lia verteilte, forderten immer eine Gebühr von 25 Euro, sieben Falschparker haben ihr also die Rechnung überwiesen. Aber den Rest konnte ich mir nicht erklären. Natürlich ging ich davon aus, dass er von Knöllchen kam, aber 367 konnte man nicht durch 25 teilen. Naja, dazu musste ich sagen, dass Lias Kaffeekonsum nicht gerade gering war und die merkwürdige Zahl sicher darauf zurückzuführen war, dass Lia mit einem Teil vom Geld Kaffee-Lattes bei Jette und Timo gekauft hatte. Trotzdem war die Sache unlogisch, denn warum waren dann die 175 Euro unbeschadet geblieben? Grübelnd runzelte ich die Stirn.
Als hätte Mom meine Gedanken erraten, legte sie eine Hand auf meine Schulter und flüsterte grinsend: „Mathematische Rechnungen warten erst in der Schule wieder auf dich, du Meisterdetektivin. Genieß doch deine Ferien!“

Ich schmunzelte. „Mach ich doch!“

 🐴

Nach dem Mittagessen (Ramen für alle, bezahlt von Tasuke) lief ich Rob über den Weg. Er stand unter einem Baum und aß einen Cheeseburger. Während er mir zuzwinkerte und so klarmachte, dass Lia Erfolg mit ihren Knöllchen gehabt hatte, bemerkte ich Lynns kleinen roten VW und hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde. Mit selbstbewusster Haltung stieg der Mann im Kapuzenpulli aus. „Hey, Rob“, flüsterte ich, „das ist unser neuer Verdächtiger! Am besten verfolgen wir ihn jetzt!“
Rob grinste. „Klar, alle sind hier superverdächtig! Auch wir! Also jetzt anders verdächtig. Arme Ayesha.“ Er schob sich den Rest seines Cheeseburgers in den Mund und ging einen Schritt nach vorne.
Ich verdrehte schmunzelnd die Augen, wurde aber schnell wieder sachlich. „Im Ernst! Wir machen das jetzt! Die
Sabotage muss so früh wie möglich gestoppt werden!“
Wir konnten sehen, wie der verdächtige Mann sich von Lynns Auto entfernte und auf die Koppel schlich. Wie auffällig war das denn bitte?! Rob starrte ihm entgeistert hinterher. „Ist gut, du scheinst es ernst zu meinen! Was hat der wohl mit den Pferden vor? Will er die vielleicht kidnappen?“
„Sieht ganz so aus!“ Ich nickte stürmisch und wandte meinen Blick nicht mehr von dem Mann ab. Unsere Pferde wurden gekidnappt! Er scheuchte Cora und Sternschnuppe nervös und gebückt in den Pferdeanhänger, der immer noch an Moms Auto befestigt war. Die Pferde wieherten erschrocken.
Rob sprang aus dem Schatten des Baums und pirschte sich an den unbekannten Entführer ran. Der bemerkte ihn nicht und setzte sich auf Moms Fahrersitz. Boah, den Autoschlüssel zu Moms Auto hatte er also auch geklaut!

Rob beruhigte Cora und Sternschnuppe, während er halb im Pferdeanhänger stand. „Hey! Das ist gefährlich!“, warnte ich Rob im Flüsterton und rannte zu ihm, „Was, wenn der Typ losfährt?!“ Meine Worte schienen Unglück zu bringen, denn in genau der Sekunde wurde der Motor gestartet. Panisch schlug ich die offene Tür des Pferdeanhängers zu, damit Rob (und die Pferde) nicht rausfallen konnten. Ich begriff, dass das Auto losfuhr und ich den Mann nur weiter verfolgen konnte, wenn ich auf den Pferdeanhänger kletterte. Also schwang ich mich auf die Tür, die dank des „Fensters“ für die Pferde einen Vorsprung bildete, und stieg dann auf das Dach des Pferdeanhängers. Plötzlich hatte ich Angst, bei dieser gefährlichen Abenteuerfahrt ins Ungewisse umzukommen. Was, wenn ich von einem Tunnel zerquetscht wurde oder sich die Windrichtung so plötzlich änderte, dass ich vom Anhänger flog? Abspringen konnte ich jetzt nicht mehr; das wäre noch sicherer mein Ende.
Aber erst recht gefährlich wurde es für Rob. Es musste nur ein Pferd nach einer störenden Fliege treten und er hatte mindestens einen Herzinfarkt und drei gebrochene Körperteile! Oder ein Pferd bäumte sich auf, biss ihn in die Hand oder drängte ihn in eine Ecke, dass ihm die Puste wegblieb! Ich war mehr als erstaunt, dass er trotz dieser Risiken immer noch auf meine Frage antwortete, die ich ihm gefühlt schon vor zehn Minuten gestellt hatte: Was, wenn der Typ losfährt?
„Dann bleib ich bei den Pferden!“, keuchte er, „Sonst drehen die vor Angst noch durch!“ Besorgt steckte er den Kopf aus dem Bereich über der Tür, durch den frische Luft in den Pferdeanhänger kommen konnte. „Rilana?“, fragte er, „Wenn der Kidnapper anhält, zum Beispiel, um zu tanken, springst du ab und versuchst, zurückzulaufen, okay? Ich weiß nicht, wohin diese Fahrt führt! Unsere Aktion ist mehr als crazy! Checkst du?!“

„Ja, klar“, flüsterte ich mit wehenden Haaren in den Wind, während ich mich vortastete und meine Hand nach unten ausstreckte. Ich ließ meinen Kopf über den Rand des Pferdeanhängers hängen und schaute Rob kopfüber in die Augen. „Willst du hoch?“, fragte ich leise. Er zögerte. Dann streckte er seine Hand aus und griff meine.
Der Fahrtwind schleuderte mich nach hinten, so dass Rob wahrscheinlich dachte, dass ich ihn schon nach oben zerren wollte. Ich kämpfte gegen den starken Wind an. Unbeholfen stocherte ich mit den Füßen auf dem Dach herum.

Robs Stimme stieg gedämpft an meine Ohren. „Nee“, antwortete er, „ich bleib hier. Ist zu gefährlich. Für mich und die Pferde. Die würden doch aufschrecken! So 'ne Fahrt ist eh schon schlimm genug. Ich würd's ja ganz gern machen, aber ich glaub, es ist besser, wenn ich hier noch für sie da bin. Dann kann ich sie auch beruhigen und so.“ Ich spürte, wie er meine Hand losließ. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich so, als würde mich der Fahrtwind gleich mit sich reißen, aber zum Glück fand meine Hand eine Sekunde vor der Katastrophe Halt.

Wir fuhren inzwischen auf einer von Fichtenwäldern umgebenen Autobahn und wurden ab und zu von im Gegensatz zu uns klein wirkenden Autos überholt. Bestimmt wunderten sich nicht wenige Autofahrer über mich und den Menschenkopf, der aus dem Pferdeanhänger rausguckte – bestimmt war so etwas auf der Straße auch verboten.
Die Luft war sommerlich warm, aber von stinkenden Auspuffgasen und überhitzten, durchgeschwitzten Pferdehintern verpestet. Ein Trost war der Hauch von frischer Waldluft, die aus den Fichtenwäldern kam. Ich lenkte mich von den Pferdehintern ab und schaute ein wenig zur Seite, wo mit Graffitis vollgesprühte Lärmschutzmauern die Autobahn vom Wald abtrennten. Es kam mir so vor, als würden Leitplanken aus dem Boden sprießen und wieder darin verschwinden, bevor man sich an sie gewöhnt hatte. Genau so ein Phänomen waren die weißen Striche der Überholspur, die jeden Bruchteil einer Sekunde erneut aufzuploppen schienen. Wie lange diese Fahrt wohl noch dauern würde? 

Argh! Mein Handy vibrierte. Ich riskierte den umständlichen Aufwand und nahm das Smartphone aus der Tasche meiner weißen Jogginghose. Wer kam bitte auf die Idee, jetzt, zur beknacktesten Zeit, eine Nachricht zu schreiben?! Na ja, ich hatte ja auch keinem gesagt, dass ich auf Verbrecherjagd abgebraust war.
AyAy fragte mich, wo ich war. Ich tippte mit zittrigen Fingern auf das Sprachnachricht-Symbol und schrie extralaut ins Handy: „Auf der Autobahn und in Lebensgefahr! Übrigens stresst es mich, wenn eine Nachricht aufploppt! Lass es einfach ganz oder ich ignorier dich halt! Nicht persönlich nehmen, aber ich bin grad mitten auf der Autobahn und spreche gegen die Windrichtung! Ich meld mich später!“ Wie erwartet schrieb AyAy zurück, dass ich mal wieder voll das Detektiv-Girl war, aber ich steckte nur das Handy weg. Diesen Kommentar hätte sie sich jetzt echt sparen können. Gut, dass ich weggelassen hatte, dass Rob dabei war. Das hätte nur zu total unerwünschten (!!!) Spam-Nachrichten geführt, die ich jetzt echt nicht brauchen konnte.

„Wie, was?“, kam es von unten von Rob.
„Meine Freundin hat mich gefragt, wo ich bin!“, erklärte ich gen Süden. Weil ich gleichzeitig das Handy wegstecken und mir den Schweiß von der Stirn wischen wollte, blieb ich für mehrere Sekunden einhändig und rutschte fast ab. Als Erstes das Handy wegstecken. Dann der Schweiß. Der floss mir inzwischen in Strömen über die Stirn – und gegen erbarmungslosen Achselgeruch konnte ich jetzt auch nichts mehr tun.

Plötzlich wurden alle Geräusche um mich herum lauter. Ich schaute über meine Schulter nach hinten und stellte entsetzt fest, dass ein Tunnel auf uns zugerollt kam. Ich presste mich so flach wie möglich an das Dach des Pferdeanhängers und sah, wie die Tunneldecke knapp ein paar Zentimeter über mir vorbeirauschte. Kurz bevor wir wieder ans Tageslicht kamen, stießen meine Füße schmerzhaft gegen eine Platte, die von oben kam. Ich versuchte, den Atem anzuhalten und mich noch platter zu machen, denn meine Kollision mit dem tiefhängenden Straßenschild musste der Kidnapper wohl gemerkt haben.
Im ungünstigsten Moment wieherte Sternschnuppe laut. Ich hob meinen Kopf instinktiv und stellte erleichtert fest, dass das Straßenschild bereits vorbei war. Dann kamen wir auch schon wieder ans Tageslicht. 

„Rob, alles in Ordnung?“, stieß ich hervor und ließ meinen Kopf wieder zu ihm runterhängen.
Er schaute zu mir und streckte den Arm nach mir aus. „Äh, ja. Werde zwar von zwei Pferden in die Enge getrieben und stecke total in der Klemme, aber trotzdem ist alles in Ordnung! Übrigens hat sich Cora gerade aufgebäumt!“ Er lachte nervös und hustend. Ich lachte mit. „Du hast vielleicht Humor!“, brachte ich heraus, während ich alles daran setzte, seine Hand zu erwischen und ihn hochzuziehen. Zum Glück beruhigten sich die zwei Pferde nach einiger Zeit wieder und Rob arbeitete sich zu mir vor. „Ich bleib hier unten!“, sagte er nach ein paar Fehlversuchen, sich auf die Tür zu stellen.

„Stütz deinen Fuß auf dem Riegel ab!“, wisperte ich, verlor aber den Halt. Ich schwankte bedrohlich zur Seite. Und dann geschah es: Das, was ich schon die ganze Fahrt über befürchtet hatte.
Kreischend fiel ich vom Dach, einen letzten zittrig zuckenden Finger noch am Pferdeanhänger. Ich versuchte, mich mit diesem zittrigen Finger festzukrallen, aber weil er so schweißüberströmt war, rutschte ich schließlich doch ab.
 

Aus dem Luftfenster über der Tür schnellte Robs dunkler, muskulöser Arm. Er packte mich über der Hüfte und rief hektisch: „Versuch, auf dem Kotflügel Halt zu finden!“
Mit den Händen klammerte ich mich an Robs Arm fest, mit den Füßen baumelte ich nach dem Kotflügel. In dem Moment hielt das Auto an. Durch den Ruck flog ich endgültig runter. Zum Glück war Moms Auto gerade nicht in einer Gruppe von überholwütigen Autos und schneckenartigen LKWs. Nein, es war das einzige Auto auf der Spur.

Cora und Sternschnuppe wieherten laut, während der Kidnapper auf dem Rasen anhielt. Ich hatte gerade noch Zeit, mich aufzurappeln und hinter den Pferdeanhänger zu springen, bevor er die Fahrertür aufstieß und mich entdeckte. Rob und ich atmeten synchron aus, als er ärgerlich murmelte: „Die Pferde machen es mir ja auch nicht gerade einfach.“ Der unbekannte Mann zündete sich eine Zigarette an. Nachdem er den Tabak tief eingesogen hatte, marschierte er um das Auto herum und pustete eine stinkende Rauchwolke aus. Ich wich im letzten Moment aus, als er zum Pferdeanhänger lief. Er bemerkte mich nicht und schnipste verärgert den brennenden Zigarettenstummel in den Rasen. Dann ging er mit großen Schritten zurück zur aufgesperrten Fahrertür und Rob zischte mir zu: „Lauf zurück! Jetzt ist die Chance! Lauf zurück zum Hof! Ich bleib bei den Pferden.“
I
ch starrte ihn entgeistert an. „Nein! Das ist viel zu weit weg! Ich... krieg das nicht hin!“
„Aber...“ Rob schüttelte mich durch. „Dann nimm halt die U-Bahn oder so! Mach dich aus dem Staub! Wir fahren hier ins Ungewisse! Vielleicht endet diese Fahrt erst in paar Wochen, oder wir verlassen zum Beispiel das Land!“ Er sah mir eindringlich in die Augen und machte eine wegscheuchende Handbewegung. Ich wollte gerade auf ihn hören und vom Kotflügel springen, auf dem ich inzwischen stand, aber da setzte sich das Auto in Bewegung. Ich sah auf den Boden – um genauer zu sein, in den Staub – und nahm für ein paar Sekunden Robs Hand. Jetzt konnte ich schon wieder nicht abspringen. Egal. Abspringen wäre Selbstmord, also musste ich mitfahren. Es war meine einzige Chance, zu überleben.
 

Bevor ich wusste, was mit mir passierte, zog mich Rob ins Innere des Pferdeanhängers. „Sorry“, sagte er, „geht nicht anders. Auf dem Kotflügel kannst du nicht ewig bleiben, und wieder raufklettern wäre auch keine gute Option.“
Ich nickte und legte Sternschnuppe eine Hand auf den Hals. Keine gute Idee. Sternschnuppe bäumte sich auf, trat nach hinten und wieherte markerschütternd laut. Cora wurde von Sternschnuppes Panik erfasst und schnaubte, während sie mit gefletschten Zähnen in die Luft biss.
Rob wich in eine Ecke aus, aber die Pferde engten ihn immer weiter ein. Ich wollte die Pferde packen und beruhigen, aber sie waren unberechenbar geworden. Vielleicht hätte ich doch besser dran getan, nach oben zu klettern; jetzt war es zu spät. Ich quetschte mich neben Rob und konnte jetzt nur noch hoffen, dass alles gut ging. Was man doch nicht alles für Abenteuer auf sich nahm, um möglichen Café-Saboteuren zu folgen.
 

Ich presste mich gegen die Tür und hielt den Atem an. Das Auto stoppte fast! Jetzt wurden wir entdeckt. Und der Fahrer hatte gemerkt, dass im Pferdeanhänger eindeutig etwas faul war.
Aber zu unserer Überraschung fuhr das Auto noch ein Stück weiter, bis es bei einem großen Backsteinhaus am Straßenrand hielt und auf einen Parkplatz fuhr. Ein Haus direkt neben der Autobahn – wenn das mal nicht total merkwürdig war!
Die Pferde wurden ruhiger, als das Auto verlangsamte und wir den dröhnenden Lärm der Autobahn hinter uns ließen. Der Motor setzte aus und aus der Fahrertür schwang sich der Kapuzenmann.
Ich sperrte die Tür vom Pferdeanhänger auf und sprang aus der Gefahrenzone. Rob sorgte dafür, dass die Pferde noch im Anhänger blieben. Er hatte offensichtlich damit gerechnet, dass ich nach Hause laufen wollte, denn als ich mich vor den Mann im Kapuzenpulli stellte und ihm den Weg versperrte, bildete sich auf Robs Gesicht ein fragender Ausdruck.
„Hey, Sie!“, schimpfte ich auf den Kidnapper ein, „was haben Sie vor? Warum haben Sie uns hierhergebracht? Ich will wissen, was Sie mit den Pferden wollen!“ Ich packte seinen Arm, damit er nicht weglaufen konnte.
„Ich will die Pferde an meine Freunde verkaufen, du!“, knurrte der Mann und schlug seine Kapuze zurück. Ich wich einen Schritt zurück, als ich ihn erkannte. Lynns Mann?! Die Pferde gehörten ihm doch gar nicht, sie gehörten ja nicht mal Lynn! Woher hatte er den Autoschlüssel für Moms Auto? Das alles war komplett unlogisch. Ich wollte ihm tausend Fragen auf einmal stellen, aber er fiel mir ins Wort: „Und ihr seid wohl die ganze Zeit bei mir mitgefahren, was? Dreiste Kinder! Ihr seid wohl verrückt geworden!“
Rob brüllte ihn vom Pferdeanhänger aus an: „Sie ja wohl nicht weniger! Und ich bin schon achtzehn, also kein Kind mehr! Ich hab sogar schon meinen Führerschein, und ich fahre den Tesla meines Vaters! Trotzdem kidnappe ich keine Pferde! Und Sie sollten inzwischen wissen, dass man sowas nicht macht! Ich wette, Ihre Frau und die Freundin Ihrer Frau wissen nicht, dass Sie jetzt illegal versuchen, unsere Pferde zu verkaufen! Ja, was Sie machen, kommt mir illegal vor!“ Er sprang blitzschnell aus dem Anhänger und verriegelte die Tür. „Los! Setz dich auf den Beifahrersitz!“, rief er mir zu und sprang selbst auf den Fahrersitz.
Ich befolgte seine Anweisung und schwang mich auf den Beifahrersitz. Während Rob die Fahrertür zuknallte und rückwärts losbrauste, fuhr ich mein Fenster herunter und schrie Lynns Mann hinterher: „Wo haben Sie eigentlich den Autoschlüssel her, na? Geklaut?“
Lynns Mann drohte uns mit der Faust und drehte sich schließlich mit dem Fuß aufstampfend weg. Ich konnte noch sehen, wie er sich eine Zigarette anzündete.
„Ich bring die Pferde zurück!“, schnaubte Rob neben mir, „Ich lass seine Crazy-Aktion nicht zu! Erzählst du später deiner Mudda, dass er ihren Autoschlüssel hat?“
Ich nickte. Der Mann warf so viele Fragen auf. Warum wollte er Geld mit den Pferden machen? Das hatte überhaupt keinen Zusammenhang zu verbogenen Gabeln und einer leeren Kasse! Er schien eher dem Reiterhof schaden zu wollen und nicht dem Café. Aber warum hatte er dann mit Timo gestritten?

Seufzend tippte ich in den Chat mit Ayame:
Die Abenteuerfahrt ist beendet. Ich sitze im Auto und wir fahren ohne den Kidnapper wieder zu euch.

Wer ist wir? Mit wem fährst du da?

Kein Grund zur Verdächtigung! Ich fahr mit Rob.

Oho... Und wer ist der Kidnapper?

Du musst raten.

Der Tierarzt? Ein Unbekannter? T?

Lynns Mann, der Kettenraucher.

Hä? Der? Ich check's nicht. Du auch nicht?

0 %.

Haha. Kommst du bald?

Ja, die fahrende Rauchwolke wollte Cora und Sternschnuppe verkaufen. Komischerweise hatte er auch den Autoschlüssel von Moms Fiat. Eigentlich wollte ich ihn noch mehr ausfragen, aber dann ist Rob mit mir auf dem Beifahrersitz losgefahren.

OMG! Du bist ultra detektivgirlig! Wetten, du hast alles selber kombiniert?

Einigermaßen.

 🐴

Nach 15 Minuten waren wir wieder beim Hof. Durch das Autofenster sah ich, dass Ayame und Mayari schon auf uns zuliefen. Ich winkte.
Rob parkte. Bevor er ausstieg, sagte er grinsend: „Letzter Halt: Reiterhof Westfried. Ich bring jetzt die Pferde auf die Koppel. Irgendwie war das Abenteuer lustig. Und voll gefährlich.“ Dann stieß er die Fahrertür auf und sprang aus dem Auto.
Ich stieg auch aus und ging auf Mayari und Ayame zu. Als Rob und die Pferde außer Sichtweite waren, fuhr sich Mayari schelmisch mit der Hand übers Kinn. „Hmm...“, begann sie, „Grips, Muskeln und Humor. Bist du dir sicher, dass du aus Detektivinstinkt ein wildes Abenteuer auf der Autobahn eingegangen bist?“
Ich trat ihr auf den Fuß. „Ey, ich hasse dich!“ Mayari fühlte sich sofort angegriffen.
Ayame kam dazwischen. „Man muss nicht auf Stereotype stehen. Und ich glaub, Lana ist nicht so verknallt wie wir. Sie ist 'n cooles Detektiv-Girl, das sich durch nichts ablenken lässt. Im Gegensatz zu mir. Ich würde sagen, wir konzentrieren uns in Zukunft einfach mehr auf den Fall. Ich muss üben, mehr wie Rilana zu sein. Ansonsten krieg ich dauernd wegen irgendwas Heulkrämpfe.“ Sie schaute zum Café.
Mayari hakte sich bei uns unter. „Wir können es T jederzeit zeigen!“
Ayame seufzte. „Sorry, Leute. Ihr müsst keine Codewörter oder Buchstaben-Abkürzungen benutzen, nur weil ich dauernd T sage. Der Buchstabe soll verboten werden. Ihr könnt ruhig... Ihr könnt ruhig Timo sagen.“
„Wir klären das morgen, okay?“, beschloss ich und schaute meinen Friends in die Augen. „Ich hab Hunger. Essen wir Abendessen?“
AyAy und Yari nickten synchron.
„Morgen früh. Unbedingt“, murmelte Ayame, während wir zum Haus gingen, um uns dort Hühnerfrikassee aus der Packung
zuzubereiten.

Als wir unser Essen verputzt hatten, hielt ich wie eine Heilige meinen Zeigefinger hoch. „Und jetzt machen wir alle zusammen den Abwasch!“, ordnete ich an. Weil wir zu dritt ein starkes Team waren, ging das super fix.
„Ich geh Cora noch mal gute Nach
t sagen“, erklärte Mayari und sauste aus dem Zimmer. Ayame blieb noch kurz bei mir und zeigte glücklich auf ihr Freundschaftsarmband. „Das ist wirklich toll geworden“, sagte sie, „Ab jetzt trag ich das jeden Tag. Ja, ich geh auch noch zu Sternschnuppe. Die hat ja ziemlich viel durchgemacht heute. Und vielleicht ist Ice Cream ja auch draußen auf der Koppel.“
Ich nickte. Dann watschelte ich in abgetretenen Pantoffeln und der schmutzigen weißen Jogginghose in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Es war todnervig. Kein Outfit konnte ich zwei mal anziehen, einfach nur wegen der Sabotage im Waltz-Café. Seit sie begonnen hatte, war dauernd Körpereinsatz gefragt.
Ich wechselte die durchgeschwitzten Abenteuer-Zeugen gegen ein gut riechendes schwarzes Oversize-T-Shirt, das ich einfach als Kleid benutzte. Falls ich noch mal rausmusste, zog ich mir noch elastische Sport-Shorts unter.

Ich checkte mein Make-Up im Taschenspiegel ab und stellte fest, dass es mindestens nötig war, den Lipgloss nachzuziehen. Als ich damit fertig war, suchte ich mein Handy. Ich Schussel hatte es noch in der Tasche meiner weißen Jogginghose gelassen, die inzwischen im Wäschekorb steckte. Zum Glück schaffte ich es, sie wieder rauszufischen und rief Mom an. Ich erzählte ihr von Lynns Mann und dass er die Pferde gekidnappt und ihren Autoschlüssel geklaut hatte. Mom war mehr als stinkig und versprach, noch mal ein Wörtchen mit ihm zu reden. Aber ich bekam auch ein Stück von ihrer Wut ab, denn sie warf mir vor, dass ich den Pferdeanhänger mit meiner waghalsigen Aktion hätte schrotten können. Außerdem verziehen gestresste Mütter es ihren Kindern nicht so schnell, wenn diese sich mal wieder in Lebensgefahr gebracht hatten. Ich beendete den Anruf, schlüpfte aus meinem Outfit und sprang unter die Dusche. Meine Schweißattacken während des Abenteuers waren der blanke Horror gewesen.
Wieder im Oversize-T-Shirt, föhnte ich mir die Haare. Als sie trocken waren, machte ich mir die unpraktische Strähnchen-Frisur, die ich gestern Morgen abgelehnt hatte. Heute konnten sie nicht mehr stören, weil ich mich unter keinen Umständen auf eine Action-Einlage am Abend einlassen würde.

Endlich ging die Sonne unter.
Ich stapfte in den Pantoffeln zum Fenster, um das Rollo runterzulassen. Moment, eine Gestalt huschte am Haus herum. Von oben sah ich nur eine gelbe Mütze.
Was wollte Rob denn noch hier? Ich stürmte sofort die Treppe runter, um ihn zu verhören. Ich versprach mir, dass das die letzte Aufregung an diesem Tag sein würde.
Ich stemmte die Arme in die Hüften, die durch das schwarze Schlabber-T-Shirt ziemlich formlos erschienen.
„Hi! Rilana!“, sagte Rob lässig. Ich runzelte die Stirn. „Was machst du hier?“, fragte ich schroff. Das war jetzt echt verdächtig. Hatte Rob das ganze Abenteuer mit Lynns Mann abgesprochen und wollte, dass ich auf der Autobahn starb? Unmöglich. Das überstieg meine Fantasie.
„Bei euch ist der Sonnenuntergang immer so cool. Aber warum rastest du so aus?“ Rob schaute fragend.
„Um einen Sonnenuntergang zu beobachten, braucht man nicht verdächtig vor meinem Haus rumzuschleichen! Außerdem ist die Sonne schon fast ganz untergegangen und ich werde den Verdacht nicht mehr los, dass du mich auf der Autobahn töten wolltest.“
„Wusste ja gar nicht, dass du so witzig sein kannst! Und übrigens wolltest du den Kidnapper verfolgen.“
„Ich meine das alles total ernst! Versteh mich jetzt nicht falsch!“
„Okay, okay. Aber wie kommst du auf die Idee? Mord auf der Autobahn!“
Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Hier entsteht gerade ein Missverständnis. Sag ehrlich: Wie steht es um den Mordversuch?“

Rob unterdrückte ein Lachen. „Der ist ein absurdes Fantasieprodukt. Es ist immer noch Herr Waltz kriminell, nicht ich. Nein, ehrlich. Ich hab nicht versucht, dich zu töten.“ Er hielt Mittelfinger und Zeigefinger in die Höhe, und zwar nicht überkreuzt.
Ich nahm seine Hand runter. „Okay, verstehe. Du wolltest mich wirklich nicht töten. Ist schon gut. Aber ich wette, das mit dem Sonnenuntergang ist eine Lüge. Was willst du hier?“ Mein Tonfall wurde immer aufdringlicher.
Rob grinste, antwortete aber nicht. Schließlich verschwand er in der zunehmenden Dunkelheit und sagte noch: „Weißt du doch. Guck mal, jetzt ist die Sonne ganz untergegangen. Wir sehen uns morgen.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen ging ich ins Haus und stieg die Treppenstufen zu meinem Zimmer rauf. Flaues Gefühl? Na ja, oder ein Kribbeln. Irgendwas dazwischen.

Sonntag, 23. November 2025

5: Kaffee, Kolik, leere Kasse

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 5: Kaffee, Kolik, leere Kasse

Am vierten Ferientag, einem Dienstag, war ich aufgewacht, bevor mein Wecker klingelte. Hoffentlich würde ich diese Gewohnheit behalten, denn ein Detektiv-Instinkt war jetzt genau das Richtige. Ich schaltete den Wecker aus, schlüpfte in die grauen Hot Pants und tauschte mein Schlabber-T-Shirt, in dem ich geschlafen hatte, gegen ein schwarzes Top ein. Dann drückte ich die Klinke meiner Zimmertür runter und ging ins Bad, wo ich den morgendlichen Kram erledigte und mich schminkte. Meine blonden Haare band ich mir diesmal zu einem hohen Pferdeschwanz. Ich überlegte, ob ich Strähnchen raushängen lassen sollte, entschied mich aber dagegen. Das war mir zu unpraktisch.
In der Küche trank ich eine herumstehende Flasche Apfelschorle leer und naschte ein paar von Moms Lieblingscookies aus dem Küchenschrank. Als das alles hinter mir lag, brauchte ich meine Füße nur noch in meine längst nicht mehr weißen Sneaker zu stecken und aus dem Haus zu rennen. Ich hätte auch in meinem Zimmer mit Ayame und Mayari chatten können, aber seit die Umbauarbeiten auch meinen einzigen sicheren Zufluchtsort erreicht hatten, war es nicht mehr so wirklich mein Zimmer. Außerdem waren meine Friends bestimmt noch nicht wach und würden mir dann vorwerfen, den Chat gespamt zu haben.
Und die Person, die das Waltz-Café sabotiert hatte, musste schließlich gefunden werden!!!

Mit schnellen Schritten lief ich zum Tatort. Es war nicht ausgeschlossen, dass der Saboteur über Nacht wieder zugeschlagen hatte. Mist. Abgeschlossen. Jette und Timo waren noch nicht da.
Nervös schlich ich vor der Tür auf und ab. Plötzlich fiel mir etwas ein. Vielleicht gab es einen Hintereingang, den Jette und Timo nicht abgeschlossen hatten. So verpeilt, wie die zwei waren, konnte ich mir das gut vorstellen.
Ich streifte um das Café, bis ich tatsächlich eine nur angelehnte unscheinbare Tür entdeckte. So leise wie möglich stieß ich sie auf. Zum Glück war sie relativ neu und hatte keine quietschenden Angeln. Ich habe nie besonders auf Böden geachtet, aber seit ich das Café zum ersten Mal betreten habe, habe ich mir gemerkt, dass der Boden aus Fliesen und Beton gemacht war und deshalb keine Gefahr wegen lauten Holzdielen bestand.
Ich schloss die Tür hinter mir und schaltete das Licht an. Hoffentlich würden Jette und Timo nicht so bald kommen.
Ohne die leisesten Geräusche von mir zu geben bewegte ich mich hinter den Tresen. Dort war alles normal. Die Schubladen waren bis zum Ende nach hinten geschoben, die Spülmaschine gluggerte vor sich hin und die Kaffeemaschine auf der Vitrine stand reglos und mit ausgeschaltetem Display da. Nichts war verdächtig. Der Saboteur hatte allem Anschein nach nicht wieder zugeschlagen – es sei denn, er war sehr geschickt vorgegangen.
Ich kam hinter dem Tresen hervor und konzentrierte mich auf den Boden. Waren da auffällige Fußabdrücke oder zur Seite gestoßene Stühle? Nein, wenn überhaupt nur von mir. Aber bis Jette und Timo darauf kamen, den Boden nach Fußspuren abzusuchen und die Sohlen aller ihrer Kunden zu kontrollieren, hatten schon zehn Gäste ihre Kaffees verschüttet und alles wieder aufgewischt.

Ein spitzer Schrei. Das Licht ging aus. Schlüsselgeklimper.
Ich wirbelte herum. „Hey, was willst du?“, rief ich und erblickte Jette. Sie schlotterte und zeigte auf mich. „Das... Das frage ich dich! Bist du etwa die Saboteurin, Rilana Westfried?“ Für ihre Verhältnisse war sie gerade ganz schön einfallsreich.
„Nein! Bist du sie?“, donnerte ich zurück. Plötzlich bekam Jette einen Lachflash. Unsere reflexartigen Ausrufe waren wirklich ziemlich witzig. „Nein“, sagte Jette jetzt ruhiger, „ich bin doch das Opfer! Und deine Reaktion zeigt, dass du nicht die Täterin bist.“ „Ganz schön logisch“, kommentierte ich und zog mir den Zopf stramm. „Aber das Opfer kann natürlich auch der Täter sein.“
Jette ließ die Schultern hängen und schlurfte zum Kühlschrank. „Ich bin aber nicht der Täter, ich schwöre“, grummelte sie mit einem Blick über die Schulter. Dann öffnete sie die Kühlschranktür und holte ein paar Backwaren raus, um sie in die leere Vitrine zu stellen.

Die Tür ging auf. Ich hörte zwei verschiedene Stimmen. Es waren Timo und Lynn.
„Timo, ihr müsst wirklich gut aufpassen jetzt. Das mit der Sabotage ist wirklich ernst. Ich würde euch ja so gerne helfen, aber Sina braucht mich. Ohne mich würde der Umbau noch viel länger dauern“, erklärte Lynn ernst. Timo nickte missmutig.
Lynn drehte den Kopf zu mir. „Ah, huch, Rilana! Was tust du denn hier?“, sagte sie erfreut.
„Ich bin durch den Hintereingang reingekommen und hab nach Spuren vom Saboteur gesucht, ob er wieder zugeschlagen hat!“, stammelte ich. Lynn grinste. „Aha, die Detektivin legt sofort los und ist bereits im Einsatz!“, bemerkte sie, bevor sie ihre Aufmerksamkeit den Speisekarten widmete.
„Offenbar war in der Nacht alles ruhig“, erklärte ich Lynn und verabschiedete mich, um dann durch den Hintereingang wieder rauszuschleichen.

Draußen auf dem Putzplatz spritzte Ayame Ice Cream ab. Wirklich ein Sonderfall, dass sie heute so früh hergekommen war. Aber wegen Ice Cream machte sie schließlich alles. AyAys Brille war etwas verrutscht und ihr Zopf nicht ganz so ultra-hyper-ordentlich wie sonst. Ihrem Aussehen nach zu urteilen war sie sehr niedergeschlagen und sad, weil wir es nicht geschafft hatten, Ice Cream zurückzuerobern. Es war so frustrierend, dass Mom sich nicht hatte überreden lassen. Immerhin würde sie zum Pferdemarkt auch Tornado mitnehmen, dann hatte Ice Cream vielleicht eine Chance von 1 %. Gestern Abend hatten wir Mom davon überzeugen können, dass Tornado auf dem Pferdemarkt heiße Ware wäre – um einen sanftmütigen, ausdauernden, gut gebauten und relativ jungen Braunen Wallach würden sich die Kunden bestimmt reißen. Der Gegensatz zu Ice Cream, die eine ältere, pflegebedürftige Schimmelstute war, fiel einem sofort ins Auge. Außerdem würde der neue Name, den Tornado von seinen neuen Besitzern bekommen würde, bestimmt besser passen – wir hatten ihn dummerweise Tornado genannt, weil wir den Namen cool fanden. Wäre ich ein Pferd, würde ich jedenfalls gerne so heißen. 

Als Mom an uns vorbeikam, um Ice Cream zu holen, lächelte sie gequält und winkte kurz. Ayame ließ plötzlich Kopf und Schultern hängen. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Alles wird gut“, flüsterte ich, obwohl ich selber mit dem Gegenteil rechnete.
Ayame rückte ihre Brille zurecht und blinzelte dahinter ein paar rebellische Tränchen weg. Ich spürte, wie sie sich einen Ruck gab, bevor sie sich von der immer kleiner werdenden Ice Cream wegdrehte.
Ich blieb noch stehen und konnte sehen, wie Mom auch noch Tornado aus dem Stall holte und die beiden in den Pferdeanhänger scheuchte. Am Steuer saß Rob mit einem Cheeseburger und zusammengepressten Lippen. Mom setzte sich auf den Beifahrersitz, knallte die Tür zu und klopfte Rob auf die Schulter. Er nickte. Dann setzte sich das Auto leise brummend und mit laut wiehernden Pferden in Bewegung.
Als ich dachte, Ayame hätte das alles nicht gesehen, irrte ich mich. Mit aufgerissenen Augen und ausgestreckten Armen machte sie einen großen Schritt in die Richtung des wegfahrenden Autos.
„Komm“, sagte ich laut und bemühte mich um einen fröhlichen und aufmunternden Tonfall, „wir helfen Lia!“ Ich wirkte zuversichtlicher, als ich war, aber die Wirkung ging trotzdem auf Ayame über. Sie nickte tapfer und wir gingen motiviert auf Lia zu, die barfuß vor einer aufgerissenen Stelle an der Hauswand hockte. Sie lockerte Schrauben an einem verschimmelten und verstopften alten Rohr. Ich wusste, dass diese Tätigkeit seit Langem gemacht werden musste und alle sie nur nervig fanden. Lia kam wie gerufen. Ohne sie würde das Problem sicher noch zehn Jahre auf die lange Bank geschoben werden, bis irgendwann das ganze Rohrsystem auseinanderfiel und wir milliardenschwere Schulden für eine komplette Erneuerung aufnehmen mussten. Zum Glück packte Lia tatkräftig mit an, bevor diese Katastrophe passieren konnte. Aber damit alles noch schneller ging, mussten wir ihr helfen. Zum Beispiel, in dem wir ihr Schuhe ausliehen, denn sie war offenbar immer noch nicht dazu gekommen, sich neue zu kaufen. Ich zwinkerte Ayame zu und rannte ins Haus. Meine Reitstiefel, die eine Größe zu groß waren, hatte ich noch nie angerührt und ehrlich gesagt hatte ich auch keinen Bock darauf, das mal zu machen.
Wieder bei Ayame und Lia stellte ich diese vom Schicksal gesegneten Wunderstiefel auf dem steinigen Boden ab. Lia nickte mir dankbar zu und wies mit der Hand auf ihre High-Heels, die ein paar Meter hinter ihr vernachlässigt unter einem jungen Bäumchen standen. Na ja, ich konnte verstehen, dass Lia es vorzog, harte Arbeit barfuß und nicht in Stöckelschuhen zu verrichten.

Ich hörte ein Wiehern. Ich wusste nicht, von welchem Pferd es stammte, aber es klang so ähnlich wie das von Ice Cream. Quatsch. Ice Cream war auf dem Weg zum Pferdemarkt. Ich schaute zur Koppel. Carlo tollte dort herum. Das Wiehern war von Ceci gekommen, die ruhig graste. Aber diese Tatsache konnte mich jetzt nicht mehr vom Gedanken an Ice Cream ablenken. Eigentlich konnte mich nur ein Thema von diesem Gedanken ablenken; und das war die Sabotage.
„Lia?“, fragte ich. „Hast du schon von der Sabotage gestern im Café gehört? Es wurde eine Gabel verbogen!“
Lia schaute von den Rohren auf. „Nein, Sina hat es mir noch nicht erzählt. Hast du die Info von Lynn?“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und auf ihrer Stirn bildeten sich winzige, ernste Falten, die auf ihre Besorgnis hindeuteten.
„Nein, Ayame hat sich was bestellt und ihre Gabel war verbogen. Ich war die erste, die das bemerkt hat“, erklärte ich mit gehörigem Stolz.
Ayame lief rot an. „Ich hab auf Timo geachtet und nicht auf die Gabel. Erst mal dachte ich, er war das. Total kindischer und egoistischer Gedanke. Ich dachte, er hat die Gabel verbogen, um für spannenden Gesprächsstoff zu sorgen, damit wir noch länger reden und, äh, flirten können. Natürlich war das voll unlogisch und Rilana, das Detektiv-Girl, hatte die viel logischere Vermutung: nämlich, dass es einen Saboteur gab. Ich hab dann auch gemerkt, dass er nicht hinter Sache steckte. Er hat es sogar geschworen.“
Lia senkte den Blick wieder auf die Rohre, die schimmelnd vor ihr lagen. Schließlich merkte sie an: „Alle Achtung vor Rilana dem Detektiv-Girl! Und vor allem alle Achtung vor Ayames rosaroter Sonnenbrille durch übertriebene Verliebtheit! Ich finde deine Vermutung ziemlich wahrscheinlich, Ayame! Für mich klingt sie logisch.“ Sie zwinkerte aufmunternd.
„Für mich klingt die Vermutung auch logisch“, meinte ich, „Timo hat aber geschworen, dass er es nicht war. Findest du vielleicht sonst wen verdächtig?“
Lia sah sich um. „Na ja... Jette vielleicht? Oder es war eben doch Timo, manchmal meint man einen Schwur ja nicht so ernst, oder er hatte halt was über Kreuz. Obwohl das nicht wirklich zählt.“ Sie stand auf. „Hast du noch wen im Verdacht? Was meinst du – dieser Rob... ?“
Ich schüttelte entschieden den Kopf.
„Oder seine Freundin, diese Ayesha“, fuhr Lia fort, „die ist immer so aggressiv und verschlossen!“ Misstrauisch ließ sie den Blick über den Hof schweifen. Ich nickte. Stimmt. Ayesha. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie Gabeln verbog und Pläne für die nächste Zeit ausheckte. Und dass sie auf TikTok Leute erpresste, war auch nicht ausgeschlossen. „Komm, Ayame, wir gehen zu Ayesha!“, entschied ich und marschierte los.

Ayesha lungerte faul auf einem Stein, der die Autos davon abhalten sollte, dort zu parken. Wenn sie die Kamera ihres Handys in den Selfie-Modus stellte, konnte sie genau sehen, was in Jettes und Timos Café passierte. Für den Anfang nicht schlecht. Ich gab ihr einen kräftigen Stoß gegen die Rippen.
Ayesha hielt sich die Stelle fest und schaute mich verärgert an. „Hey, was willst du?!“, blaffte sie sofort. Ich verschränkte unbeirrt die Arme und konterte: „Was ich will? Zumindest will ich die Gabeln hier nicht verbiegen!“
Ayesha hatte auch schon eine Antwort parat: „Was hat das jetzt wieder mit mir zu tun? Du willst nur Ärger!“ Das war nicht besonders kreativ. Ich ließ mir was Besseres einfallen. „Genau, weil du hier die Gabeln verbiegst! Ich weiß, dass du das bist, und du weißt, wovon ich rede! Was du machst, ist komplett lächerlich!“
Ayesha stand mit einem Ruck auf. Sie wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum und schrie: „Hau ab! Ich weiß nicht, was das mit der Gabel ist, aber du weißt, dass du mich mobbst und vollkommen aggro bist!“ Ich wich einen Schritt zurück.
Ayame räusperte sich. „Überleg's dir, Ayesha. Wenn du die Saboteurin bist, dann sag's uns lieber. Das ist auf die Dauer besser für alle, auch für dich. Früher oder später werden wir es sowieso rauskriegen“, warnte sie und legte mir eine Hand auf den Arm. „Sie ist ein Detektiv-Girl, verstanden?“
Ayesha zog die Nase kraus. „Im Ernst? Das ist doch kindisch! Die drei Ausrufezeichen werden überhaupt nicht happy sein, wenn die rauskriegen, dass ihr sie nachmacht.“
„Die gibt’s gar nicht mal“, erwiderte Ayame überzeugt. Ihr gechillter Tonfall überraschte mich, machte mir aber auch Mut. Man konnte es einfach ganz chillig angehen. Ayame fügte hinzu: „Und wir machen die drei Ausrufezeichen auf keinen Fall nach. Ist uns zu uncool. Außerdem sind sie professionelle Detektivinnen, bei uns ist nur Rilana zufällig ein Naturtalent. Mayari und ich sind gar keine Detektiv-Girls, sondern einfach nur die Mega-BFFs von Rilana.“ Da konnte ich nur zustimmen. Also sagte ich: „Genau.“
Ayesha ballte verzweifelt die Fäuste und verzog die Miene. „Was habt ihr eigentlich immer gegen mich, ihr einfallslosen Nachmacher?!“, kreischte sie und schwenkte ihr Handy. Dann drehte sie sich ruckartig um und rannte weg. Wütend zeigte ich ihr das Schweige-Einhorn, was sie aber nicht mehr sah. Und das war eigentlich auch ganz gut so.
Synchron stapften Ayame und ich zu Lia zurück. Die werkelte immer noch an den Rohren herum. Wir erzählten ihr von Ayeshas Verhalten. Lia nickte bedächtig. „Nicht gerade unverdächtig!“, kommentierte sie.
Das stimmte.

 🐴

Um kurz nach 11 kam Mayari an. „Und? Habt ihr den Saboteur gefunden?“, fragte sie uns. Ayame nickte entschieden und schüttelte dann genauso entschieden den Kopf. „Ja! Nein!“, sagte sie. „Das heißt – wir glauben, dass Ayesha es ist. Und wenn nicht, dann Timo.“
Mayari grinste verstohlen. „Also doch Timo.“ Apropos Timo: Wir mussten uns gar nicht mal absprechen – wir gingen einfach gleichzeitig ins Café. Jette und Timo waren beide da.
Mayari und ich holten uns einen klassisch taiwanesischen Bubbletea und einen Erdbeersmoothie. Ayame bestellte einen Matcha-Milchtee und zwei Brownies. Und das erstaunlichste: Sie hatte schon wieder eine verbogene Gabel! War das jetzt Absicht oder Zufall?
Ayame rückte ihre Brille zurecht, schnappte sich die verbogene Gabel und ging damit zum Tresen. „Timo?“, rief sie. „Was hat das zu bedeuten? Schon wieder 'ne verbogene Gabel! Ist das die gleiche wie gestern?“
Jetzt war Timo an der Reihe, sich die Brille zurechtzurücken. „Natürlich nicht! Die von gestern hab ich doch wieder gerade gebogen und außerdem gerade erst in die Spülmaschine gesteckt! Wie komisch!“
„Hm“, machte Ayame mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. „Komisch, komisch.“
„Ist doch so!“, protestierte Timo.
Ayame warf über die Schulter einen Blick zu mir und zwinkerte. „Sei ganz ehrlich. Steckst du dahinter?“ Sie bog an der Gabel herum. Die Gabeln des Waltz-Cafés waren echt voll biegsam!
„Ich hab doch gestern schon geschworen, dass ich das nicht war! Warum sollte ich es dann heute sein?“, regte sich Timo auf.
Ayame zuckte die Schultern und legte die Gabel auf den Tresen. „War halt so 'ne Vermutung.“ Sie sah aus dem großen verglasten Fenster, das sehr gut die Sicht auf die Koppel freigab.
Timo ließ die Klappe der Spülmaschine einrasten. „Ist schon okay.“ Er schaute hoffnungsvoll in Ayames Richtung. Die wirkte plötzlich irgendwie niedergeschlagen. Sie holte eine Tupperdose aus ihrer apricotfarbenen Asics-Sporttasche und stopfte dort ihre Brownies rein. Dann schnappte sie sich auch noch ihren Matcha-Milchtee, legte das Geld für unser Essen und Trinken auf den Tresen und ging „Tschüss“ murmelnd aus dem Café. Durch das Fenster sah ich, wie sie in Richtung Koppel stapfte und sich dort auf einen großen Stein setzte.

Ich erzählte Mayari, wie sich Ayesha verhalten hatte, als Ayame und ich sie verdächtigt hatten, und dass wir die ganze Sache schon mit Lia besprochen haben. Mayari gab mir einen wichtigen Gedankenanstoß: „Ich glaube, Ayesha ist gar nicht so verdächtig, wie du sie findest. Ihr seid einfach verstritten und sie fühlt sich eben gemobbt.“ Der Gedanke, den sie da ansprach, war zwar wichtig, aber irgendwie fand ich es trotzdem blöd, dass Mayari meine Sicht nicht unterstützte und was total anderes dachte. Wir waren doch BFF! Ich gab meinem Drang, es ihr heimzuzahlen, nach, und konterte frech: „Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass Tasuke der Saboteur ist, ne?“ Okay, das ging vielleicht ein bisschen zu weit. Mayari machte nämlich mit bei der Heimzahl-Sache und behauptete, dass Mom auch irgendwie verdächtig war. „Die will ja euer Lieblingspferd Ice Cream verkaufen und kümmert sich nur um das Haus, und vom Waltz-Café hat sie halt keinen Nutzen. Was auch komisch ist, ist dass ihr euch dauernd zofft! Habt ihr etwa einen Familienstreit?“, fügte sie bissig hinzu.
„Nö!“ Mit Dad hatten wir doch gar kein Problem. Ich schüttelte trotzig den Kopf. Wir hatten nur Streit, weil sie Ice Cream verkaufen wollte – und, weil sie mich dauernd Schatz nannte.

Ice Cream.
Ob sie schon wer gekauft hatte? In meinem Hals stieg ein dicker Kloß auf. Ayame. Jetzt konnte ich sie verstehen. Deshalb war sie so traurig rausgegangen. Sie wollte Ice Cream nicht gehen lassen, aber sie konnte nichts tun. Ich erklärte Mayari, was in Ayame und mir vorging. Mayari presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen.
Anscheinend hatte Timo gelauscht, denn er verschwand unauffällig durch die Tür nach draußen.
Ich trank einen großen Schluck von meinem Bubbletea. Es waren drei Tapioca-Perlen dabei. Es machte Spaß, sie zu zerkauen, weil sie so klebrig und gummiartig (und vor allem lecker) waren. Aber der Geschmack vom eigentlichen Bubbletea war auch klasse. Schwarzer Tee mit Zucker und Milch – beste Kombi ever!
Wir saßen noch ein paar Minuten schweigend an unserem Tisch und tranken unsere Getränke. Irgendwie hatte ich Hunger, denn Tapioca-Perlen reichten nicht aus, um mich satt zu kriegen. Ich glaube, von denen wäre keiner satt geworden. Was würde es wohl zum Mittagessen geben? Zum Glück musste ich heute nicht kochen – dafür aber den Abwasch machen. Ich wollte lieber nicht dran denken.

Während ich mir den Strohhalm meines Bubbletea-Bechers zwischen die Zähne steckte, holte ich mein Handy hervor. Eigentlich war die Hosentasche meiner grauen Hot Pants nicht so gut geeignet für dieses wichtige Gerät; aber zum Glück kannte ich niemanden, der mir mein Handy klauen wollen würde.
Ich ging auf TikTok und suchte nach Ayesha Al-Abadi. Tatsächlich hatte sie einen TikTok-Kanal, auf dem sie jeden Tag mehrere Selfies postete. Vor allem hatte sie aber sehr viele Follower – das stach mir besonders ins Auge. Und was mich störte war, dass sie auf jedem ihrer Selfies auf irgendetwas von unserem Hof herumlungerte! Leider schien es so, als würde Ayesha auf keinem ihrer Selfies im Café sein; also gab es auch keine Hinweise, ob sie dort Gabeln verbog... Seufzend trank ich den letzten Schluck von meinem Bubbletea aus und steckte mein Handy in die Hosentasche.

Jette, die gerade nichts zu tun hatte, lehnte sich zu Mayari und mir rüber. „Mann Leute“, fing sie an, „seit Timo diese BFF von euch kennt, tickt er total aus! Meint ihr, da wird was draus?“
Ich grinste. „Kann sein. Sie heißt Ayame. Die ist auch nicht mehr ganz klar im Kopf, aber immerhin kann sie noch denken.“
Jette nickte. „Timo nicht. Ayame. Stimmt, Ayame. Du hattest sie mir mal vorgestellt.“
„Ey!“, mischte sich Mayari ein, „Ayame ist noch total klar im Kopf! Sprich nicht so über deine Freundin!“
Wir redeten noch ein bisschen, bis ich schließlich auf das Thema Bezahlen kam. Ich rechnete aus, dass unsere Getränke zusammen 7,65 Euro machten, aber ich hatte nur einen Zehn-Euro-Schein mit. Jette musste uns also 2,35 Euro Wechselgeld geben.
„Hast du 2,35?“, fragte ich sie und wedelte mit dem Zehner. Jette nickte und antwortete selbstbewusst: „Sicher! Werd ich schon finden! Ich brauch nur zwei Euro, eine Zwanzig-Cent-Münze, eine Zehn-Cent-Münze und eine Fünf-Cent-Münze zu finden: Ist doch voll einfach!“ Sie nahm den Schein entgegen und machte die Schublade mit dem Wechselgeld auf. Dann war sie plötzlich ganz baff und starrte mit runterklappender Kinnlade vor sich hin.
Ich ging zu ihr hinter den Tresen und sah sofort, was los war: die Schublade mit dem Wechselgeld war leer! In ihr lag keine einzige Münze. Der Saboteur hatte ganz offensichtlich wieder zugeschlagen. Aber wann? Und warum? Und wie, unbemerkt? Und eben noch die ganzen anderen unbeantworteten Fragen, die mit der Sabotage zusammenhingen.
„Jette, soll ich was spenden?“, fragte Mayari hilfsbereit. Jette schüttelte den Kopf. „Nein, nicht nötig. Wir leben nicht von Spenden. Das gestohlene Geld holen wir uns zurück“, erklärte sie übertrieben loyal. Ich zwinkerte ihr zu. „Das Geld hole ich euch zurück!“
Jette nickte begeistert. Dann hielt sie mir die Hand für ein High-Five hin. Ich schlug kräftig ein. Dann fragte ich Mayari, ob sie vielleicht 7,65 Euro mithatte. Zum Glück hatte sie 7,50 Euro dabei und Jette war so freundlich, auf 15 Cent zu verzichten. Ihr konnte das Geld schließlich ziemlich egal sein – das Café war das von Lynn.

Mayari und ich gingen raus. Wir wollten diesen Fall jetzt lösen. Draußen saßen Ayame und Timo auf den zwei großen Steinen bei der Koppel. Das Thema Ice Cream schienen sie vergessen zu haben. Inzwischen kümmerten sie sich nur noch um sich gegenseitig. Ayame rückte gerade ihre Brille zurecht, als sie mich und Mayari auf sie zukommen sah. Sie stand auf und lief zu uns. Timo schaute ihr verwirrt hinterher.
„Scheinst zwar was gegen Spezial-Mango-Shampoo zu haben, aber auf blonde Leute stehst du wohl immer noch, was?“, gluckste Mayari und piekste Ayame leicht in die Seite. Die lachte und brachte zu ihrer eigenen Verteidigung ein: „Das ist ein voll großer Unterschied. Wer steht übrigens auf Mangoflecken-Typen? Ich schätze, nur du. Aber ich hab mich eigentlich noch nie für gelbe Flecken im Haar begeistern können.“ Ich bemerkte, dass ihre Wangen einen seltenen Rosaton hatten und ihre Augen leuchteten.
Ich fuhr mir durchs Haar. „Zwischen Gelb und Blond liegt tatsächlich ein Riesenunterschied. Aber Ayame steht wirklich auf blonde Leute: die besten Beispiele sind Timo und ich! Und als wir Freundinnen geworden sind, hattest du ja blonde Strähnchen vorne, Mayari!“
Ayame boxte mir gegen die Schulter. „Hä, ich steh nicht auf dich und Yari! Ich bin doch nicht... Und auf andere blonde Leute hab ich auch nie gestanden! Denkst du, ich hatte schon mal einen Crush – außer jetzt? Ich hätte gedacht, du würdest mich besser kennen.“
Mayari verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor. „Ihr seid solche Spaßbremsen! Mein Mango-Witz war doch richtig gut!“, schimpfte sie. Stimmt. Das war er wirklich.

Das laute Brummen von einem Auto und das erschrockene Wiehern von Ceci und Carlo. Auf der sonst wenig befahrenen Autobahn, die direkt an unserem Reiterhof vorbeiführte, brauste ein mir wohlbekannter blauer Fiat mit Pferdeanhänger vorbei. Es war Moms Auto, gefahren von Rob. Er fuhr an uns vorbei! Und der Pferdemarkt lag doch in der anderen Richtung, außerdem waren sie dort schon längst hingefahren! Wie verrückt und unlogisch war das denn? Ich kapierte gar nichts. Wollte sich ein Kunde Ice Cream oder Tornado nach Hause liefern lassen? Eigentlich waren wir für so etwas gar nicht zuständig. Hoffentlich war es wenn überhaupt Tornado.
Timo schaute auf die Uhr, vergrub die Hände in den Hosentaschen und schlurfte mit einem nicht zu deutenden Ausdruck auf dem Gesicht zum Café zurück. Aber Ayame schien es erst gar nicht zu bemerken. Ihr Gesicht war plötzlich verzerrt und sie starrte Moms Auto hinterher. Ich wusste genau, was los war. Sie hatte dieselbe Vermutung wie ich – die mit dem Abholservice – und fürchtete um Ice Cream. Cremefarbene Mähne... Blonde Mähne?!
Ayame nahm ihre Brille ab und drehte sich weg. „Ice Cream“, stotterte sie mit gebrochener Stimme. Mayari und ich legten ihr die Arme um die Schultern. Mein Blick wanderte zu den verglasten Fenstern des Cafés und traf den von Timo. Er wandte sich schnell der Kaffeemaschine zu und tippte so verzweifelt auf dem Display herum, dass sie rot blinkte und eine seltsame Kaffeemischung ausspuckte. Es war offensichtlich. Timo hatte uns beobachtet und wollte nicht, dass ich es bemerkte.
Schnell hielt er einen Pappbecher unter den Kaffeefluss und leerte ihn so schnell, wie es nur Lynn konnte. Wenn das das erste Mal war, dass er Kaffee trank, würde er sicher sein Leben lang darauf verzichten wollen. Mit dem leeren Pappbecher in der Hand stürmte er aus dem Café. Er fasste sich an den Hals und es schien so, als wollte er sich übergeben, obwohl er sich verschluckt hatte. Schließlich hustete er laut und schmiss den Pappbecher in den Recycling-Container. Dann lief er auf uns zu. „A-Alles okay, Ayame?“, krächzte er, obwohl gerade offensichtlich er die meiste Hilfe brauchte. Ich klopfte ihm richtig heftig auf den Rücken.
„Alles okay?“, fragte Ayame. Unter Husten und zugekniffenen Augen nickte Timo. Die beiden setzten sich etwas abseits unter einen Baum. Während die Traurigkeit wegen Ice Cream wieder in Ayame zurückkehrte, schien es Timo besser zu gehen.

Ich wandte mich Mayari zu. „Ich geh jetzt Mittagessen. Du kannst ja mitkommen“, erklärte ich ihr. Mayari nickte überzeugt. Zusammen gingen wir ins Haus. Sofort stieg mir der Duft von Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Rahmspinat in die Nase. Was Dad kochte, war immer lecker. Er war ein überragender Koch – jedenfalls im Vergleich mit anderen Familienmitgliedern. Für dieses gute Essen machte ich richtig gerne den Abwasch... Und das wollte was heißen. Denn seit ich ihn irgendwann machen musste, war Abwasch mein Feind. Nur manchmal konnte ich mich mit ihm anfreunden, wenn das bedeutete, dass ich nicht kochen musste und jemand anderes eine Spezialität zubereitete.
Mayari und ich aßen alles auf, was die Küche an Herumstehendem zu bieten hatte, und machten zusammen den Abwasch. Zu zweit ging das viel schneller als alleine, aber dass Ayame uns nicht helfen konnte, war trotzdem ärgerlich. Wahrscheinlich hätte sie sich da sowieso nur rausgemogelt.

Wieder draußen lief uns Tasuke mit einer Schubkarre voller Mist über den Weg. Als er uns sah, ging er langsamer. „Hi. Habt ihr schon gegessen?“, fragte er. Wir nickten. „Ja“, sagte ich, „war extrem lecker. Ich sag dir Bescheid, wenn Dad wieder kocht.“
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Sehr gut. Von Fertigfood kann man sich nicht sein Leben lang ernähren. Aber gut, heute kaufe ich mir noch eine Chicken-Teriyaki-Fertigmischung. Noch bin ich süchtig. Wollt ihr auch was?“
Ich nickte. „Ja, eine Packung für den Abend. Ah, und übrigens: Weißt du irgendwas übers Café zum Thema Einbruch? Hast du zum Beispiel mitbekommen, wie Jette und Timo nicht aufgepasst haben und sich jemand an der Kasse zu schaffen machte?“
Tasuke überlegte. Dann lachte er verlegen. „Na ja, die Waltz-Kinder haben sich zu mir gesetzt und mit mir geredet, als ich dort war. Ihr habt da, glaub ich, was mit Ayesha gemacht, so sah's jedenfalls aus dem Fenster aus. Und weil Jette und Timo mit mir geredet haben, haben sie dem Tresen den Rücken zugedreht. Aber ich hab nicht drauf geachtet, ob jemand beim Tresen herumschlich. Wir haben über Chicken Teriyaki und die Fußball-Quali geredet – das fand ich natürlich spannender.“ Ich schmunzelte. „Trotzdem Danke. Natürlich waren wir voll abgelenkt, als wir mit Ayesha geredet hatten.“ Der Täter musste also einer sein, der wusste, dass wir ihn suchten. Vielleicht war es Tasuke selbst! „Bist du eigentlich sicher, dass du es nicht selber warst?“, fragte ich misstrauisch. Dass er uns Tipps gab, hieß schließlich nicht, dass wir ihm glauben mussten – er hatte keine Beweise.
Tasuke hob mit leicht verärgertem Gesichtsausdruck die Hände. „Glaubt ihr mir nicht? Ich bin sicher, dass ich es nicht selber war!“
Mayari stellte sich vor mich und wies mit dem Daumen nach hinten. „Sie glaubt dir nicht!“ Tasuke nickte, zuckte mit den Schultern und wuschelte sich durchs Haar. „Okay“, sagte er, „wenn ihr wollt, kann ich öfter ins Café gehen und den Tresen beobachten. Und für den Abend gibt’s Chicken Teriyaki. Oder magst du keins? Schien mir letztens so.“
Mayari schien sich darüber aufzuregen, wie durchschaubar sie war, und auf ihrem Gesicht zeichnete sich Verzweiflung ab. „Äh... Kannst du stattdessen einfach Ramen besorgen?“, fragte sie zerknirscht. Tasuke reckte den Daumen nach oben. Dann gab er seiner Schubkarre einen Schubs und lief weiter.
Ich rief ihm hinterher: „Das mit dem Tresen-beobachten machst du einfach immer, wenn du die Gelegenheit dazu hast, okay?“ Er warf mir über die Schulter einen Blick zu. „Jep!“

Inzwischen hatte Timo Ayame beide Arme um die Schultern gelegt und die einen Heulkrampf wegen Ice Cream. Wir hockten uns zu ihnen und ich erzählte von der Aktion mit Tasuke. Der Gedanke ans Chicken Teriyaki konnte Ayame zum Glück etwas aufheitern.

Das Chicken Teriyaki war wirklich echt lecker. Was mich wunderte, war, dass Timo wieder mit so einem komischen Gesichtsausdruck weggegangen war.
Tasuke hatte nicht vergessen, dass Mayari Ramen wollte, und eine Packung Ramen gekauft. Als sie es sich gekocht hatte, sah sie so glücklich aus, als wäre ihr nie etwas besseres passiert. Ich dagegen fand das g
ar nicht so spektakulär. Wäre ich Tasuke, hätte ich auch das Ramen nicht vergessen – das war sowieso bestimmt viel günstiger als Chicken Teriyaki. Wir aßen noch, als ich durch das Fenster sah, wie Mom, Lynn und Rob zurückkamen. Ich ließ mein Chicken Teriyaki stehen und rannte nach draußen.
„Ey Rob!“, rief ich, „Wo ist Ice Cream? Hast du sie an die neuen Besitzer geliefert?“
Rob riss die Augen auf und schüttelte dann lächelnd den Kopf. „Glück, ne? Tornado wurde verkauft, aber Ice Cream nicht. Sie hatte plötzlich Koliken, weil so'n blödes kleines Kind von einem Käufer ihr Brot gegeben hat, was sie eigentlich nicht durfte. Ich hab sie direkt zum Tierarzt gefahren.“ Ich wäre Rob jetzt um den Hals gefallen, aber das war mir irgendwie zu peinlich.
„Ice Cream haben wir noch“, sagte er, „aber Tornado nicht mehr. Nur noch ein Haufen Geld ist von ihm übriggeblieben. Ich hoffe, davon werden die Hufeisen-Schulden beglichen, gutes Futter gekauft und Cecis Box vergrößert. Aber ich denke, das wird alles nur in den Umbau einfließen und in neuen Angeln für die Türen oder neuen Sofas zum Vorschein kommen.“ Er atmete schnaubend aus. Ich konnte ihn gut verstehen. Es ging doch jetzt um die Pferde und nicht um noch ein neues Sofa! Ich gab Rob den Auftrag, dass er beim Hufschmied die Schulden für Moritz' Hufeisen bezahlen sollte. Nicht dass das ganze Tornado-Geld schon in den Umbau ging, bevor die wirklich wichtigen Sachen überhaupt bezahlt wurden.
Ich ging schnell zurück ins Haus und aß hastig mein Chicken-Teriyaki auf, während Rob die Sache mit Moritz regelte. Wo war Ayame plötzlich? Sie war verschwunden. Vielleicht im Café? Ich stopfte mir die letzte Nudel in den Mund und sah nach. Timo und Ayame schienen etwas Ernstes zu besprechen.

Den Kopf voller verwirrender Gedanken ging ich wieder ins Haus und in mein Zimmer. Dort tauschte ich mein verschwitztes schwarzes Top und die Hot Pants gegen Schlabber-T-Shirt und Jogginghose. Den Rest des Abends verbrachte ich damit, Cookies aus dem Küchenschrank zu klauen und nachzudenken, bis ich irgendwann auf meinem Bett sitzend einschlief. Wahrscheinlich kippte ich um und kuschelte mich unbewusst unter die Decke.

Freitag, 21. November 2025

4: Verdreht und verbogen!

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 4: Verdreht und verbogen!

Es war der dritte Ferientag. Direkt nachdem ich aufgestanden war, zog ich mich an, schnappte mein Handy und lief auf den Hof. Ich hielt Ausschau nach Rob. Wetten, er saß mit Ayesha Handy schauend auf einem Heuhaufen?
Genau das war der Fall. War ja klar. Ich lief auf ihn zu. „Hey, Rob!“, rief ich, wie immer.
Er schaute auf. „Hi, was gibt’s? Bin grad mitten in 'nem Krieg!“ Rob steckte sein Handy in seine Bauchtasche und stand auf.
„Fährst du in die Stadt zum McDonald's und schaust nach Knöllchen? Ach so, und bring uns am besten ein, zwei Burger mit. Dann muss ich heute nichts kochen. Nimm am besten einen – hm – Chicken-Burger und einen Veggie-Burger, für mich und Mom.“
Rob klopfte sich das Heu von der Hose. „Ah ja, der Knöllchen-Check. Ich fahr sofort los.“
Ich nickte ihm zu. „Genau.“ Dann zwinkerte ich. Rob ging zu seinem Tesla und stieg ein. Etwas später war von seinem Auto nur noch ein klitzekleiner Punkt auf der Autobahn zu sehen.
Ich schrieb meinen Freundinnen, dass Rob und ich den Fall jetzt untersuchten.
Total mies! Ayame verdächtigte mich, in Rob verknallt zu sein. Das war ich überhaupt nicht! Verärgert schob ich mir das Handy zurück in die Hosentasche.

Kaum war ich ein paar Schritte gegangen, kam Mom ungewöhnlich ernst auf mich zu. Während sie mir die bebenden Hände auf die Schultern legte, begann sie: „Morgen ist Pferdemarkt, Schatz. Das ist die Chance. Mit Lynn, ihrem Mann und Andreas habe ich schon besprochen, dass wir Ice Cream morgen verkaufen, weil wir letztes Jahr schon beim Pferdemarkt waren und uns dort einen festen Verkäuferplatz gesichert haben. Wenn wir Ice Cream verkaufen, sind eine Menge Probleme schon mal außer Gefecht. Wahrscheinlich wird Lia bis dahin aber auch noch etwas spenden.“
Ich biss mir auf die Unterlippe und nickte. Sollte ich Mom vielleicht doch sagen, dass Lia das Geld durch illegale Knöllchen auftrieb? Das als stummes Geheimnis mit mir herumzutragen, war echt nervig.
Aber Mom deutete meine Mimik total falsch. „Ich weiß, ich kann mich ja auch nur sehr schwer von Ice Cream trennen. Aber auf einem größeren und reicheren Pferdehof hat sie es bestimmt besser“, sagte sie verständnisvoll. Bevor Mom mein Gesicht in die Hände nehmen konnte, rannte ich zum Stall. Das war mir einfach alles zu viel. Dass ich die Sache mit Lia jetzt immer noch mit mir herumtragen musste, war wirklich blöd. Und das mit Ice Cream war auch sehr traurig. Ice Cream war ungefähr so alt wie ich und so schon richtig lange auf Moms Hof. Diese plötzliche komplette Umstellung würde ihr bestimmt nicht guttun. Außerdem war sie sehr lieb und sensibel und würde sich bestimmt noch extrem lange an ihre neue Umgebung gewöhnen müssen. Hoffentlich würde sie keiner kaufen, dann könnte sie hier bei uns bleiben, bei den Pferden, die sie kannte. Sie müsste halt den Umbau durchmachen, aber das war besser, als für immer ihr Zuhause zu verlassen. Vom Umbau bekamen die Pferde eigentlich nicht so viel mit – erst dann, wenn ihre Boxen vergrößert wurden. Und das hatte Mom noch gar nicht vor. Denn das konnten wir uns erst leisten, wenn wir ein bisschen mehr Geld hatten... Viel mehr Geld. Das bekamen wir dadurch, dass wir Ice Cream verkauften – Uff! Das war echt eine verflixte Zwickmühle.
Plötzlich musste ich weinen. Das alles überforderte mich einfach. Ich bewegte mich zu Ice Creams Box und sperrte ihre Tür auf. Ice Cream war so brav, dass ich mich darauf verlassen konnte, dass sie nicht aus dem Stall galoppierte. Ich schmiegte mich an ihren Hals. Meine Tränen tropften auf ihr Fell. Hoffentlich flossen sie nicht in ihre Nüstern. Boah, was für eklige Gedanken mich schon heimsuchten! Ich schüttelte den Kopf.

Zu spät bemerkte ich, dass Stimmen nach mir riefen. Was war wohl los? Ich hatte nichts mitbekommen. Ich schloss schnell Ice Creams Box ab und rannte aus dem Stall – zu meinen Friends. Sie waren gekommen und riefen mich. Als sie mich mit Pferdehaaren auf dem T-Shirt kleben und verflossenem Make-Up sah, fragte Ayame: „Rilana, was ist passiert? Bist du okay?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nö.“
Ayame trat einen Schritt auf mich zu und musterte mich besorgt. „Was ist los?“ Sie klopfte mein T-Shirt ab. Ich schaute ihr in die Augen und brach wieder in Schluchzen aus. „Wir verkaufen Ice Cream! Das ist so beknackt!“, schrie ich sie an. Eigentlich wollte ich gar nicht so wütend klingen.
Ayame umarmte mich. „Das ist echt doof. Hatte sie nicht vor drei Tagen erst Koliken?“ Ihr Kopf drückte gegen mein Ohr. Sie klang plötzlich richtig traurig, als sie hinzufügte: „Ich werd mir wohl ein neues Lieblingspferd suchen müssen!“
Mayari mochte es nicht, wenn Menschen traurig waren. „Kommt, Leute, gehen wir ins Café? Rilana, du kriegst einen extragroßen klassisch taiwanesischen Bubbletea und Ayame, du bekommst zwei Zitronenmuffins à la Timo.“ Ayame grinste und rückte ihre Brille zurecht. Wir gingen los.

Heute war ein bisschen weniger los als gestern Nachmittag, was aber auch daran lag, dass gerade noch Vormittag war. Jette lehnte über dem Tresen und spielte mit einem Kuli. Timo spülte einen benutzten Kaffeebecher aus.
Wir bestellten bei Jette den Bubbletea, die Zitronenmuffins und für Mayari einen neu dazugekommenen Erdbeersmoothie. Dann setzten wir uns an den Vierertisch von gestern, obwohl Lia nicht dabei war und deswegen ein Stuhl übrigblieb. Egal, konnte ja sein, dass Timo oder Tasuke sich noch dazusetzte. Aber im Gegensatz zu Mayari oder Ayame fand ich es nicht so entscheidend, wer von ihnen es war.

Etwas klirrte. An dem Tisch neben unserem saß Ayesha, der die Gabel runtergefallen war. Für den Bruchteil einer Sekunde lächelte sie fake, aber als sie mich erkannte, streckte sie mir die Zunge raus und rollte mit den dunkelbraunen, stark geschminkten Augen. Aber dann zog was anderes ihren Blick auf sich. Es war Rob, der gerade ins Café kam. Er winkte Ayesha und mir zu und Ayesha winkte zurück. Rob setzte sich zu ihr an den Tisch.
Ich lehnte mich zu ihnen rüber. „Wie ist's gelaufen?“, fragte ich Rob. Er reckte den Daumen nach oben und zog sich die Mütze vom Kopf. „Wie gedacht. Alles voll mit Knöllchen. Die armen McDonald's-Kunden! Die wollten sich doch nur schnell was zu essen holen!“ Er lachte und legte einen vor knallgelbem Käse strotzenden Cheeseburger auf den Tisch. „Hier“, sagte er zu Ayesha, „hab dir 'nen Cheeseburger besorgt.“
Ayesha zerrte Rob mit dem Arm um seinen Hals zu sich, während sie „Cheese!“ rief und ein Selfie mit Rob und dem Cheeseburger schoss. Ich verdrehte die Augen.

Ich sah, dass meine Freundinnen schon fertig gegessen und getrunken hatten. „Kommt!“, forderte ich sie auf und Mayari lief zur Kasse. Bei der Gelegenheit stützte sich Ayame auf den Tresen und winkte auffällig.
Timo grinste. Er winkte zurück. Als wir alle schon fast draußen waren, schrie er: „Stopp! Ich hab noch was vergessen!“ Mayari und ich liefen trotzdem weiter, weil wir wussten, dass er eigentlich nur Ayame zurückholen wollte. Peinliche Weise, ein Gespräch mit ihr anzufangen. Sie rückte ihre Brille zurecht und lief zum Tresen zurück.
„Beobachten wir die zwei?“, fragte Mayari und kicherte. Aber ich schüttelte entschlossen den Kopf. Ich entschied: „Wir gehen zu Mom und klären sie über die Sache mit Lia und den Knöllchen auf.“ Und das machten wir auch.
„Aha.“ Mom schien jetzt viel zu kapieren und nickte. „Ach so. Jetzt verstehe ich. Mit dieser Sache scheint Lia ja ziemlich erfolgreich zu sein, vorhin hat sie mir nämlich eine Menge Geld überwiesen. Ich hab mich schon gefragt, wo sie die her hat.“ Während ich bestätigend nickte, schaute ich zum Café. Ich bemerkte, dass viele Menschen reingingen. Jetzt waren schon kaum noch Plätze mehr frei, das sah ich durch die großen verglasten Fenster und die offene Tür.
Timo brauchte aber ganz schön lange mit seiner Liebeserklärung. Ayame war immer noch drin! Oder half sie ihm nur und er war schon fertig? Achselzuckend drehte ich mich wieder zu Mom um.
Plötzlich kam mir eine total gute Idee, wie wir Ice Cream behalten konnten. „Können wir nicht einfach Tornado verkaufen und dass Ice Cream hierbleibt? Der kann auch sicher teurer sein.“
Mom seufzte unbeeindruckt. Dann legte sie den Kopf schief. Und als sie in genervtem Tonfall „Nein, Schatz.“ sagte, schüttelte sie ihn. Ich stemmte den Arm in die Hüfte und sah sie schief an. „Dein Ernst? Okay, und was ist dein Argument?“, fragte ich und klang auch genervt.
Mom schloss die Augen und legte frustriert die Hände an die Schläfen. Sie atmete geräuschvoll ein und aus, während sie die Augenbrauen hochzog. Ich stampfte mit dem Fuß auf. „Da hast du's!“, erklärte ich ihr wütend, aber triumphierend. Ha! Mom hatte kein Argument. Und ohne Argument auch keine Chance, Ice Cream zu verkaufen statt Tornado.
Mom schaute weg. Und plötzlich fand ich sie verdächtig. Warum wollte sie Ice Cream unbedingt verkaufen? Wirklich nur aus Geldnot? Oder wollte sie sie einfach loswerden? Oder... ? Ich fragte sie direkt. Alles. Ice Cream war Geld und wir in Geldnot. „Haben wir wirklich so wenig Geld?“, flüsterte ich. Mom nickte traurig. „Es ist...“, stotterte sie, „ Wir müssen Ice Cream einfach verkaufen! Tornado wird mit dem Umbau viel besser klarkommen und man kann besser auf ihm Reitstunden nehmen! Wenn wir Ice Cream verkaufen, haben wir auch in Zukunft keinen Nachteil davon.“
Ich explodierte. „Aber Ice Cream! Dann können die Leute mehr Spaß bei den Reitstunden haben, aber Ice Cream wird dann mit einer komplett neuen Umgebung klarkommen müssen! Das ist viel schlimmer als ein Umbau! Eigentlich ist Ice Cream genau so lieb wie Tornado, nur dass sie weniger Bock hat, geritten zu werden und mehr gepflegt werden muss!“ Ich begann, langsam rückwärts zu gehen. „Ist das ein Problem? Ayame kümmert sich doch um sie! Ist ihr Lieblingspferd!“
Mom verschränkte die Arme vor der Brust und konterte bissig: „Das ist jetzt gelogen! Ihr hängt doch sowieso nur in Jettes und Timos Café ab! Außerdem wolltet ihr die Ferien gar nicht so richtig auf meinem Hof verbringen!“ Mom riss in einer Rekordgeschwindigkeit den Reißverschluss ihrer grau-violett gemusterten Fleecejacke auf. Das Geräusch ließ mich zusammenzucken. Es war zwar nur eine kleine Geste, aber sie vermittelte so viel Wut wie zehn Standpauken zusammen.
Als ich auf das Café zurannte, warf mir Mom ihre Strickjacke hinterher. So heiß wie ihr jetzt war, brauchte sie sie natürlich nicht. Außerdem war es Sommer! Warum trug sie immer diese bescheuerte Strickjacke?! Jetzt war sie mir plötzlich richtig verhasst. Ich hörte die Strickjacke hinter mir auf den Boden klatschen. Sollte sie da doch liegenbleiben!

Ich riss die Tür zum Café mit einer solchen Wucht auf, dass mich bestimmt alle Gäste anstarrten. Und das waren ganz schön viele. Ich hatte ja gesehen, wie sie während meinem Streit mit Mom reingegangen waren.
Wer waren diese ganzen Leute überhaupt? Mich interessierte es zwar nicht, aber mir fiel auf, dass ich niemanden kannte. Niemanden außer Jette, Timo, Ayame und Lia. Aber Jette, Timo und Ayame nahmen von mir keine Notiz. Sie waren viel zu beschäftigt. Also ging ich auf Lia zu, die miesepetrig dreinschauend auf einem Cookie herumkaute. Den frischen Kaffee-Latte, den Jette auf ihren Tisch stellte, schien sie irgendwie gar nicht zu bemerken. Als Lia sah, wie ich mich zu ihr setzte, hellte sich ihre Miene auf. „Hi Rilana!“, sagte sie zu mir. „Was machst du denn hier? Soll ich dir einen Bubbletea spendieren? Na ja, das Café wird heute auch ohne eine Zusatzspende von mir überleben, so wie es hier aussieht. An Gästen und Einnahmen mangelt es den Waltz-Kindern gerade ja nicht.“
Ich grinste frech und antwortete: „Ich hätte aber trotzdem nichts gegen einen kostenlosen Bubbletea.“ Mein Grinsen steckte Lia an. Sie stand von ihrem weißen Stuhl aus Kunststoff auf und beugte sich verschwörerisch zu mir. „Klar, es geht ja nicht um dich, sondern um das Café hier. Anstatt vier Euro neunundneunzig hier für ein vergängliches Produkt auszugeben, könnte ich sie ja auch Sina spenden – ihr hilft der kleinste Cent, den Reiterhof ein Stückchen aufzupeppen. Aber für dich mach ich das jetzt einmal. Um ehrlich zu sein, hab ich mir ja auch selbst Cookie und Kaffee-Latte gegönnt.“
Ich schnaubte, während sie mir den Rücken zuwandte und zum Tresen stöckelte, um meinen Bubbletea in Auftrag zu geben. Mom klaute mir die Bubbleteas! Hätte sie vor dem Umbau ein bisschen nachgedacht, müssten wir nicht so sparen und es würde auch kein Streit wegen Pferdeverkauf und spendablen Bubbletea-Aktionen geben.
Ich gab Lia ein Zeichen und verließ kurz das Café, um Moms verfluchte Strickjacke vom Boden aufzuheben, bevor eine Gruppe neuer Kunden sie tiefer in den Erdboden stampfte. Dass die alten Klamotten von meiner Mom hier herumlagen, hinterließ bestimmt keinen guten Eindruck. Manchmal musste ich doch wirklich den Kopf über sie schütteln. Als ich wieder im Café auf dem Weg zu Lias Tisch war, war ich immer noch damit beschäftigt, Moms Jacke abzuklopfen.

Jemand zupfte am Ärmel meines hellgrauen Jersey-T-Shirts. Wenn das jetzt Mom war... Würde ich ausrasten! Aber es war nicht Mom – es war Ayame. Die hatte sich aber ganz schön Zeit gelassen, bis sie mich endlich wahrnahm. Das war eindeutig Timos Einfluss.
AyAy strahlte mich an. „Hier zu arbeiten ist krass entspannend! Ich weiß, es sind voll viele Leute da, aber es ist halt 'ne tolle Arbeitsatmosphäre.“ Sie schielte durch die Brille zu Timo. Dass Ayame hier Spaß am Arbeiten hatte, war auch sein Einfluss. Ups.
Trotzdem. Ayame hatte jetzt wichtigeres zu tun. „Du musst Mom erklären, dass du dich gerne um Ice Cream kümmerst und das dann am besten auch machen, ansonsten muss sie wirklich verkauft werden! Aber stattdessen könnte doch auch einfach Tornado ausziehen!“ Ich griff Ayames Arm und sah ihr in die schmalen braunen Augen. Ayame klopfte mir auf die Schulter. „Das kriegen wir hin. Aber... Ist Tornado nicht dein Lieblingspferd?“ Sie nahm meine Hand. Ich sah mich um. Dann schüttelte ich den Kopf und erklärte: „Nein, eigentlich nicht. Ice Cream ist schon so lange auf dem Hof, ich mag sie einfach mehr.“
Ayame nickte verständnisvoll. Irgendwie war es schade, dass Ice Cream nicht auch Mayaris Lieblingspferd war – denn das war eindeutig Cora. Wo war Mayari überhaupt? Wenn mein Bubbletea gekommen war, würde ich sie suchen gehen. Und jetzt konnte ich ja live mitverfolgen, wann er kam. Ich brauchte nur über den Tresen zu schauen.
Ayame drückte meine Hand und ließ sie los, um Timo zuzuwinken. Dann ging sie aus dem Café. Ich sah, wie sie zu Mom und dann zu Ice Cream lief, und musste grinsen. Wir waren einfach ein echt gutes Team.
Jette drückte Lia meinen klassisch taiwanesischen Bubbletea in die Hand, und Lia mir. „Gehen wir?“, fragte sie mich, „Nicht dass wir noch in Versuchung kommen, weitere Produkte zu kaufen!“
Ich stimmte ihr zu. Also bezahlten wir bei Jette, die sich wie immer mehr um die Kunden und die Kasse kümmerte. Sie nickte uns zu, während sie das Geld umständlich in einer Schublade verstaute.
Wir gingen nach draußen. Als ich sah, dass Lia sich auf Mom zubewegte, fiel mir die Strickjacke ein, die ich mit mir herumtrug. Ich warf sie Lia zu und sie gab sie Mom. Die beiden fingen an, über den Pferdeverkauf zu reden. Ich stampfte auf. Als Mom das sah, band sie sich seufzend die Fleecejacke um. Uff. Darauf hatte ich jetzt überhaupt keine Lust.

 🐴

Vielleicht war Mayari im Stall. Also marschierte ich dorthin. Fehlanzeige. Ich konnte nur Ayame finden, die sich mit Ice Cream beschäftigte.
Ich sagte Ayame, dass ich Mayari suchen ging und sie, wenn sie fertig mit Ice Cream war, in die Suche einsteigen würde. In zwanzig Minuten würden wir uns im Haus treffen und falls eine von uns Mayari bis dahin gefunden hätte, würde sie sie mitbringen.
AyAy reckte den Daumen nach oben. „Okay, teilen wir uns auf. Du kannst schon losgehen, ich mach noch Ice Cream fertig. Hoffentlich mag Mayari sie auch so gerne, dass wir protestieren oder deine Mom anbetteln können, dass sie nicht zum Pferdemarkt muss. Good Luck!“
Ich nickte und rannte aus dem Stall. Fast prallte ich mit Ayesha zusammen. „Hey, pass doch auf!“, sagten wir gleichzeitig. Und anstatt deshalb zu lachen, wurden wir nur noch wütender.
Rob mischte sich ein. „Hey, passt doch beide auf! Übrigens, Rilana: Hier sind die Burger für dich und deine Mudda. Veggie und Chicken, ne?“ Er fuchtelte mit den Burgern und seiner Mütze. Ich nahm die Burger entgegen und zwinkerte bestätigend.
Ayesha stöhnte. Komisch! Warum war sie dauernd so aggro? Ich winkte Rob zum Abschied.

Als ich schon den ganzen Hof bis auf das Haus abgeklappert hatte und schon Ayame, Ayesha und Rob, Lynn, ihren (rauchenden) Mann, meinen Dad, Mom, Moritz (mit neuen Hufeisen!) und Timo, der auf der Suche nach Ayame auf dem Hof herumgestreift war, nach Mayari gefragt hatte, kam mir der Gedanke, dass sie vielleicht einfach nach Hause abgehauen war.
Stopp. Noch einen letzten Versuch. Da ich mich sowieso mit Ayame dort treffen würde, ging ich ins Haus. Vielleicht war sie ja dort!
Zuerst dachte ich, das Haus wäre leer. Aber dann hörte ich merkwürdige Geräusche. Es hörte sich so an, als würden Menschen fröhlich fiepen und auf- und abspringen. Bewaffnet mit zwei Burgern schlich ich von Zimmer zu Zimmer. Moment, die Geräusche wurden lauter und ich konnte außerdem hören, wie in unregelmäßigen Abständen etwas gegen die Wand klatschte.
Nervös bog ich um die Ecke und stieß die angelehnte Tür zum alten Wohnzimmer auf, das zum Gästezimmer umfunktioniert werden sollte, weil wir inzwischen ein neues Wohnzimmer hatten: Das mit dem grauen Sofa.
Fast hätte ich losgeprustet. Mayari war tatsächlich hier, aber sie war nicht allein. Zusammen mit Tasuke strich sie die Wand, und sie hatten eine richtig komische Art, das zu tun. Während Mayari fiepte und kicherte, lachte Tasuke etwas leiser. Mayari dagegen war unüberhörbar, denn ich hatte sie ja auch schon am anderen Ende des Flurs vernommen. Die Geräusche, die so klangen, als klatschte etwas gegen die Wand, kamen davon, dass Mayari und Tasuke hochsprangen, um die komplette Wand mit großen, vor Farbe triefenden Pinseln zu streichen. Na ja – streichen konnte man es nicht wirklich nennen. Sie gestalteten die Wand eher so, dass es nach abstrakter Kunst aussah.
Ich konnte nicht anders: Ich schnappte mir auch einen Pinsel und machte mit beim kindischen Hoch-spring-Spiel. Es war übrigens überhaupt nicht risikofrei, denn wie ich jetzt bemerkte, hatte Mayari viele bunte Tupfer im Haar. Tasuke hatte einen großen knallgelben Farbfleck im Wirbel. Schon bald hatte ich ebenfalls die Kontrolle verloren und sah aus wie die Wand – also wie abstrakte Kunst.
Während ich hochsprang, um an den obersten Punkt der Wand zu kommen, ging mein Schnürsenkel auf. Nachdem ich meinen gescheiterten Versuch abgebrochen hatte, hockte ich mich auf den Boden und band mir den Schnürsenkel zu einer Schleife. Als ich fertig war, sah ich mich noch ein wenig auf dem Boden um. Neben der Tür stand ein großer schwarzer Rucksack. Wahrscheinlich der von Tasuke. Er hätte auch Mayari gehören können, aber dafür kannte ich sie zu gut. Mayari trug keine Rucksäcke mehr, seit sie in der siebten Klasse war. Inzwischen schleppte sie ihre Schulsachen meistens in einer mintgrünen Longchamp-Tasche, und wir würden nach den Sommerferien in die Neunte kommen. Außerdem: Warum sollte Mayari in den Ferien einen schwarzen Rucksack tragen, wo sie doch nicht mal ihre Tasche mithatte?
Meine Schultasche war auch von Longchamp, aber dunkelblau. Die von Mayari fand ich jedoch ehrlich gesagt krasser, weil an der Tasche pinke und lilafarbene Schlüsselanhänger baumelten und die Tasche dadurch einen Tropic-Look erhielt. Ayames Schultasche war nicht von Longchamp, sondern eine Asics-Sporttasche in Apricot. Dass der schwarze Rucksack Tasuke gehörte, war trotzdem nicht klar. Er konnte genauso gut Lynns Mann, Rob, Dad oder Ayesha gehören. Oder vielleicht Lynn oder Lia. Dass er Mom gehörte, war eher unwahrscheinlich. Dann müsste er nämlich neu sein, und für neue Rucksäcke hatten wir kein Geld.
Ich stand auf und zeigte auf den Rucksack. „Tasuke?“, fragte ich, „Ist das deiner?“ Ich legte meinen Pinsel beiseite.
Tasuke drehte sich um und nickte. „Da ist... Nicht anfassen. Da ist was für später drin“, erklärte er nervös. Dann ging er zur Spüle, um seinen Pinsel auszuwaschen.
Verdächtig! Was war in seinem Rucksack?! Na ja, vielleicht war es auch nur eine geheime Überraschung für Mayari oder so. Bislang war mir Tasuke jedenfalls nicht sehr kriminell vorgekommen. Also zuckte ich die Achseln und ging auch zur Spüle, um meinen Pinsel zu säubern. Mayari begann währenddessen, die Deckel auf die Farbeimer zu packen. 

Die Tür ging auf. Ayame kam keuchend rein. Ich schaute auf meine Uhr. Sie war zwei Minuten zu spät.
„Da seid ihr!“, rief Ayame, nahm ihre Brille ab und rieb sie an ihrem T-Shirt sauber. Ich schmunzelte. „Ja, genau, hier sind wir! Nein, Spaß beiseite. Du hast die ganze Zeit mit Timo geflirtet und bist so gestresst, weil du die Zeit vergessen hast! So ist es doch, oder?“
Ayame setzte ihre Brille auf und verlagerte ihr Gewicht auf den linken Fuß. „Äh... nein, also – halbwegs. Aber es ist wirklich nicht so, wie ihr denkt. Ich hab schon nach euch gesucht, echt. Aber Timo hat eben mich gesucht, deswegen haben wir uns noch getroffen und bisschen geredet.“ Sie hielt den Zeigefinger einen Zentimeter über dem Daumen. Unter Lachen fügte sie hinzu: „Un peu!“, wie es immer unsere Französischlehrerin machte, wenn es nur ganz wenig regnete. Mayari und ich stimmten in das Kichern ein.
„Leute, wir haben Ferien und keinen Fremdsprachenunterricht, und außerdem sind wir nicht in Frankreich!“, kommentierte Tasuke und begann, laut in seinem Rucksack zu kramen. Ayame hob eine Augenbraue und verzog das Gesicht. „Aha, und passenderweise ist das aber dein Schulrucksack. Verarschen kann ich mich selbst.“
Tasuke konzentrierte sich auf seinen Rucksack. „Chill!“, stöhnte er, während er ihr einen genervten Blick zuwarf – einen Ich-bespritz-euch-gleich-mit-Bubbletea-Blick.
Ayame stampfte auf. „Wehe, wenn du da drin eine Granate hast, die du dir von meinem Taschengeld gekauft hast! Du weißt nicht, welchen Schaden du mit diesem Diebstahl angerichtet hast! Und falls du wirklich eine Bombe im Rucksack haben solltest: Auf Mayari brauchst du sie gar nicht zu werfen – ihr Herz explodiert gleich eh von alleine!“
Mayari ballte die Fäuste. „Was laberst du?!“
„Sorry, Mayari. Geht nur um Tasuke.“ Ayames Tonfall war nicht mehr ironisch. „Tasuke, du Taschengeld-Dieb und Mango-blondierter Blödmann! Übrigens, du hast selber gelbe Farbe auf dem Kopf!“ Sie zeigte auf den gelben Farbklecks in seinem Wirbel. Mayari schien jetzt wirklich zu explodieren: „Das ist doch...“ Ich schnitt ihr das Wort ab: „... Sweet, ja, ich weiß! Hört jetzt auf, euch zu zoffen, das bringt uns überhaupt nicht weiter!“
Plötzlich wurde Ayames wütender Blick weich. „Du wusstest das?!“
Ich hatte überhaupt nicht gesagt, dass ich irgendwas weiß. Was meinte Ayame? Ich starrte sie verwirrt an und auf meiner Stirn bildeten sich Falten. Aber vielleicht war auch gar nicht ich gemeint. Wusste Mayari was? Aber sie starrte nur auf Tasuke. Ich schaute zu ihm rüber.
Natürlich. In der Hand hielt er das überteuerte Parfüm von Ayames Lieblingssängerin. Und die hatte mit einer Bombe gerechnet – total daneben! Ich prustete los. Dann sah ich zu Mayari rüber, die in eine Art Schockstarre verfallen zu sein schien. Während sich ihr Körper überhaupt nicht regte, klappte ihr die Kinnlade runter und ihre Augen wurden von Sekunde zu Sekunde größer und glubschiger. Nein, Spaß, so super extrem war es nicht, aber schlau sah es auf jeden Fall nicht aus. Ich schüttelte den Kopf. Wie konnte Mayari so fasziniert von Tasuke sein?!
Ayame schnappte Tasuke das Parfüm aus der Hand, aber ohne den üblichen gemeinen Blick.
Mayari, die inzwischen so aussah wie ein tomatenfarbener Fisch, der das Meer auszugluggern versuchte, fiel ihr um den Hals. Weil Ayame so beschäftigt mit dem Mayari-Fisch war und nicht bemerkte, wie ich ihr das Parfüm aus der Hand nahm, hatte ich genug Zeit, um die zwei damit vollzusprühen. Parfüm war in dem Fall viel besser geeignet als Bubbletea. Die Flasche war so groß, dass meine kleine Schandtat also keine Verschwendung war.

Wo waren eigentlich meine zwei Burger abgeblieben, mit denen ich mich bewaffnet hatte, als ich Mayaris und Tasukes komische Laute gehört hatte? Verstehe, ich hatte sie auf die Ablagefläche neben der Spüle gestellt. Inzwischen war es Zeit fürs Mittagessen, wie mir auffiel.
Mayari, die von ihrem Schock genesen war, fragte sofort: „Für wen sind die Burger?“ Ich grinste sie frech an und erklärte schadenfroh: „Für mich und Mom.“
Tasuke riss mir blitzschnell den Chicken-Burger aus der Hand. „Noch nicht!“, rief er dabei. Dann legte er meinen Burger aber schmollend wieder auf die Spüle. „Ich geh zum Asia-Shop und hol mir Chicken-Teriyaki. Willst du auch, Ayame?“
Ayame nickte stürmisch. „Ja, klar! Warum fragst du überhaupt? Oder... Nee, doch nicht. Ich geh lieber ins Waltz-Café und hol mir da was.“ Sie rückte ihre Brille zurecht. Ich war wirklich ziemlich erstaunt. „Wegen Timo lässt du dir kostenloses Asia-Food entgehen! Das nenn ich mal ein starkes Stück!“, rutschte mir raus.
„Okay“, grummelte Tasuke, „soll ich dann dir ein Chicken-Teriyaki mitbringen, Rilana? Ah, nee. Du hast ja deinen Burger. Dann du, Mayari?“
Mayari strahlte. Dann schien ihr aber einzufallen, dass sie in Wirklichkeit gar kein Chicken-Teriyaki mochte. Mit übertrieben traurigem Blick schüttelte sie den Kopf und vergrub die Hände in den Taschen ihrer blauen Wide-Leg-Jeans.
Kurz darauf brachte ich Mom ihren Veggie-Burger und verließ zusammen mit Ayame und Mayari das Haus, um im Waltz-Café zu essen. Tasuke war währenddessen im asiatischen Supermarkt und kaufte sich eine Fertigmischung für sein Chicken-Teriyaki.

Ungewohnterweise bestellte sich Ayame ein Tiramisu. Mir erklärte sie, dass die Zitronenmuffins ihr langweilig geworden waren, aber meine Vermutung, was wirklich dahinter steckte, lautete so: In Tiramisu war Koffein drin. Koffein, also Kaffee, tranken Erwachsene. Wenn Ayame Koffein aß, wirkte sie erwachsen und konnte Timo beeindrucken, der das sicher sehr cool fand und selber bestimmt noch keinen Kaffee trank. Ich schüttelte den Kopf über meine Freundinnen. Alles, was sie taten, hatte so einen unernsten Grund. Tiramisu wegen Timo, Glubschaugen wegen Tasuke, Drama wegen Parfüm.
Als Timo komischerweise nicht an der Spülmaschine oder sonst wo war, sonde
rn natürlich Ayame Tiramisu brachte (obwohl das eigentlich Jettes Job war) fiel mein Blick sofort auf die Gabel. Sie war so stark verbogen, dass man nicht mehr mit ihr essen konnte. Ich wies mit dem Zeigefinger auf die Sabotage. Denn das war es eindeutig. Wie dumm von Ayame, dass ihr die verbogene Gabel erst auffiel, als ich mit den Fingern schnippte.
Mayari schusterte sich einen halbwegs logischen Grund für die Sabotage zurecht: „Ayame, du musst dringend aufhören, Timo den Kopf zu verdrehen, ansonsten verdreht er hier alle Gabeln!“ Ich verdrehte (!!!) die Augen und nahm die Gabel in die Hand. „Leute“, begann ich tonlos, „hört mir mal zu! Jemand sabotiert das Waltz-Café!“
Ayame nickte ernst. Dann bekam sie plötzlich einen Lachflash. „Warst du das, Timo?“, fragte sie in Timos Richtung und hielt die Gabel in die Luft. Timo schreckte von der Kaffeemaschine hoch. „Was?! Was ist denn mit der Gabel passiert? Das war ich nicht! Scheiße...“ Er machte einen Umweg um den Tresen und rannte zu uns. Irgendwie war Timo verdächtig. Aber um sein eigenes Café zu sabotieren war er eigentlich zu dumm. Na ja, eher war es das Café seiner Mutter. Trotzdem.

Apropos Lynn. Gerade kam sie rein. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen, aber sie wirkte zufrieden.
Timo drehte sich zu ihr um und brachte ein misslungenes schiefes Lächeln zustande. „Hi, Mama. Bei uns wurde was sabotiert! Irgendein Kleiner hat diese Gabel hier verbogen.“
Lynn runzelte die Stirn und sah sich die Gabel genauer an. „Verbogen! So was! Das ist ja ein Ding! Warst du das vielleicht, Timo? Hast du sie irgendwie in der Spülmaschine zwischen zwei Töpfen eingeklemmt, natürlich aus Versehen?“ Sie lächelte, aber es wirkte besorgt. Timo riss die Augen weit auf und breitete erklärend die Arme aus. „Nein, das war ich nicht, Mama! Ich schwöre!“, rief er überzeugt.

Lynn nickte seufzend. „Jette? Wie sieht's mit dir aus?“ Sie bedeutete Jette mit einer Handbewegung, herzukommen. Jette schüttelte irritiert den Kopf. „Ich war's auch nicht, Mama! Ich schwöre! Auch!“ Sie stellte sich mit gehobenen Händen neben Timo. Der legte ihr den Arm um die Schulter und griff Ayames Hand. „Wir alle waren das nicht! Irgendwer verbiegt hier unsere Gabeln und will, dass wir pleite gehen!“, sagte er mit fester Stimme.
Ich legte Lynn die Hand auf den Arm. „Vielleicht können wir das genauer untersuchen. Ich mache das und Ayame und Mayari unterstützen mich dabei.“ Ich gab ihr die Hand. Lynn schüttelte sie kräftig. „Danke.“

Ayame lachte auf. „Bist ja schon wieder voll das Detektiv-Girl, Rilana!“, bemerkte sie, während sie unauffällig ihre Brille zurechtrückte. Ich winkte alle fünf näher an mich heran und flüsterte: „Aber wir ermitteln undercover. Wir sind auch keine offizielle Detektivgruppe, okay? Das ist jetzt nur dieses eine Mal. Wir sind keine zweiten Drei Ausrufezeichen oder sowas, kapiert? Wir machen die null nach.“
Ayame und Mayari nickten synchron. Lynn wandte den Blick nicht von der verbogenen Gabel ab. Heute trug sie eine hellblaue Musselinbluse und eine braune Skinny-Jeans mit Patches an den Knien. Ohne ihre typische abgewetzte Lieblingslatzhose wirkte sie viel weniger stämmig. „Wirklich gut, dass ihr für mich ermittelt“, sagte sie zu mir. „Ich hätte dafür leider echt keine Zeit. Der Umbau ist echt einnehmender, als ich dachte.“ Umbau, Umbau! Immer dieser Umbau! Gefühlt die ganze Zeit redeten alle vom Umbau. Und seit zwei Minuten hatten sie angefangen, auch über die Sabotage zu reden. Wer mochte nur der Saboteur sein?! Oder war es eine Frau, eine Saboteurin? Ich hatte keine Ahnung.