Rilana & Friends
Sommer,
Sonne, sabotiert!
Kapitel 6: Abenteuer Autobahn
Um
Viertel vor sieben klingelte mein Wecker. Nein. Gestern Abend hatte
ich doch vergessen, ihn zu stellen, weil ich da so durcheinander war.
Aber mein Handy beepte. Das war es, was mich weckte. Gestresst holte
ich es unter meinem Kopfkissen hervor.
AyAy hatte mir eine Nachricht
geschrieben. Eine? Gefühlt tausend!
Lana!!!
Notfall!
Allerhöchste Alarmstufe! Aufwachen!
Help! Help!!!
Hilf
mir, ich bin am Ende. 😭😭😭
Was soll ich tun??? T hat Schluss
gemacht!
Timo hat Schluss gemacht! SOS! 😱😢
Damit
wusste ich genug. Die restlichen Nachrichten klickte ich weg.
Einerseits war ich nicht überrascht, dass Timo Schluss gemacht
hatte, aber andererseits waren sie ja nicht so wirklich zusammen
gewesen. Ich schrieb meiner verzweifelten BFF:
Wo
bist du?
Auf dem Weg zu dir, in der U-Bahn.
Heulst du?
Nein,
also, ich versuche es nicht zu tun. Das wäre ja super peinlich vor
allen Leuten!
Du sitzt also in der U-Bahn.
Ja.
Bist du
überrascht?
Nein.
Nein, das ist eine Lüge.
Ja. Ich bin super
überrascht!
Ich muss gestehen, dass du keine so tolle Freundin
bist – also für Jungs.
Huhu! 😰
Dafür bist du eine super
Mädchen-BFF.
Meinst du echt?
Na ja, du bist so BFF mit uns,
dass du sogar aufspringst und zu uns rennst, wenn du mit Timo
flirtest – also neuerdings war das jedenfalls
so.
Stimmt...
Vielleicht fühlt sich Timo dann
vernachlässigt.
Sicher! Ich bin so asozial!!!
Red keinen
Quatsch! Na ja, teilweise schon. Dein Streit mit Tasuke ist
nervig!
Tut mir leid, wenn ich dich damit nerve. Ich kann
aufhören.
Schon okay, ich denke, du wirst es sowieso nicht
machen.
Kann sein. Hihi. 😁
Was wirst du jetzt machen?
Weiß
ich noch nicht. Aussteigen. Bin in zwei Minuten da.
Aber jetzt
wegen der Timo-Sache.
Können wir das analog zusammen
besprechen?
Uns hackt keiner.
Ich weiß. Trotzdem!
Geht
schon.
So
hätten wir ewig weiterchatten können. Aber ich fand das sinnlos und
steckte das Handy weg. Paar Minuten später war Ayame da. Heute hatte
sie kein Make-Up. Und das war ganz gut so, denn in der U-Bahn wäre
es ihr verflossen und sie hätte ausgesehen wie an Halloween. Gerade
heulte sie zwar nicht mehr, aber man konnte ihr ansehen, dass sie
geheult
hatte.
Ich hakte sie bei mir unter und wir gingen gemeinsam ins Haus, um uns
dann auf mein Bett zu setzen und meine vollgestickerte Zimmertür
abzuschließen.
Ob Ayame ihren Chat mit Mayari wohl auch schon
gespamt hatte? Ich schaute auf mein Handy und prüfte, ob die schon
wach war. Aber von Mayari kam kein Lebenszeichen.
Ich war froh, dass
ich nicht mit ihr in einem Haus wohnte, denn Mayari konnte nichts bis
auf ihren viel zu lauten Handy-Wecker aus dem Schlaf reißen. Und mir
jeden Morgen ohrenbetäubende Dudelmusik anzuhören, war eine nicht
gerade verlockende Aussicht.
„Könnten auch ins Café gehen und
was essen“, verplapperte sich Ayame in einem Anfall von
Zerstreutheit. Ich grinste. „Wo dein Lover gerade mit dir Schluss
gemacht hat?“, hakte ich nach. Ayame rückte verzweifelt ihre
Brille zurecht und schüttelte den Kopf. „Nein... Doch nicht. Das
ist ein Bad Habit. Aber ich hab schon genug schlechte Gewohnheiten...
Zum Beispiel, meinen Bruder zu mobben. Na ja, ich hab halt noch
nichts gegessen.“
„Ich hol dir was“, schlug ich spontan vor.
Ich sah sie fragend an. Ayame nickte am Boden zerstört. „Ich kann
mich dort wohl nicht mehr blicken lassen. Wie auch? Ich würde
entweder einen Heulkrampf oder einen Wutanfall kriegen, oder so steif
und unbeweglich sein, dass man mich für einen Roboter hält, der
noch nicht ganz so reibungslos funktioniert, wie man eigentlich
will.“
Ich klopfte ihr auf die Schulter und stand auf. „Spätestens
morgen wirst du dem deine Meinung sagen, das kann ich fühlen. Aber
jetzt bleibst du erst mal hier und ich kauf dir Blondies nach Lynns
Art.“ Ich sperrte die Zimmertür auf und ließ Ayame auf meinem
Bett zurück. Sie lächelte zerknirscht und sah dabei aus wie jemand,
dessen Heimat nach dem Krieg kapituliert hatte.
Normalerweise war
sie immer so selbstsicher und bestimmt, dass ich mich im Nachhinein
sicher fragen würde, ob ich das alles vielleicht nur geträumt
hatte. Aber es war echt. Ayame konnte auch so sein.
Ich schlenderte
aus dem Haus, schlurfte über den Hof und stapfte ins Café. Wütend
stieß ich die Tür auf. Der Duft von Gebäck, der mir in die Nase
stieg, konnte mich nicht ablenken. Wenn überhaupt machte er mich nur
noch unkontrollierter.
Mist. Riesenmist. Ultimativer Gigamist.
Jette war außer Haus. Nur Timo war da. Er fummelte an der
Spülmaschine und drehte sich nicht zu mir um.
„Wo ist Jette?“,
entfuhr es mir, während ich in die Vitrine starrte. Timo wandte sich
mir verärgert zu, und als er mich erkannte, wurde er noch
verärgerter. Sein Gesichtsausdruck wurde verzerrt, ich wusste nicht
von was. Wahrscheinlich Schmerz, Wut und Ungerechtigkeit. „Bei
Onkel Leon. Warum?“
„Nur so...“, knurrte ich.
Er rollte mit
den Augen. „Ist klar.“
Ich zeigte auf die verführerischen
Blondies in der Vitrine. „Pack mir mal drei davon in eine Tüte,
bitte“,
grummelte ich.
„Tschüss“, sagte Timo, während er die
Blondies einpackte.
Ich nahm ihm die Tüte aus der Hand und er mir
das Geld. „Tschüss!“, blaffte ich, „Ach, und ich wollte dir
noch sagen, dass du zufälligerweise ein Arschloch bist.“ Ich
verließ das Café. Timo schnaubte hinter mir, aber ich ignorierte
ihn.
Die Tür fiel zu.
🐴
Als
Ayame die Blondies aufgegessen hatte und sich schon wieder besser
fühlte, setzte sie sich aufrechter hin und fragte mich: „Du hast
nur mit Jette geredet, oder?“
Ich verdrehte die Augen. „Das
hatte ich vor. Aber die hat ihren Onkel besucht. So was Dummes! Ich
hab Timo gesagt, dass er ein Arschloch ist.“
Ayame drückte meine
Hand. „Bestie-Power ist die beste Power“, flüsterte sie. Dann
holte sie ihre Asics-Sporttasche und kramte darin herum. „Hier“,
sagte sie und hielt mir ein Bündel aus bunten Fäden vor die Nase.
„Material für Freundschaftsarmbänder. Ich kann dir beibringen,
wie man die knüpft. Flechten geht aber auch.“ Sie zeigte mir, wie
man sieben Fäden in einen Knüpfstern spannte, und wie man damit
knüpfte. Sie machte mir insgesamt vier Armbänder, zwei für den
einen und zwei für den anderen Arm. Ich war ein bisschen langsamer,
deswegen bekam Ayame nur drei. Auf eins davon, eins aus grünen und
goldenen Fäden, war ich besonders stolz, denn es passte zu ihrer
Brille und traf genau ihren Geschmack. Das Blöde an der Aktion war,
dass sie die Zeit wie im Flug vergehen ließ und es schon halb neun
war, als wir alle Fäden verbraucht hatten. Trotzdem fand ich, dass
Ayames Idee, Freundschaftsarmbänder zu basteln, zwar etwas kindisch,
aber jetzt einfach genau das Richtige war. An Tagen wie heute konnte
doppelte oder dreifache Bestie-Power nie schaden.
Während ich
meinen Arm stolz in die Höhe hielt, fragte ich AyAy: „Was machen
wir jetzt?“ Ich hatte zwar Bock auf einen chilligen BFF-Tag, aber
die Detektivarbeit durfte auch nicht vernachlässigt werden.
Die
Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, nur nicht von Ayame,
sondern von Mom, die in der Tür stand. „Die Pferde müssen geputzt
werden!“
Ayame und ich tauschten einen Blick und spurteten nach
draußen. Dort warteten Moritz und Ice Cream. Daneben stand
Sternschnuppe, die von Lia geputzt wurde. Die winkte mit dem Striegel
in der Hand und rief fröhlich: „Hi Girls! Schön, euch zu sehen!
Gute Nachrichten: Ice Creams Koliken sind schon wieder vorbei! Das
war wohl nur ein vorübergehender Anfall, aber nichts Ernstes. Ihr
wisst, Ice Cream ist auch ein bisschen anfällig für so was.“
Ich
nickte erleichtert. Während ich nach dem Putzkasten griff, fragte
ich Lia, ob sie Neuigkeiten von der Sabotage hatte. Sie schüttelte
bedauernd den Kopf. „Wie steht's denn mit Ayesha?“, fragte sie.
Ich zuckte nur mit den Schultern. Wahrscheinlich fühlte sie sich
einfach nur weiter ungerecht behandelt und war immer noch aggro.
Obwohl ich auch gerne Ice Cream geputzt hätte, überließ ich das
diesmal Ayame, weil sie heute so einen schlechten Start in den Tag
gehabt hatte. Und ich war auch ganz froh, mal wieder Moritz putzen zu
können. Moritz war mein Freund. War er vielleicht sogar mein
Lieblingspferd? Es kam mir nur immer ein bisschen diskriminierend
vor, wenn ich sagte, dass ich ein Pferd am meisten mochte. Trotzdem
war der Anblick von einem fröhlichen Moritz mit neuen, glänzenden
Hufeisen gut für die Seele. Ich begann mit dem Striegeln, dem ersten
Schritt beim Putzen.
Als ich schon nach der Kardätsche griff,
bäumte sich Moritz auf und wieherte aufgeregt. Ich strich ihm
beruhigend über den Hals und rief ärgerlich: „Mayari! Du weißt
doch, dass Pferde sich erschrecken, wenn man von vorne auf sie
zurennt!“
Mayari entschuldigte sich und streichelte Moritz über
den Rücken. Dann ging sie weiter zu Ayame, die mit Ice Cream
beschäftigt war. „AyAy? Alles okay? Brauchst du mentale
Unterstützung oder Nervennahrung? Timo ist ein Idiot.“
Ayame
winkte ab. „Ich auch, um ehrlich zu sein. Und ich hab schon was
gegessen, danke. Ich wünschte, es wäre wieder Schule. Dann könnte
ich mich mit Lernsachen ablenken. Ich versteh nicht, wie ich mich so
auf die Ferien freuen konnte! Sie haben richtig blöd gestartet.
Heute ist erst der fünfte Ferientag, und es liegen noch 37 vor uns!
Wie soll ich das aushalten? Vielleicht hätte ich mir
Extra-Hausaufgaben für die Ferien holen sollen...“
Ich ließ
Moritz kurz stehen und legte den Kopf schief. Mit in die Hüften
gestützten Armen meinte ich: „Das meinst du nicht ernst, oder?
Hausaufgaben waren schon immer dein Feind. Wir verbringen die Ferien
damit, BFF zu sein und den Fall zu lösen!“
„Stimmt“, sagte
Ayame etwas munterer und rückte ihre Brille zurecht. „Das ist
bessere Ablenkung als Schulkram. Nur ein Problem: die Sabotage war im
Café.“ Seufzend schnappte sie sich Schwämme für Augen, Ohren und
Nüstern.
Mayari legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Vielleicht...“, begann sie, „könnt ihr das ja klären?“
Ayame
nickte langsam. „Müssen wir wohl. Aber nicht heute.“ Nach einem
kurzen Blick in die Richtung des Cafés entschied sie: „Lasst uns
über was anderes reden.“
Mayari flitzte in den Stall, um Cora
zu holen. Die schien sich darüber zu freuen, mal wieder von Mayari
geputzt zu werden. „Tasuke hat mir eine Ramen-Garantie geschickt.
Immer, wenn er uns Chicken Teriyaki kauft, krieg ich Ramen. Und ich
hab ihn in der U-Bahn noch mal getroffen.“
„Und?“, fragte
Ayame. „Wie war er so?“ Sie machte den Wasserhahn an und fing an,
Ice Cream abzuspritzen.
Mayari grinste. „Wie immer.
Nice.“
„Uuuh!“, machten Ayame und ich wie aus einem Mund und
kicherten.
Als wir die Pferde abgespritzt und zurück in den Stall
gebracht hatten, lief Tasuke auf uns zu. „Hi, Leute“, sagte er,
„war grad noch im Café. Ihr wisst schon. Mir ist nichts
aufgefallen, aber als ich reinging, sind mir zwei Leute
entgegengekommen: eure Freundin, also diese Lia, und ein unbekannter
Mann mit schwarzen und blauen Klamotten. Der hat irgendwie komisch
geguckt. Vielleicht ist das 'ne Spur?“ Er zuckte die Achseln.
Ich
nickte. „Auf jeden Fall.“ Ein auffällig unauffälliger Mann, der
sich im Café verdächtig verhielt – wenn das mal nicht ein fetter
Fang war!
„Warte“, Tasuke vergrub die Hände in den
Hosentaschen, „was komisch an der Sache ist, ist, dass keine
zusätzlichen Gabeln verbogen wurden oder so.“ Nachdenklich ließ
er seinen Blick über den Hof schweifen. „Soll ich gleich noch mal
hingehen und nachschauen? Es ist nur Timo da, und der scheint heute
auch eher seinen Gedanken nachzuhängen, also kann es gut sein, dass
der Saboteur noch mal kommt.“
„Das wär super“, erklärte
ich und hakte mich bei Mayari und Ayame unter. Tasuke wollte schon
losgehen, als er sich noch mal zu uns umdrehte. „Kommt ihr
mit?“
Bevor Ayame etwas einwenden konnte, nickte Mayari heftig
und zog uns hinter Tasuke her. Ayame sträubte sich mit aller Kraft,
die sie aufbringen konnte, aber es nützte nichts. „Hey“,
wunderte sich Tasuke, „warum willst du nicht mit, Ayame? Im Café
ist doch Timo! Findest du peinlich, dass du keine Schminke hast und
nicht nach dem hundert-Euro-Parfüm riechst? Da achtet er doch
sowieso nicht drauf!“ Er starrte sie irritiert an und ich presste
mir die Hand vor den Mund.
„Lass es einfach, Tasuke“, murmelte
Ayame und schubste ihn. Er ging vor und machte die Tür auf. Mayari
stellte sich in den Türrahmen und ließ uns durch. Zum Glück
verfärbte sich Ayames Kopf nicht sofort dunkelrot, als sie Timo sah.
Ich überlegte, Tasuke aufzuklären, denn ich glaubte, er wusste gar
nicht, dass Timo mit Ayame Schluss gemacht hatte. Typisch, dass sie
ihm das nicht gesagt hatte. Das war bestimmt einer von vielen
Mobbing-Akten. Ich stieß Mayari in die Seite. Vielleicht sollte
lieber sie ihn aufklären. Mit Grimassen und Bewegungen erklärte ich
ihr das.
„Tasuke!“, rief Mayari und fuhr extralaut fort: „Timo
hat mit Ayame Schluss gemacht!“ Tasuke starrte erst mal Mayari und
dann abwechselnd Timo und Ayame an. Dann unterdrückte er ein Lachen
und verdrehte schließlich die Augen. „Hättest du mir ruhig selber
sagen können, Ayame“, knurrte er. „Irgendwann reicht's auch. Ich
finde, du könntest mal anfangen, mich wie einen normalen Bruder und
nicht wie ein Mobbing-Opfer zu behandeln.“
„Klären wir
später, okay?“, sagte Ayame genervt und setzte sich mit dem Rücken
zu Timo an einen Tisch. Heute war ein guter Tag, um Dinge zu klären.
Und um Ayame Versprechen auf Klärung zu entlocken. Dass sie seinen
kleinen Protest nicht mit einer ironischen Beleidigung zurückwies,
war ein gutes Zeichen. Endlich würden sie diesen komischen Streit
mal klären.
Auch für Lia schien heute ein guter Tag zu sein, sie
kam nämlich fröhlich ins Café rein und bestellte sich einen
Kaffee. Timo stritt sich gerade mit einem Kunden im schwarzen Hoodie
und blauer Jeans, und nahm sie nicht wirklich wahr. „Können Sie
sich nicht den Kaffee selber machen?“, grummelte er an Lia gewandt, „Sie
brauchen nur auf dem Display die Sorte auszuwählen!“ Anscheinend
war das Betätigen der Kaffeemaschine doch etwas komplizierter, als
er es ihr beschrieben hatte, denn Lia schaute ihn irritiert an und
drückte mehrmals auf Optionen, die sich auf dem Display anboten.
Schließlich kratzte sie sich am Kopf und drehte an einem Knopf. Zum
Glück kam trotzdem Kaffee aus einer Drüse. Als auch noch der
Milchschaum rausgekommen war, drehte sie den Knopf wieder zurück und
drückte auf ein paar andere Knöpfe. Vermutlich setzte sie die
Einstellungen für ihren Kaffee zurück. Diese Kaffeemaschine schien
wirklich ziemlich schwer zu bedienen zu sein. Während Lia sich mit
ihrem Kaffee zu uns setzte, brüllte Timo den Mann im Hoodie an, dass
er aufhören solle, im Café zu rauchen.
Tasuke stieß Mayari und
mich in die Seite. „Hey!“, raunte er, „Behaltet mal diesen Mann
im Auge, der mit Timo streitet. Das ist der von vorhin!“
Ich
nickte. Irgendwie kam mir der Verdächtige bekannt vor, aber weil die
Kapuze ihm tief ins Gesicht hing, wollte mir die Erinnerung nicht
einflüstern, wer es war. Ich holte das Handy hervor und schoss
unauffällig ein Foto von dem Mann, wobei ich so tat, als würde ich
ein Selfie machen.
Lia lehnte sich zu mir. „Sag mal, Rilana, was
ist eigentlich mit deiner Freundin los? Warum flirtet die nicht?“
Ihre Stimme war gedämpft.
„Timo hat Schluss gemacht“, klärte
ich sie auf. Lia verzog das Gesicht und leerte ihren Kaffeebecher.
„Autsch“, sagte sie, „das muss bestimmt sehr schlimm gewesen
sein. Dann kann sie ihren Aufenthalt im Café ja gar nicht genießen!“
Sie schielte hinter ihren dicken Brillengläsern verstohlen zu Ayame
rüber.
„Das ist ja das ganze Problem!“ Ich breitete erklärend
die Arme aus.
Lia schüttelte den Kopf. „Was für ein Dilemma!
Zwischen Gefühlen und Detektivarbeit! Was wohl gewinnt?“ Dann
stand sie auf, um ihren leeren Kaffeebecher zusammen mit dem Geld auf
den Tresen zu stellen.
„Hey! Sie!“, fuhr Timo sie an. „Ein
leerer Kaffeebecher kommt doch nicht einfach auf den Tresen!“
„Sag
das doch früher!“, zickte Lia zurück, „Jetzt stell ihn halt in
die Spülmaschine! Brauchst du nicht so'n Drama drum
machen!“
„Stellen Sie den doch selber in die Spülmaschine!
Sehen Sie denn nicht, dass ich zu tun hab? Sie wollten doch den
Kaffee!“, blaffte Timo überfordert.
Lia stöckelte verärgert
vor sich hin grummelnd hinter den Tresen und stellte ihren Becher in
die Spülmaschine. Komischerweise schien sie sich noch länger mit
der Spülmaschine zu beschäftigen, denn sie bückte sich und ordnete
bereits dort drin stehende Sachen neu. Das vermutete ich, weil ich es
mir nicht anders erklären konnte. Außerdem konnte ich mir gut
vorstellen, dass Timo benutztes Besteck sehr schlampig in die
Spülmaschine packte.
Der Mann im schwarzen Hoodie verabschiedete
sich grummelig von Timo und ging gebückt durch den Hintereingang
raus. Ich sah, wie er sich draußen eine Zigarette anzündete. Er war
der Verdächtige, also machte es keinen Sinn, dass wir noch weiter
hier drin blieben. Ich gab meinen Friends ein Zeichen und folgte ihm.
Mist, er lief zu einem kleinen roten VW und setzte sich ans Steuer.
Moment mal, gehörte das Auto nicht Lynn? Das machte den mysteriösen
Mann noch verdächtiger. Warte, sein Autoschlüssel hatte Zugang zu
Lynns Auto! Wie konnte das sein? Wahrscheinlich hatte er ihren
geklaut.
Das Auto brauste davon. Riesenmist. So konnten wir ihn nicht
verfolgen. Zum Glück wusste ich jetzt, in welchem Auto er fuhr –
und, dass er fahren konnte.
Mom
erzählte ich nichts von dem verdächtigen Mann, um sie nicht zu
beunruhigen. „Wie geht’s den Pferden?“, fragte ich stattdessen
beiläufig. Mom fuhr sich durch die Haare und ihr Blick wanderte
zufrieden über den Hof. „Denen geht’s super! Aktuell scheint
sich alles zum Guten zu wenden! Vor Kurzem hat Lia uns richtig viel
Geld gespendet. Weil ihr einen großen Anteil von Tornados
Erträgnissen offenbar in irgendwas Unnützes investiert habt, haben
wir nur noch wenig Geld für den Umbau übriggehabt, aber zum Glück
kam Lia mal wieder wie der rettende Engel in der Not.“ Sie lächelte
breit und spielte glücklich am Reißverschluss ihrer Fleecejacke
herum.
„Robs und meine Ausgaben waren überhaupt nicht unnütz!“,
erklärte ich wütend und verschränkte die Arme vor der Brust,
„Bevor du das ganze Geld in Renovierungsarbeiten verschwinden
lassen konntest, wollten wir lieber noch die ganzen Sachen mit den
Pferden abschließen! Wir haben die Hufeisen-Schulden beglichen,
neues Kraftfutter gekauft und noch viel mehr gemacht, was du
ansonsten vergessen hättest – zum Beispiel haben wir die zweite
Entwurmung von Carlo schon mal vorbezahlt.“ Für einen Moment
schien Mom nicht zu wissen, ob sie dankbar oder stinksauer sein
sollte, und schließlich zuckte sie mit den Achseln und sagte
ausdruckslos: „Jedenfalls hat Lia jetzt ganz viel gespendet. Ob das
alles von Knöllchen kommt?“
Lias Weise, Mom Geld zu beschaffen,
war mir schon immer etwas merkwürdig vorgekommen. Illegale Knöllchen
waren echt was, worauf ich nicht gekommen wäre. Aber es war schon
ziemlich vorstellbar, dass das ganze Geld, das Lia neulich gespendet
hatte, von Knöllchen kam – schließlich war der McDonald's beim
falschen Parkplatz ungefähr der einzige in der Stadt.
„Sag mal,
wie viel hat sie eigentlich gespendet?“, fragte ich Mom. Die
strahlte. „Erst 367 Euro, danach hat sie mir noch 175 Euro
gespendet. Ganz schön hohe Beträge, was? Deswegen ist Lia ja so
wichtig. Und natürlich, weil sie bei den Pferden und beim Umbau
generell hilft. Dafür, dass sie uns gestern beim Rohrsystem geholfen
hat, bin ich ihr wirklich sehr dankbar.“
Ich war in Gedanken
noch beim Geld geblieben. Die zweite Spende konnte ich mir so
erklären: Die Knöllchen, die Lia verteilte, forderten immer eine
Gebühr von 25 Euro, sieben Falschparker haben ihr also die Rechnung
überwiesen. Aber den Rest konnte ich mir nicht erklären. Natürlich
ging ich davon aus, dass er von Knöllchen kam, aber 367 konnte man
nicht durch 25 teilen. Naja, dazu musste ich sagen, dass Lias
Kaffeekonsum nicht gerade gering war und die merkwürdige Zahl sicher
darauf zurückzuführen war, dass Lia mit einem Teil vom Geld
Kaffee-Lattes bei Jette und Timo gekauft hatte. Trotzdem war die
Sache unlogisch, denn warum waren dann die 175 Euro unbeschadet
geblieben? Grübelnd runzelte ich die Stirn.
Als hätte Mom meine
Gedanken erraten, legte sie eine Hand auf meine Schulter und
flüsterte grinsend: „Mathematische Rechnungen warten erst in der
Schule wieder auf dich, du Meisterdetektivin. Genieß doch deine
Ferien!“
Ich schmunzelte. „Mach ich doch!“
🐴
Nach
dem Mittagessen (Ramen für alle, bezahlt von Tasuke) lief ich Rob
über den Weg. Er stand unter einem Baum und aß einen Cheeseburger.
Während er mir zuzwinkerte und so klarmachte, dass Lia Erfolg mit
ihren Knöllchen gehabt hatte, bemerkte ich Lynns kleinen roten VW
und hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde. Mit selbstbewusster
Haltung stieg der Mann im Kapuzenpulli aus. „Hey, Rob“, flüsterte
ich, „das ist unser neuer Verdächtiger! Am besten verfolgen wir
ihn jetzt!“
Rob grinste. „Klar, alle sind hier
superverdächtig! Auch wir! Also jetzt anders verdächtig. Arme
Ayesha.“ Er schob sich den Rest seines Cheeseburgers in den Mund
und ging einen Schritt nach vorne.
Ich verdrehte schmunzelnd die
Augen, wurde aber schnell wieder sachlich. „Im Ernst! Wir machen
das jetzt! Die Sabotage muss so früh wie möglich gestoppt
werden!“
Wir konnten sehen, wie der verdächtige Mann sich von
Lynns Auto entfernte und auf die Koppel schlich. Wie auffällig war
das denn bitte?! Rob starrte ihm entgeistert hinterher. „Ist gut,
du scheinst es ernst zu meinen! Was hat der wohl mit den Pferden vor?
Will er die vielleicht kidnappen?“
„Sieht ganz so aus!“ Ich
nickte stürmisch und wandte meinen Blick nicht mehr von dem Mann ab.
Unsere Pferde wurden gekidnappt! Er scheuchte Cora und Sternschnuppe
nervös und gebückt in den Pferdeanhänger, der immer noch an Moms
Auto befestigt war. Die Pferde wieherten erschrocken.
Rob sprang aus
dem Schatten des Baums und pirschte sich an den unbekannten Entführer
ran. Der bemerkte ihn nicht und setzte sich auf Moms Fahrersitz.
Boah, den Autoschlüssel zu Moms Auto hatte er also auch geklaut!
Rob
beruhigte Cora und Sternschnuppe, während er halb im Pferdeanhänger
stand. „Hey! Das ist gefährlich!“, warnte ich Rob im Flüsterton
und rannte zu ihm, „Was, wenn der Typ losfährt?!“ Meine Worte
schienen Unglück zu bringen, denn in genau der Sekunde wurde der
Motor gestartet. Panisch schlug ich die offene Tür des
Pferdeanhängers zu, damit Rob (und die Pferde) nicht rausfallen
konnten. Ich begriff, dass das Auto losfuhr und ich den Mann nur
weiter verfolgen konnte, wenn ich auf den Pferdeanhänger kletterte.
Also schwang ich mich auf die Tür, die dank des „Fensters“ für
die Pferde einen Vorsprung bildete, und stieg dann auf das Dach des
Pferdeanhängers. Plötzlich hatte ich Angst, bei dieser gefährlichen
Abenteuerfahrt ins Ungewisse umzukommen. Was, wenn ich von einem
Tunnel zerquetscht wurde oder sich die Windrichtung so plötzlich
änderte, dass ich vom Anhänger flog? Abspringen konnte ich jetzt
nicht mehr; das wäre noch sicherer mein Ende.
Aber erst recht
gefährlich wurde es für Rob. Es musste nur ein Pferd nach einer
störenden Fliege treten und er hatte mindestens einen Herzinfarkt und
drei gebrochene Körperteile! Oder ein Pferd bäumte sich auf, biss
ihn in die Hand oder drängte ihn in eine Ecke, dass ihm die Puste
wegblieb! Ich war mehr als erstaunt, dass er trotz dieser Risiken
immer noch auf meine Frage antwortete, die ich ihm gefühlt schon vor
zehn Minuten gestellt hatte: Was, wenn der Typ losfährt?
„Dann
bleib ich bei den Pferden!“, keuchte er, „Sonst drehen die vor
Angst noch durch!“ Besorgt steckte er den Kopf aus dem Bereich über
der Tür, durch den frische Luft in den Pferdeanhänger kommen
konnte. „Rilana?“, fragte er, „Wenn der Kidnapper anhält, zum
Beispiel, um zu tanken, springst du ab und versuchst, zurückzulaufen,
okay? Ich weiß nicht, wohin diese Fahrt führt! Unsere Aktion ist
mehr als crazy! Checkst du?!“
„Ja, klar“, flüsterte ich mit
wehenden Haaren in den Wind, während ich mich vortastete und meine
Hand nach unten ausstreckte. Ich ließ meinen Kopf über den Rand des
Pferdeanhängers hängen und schaute Rob kopfüber in die Augen.
„Willst du hoch?“, fragte ich leise. Er zögerte. Dann streckte
er seine Hand aus und griff meine.
Der Fahrtwind schleuderte mich
nach hinten, so dass Rob wahrscheinlich dachte, dass ich ihn schon
nach oben zerren wollte. Ich kämpfte gegen den starken Wind an.
Unbeholfen stocherte ich mit den Füßen auf dem Dach herum.
Robs
Stimme stieg gedämpft an meine Ohren. „Nee“, antwortete er, „ich
bleib hier. Ist zu gefährlich. Für mich und die Pferde. Die würden
doch aufschrecken! So 'ne Fahrt ist eh schon schlimm genug. Ich
würd's ja ganz gern machen, aber ich glaub, es ist besser, wenn ich
hier noch für sie da bin. Dann kann ich sie auch beruhigen und so.“
Ich spürte, wie er meine Hand losließ. Für einen kurzen Moment
fühlte ich mich so, als würde mich der Fahrtwind gleich mit sich
reißen, aber zum Glück fand meine Hand eine Sekunde vor der
Katastrophe Halt.
Wir fuhren inzwischen auf einer von Fichtenwäldern
umgebenen Autobahn und wurden ab und zu von im Gegensatz zu uns klein
wirkenden Autos überholt. Bestimmt wunderten sich nicht wenige
Autofahrer über mich und den Menschenkopf, der aus dem
Pferdeanhänger rausguckte – bestimmt war so etwas auf der Straße
auch verboten.
Die Luft war sommerlich warm, aber von stinkenden
Auspuffgasen und überhitzten, durchgeschwitzten Pferdehintern
verpestet. Ein Trost war der Hauch von frischer Waldluft, die aus den
Fichtenwäldern kam. Ich lenkte mich von den Pferdehintern ab und
schaute ein wenig zur Seite, wo mit Graffitis vollgesprühte
Lärmschutzmauern die Autobahn vom Wald abtrennten. Es kam mir so
vor, als würden Leitplanken aus dem Boden sprießen und wieder darin
verschwinden, bevor man sich an sie gewöhnt hatte. Genau so ein
Phänomen waren die weißen Striche der Überholspur, die jeden
Bruchteil einer Sekunde erneut aufzuploppen schienen. Wie lange diese
Fahrt wohl noch dauern würde?
Argh! Mein Handy vibrierte. Ich
riskierte den umständlichen Aufwand und nahm das Smartphone aus der
Tasche meiner weißen Jogginghose. Wer kam bitte auf die Idee, jetzt,
zur beknacktesten Zeit, eine Nachricht zu schreiben?! Na ja, ich
hatte ja auch keinem gesagt, dass ich auf Verbrecherjagd abgebraust
war.
AyAy fragte mich, wo ich war. Ich tippte mit zittrigen
Fingern auf das Sprachnachricht-Symbol und schrie extralaut ins
Handy: „Auf der Autobahn und in Lebensgefahr! Übrigens stresst es
mich, wenn eine Nachricht aufploppt! Lass es einfach ganz oder ich
ignorier dich halt! Nicht persönlich nehmen, aber ich bin grad
mitten auf der Autobahn und spreche gegen die Windrichtung! Ich meld
mich später!“ Wie erwartet schrieb AyAy zurück, dass ich mal
wieder voll das Detektiv-Girl war, aber ich steckte nur das Handy
weg. Diesen Kommentar hätte sie sich jetzt echt sparen können. Gut,
dass ich weggelassen hatte, dass Rob dabei war. Das hätte nur zu
total unerwünschten (!!!) Spam-Nachrichten geführt, die ich jetzt
echt nicht brauchen konnte.
„Wie, was?“, kam es von unten von
Rob.
„Meine Freundin hat mich gefragt, wo ich bin!“, erklärte
ich gen Süden. Weil ich gleichzeitig das Handy wegstecken und mir
den Schweiß von der Stirn wischen wollte, blieb ich für mehrere
Sekunden einhändig und rutschte fast ab. Als Erstes das Handy
wegstecken. Dann der Schweiß. Der floss mir inzwischen in
Strömen über die Stirn – und gegen erbarmungslosen Achselgeruch
konnte ich jetzt auch nichts mehr tun.
Plötzlich
wurden alle Geräusche um mich herum lauter. Ich schaute über meine
Schulter nach hinten und stellte entsetzt fest, dass ein Tunnel auf
uns zugerollt kam. Ich presste mich so flach wie möglich an das Dach
des Pferdeanhängers und sah, wie die Tunneldecke knapp ein paar
Zentimeter über mir vorbeirauschte. Kurz bevor wir wieder ans
Tageslicht kamen, stießen meine Füße schmerzhaft gegen eine
Platte, die von oben kam. Ich versuchte, den Atem anzuhalten und mich
noch platter zu machen, denn meine Kollision mit dem tiefhängenden
Straßenschild musste der Kidnapper wohl gemerkt haben.
Im
ungünstigsten Moment wieherte Sternschnuppe laut. Ich hob meinen
Kopf instinktiv und stellte erleichtert fest, dass das Straßenschild
bereits vorbei war. Dann kamen wir auch schon wieder ans
Tageslicht.
„Rob, alles in Ordnung?“, stieß ich hervor und
ließ meinen Kopf wieder zu ihm runterhängen.
Er schaute zu mir und
streckte den Arm nach mir aus. „Äh, ja. Werde zwar von zwei
Pferden in die Enge getrieben und stecke total in der Klemme, aber
trotzdem ist alles in Ordnung! Übrigens hat sich Cora gerade
aufgebäumt!“ Er lachte nervös und hustend. Ich lachte mit. „Du
hast vielleicht Humor!“, brachte ich heraus, während ich alles
daran setzte, seine Hand zu erwischen und ihn hochzuziehen. Zum Glück
beruhigten sich die zwei Pferde nach einiger Zeit wieder und Rob
arbeitete sich zu mir vor. „Ich bleib hier unten!“, sagte er nach
ein paar Fehlversuchen, sich auf die Tür zu stellen.
„Stütz
deinen Fuß auf dem Riegel ab!“, wisperte ich, verlor aber den
Halt. Ich schwankte bedrohlich zur Seite. Und dann geschah es: Das,
was ich schon die ganze Fahrt über befürchtet hatte.
Kreischend
fiel ich vom Dach, einen letzten zittrig zuckenden Finger noch am
Pferdeanhänger. Ich versuchte, mich mit diesem zittrigen Finger
festzukrallen, aber weil er so schweißüberströmt war, rutschte ich
schließlich doch ab.
Aus dem Luftfenster über der Tür schnellte
Robs dunkler, muskulöser Arm. Er packte mich über der Hüfte und
rief hektisch: „Versuch, auf dem Kotflügel Halt zu finden!“
Mit
den Händen klammerte ich mich an Robs Arm fest, mit den Füßen
baumelte ich nach dem Kotflügel. In dem Moment hielt das Auto an.
Durch den Ruck flog ich endgültig runter. Zum Glück war Moms Auto
gerade nicht in einer Gruppe von überholwütigen Autos und
schneckenartigen LKWs. Nein, es war das einzige Auto auf der
Spur.
Cora und Sternschnuppe wieherten laut, während der
Kidnapper auf dem Rasen anhielt. Ich hatte gerade noch Zeit, mich
aufzurappeln und hinter den Pferdeanhänger zu springen, bevor er die
Fahrertür aufstieß und mich entdeckte. Rob und ich atmeten synchron
aus, als er ärgerlich murmelte: „Die Pferde machen es mir ja auch
nicht gerade einfach.“ Der unbekannte Mann zündete sich eine
Zigarette an. Nachdem er den Tabak tief eingesogen hatte, marschierte
er um das Auto herum und pustete eine stinkende Rauchwolke aus. Ich
wich im letzten Moment aus, als er zum Pferdeanhänger lief. Er
bemerkte mich nicht und schnipste verärgert den brennenden
Zigarettenstummel in den Rasen. Dann ging er mit großen Schritten
zurück zur aufgesperrten Fahrertür und Rob zischte mir zu: „Lauf
zurück! Jetzt ist die Chance! Lauf zurück zum Hof! Ich bleib bei
den Pferden.“
Ich starrte ihn entgeistert an. „Nein! Das ist
viel zu weit weg! Ich... krieg das nicht hin!“
„Aber...“ Rob
schüttelte mich durch. „Dann nimm halt die U-Bahn oder so! Mach
dich aus dem Staub! Wir fahren hier ins Ungewisse! Vielleicht endet
diese Fahrt erst in paar Wochen, oder wir verlassen zum Beispiel das
Land!“ Er sah mir eindringlich in die Augen und machte eine
wegscheuchende Handbewegung. Ich wollte gerade auf ihn hören und vom
Kotflügel springen, auf dem ich inzwischen stand, aber da setzte
sich das Auto in Bewegung. Ich sah auf den Boden – um genauer zu
sein, in den Staub – und nahm für ein paar Sekunden Robs Hand.
Jetzt konnte ich schon wieder nicht abspringen. Egal. Abspringen wäre
Selbstmord, also musste ich mitfahren. Es war meine einzige Chance,
zu überleben.
Bevor ich wusste, was mit mir passierte, zog mich
Rob ins Innere des Pferdeanhängers. „Sorry“, sagte er, „geht
nicht anders. Auf dem Kotflügel kannst du nicht ewig bleiben, und
wieder raufklettern wäre auch keine gute Option.“
Ich nickte
und legte Sternschnuppe eine Hand auf den Hals. Keine gute Idee.
Sternschnuppe bäumte sich auf, trat nach hinten und wieherte
markerschütternd laut. Cora wurde von Sternschnuppes Panik erfasst
und schnaubte, während sie mit gefletschten Zähnen in die Luft
biss.
Rob wich in eine Ecke aus, aber die Pferde engten ihn immer
weiter ein. Ich wollte die Pferde packen und beruhigen, aber sie
waren unberechenbar geworden. Vielleicht hätte ich doch besser dran
getan, nach oben zu klettern; jetzt war es zu spät. Ich quetschte
mich neben Rob und konnte jetzt nur noch hoffen, dass alles gut ging.
Was man doch nicht alles für Abenteuer auf sich nahm, um möglichen
Café-Saboteuren zu folgen.
Ich presste mich gegen die Tür und
hielt den Atem an. Das Auto stoppte fast! Jetzt wurden wir entdeckt.
Und der Fahrer hatte gemerkt, dass im Pferdeanhänger eindeutig
etwas faul war.
Aber zu unserer Überraschung fuhr das
Auto noch ein Stück weiter, bis es bei einem großen Backsteinhaus
am Straßenrand hielt und auf einen Parkplatz fuhr. Ein Haus direkt
neben der Autobahn – wenn das mal nicht total merkwürdig war!
Die
Pferde wurden ruhiger, als das Auto verlangsamte und wir den
dröhnenden Lärm der Autobahn hinter uns ließen. Der Motor setzte
aus und aus der Fahrertür schwang sich der Kapuzenmann.
Ich sperrte
die Tür vom Pferdeanhänger auf und sprang aus der Gefahrenzone. Rob
sorgte dafür, dass die Pferde noch im Anhänger blieben. Er hatte
offensichtlich damit gerechnet, dass ich nach Hause laufen wollte,
denn als ich mich vor den Mann im Kapuzenpulli stellte und ihm den
Weg versperrte, bildete sich auf Robs Gesicht ein fragender
Ausdruck.
„Hey, Sie!“, schimpfte ich auf den Kidnapper ein,
„was haben Sie vor? Warum haben Sie uns hierhergebracht? Ich will
wissen, was Sie mit den Pferden wollen!“ Ich packte seinen Arm,
damit er nicht weglaufen konnte.
„Ich will die Pferde an meine
Freunde verkaufen, du!“, knurrte der Mann und schlug seine Kapuze
zurück. Ich wich einen Schritt zurück, als ich ihn erkannte. Lynns
Mann?! Die Pferde gehörten ihm doch gar nicht, sie gehörten ja
nicht mal Lynn! Woher hatte er den Autoschlüssel für Moms Auto? Das
alles war komplett unlogisch. Ich wollte ihm tausend Fragen auf
einmal stellen, aber er fiel mir ins Wort: „Und ihr seid wohl die
ganze Zeit bei mir mitgefahren, was? Dreiste Kinder! Ihr seid wohl
verrückt geworden!“
Rob brüllte ihn vom Pferdeanhänger aus
an: „Sie ja wohl nicht weniger! Und ich bin schon achtzehn, also
kein Kind mehr! Ich hab sogar schon meinen Führerschein, und ich
fahre den Tesla meines Vaters! Trotzdem kidnappe ich keine Pferde!
Und Sie sollten inzwischen wissen, dass man sowas nicht macht! Ich
wette, Ihre Frau und die Freundin Ihrer Frau wissen nicht, dass Sie
jetzt illegal versuchen, unsere Pferde zu verkaufen! Ja, was Sie
machen, kommt mir illegal vor!“ Er sprang blitzschnell aus dem
Anhänger und verriegelte die Tür. „Los! Setz dich auf den
Beifahrersitz!“, rief er mir zu und sprang selbst auf den
Fahrersitz.
Ich befolgte seine Anweisung und schwang mich auf den
Beifahrersitz. Während Rob die Fahrertür zuknallte und rückwärts
losbrauste, fuhr ich mein Fenster herunter und schrie Lynns Mann
hinterher: „Wo haben Sie eigentlich den Autoschlüssel her, na?
Geklaut?“
Lynns Mann drohte uns mit der Faust und drehte sich
schließlich mit dem Fuß aufstampfend weg. Ich konnte noch sehen,
wie er sich eine Zigarette anzündete.
„Ich bring die Pferde
zurück!“, schnaubte Rob neben mir, „Ich lass seine Crazy-Aktion
nicht zu! Erzählst du später deiner Mudda, dass er ihren
Autoschlüssel hat?“
Ich nickte. Der Mann warf so viele Fragen
auf. Warum wollte er Geld mit den Pferden machen? Das hatte überhaupt
keinen Zusammenhang zu verbogenen Gabeln und einer leeren Kasse! Er
schien eher dem Reiterhof schaden zu wollen und nicht dem Café. Aber
warum hatte er dann mit Timo gestritten?
Seufzend
tippte ich in den Chat mit Ayame:
Die Abenteuerfahrt ist
beendet. Ich sitze im Auto und wir fahren ohne den Kidnapper wieder
zu euch.
Wer ist wir? Mit wem fährst du da?
Kein Grund zur
Verdächtigung! Ich fahr mit Rob.
Oho... Und wer ist der
Kidnapper?
Du musst raten.
Der Tierarzt? Ein Unbekannter?
T?
Lynns Mann, der Kettenraucher.
Hä? Der? Ich check's nicht.
Du auch nicht?
0 %.
Haha. Kommst du bald?
Ja, die fahrende
Rauchwolke wollte Cora und Sternschnuppe verkaufen. Komischerweise
hatte er auch den Autoschlüssel von Moms Fiat. Eigentlich wollte ich
ihn noch mehr ausfragen, aber dann ist Rob mit mir auf dem
Beifahrersitz losgefahren.
OMG! Du bist ultra detektivgirlig!
Wetten, du hast alles selber kombiniert?
Einigermaßen.
🐴
Nach
15 Minuten waren wir wieder beim Hof. Durch das Autofenster sah ich,
dass Ayame und Mayari schon auf uns zuliefen. Ich winkte.
Rob
parkte. Bevor er ausstieg, sagte er grinsend: „Letzter Halt:
Reiterhof Westfried. Ich bring jetzt die Pferde auf die Koppel.
Irgendwie war das Abenteuer lustig. Und voll gefährlich.“ Dann
stieß er die Fahrertür auf und sprang aus dem Auto.
Ich stieg
auch aus und ging auf Mayari und Ayame zu. Als Rob und die Pferde
außer Sichtweite waren, fuhr sich Mayari schelmisch mit der Hand
übers Kinn. „Hmm...“, begann sie, „Grips, Muskeln und Humor.
Bist du dir sicher, dass du aus Detektivinstinkt ein wildes Abenteuer
auf der Autobahn eingegangen bist?“
Ich trat ihr auf den Fuß.
„Ey, ich hasse dich!“ Mayari fühlte sich sofort
angegriffen.
Ayame kam dazwischen. „Man muss nicht auf
Stereotype stehen. Und ich glaub, Lana ist nicht so verknallt wie
wir. Sie ist 'n cooles Detektiv-Girl, das sich durch nichts ablenken
lässt. Im Gegensatz zu mir. Ich würde sagen, wir konzentrieren uns
in Zukunft einfach mehr auf den Fall. Ich muss üben, mehr wie Rilana
zu sein. Ansonsten krieg ich dauernd wegen irgendwas Heulkrämpfe.“
Sie schaute zum Café.
Mayari hakte sich bei uns unter. „Wir
können es T jederzeit zeigen!“
Ayame seufzte. „Sorry, Leute.
Ihr müsst keine Codewörter oder Buchstaben-Abkürzungen benutzen,
nur weil ich dauernd T sage. Der Buchstabe soll verboten werden. Ihr
könnt ruhig... Ihr könnt ruhig Timo sagen.“
„Wir klären das
morgen, okay?“, beschloss ich und schaute meinen Friends in die
Augen. „Ich hab Hunger. Essen wir Abendessen?“
AyAy und Yari
nickten synchron.
„Morgen früh. Unbedingt“, murmelte Ayame,
während wir zum Haus gingen, um uns dort Hühnerfrikassee aus der
Packung zuzubereiten.
Als
wir unser Essen verputzt hatten, hielt ich wie eine Heilige meinen
Zeigefinger hoch. „Und jetzt machen wir alle zusammen den
Abwasch!“, ordnete ich an. Weil wir zu dritt ein starkes Team
waren, ging das super fix.
„Ich geh Cora noch mal gute Nacht
sagen“, erklärte Mayari und sauste aus dem Zimmer. Ayame blieb
noch kurz bei mir und zeigte glücklich auf ihr Freundschaftsarmband.
„Das ist wirklich toll geworden“, sagte sie, „Ab jetzt trag ich
das jeden Tag. Ja, ich geh auch noch zu Sternschnuppe. Die hat ja
ziemlich viel durchgemacht heute. Und vielleicht ist Ice Cream ja
auch draußen auf der Koppel.“
Ich nickte. Dann watschelte ich
in abgetretenen Pantoffeln und der schmutzigen weißen Jogginghose in
mein Zimmer, um mich umzuziehen. Es war todnervig. Kein Outfit konnte
ich zwei mal anziehen, einfach nur wegen der Sabotage im Waltz-Café.
Seit sie begonnen hatte, war dauernd Körpereinsatz gefragt.
Ich
wechselte die durchgeschwitzten Abenteuer-Zeugen gegen ein gut
riechendes schwarzes Oversize-T-Shirt, das ich einfach als Kleid
benutzte. Falls ich noch mal rausmusste, zog ich mir noch elastische
Sport-Shorts unter.
Ich checkte mein Make-Up im Taschenspiegel ab
und stellte fest, dass es mindestens nötig war, den Lipgloss
nachzuziehen. Als ich damit fertig war, suchte ich mein Handy. Ich
Schussel hatte es noch in der Tasche meiner weißen Jogginghose
gelassen, die inzwischen im Wäschekorb steckte. Zum Glück schaffte
ich es, sie wieder rauszufischen und rief Mom an. Ich erzählte ihr
von Lynns Mann und dass er die Pferde gekidnappt und ihren
Autoschlüssel geklaut hatte. Mom war mehr als stinkig und versprach,
noch mal ein Wörtchen mit ihm zu reden. Aber ich bekam auch ein
Stück von ihrer Wut ab, denn sie warf mir vor, dass ich den
Pferdeanhänger mit meiner waghalsigen Aktion hätte schrotten
können. Außerdem verziehen gestresste Mütter es ihren Kindern
nicht so schnell, wenn diese sich mal wieder in Lebensgefahr gebracht
hatten. Ich beendete den Anruf, schlüpfte aus meinem Outfit und
sprang unter die Dusche. Meine Schweißattacken während des
Abenteuers waren der blanke Horror gewesen.
Wieder im
Oversize-T-Shirt, föhnte ich mir die Haare. Als sie trocken waren,
machte ich mir die unpraktische Strähnchen-Frisur, die ich gestern
Morgen abgelehnt hatte. Heute konnten sie nicht mehr stören, weil
ich mich unter keinen Umständen auf eine Action-Einlage am Abend
einlassen würde.
Endlich ging die Sonne unter.
Ich stapfte in den
Pantoffeln zum Fenster, um das Rollo runterzulassen. Moment, eine
Gestalt huschte am Haus herum. Von oben sah ich nur eine gelbe Mütze.
Was wollte Rob denn noch hier? Ich stürmte sofort die Treppe runter,
um ihn zu verhören. Ich versprach mir, dass das die letzte Aufregung
an diesem Tag sein würde.
Ich stemmte die Arme in die Hüften,
die durch das schwarze Schlabber-T-Shirt ziemlich formlos
erschienen.
„Hi! Rilana!“, sagte Rob lässig. Ich runzelte die
Stirn. „Was machst du hier?“, fragte ich schroff. Das war jetzt
echt verdächtig. Hatte Rob das ganze Abenteuer mit Lynns Mann
abgesprochen und wollte, dass ich auf der Autobahn starb? Unmöglich.
Das überstieg meine Fantasie.
„Bei euch ist der
Sonnenuntergang immer so cool. Aber warum rastest du so aus?“
Rob schaute fragend.
„Um einen Sonnenuntergang zu beobachten,
braucht man nicht verdächtig vor meinem Haus rumzuschleichen!
Außerdem ist die Sonne schon fast ganz untergegangen und ich werde
den Verdacht nicht mehr los, dass du mich auf der Autobahn töten
wolltest.“
„Wusste ja gar nicht, dass du so witzig sein
kannst! Und übrigens wolltest du den Kidnapper verfolgen.“
„Ich
meine das alles total ernst! Versteh mich jetzt nicht falsch!“
„Okay,
okay. Aber wie kommst du auf die Idee? Mord auf der Autobahn!“
Ich
schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Hier entsteht gerade
ein Missverständnis. Sag ehrlich: Wie steht es um den
Mordversuch?“
Rob unterdrückte ein Lachen. „Der ist ein
absurdes Fantasieprodukt. Es ist immer noch Herr Waltz kriminell,
nicht ich. Nein, ehrlich. Ich hab nicht versucht, dich zu töten.“
Er hielt Mittelfinger und Zeigefinger in die Höhe, und zwar nicht
überkreuzt.
Ich nahm seine Hand runter. „Okay, verstehe. Du
wolltest mich wirklich nicht töten. Ist schon gut. Aber ich wette,
das mit dem Sonnenuntergang ist eine Lüge. Was willst du hier?“
Mein Tonfall wurde immer aufdringlicher.
Rob grinste, antwortete aber
nicht. Schließlich verschwand er in der zunehmenden Dunkelheit und
sagte noch: „Weißt du doch. Guck mal, jetzt ist die Sonne ganz
untergegangen. Wir sehen uns morgen.“
Mit einem flauen Gefühl
im Magen ging ich ins Haus und stieg die Treppenstufen zu meinem Zimmer rauf. Flaues Gefühl? Na ja, oder ein Kribbeln. Irgendwas
dazwischen.
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