Sonntag, 30. November 2025

6: Abenteuer Autobahn

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!
Kapitel 6: Abenteuer Autobahn

Um Viertel vor sieben klingelte mein Wecker. Nein. Gestern Abend hatte ich doch vergessen, ihn zu stellen, weil ich da so durcheinander war. Aber mein Handy beepte. Das war es, was mich weckte. Gestresst holte ich es unter meinem Kopfkissen hervor.
AyAy hatte mir eine Nachricht geschrieben. Eine? Gefühlt tausend!

Lana!!! Notfall! 
Allerhöchste Alarmstufe! Aufwachen!
Help! Help!!!
Hilf mir, ich bin am Ende. 😭😭😭
Was soll ich tun??? T hat Schluss gemacht!
Timo hat Schluss gemacht! SOS! 😱😢

Damit wusste ich genug. Die restlichen Nachrichten klickte ich weg. Einerseits war ich nicht überrascht, dass Timo Schluss gemacht hatte, aber andererseits waren sie ja nicht so wirklich zusammen gewesen. Ich schrieb meiner verzweifelten BFF:
Wo bist du?

Auf dem Weg zu dir, in der U-Bahn.

Heulst du?

Nein, also, ich versuche es nicht zu tun. Das wäre ja super peinlich vor allen Leuten!

Du sitzt also in der U-Bahn.

Ja.

Bist du überrascht?

Nein.
Nein, das ist eine Lüge.
Ja. Ich bin super überrascht!

Ich muss gestehen, dass du keine so tolle Freundin bist – also für Jungs.

Huhu! 😰

Dafür bist du eine super Mädchen-BFF.

Meinst du echt?

Na ja, du bist so BFF mit uns, dass du sogar aufspringst und zu uns rennst, wenn du mit Timo flirtest – also neuerdings war das jedenfalls so.

Stimmt...

Vielleicht fühlt sich Timo dann vernachlässigt.

Sicher! Ich bin so asozial!!!

Red keinen Quatsch! Na ja, teilweise schon. Dein Streit mit Tasuke ist nervig!

Tut mir leid, wenn ich dich damit nerve. Ich kann aufhören.

Schon okay, ich denke, du wirst es sowieso nicht machen.

Kann sein. Hihi. 😁

Was wirst du jetzt machen?

Weiß ich noch nicht. Aussteigen. Bin in zwei Minuten da.

Aber jetzt wegen der Timo-Sache.

Können wir das analog zusammen besprechen?

Uns hackt keiner.

Ich weiß. Trotzdem!

Geht schon.
So hätten wir ewig weiterchatten können. Aber ich fand das sinnlos und steckte das Handy weg. Paar Minuten später war Ayame da. Heute hatte sie kein Make-Up. Und das war ganz gut so, denn in der U-Bahn wäre es ihr verflossen und sie hätte ausgesehen wie an Halloween. Gerade heulte sie zwar nicht mehr, aber man konnte ihr ansehen, dass sie
geheult hatte. Ich hakte sie bei mir unter und wir gingen gemeinsam ins Haus, um uns dann auf mein Bett zu setzen und meine vollgestickerte Zimmertür abzuschließen.
Ob Ayame ihren Chat mit Mayari wohl auch schon gespamt hatte? Ich schaute auf mein Handy und prüfte, ob die schon wach war. Aber von Mayari kam kein Lebenszeichen.
Ich war froh, dass ich nicht mit ihr in einem Haus wohnte, denn Mayari konnte nichts bis auf ihren viel zu lauten Handy-Wecker aus dem Schlaf reißen. Und mir jeden Morgen ohrenbetäubende Dudelmusik anzuhören, war eine nicht gerade verlockende Aussicht.

„Könnten auch ins Café gehen und was essen“, verplapperte sich Ayame in einem Anfall von Zerstreutheit. Ich grinste. „Wo dein Lover gerade mit dir Schluss gemacht hat?“, hakte ich nach. Ayame rückte verzweifelt ihre Brille zurecht und schüttelte den Kopf. „Nein... Doch nicht. Das ist ein Bad Habit. Aber ich hab schon genug schlechte Gewohnheiten... Zum Beispiel, meinen Bruder zu mobben. Na ja, ich hab halt noch nichts gegessen.“
„Ich hol dir was“, schlug ich spontan vor. Ich sah sie fragend an. Ayame nickte am Boden zerstört. „Ich kann mich dort wohl nicht mehr blicken lassen. Wie auch? Ich würde entweder einen Heulkrampf oder einen Wutanfall kriegen, oder so steif und unbeweglich sein, dass man mich für einen Roboter hält, der noch nicht ganz so reibungslos funktioniert, wie man eigentlich will.“
Ich klopfte ihr auf die Schulter und stand auf. „Spätestens morgen wirst du dem deine Meinung sagen, das kann ich fühlen. Aber jetzt bleibst du erst mal hier und ich kauf dir Blondies nach Lynns Art.“ Ich sperrte die Zimmertür auf und ließ Ayame auf meinem Bett zurück. Sie lächelte zerknirscht und sah dabei aus wie jemand, dessen Heimat nach dem Krieg kapituliert hatte.
Normalerweise war sie immer so selbstsicher und bestimmt, dass ich mich im Nachhinein sicher fragen würde, ob ich das alles vielleicht nur geträumt hatte. Aber es war echt. Ayame konnte auch so sein.

Ich schlenderte aus dem Haus, schlurfte über den Hof und stapfte ins Café. Wütend stieß ich die Tür auf. Der Duft von Gebäck, der mir in die Nase stieg, konnte mich nicht ablenken. Wenn überhaupt machte er mich nur noch unkontrollierter.
Mist. Riesenmist. Ultimativer Gigamist. Jette war außer Haus. Nur Timo war da. Er fummelte an der Spülmaschine und drehte sich nicht zu mir um.
„Wo ist Jette?“, entfuhr es mir, während ich in die Vitrine starrte. Timo wandte sich mir verärgert zu, und als er mich erkannte, wurde er noch verärgerter. Sein Gesichtsausdruck wurde verzerrt, ich wusste nicht von was. Wahrscheinlich Schmerz, Wut und Ungerechtigkeit. „Bei Onkel Leon. Warum?“
„Nur so...“, knurrte ich.
Er rollte mit den Augen. „Ist klar.“
Ich zeigte auf die verführerischen Blondies in der Vitrine. „Pack mir mal drei davon in eine Tüte,
bitte“, grummelte ich.
„Tschüss“, sagte Timo, während er die Blondies einpackte.
Ich nahm ihm die Tüte aus der Hand und er mir das Geld. „Tschüss!“, blaffte ich, „Ach, und ich wollte dir noch sagen, dass du zufälligerweise ein Arschloch bist.“ Ich verließ das Café. Timo schnaubte hinter mir, aber ich ignorierte ihn.
Die Tür fiel zu.

🐴

Als Ayame die Blondies aufgegessen hatte und sich schon wieder besser fühlte, setzte sie sich aufrechter hin und fragte mich: „Du hast nur mit Jette geredet, oder?“
Ich verdrehte die Augen. „Das hatte ich vor. Aber die hat ihren Onkel besucht. So was Dummes! Ich hab Timo gesagt, dass er ein Arschloch ist.“
Ayame drückte meine Hand. „Bestie-Power ist die beste Power“, flüsterte sie. Dann holte sie ihre Asics-Sporttasche und kramte darin herum. „Hier“, sagte sie und hielt mir ein Bündel aus bunten Fäden vor die Nase. „Material für Freundschaftsarmbänder. Ich kann dir beibringen, wie man die knüpft. Flechten geht aber auch.“ Sie zeigte mir, wie man sieben Fäden in einen Knüpfstern spannte, und wie man damit knüpfte. Sie machte mir insgesamt vier Armbänder, zwei für den einen und zwei für den anderen Arm. Ich war ein bisschen langsamer, deswegen bekam Ayame nur drei. Auf eins davon, eins aus grünen und goldenen Fäden, war ich besonders stolz, denn es passte zu ihrer Brille und traf genau ihren Geschmack. Das Blöde an der Aktion war, dass sie die Zeit wie im Flug vergehen ließ und es schon halb neun war, als wir alle Fäden verbraucht hatten. Trotzdem fand ich, dass Ayames Idee, Freundschaftsarmbänder zu basteln, zwar etwas kindisch, aber jetzt einfach genau das Richtige war. An Tagen wie heute konnte doppelte oder dreifache Bestie-Power nie schaden.
Während ich meinen Arm stolz in die Höhe hielt, fragte ich AyAy: „Was machen wir jetzt?“ Ich hatte zwar Bock auf einen chilligen BFF-Tag, aber die Detektivarbeit durfte auch nicht vernachlässigt werden.
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, nur nicht von Ayame, sondern von Mom, die in der Tür stand. „Die Pferde müssen geputzt werden!“

Ayame und ich tauschten einen Blick und spurteten nach draußen. Dort warteten Moritz und Ice Cream. Daneben stand Sternschnuppe, die von Lia geputzt wurde. Die winkte mit dem Striegel in der Hand und rief fröhlich: „Hi Girls! Schön, euch zu sehen! Gute Nachrichten: Ice Creams Koliken sind schon wieder vorbei! Das war wohl nur ein vorübergehender Anfall, aber nichts Ernstes. Ihr wisst, Ice Cream ist auch ein bisschen anfällig für so was.“
Ich nickte erleichtert. Während ich nach dem Putzkasten griff, fragte ich Lia, ob sie Neuigkeiten von der Sabotage hatte. Sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Wie steht's denn mit Ayesha?“, fragte sie.
Ich zuckte nur mit den Schultern. Wahrscheinlich fühlte sie sich einfach nur weiter ungerecht behandelt und war immer noch aggro. Obwohl ich auch gerne Ice Cream geputzt hätte, überließ ich das diesmal Ayame, weil sie heute so einen schlechten Start in den Tag gehabt hatte. Und ich war auch ganz froh, mal wieder Moritz putzen zu können. Moritz war mein Freund. War er vielleicht sogar mein Lieblingspferd? Es kam mir nur immer ein bisschen diskriminierend vor, wenn ich sagte, dass ich ein Pferd am meisten mochte. Trotzdem war der Anblick von einem fröhlichen Moritz mit neuen, glänzenden Hufeisen gut für die Seele. Ich begann mit dem Striegeln, dem ersten Schritt beim Putzen.

Als ich schon nach der Kardätsche griff, bäumte sich Moritz auf und wieherte aufgeregt. Ich strich ihm beruhigend über den Hals und rief ärgerlich: „Mayari! Du weißt doch, dass Pferde sich erschrecken, wenn man von vorne auf sie zurennt!“
Mayari entschuldigte sich und streichelte Moritz über den Rücken. Dann ging sie weiter zu Ayame, die mit Ice Cream beschäftigt war. „AyAy? Alles okay? Brauchst du mentale Unterstützung oder Nervennahrung? Timo ist ein Idiot.“
Ayame winkte ab. „Ich auch, um ehrlich zu sein. Und ich hab schon was gegessen, danke. Ich wünschte, es wäre wieder Schule. Dann könnte ich mich mit Lernsachen ablenken. Ich versteh nicht, wie ich mich so auf die Ferien freuen konnte! Sie haben richtig blöd gestartet. Heute ist erst der fünfte Ferientag, und es liegen noch 37 vor uns! Wie soll ich das aushalten? Vielleicht hätte ich mir Extra-Hausaufgaben für die Ferien holen sollen...“
Ich ließ Moritz kurz stehen und legte den Kopf schief. Mit in die Hüften gestützten Armen meinte ich: „Das meinst du nicht ernst, oder? Hausaufgaben waren schon immer dein Feind. Wir verbringen die Ferien damit, BFF zu sein und den Fall zu lösen!“

„Stimmt“, sagte Ayame etwas munterer und rückte ihre Brille zurecht. „Das ist bessere Ablenkung als Schulkram. Nur ein Problem: die Sabotage war im Café.“ Seufzend schnappte sie sich Schwämme für Augen, Ohren und Nüstern.
Mayari legte ihr die Hand auf die Schulter. „Vielleicht...“,
begann sie, „könnt ihr das ja klären?“
Ayame nickte langsam. „Müssen wir wohl. Aber nicht heute.“ Nach einem kurzen Blick in die Richtung des Cafés entschied sie: „Lasst uns über was anderes reden.“
Mayari flitzte in den Stall, um Cora zu holen. Die schien sich darüber zu freuen, mal wieder von Mayari geputzt zu werden. „Tasuke hat mir eine Ramen-Garantie geschickt. Immer, wenn er uns Chicken Teriyaki kauft, krieg ich Ramen. Und ich hab ihn in der U-Bahn noch mal getroffen.“
„Und?“, fragte Ayame. „Wie war er so?“ Sie machte den Wasserhahn an und fing an, Ice Cream abzuspritzen.
Mayari grinste. „Wie immer. Nice.“
„Uuuh!“, machten Ayame und ich wie aus einem Mund und kicherten.

Als wir die Pferde abgespritzt und zurück in den Stall gebracht hatten, lief Tasuke auf uns zu. „Hi, Leute“, sagte er, „war grad noch im Café. Ihr wisst schon. Mir ist nichts aufgefallen, aber als ich reinging, sind mir zwei Leute entgegengekommen: eure Freundin, also diese Lia, und ein unbekannter Mann mit schwarzen und blauen Klamotten. Der hat irgendwie komisch geguckt. Vielleicht ist das 'ne Spur?“ Er zuckte die Achseln.
Ich nickte. „Auf jeden Fall.“ Ein auffällig unauffälliger Mann, der sich im Café verdächtig verhielt – wenn das mal nicht ein fetter Fang war!
„Warte“, Tasuke vergrub die Hände in den Hosentaschen, „was komisch an der Sache ist, ist, dass keine zusätzlichen Gabeln verbogen wurden oder so.“ Nachdenklich ließ er seinen Blick über den Hof schweifen. „Soll ich gleich noch mal hingehen und nachschauen? Es ist nur Timo da, und der scheint heute auch eher seinen Gedanken nachzuhängen, also kann es gut sein, dass der Saboteur noch mal kommt.“
„Das wär super“, erklärte ich und hakte mich bei Mayari und Ayame unter. Tasuke wollte schon losgehen, als er sich noch mal zu uns umdrehte. „Kommt ihr mit?“
Bevor Ayame etwas einwenden konnte, nickte Mayari heftig und zog uns hinter Tasuke her. Ayame sträubte sich mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, aber es nützte nichts. „Hey“, wunderte sich Tasuke, „warum willst du nicht mit, Ayame? Im Café ist doch Timo! Findest du peinlich, dass du keine Schminke hast und nicht nach dem hundert-Euro-Parfüm riechst? Da achtet er doch sowieso nicht drauf!“ Er starrte sie irritiert an und ich presste mir die Hand vor den Mund.
„Lass es einfach, Tasuke“, murmelte Ayame und schubste ihn. Er ging vor und machte die Tür auf. Mayari stellte sich in den Türrahmen und ließ uns durch. Zum Glück verfärbte sich Ayames Kopf nicht sofort dunkelrot, als sie Timo sah. Ich überlegte, Tasuke aufzuklären, denn ich glaubte, er wusste gar nicht, dass Timo mit Ayame Schluss gemacht hatte. Typisch, dass sie ihm das nicht gesagt hatte. Das war bestimmt einer von vielen Mobbing-Akten. Ich stieß Mayari in die Seite. Vielleicht sollte lieber sie ihn aufklären. Mit Grimassen und Bewegungen erklärte ich ihr das.
„Tasuke!“, rief Mayari und fuhr extralaut fort: „Timo hat mit Ayame Schluss gemacht!“ Tasuke starrte erst mal Mayari und dann abwechselnd Timo und Ayame an. Dann unterdrückte er ein Lachen und verdrehte schließlich die Augen. „Hättest du mir ruhig selber sagen können, Ayame“, knurrte er. „Irgendwann reicht's auch. Ich finde, du könntest mal anfangen, mich wie einen normalen Bruder und nicht wie ein Mobbing-Opfer zu behandeln.“
„Klären wir später, okay?“, sagte Ayame genervt und setzte sich mit dem Rücken zu Timo an einen Tisch. Heute war ein guter Tag, um Dinge zu klären. Und um Ayame Versprechen auf Klärung zu entlocken. Dass sie seinen kleinen Protest nicht mit einer ironischen Beleidigung zurückwies, war ein gutes Zeichen. Endlich würden sie diesen komischen Streit mal klären.

Auch für Lia schien heute ein guter Tag zu sein, sie kam nämlich fröhlich ins Café rein und bestellte sich einen Kaffee. Timo stritt sich gerade mit einem Kunden im schwarzen Hoodie und blauer Jeans, und nahm sie nicht wirklich wahr. „Können Sie sich nicht den Kaffee selber machen?“, grummelte er an Lia gewandt, „Sie brauchen nur auf dem Display die Sorte auszuwählen!“ Anscheinend war das Betätigen der Kaffeemaschine doch etwas komplizierter, als er es ihr beschrieben hatte, denn Lia schaute ihn irritiert an und drückte mehrmals auf Optionen, die sich auf dem Display anboten. Schließlich kratzte sie sich am Kopf und drehte an einem Knopf. Zum Glück kam trotzdem Kaffee aus einer Drüse. Als auch noch der Milchschaum rausgekommen war, drehte sie den Knopf wieder zurück und drückte auf ein paar andere Knöpfe. Vermutlich setzte sie die Einstellungen für ihren Kaffee zurück. Diese Kaffeemaschine schien wirklich ziemlich schwer zu bedienen zu sein. Während Lia sich mit ihrem Kaffee zu uns setzte, brüllte Timo den Mann im Hoodie an, dass er aufhören solle, im Café zu rauchen.
Tasuke stieß Mayari und mich in die Seite. „Hey!“, raunte er, „Behaltet mal diesen Mann im Auge, der mit Timo streitet. Das ist der von vorhin!“
Ich nickte. Irgendwie kam mir der Verdächtige bekannt vor, aber weil die Kapuze ihm tief ins Gesicht hing, wollte mir die Erinnerung nicht einflüstern, wer es war. Ich holte das Handy hervor und schoss unauffällig ein Foto von dem Mann, wobei ich so tat, als würde ich ein Selfie machen.

Lia lehnte sich zu mir. „Sag mal, Rilana, was ist eigentlich mit deiner Freundin los? Warum flirtet die nicht?“ Ihre Stimme war gedämpft.
„Timo hat Schluss gemacht“, klärte ich sie auf. Lia verzog das Gesicht und leerte ihren Kaffeebecher. „Autsch“, sagte sie, „das muss bestimmt sehr schlimm gewesen sein. Dann kann sie ihren Aufenthalt im Café ja gar nicht genießen!“ Sie schielte hinter ihren dicken Brillengläsern verstohlen zu Ayame rüber.
„Das ist ja das ganze Problem!“ Ich breitete erklärend die Arme aus.
Lia schüttelte den Kopf. „Was für ein Dilemma! Zwischen Gefühlen und Detektivarbeit! Was wohl gewinnt?“ Dann stand sie auf, um ihren leeren Kaffeebecher zusammen mit dem Geld auf den Tresen zu stellen.

„Hey! Sie!“, fuhr Timo sie an. „Ein leerer Kaffeebecher kommt doch nicht einfach auf den Tresen!“
„Sag das doch früher!“, zickte Lia zurück, „Jetzt stell ihn halt in die Spülmaschine! Brauchst du nicht so'n Drama drum machen!“
„Stellen Sie den doch selber in die Spülmaschine! Sehen Sie denn nicht, dass ich zu tun hab? Sie wollten doch den Kaffee!“, blaffte Timo überfordert.
Lia stöckelte verärgert vor sich hin grummelnd hinter den Tresen und stellte ihren Becher in die Spülmaschine. Komischerweise schien sie sich noch länger mit der Spülmaschine zu beschäftigen, denn sie bückte sich und ordnete bereits dort drin stehende Sachen neu. Das vermutete ich, weil ich es mir nicht anders erklären konnte. Außerdem konnte ich mir gut vorstellen, dass Timo benutztes Besteck sehr schlampig in die Spülmaschine packte.

Der Mann im schwarzen Hoodie verabschiedete sich grummelig von Timo und ging gebückt durch den Hintereingang raus. Ich sah, wie er sich draußen eine Zigarette anzündete. Er war der Verdächtige, also machte es keinen Sinn, dass wir noch weiter hier drin blieben. Ich gab meinen Friends ein Zeichen und folgte ihm.
Mist, er lief zu einem kleinen roten VW und setzte sich ans Steuer. Moment mal, gehörte das Auto nicht Lynn? Das machte den mysteriösen Mann noch verdächtiger. Warte, sein Autoschlüssel hatte Zugang zu Lynns Auto! Wie konnte das sein? Wahrscheinlich hatte er ihren geklaut.
Das Auto brauste davon. Riesenmist. So konnten wir ihn nicht verfolgen. Zum Glück wusste ich jetzt, in welchem Auto er fuhr – und, dass er fahren konnte.

Mom erzählte ich nichts von dem verdächtigen Mann, um sie nicht zu beunruhigen. „Wie geht’s den Pferden?“, fragte ich stattdessen beiläufig. Mom fuhr sich durch die Haare und ihr Blick wanderte zufrieden über den Hof. „Denen geht’s super! Aktuell scheint sich alles zum Guten zu wenden! Vor Kurzem hat Lia uns richtig viel Geld gespendet. Weil ihr einen großen Anteil von Tornados Erträgnissen offenbar in irgendwas Unnützes investiert habt, haben wir nur noch wenig Geld für den Umbau übriggehabt, aber zum Glück kam Lia mal wieder wie der rettende Engel in der Not.“ Sie lächelte breit und spielte glücklich am Reißverschluss ihrer Fleecejacke herum.
„Robs und meine Ausgaben waren überhaupt nicht unnütz!“, erklärte ich wütend und verschränkte die Arme vor der Brust, „Bevor du das ganze Geld in Renovierungsarbeiten verschwinden lassen konntest, wollten wir lieber noch die ganzen Sachen mit den Pferden abschließen! Wir haben die Hufeisen-Schulden beglichen, neues Kraftfutter gekauft und noch viel mehr gemacht, was du ansonsten vergessen hättest – zum Beispiel haben wir die zweite Entwurmung von Carlo schon mal vorbezahlt.“ Für einen Moment schien Mom nicht zu wissen, ob sie dankbar oder stinksauer sein sollte, und schließlich zuckte sie mit den Achseln und sagte ausdruckslos: „Jedenfalls hat Lia jetzt ganz viel gespendet. Ob das alles von Knöllchen kommt?“
Lias Weise, Mom Geld zu beschaffen, war mir schon immer etwas merkwürdig vorgekommen. Illegale Knöllchen waren echt was, worauf ich nicht gekommen wäre. Aber es war schon ziemlich vorstellbar, dass das ganze Geld, das Lia neulich gespendet hatte, von Knöllchen kam – schließlich war der McDonald's beim falschen Parkplatz ungefähr der einzige in der Stadt.
„Sag mal, wie viel hat sie eigentlich gespendet?“, fragte ich Mom. Die strahlte. „Erst 367 Euro, danach hat sie mir noch 175 Euro gespendet. Ganz schön hohe Beträge, was? Deswegen ist Lia ja so wichtig. Und natürlich, weil sie bei den Pferden und beim Umbau generell hilft. Dafür, dass sie uns gestern beim Rohrsystem geholfen hat, bin ich ihr wirklich sehr dankbar.“
 

Ich war in Gedanken noch beim Geld geblieben. Die zweite Spende konnte ich mir so erklären: Die Knöllchen, die Lia verteilte, forderten immer eine Gebühr von 25 Euro, sieben Falschparker haben ihr also die Rechnung überwiesen. Aber den Rest konnte ich mir nicht erklären. Natürlich ging ich davon aus, dass er von Knöllchen kam, aber 367 konnte man nicht durch 25 teilen. Naja, dazu musste ich sagen, dass Lias Kaffeekonsum nicht gerade gering war und die merkwürdige Zahl sicher darauf zurückzuführen war, dass Lia mit einem Teil vom Geld Kaffee-Lattes bei Jette und Timo gekauft hatte. Trotzdem war die Sache unlogisch, denn warum waren dann die 175 Euro unbeschadet geblieben? Grübelnd runzelte ich die Stirn.
Als hätte Mom meine Gedanken erraten, legte sie eine Hand auf meine Schulter und flüsterte grinsend: „Mathematische Rechnungen warten erst in der Schule wieder auf dich, du Meisterdetektivin. Genieß doch deine Ferien!“

Ich schmunzelte. „Mach ich doch!“

 🐴

Nach dem Mittagessen (Ramen für alle, bezahlt von Tasuke) lief ich Rob über den Weg. Er stand unter einem Baum und aß einen Cheeseburger. Während er mir zuzwinkerte und so klarmachte, dass Lia Erfolg mit ihren Knöllchen gehabt hatte, bemerkte ich Lynns kleinen roten VW und hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde. Mit selbstbewusster Haltung stieg der Mann im Kapuzenpulli aus. „Hey, Rob“, flüsterte ich, „das ist unser neuer Verdächtiger! Am besten verfolgen wir ihn jetzt!“
Rob grinste. „Klar, alle sind hier superverdächtig! Auch wir! Also jetzt anders verdächtig. Arme Ayesha.“ Er schob sich den Rest seines Cheeseburgers in den Mund und ging einen Schritt nach vorne.
Ich verdrehte schmunzelnd die Augen, wurde aber schnell wieder sachlich. „Im Ernst! Wir machen das jetzt! Die
Sabotage muss so früh wie möglich gestoppt werden!“
Wir konnten sehen, wie der verdächtige Mann sich von Lynns Auto entfernte und auf die Koppel schlich. Wie auffällig war das denn bitte?! Rob starrte ihm entgeistert hinterher. „Ist gut, du scheinst es ernst zu meinen! Was hat der wohl mit den Pferden vor? Will er die vielleicht kidnappen?“
„Sieht ganz so aus!“ Ich nickte stürmisch und wandte meinen Blick nicht mehr von dem Mann ab. Unsere Pferde wurden gekidnappt! Er scheuchte Cora und Sternschnuppe nervös und gebückt in den Pferdeanhänger, der immer noch an Moms Auto befestigt war. Die Pferde wieherten erschrocken.
Rob sprang aus dem Schatten des Baums und pirschte sich an den unbekannten Entführer ran. Der bemerkte ihn nicht und setzte sich auf Moms Fahrersitz. Boah, den Autoschlüssel zu Moms Auto hatte er also auch geklaut!

Rob beruhigte Cora und Sternschnuppe, während er halb im Pferdeanhänger stand. „Hey! Das ist gefährlich!“, warnte ich Rob im Flüsterton und rannte zu ihm, „Was, wenn der Typ losfährt?!“ Meine Worte schienen Unglück zu bringen, denn in genau der Sekunde wurde der Motor gestartet. Panisch schlug ich die offene Tür des Pferdeanhängers zu, damit Rob (und die Pferde) nicht rausfallen konnten. Ich begriff, dass das Auto losfuhr und ich den Mann nur weiter verfolgen konnte, wenn ich auf den Pferdeanhänger kletterte. Also schwang ich mich auf die Tür, die dank des „Fensters“ für die Pferde einen Vorsprung bildete, und stieg dann auf das Dach des Pferdeanhängers. Plötzlich hatte ich Angst, bei dieser gefährlichen Abenteuerfahrt ins Ungewisse umzukommen. Was, wenn ich von einem Tunnel zerquetscht wurde oder sich die Windrichtung so plötzlich änderte, dass ich vom Anhänger flog? Abspringen konnte ich jetzt nicht mehr; das wäre noch sicherer mein Ende.
Aber erst recht gefährlich wurde es für Rob. Es musste nur ein Pferd nach einer störenden Fliege treten und er hatte mindestens einen Herzinfarkt und drei gebrochene Körperteile! Oder ein Pferd bäumte sich auf, biss ihn in die Hand oder drängte ihn in eine Ecke, dass ihm die Puste wegblieb! Ich war mehr als erstaunt, dass er trotz dieser Risiken immer noch auf meine Frage antwortete, die ich ihm gefühlt schon vor zehn Minuten gestellt hatte: Was, wenn der Typ losfährt?
„Dann bleib ich bei den Pferden!“, keuchte er, „Sonst drehen die vor Angst noch durch!“ Besorgt steckte er den Kopf aus dem Bereich über der Tür, durch den frische Luft in den Pferdeanhänger kommen konnte. „Rilana?“, fragte er, „Wenn der Kidnapper anhält, zum Beispiel, um zu tanken, springst du ab und versuchst, zurückzulaufen, okay? Ich weiß nicht, wohin diese Fahrt führt! Unsere Aktion ist mehr als crazy! Checkst du?!“

„Ja, klar“, flüsterte ich mit wehenden Haaren in den Wind, während ich mich vortastete und meine Hand nach unten ausstreckte. Ich ließ meinen Kopf über den Rand des Pferdeanhängers hängen und schaute Rob kopfüber in die Augen. „Willst du hoch?“, fragte ich leise. Er zögerte. Dann streckte er seine Hand aus und griff meine.
Der Fahrtwind schleuderte mich nach hinten, so dass Rob wahrscheinlich dachte, dass ich ihn schon nach oben zerren wollte. Ich kämpfte gegen den starken Wind an. Unbeholfen stocherte ich mit den Füßen auf dem Dach herum.

Robs Stimme stieg gedämpft an meine Ohren. „Nee“, antwortete er, „ich bleib hier. Ist zu gefährlich. Für mich und die Pferde. Die würden doch aufschrecken! So 'ne Fahrt ist eh schon schlimm genug. Ich würd's ja ganz gern machen, aber ich glaub, es ist besser, wenn ich hier noch für sie da bin. Dann kann ich sie auch beruhigen und so.“ Ich spürte, wie er meine Hand losließ. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich so, als würde mich der Fahrtwind gleich mit sich reißen, aber zum Glück fand meine Hand eine Sekunde vor der Katastrophe Halt.

Wir fuhren inzwischen auf einer von Fichtenwäldern umgebenen Autobahn und wurden ab und zu von im Gegensatz zu uns klein wirkenden Autos überholt. Bestimmt wunderten sich nicht wenige Autofahrer über mich und den Menschenkopf, der aus dem Pferdeanhänger rausguckte – bestimmt war so etwas auf der Straße auch verboten.
Die Luft war sommerlich warm, aber von stinkenden Auspuffgasen und überhitzten, durchgeschwitzten Pferdehintern verpestet. Ein Trost war der Hauch von frischer Waldluft, die aus den Fichtenwäldern kam. Ich lenkte mich von den Pferdehintern ab und schaute ein wenig zur Seite, wo mit Graffitis vollgesprühte Lärmschutzmauern die Autobahn vom Wald abtrennten. Es kam mir so vor, als würden Leitplanken aus dem Boden sprießen und wieder darin verschwinden, bevor man sich an sie gewöhnt hatte. Genau so ein Phänomen waren die weißen Striche der Überholspur, die jeden Bruchteil einer Sekunde erneut aufzuploppen schienen. Wie lange diese Fahrt wohl noch dauern würde? 

Argh! Mein Handy vibrierte. Ich riskierte den umständlichen Aufwand und nahm das Smartphone aus der Tasche meiner weißen Jogginghose. Wer kam bitte auf die Idee, jetzt, zur beknacktesten Zeit, eine Nachricht zu schreiben?! Na ja, ich hatte ja auch keinem gesagt, dass ich auf Verbrecherjagd abgebraust war.
AyAy fragte mich, wo ich war. Ich tippte mit zittrigen Fingern auf das Sprachnachricht-Symbol und schrie extralaut ins Handy: „Auf der Autobahn und in Lebensgefahr! Übrigens stresst es mich, wenn eine Nachricht aufploppt! Lass es einfach ganz oder ich ignorier dich halt! Nicht persönlich nehmen, aber ich bin grad mitten auf der Autobahn und spreche gegen die Windrichtung! Ich meld mich später!“ Wie erwartet schrieb AyAy zurück, dass ich mal wieder voll das Detektiv-Girl war, aber ich steckte nur das Handy weg. Diesen Kommentar hätte sie sich jetzt echt sparen können. Gut, dass ich weggelassen hatte, dass Rob dabei war. Das hätte nur zu total unerwünschten (!!!) Spam-Nachrichten geführt, die ich jetzt echt nicht brauchen konnte.

„Wie, was?“, kam es von unten von Rob.
„Meine Freundin hat mich gefragt, wo ich bin!“, erklärte ich gen Süden. Weil ich gleichzeitig das Handy wegstecken und mir den Schweiß von der Stirn wischen wollte, blieb ich für mehrere Sekunden einhändig und rutschte fast ab. Als Erstes das Handy wegstecken. Dann der Schweiß. Der floss mir inzwischen in Strömen über die Stirn – und gegen erbarmungslosen Achselgeruch konnte ich jetzt auch nichts mehr tun.

Plötzlich wurden alle Geräusche um mich herum lauter. Ich schaute über meine Schulter nach hinten und stellte entsetzt fest, dass ein Tunnel auf uns zugerollt kam. Ich presste mich so flach wie möglich an das Dach des Pferdeanhängers und sah, wie die Tunneldecke knapp ein paar Zentimeter über mir vorbeirauschte. Kurz bevor wir wieder ans Tageslicht kamen, stießen meine Füße schmerzhaft gegen eine Platte, die von oben kam. Ich versuchte, den Atem anzuhalten und mich noch platter zu machen, denn meine Kollision mit dem tiefhängenden Straßenschild musste der Kidnapper wohl gemerkt haben.
Im ungünstigsten Moment wieherte Sternschnuppe laut. Ich hob meinen Kopf instinktiv und stellte erleichtert fest, dass das Straßenschild bereits vorbei war. Dann kamen wir auch schon wieder ans Tageslicht. 

„Rob, alles in Ordnung?“, stieß ich hervor und ließ meinen Kopf wieder zu ihm runterhängen.
Er schaute zu mir und streckte den Arm nach mir aus. „Äh, ja. Werde zwar von zwei Pferden in die Enge getrieben und stecke total in der Klemme, aber trotzdem ist alles in Ordnung! Übrigens hat sich Cora gerade aufgebäumt!“ Er lachte nervös und hustend. Ich lachte mit. „Du hast vielleicht Humor!“, brachte ich heraus, während ich alles daran setzte, seine Hand zu erwischen und ihn hochzuziehen. Zum Glück beruhigten sich die zwei Pferde nach einiger Zeit wieder und Rob arbeitete sich zu mir vor. „Ich bleib hier unten!“, sagte er nach ein paar Fehlversuchen, sich auf die Tür zu stellen.

„Stütz deinen Fuß auf dem Riegel ab!“, wisperte ich, verlor aber den Halt. Ich schwankte bedrohlich zur Seite. Und dann geschah es: Das, was ich schon die ganze Fahrt über befürchtet hatte.
Kreischend fiel ich vom Dach, einen letzten zittrig zuckenden Finger noch am Pferdeanhänger. Ich versuchte, mich mit diesem zittrigen Finger festzukrallen, aber weil er so schweißüberströmt war, rutschte ich schließlich doch ab.
 

Aus dem Luftfenster über der Tür schnellte Robs dunkler, muskulöser Arm. Er packte mich über der Hüfte und rief hektisch: „Versuch, auf dem Kotflügel Halt zu finden!“
Mit den Händen klammerte ich mich an Robs Arm fest, mit den Füßen baumelte ich nach dem Kotflügel. In dem Moment hielt das Auto an. Durch den Ruck flog ich endgültig runter. Zum Glück war Moms Auto gerade nicht in einer Gruppe von überholwütigen Autos und schneckenartigen LKWs. Nein, es war das einzige Auto auf der Spur.

Cora und Sternschnuppe wieherten laut, während der Kidnapper auf dem Rasen anhielt. Ich hatte gerade noch Zeit, mich aufzurappeln und hinter den Pferdeanhänger zu springen, bevor er die Fahrertür aufstieß und mich entdeckte. Rob und ich atmeten synchron aus, als er ärgerlich murmelte: „Die Pferde machen es mir ja auch nicht gerade einfach.“ Der unbekannte Mann zündete sich eine Zigarette an. Nachdem er den Tabak tief eingesogen hatte, marschierte er um das Auto herum und pustete eine stinkende Rauchwolke aus. Ich wich im letzten Moment aus, als er zum Pferdeanhänger lief. Er bemerkte mich nicht und schnipste verärgert den brennenden Zigarettenstummel in den Rasen. Dann ging er mit großen Schritten zurück zur aufgesperrten Fahrertür und Rob zischte mir zu: „Lauf zurück! Jetzt ist die Chance! Lauf zurück zum Hof! Ich bleib bei den Pferden.“
I
ch starrte ihn entgeistert an. „Nein! Das ist viel zu weit weg! Ich... krieg das nicht hin!“
„Aber...“ Rob schüttelte mich durch. „Dann nimm halt die U-Bahn oder so! Mach dich aus dem Staub! Wir fahren hier ins Ungewisse! Vielleicht endet diese Fahrt erst in paar Wochen, oder wir verlassen zum Beispiel das Land!“ Er sah mir eindringlich in die Augen und machte eine wegscheuchende Handbewegung. Ich wollte gerade auf ihn hören und vom Kotflügel springen, auf dem ich inzwischen stand, aber da setzte sich das Auto in Bewegung. Ich sah auf den Boden – um genauer zu sein, in den Staub – und nahm für ein paar Sekunden Robs Hand. Jetzt konnte ich schon wieder nicht abspringen. Egal. Abspringen wäre Selbstmord, also musste ich mitfahren. Es war meine einzige Chance, zu überleben.
 

Bevor ich wusste, was mit mir passierte, zog mich Rob ins Innere des Pferdeanhängers. „Sorry“, sagte er, „geht nicht anders. Auf dem Kotflügel kannst du nicht ewig bleiben, und wieder raufklettern wäre auch keine gute Option.“
Ich nickte und legte Sternschnuppe eine Hand auf den Hals. Keine gute Idee. Sternschnuppe bäumte sich auf, trat nach hinten und wieherte markerschütternd laut. Cora wurde von Sternschnuppes Panik erfasst und schnaubte, während sie mit gefletschten Zähnen in die Luft biss.
Rob wich in eine Ecke aus, aber die Pferde engten ihn immer weiter ein. Ich wollte die Pferde packen und beruhigen, aber sie waren unberechenbar geworden. Vielleicht hätte ich doch besser dran getan, nach oben zu klettern; jetzt war es zu spät. Ich quetschte mich neben Rob und konnte jetzt nur noch hoffen, dass alles gut ging. Was man doch nicht alles für Abenteuer auf sich nahm, um möglichen Café-Saboteuren zu folgen.
 

Ich presste mich gegen die Tür und hielt den Atem an. Das Auto stoppte fast! Jetzt wurden wir entdeckt. Und der Fahrer hatte gemerkt, dass im Pferdeanhänger eindeutig etwas faul war.
Aber zu unserer Überraschung fuhr das Auto noch ein Stück weiter, bis es bei einem großen Backsteinhaus am Straßenrand hielt und auf einen Parkplatz fuhr. Ein Haus direkt neben der Autobahn – wenn das mal nicht total merkwürdig war!
Die Pferde wurden ruhiger, als das Auto verlangsamte und wir den dröhnenden Lärm der Autobahn hinter uns ließen. Der Motor setzte aus und aus der Fahrertür schwang sich der Kapuzenmann.
Ich sperrte die Tür vom Pferdeanhänger auf und sprang aus der Gefahrenzone. Rob sorgte dafür, dass die Pferde noch im Anhänger blieben. Er hatte offensichtlich damit gerechnet, dass ich nach Hause laufen wollte, denn als ich mich vor den Mann im Kapuzenpulli stellte und ihm den Weg versperrte, bildete sich auf Robs Gesicht ein fragender Ausdruck.
„Hey, Sie!“, schimpfte ich auf den Kidnapper ein, „was haben Sie vor? Warum haben Sie uns hierhergebracht? Ich will wissen, was Sie mit den Pferden wollen!“ Ich packte seinen Arm, damit er nicht weglaufen konnte.
„Ich will die Pferde an meine Freunde verkaufen, du!“, knurrte der Mann und schlug seine Kapuze zurück. Ich wich einen Schritt zurück, als ich ihn erkannte. Lynns Mann?! Die Pferde gehörten ihm doch gar nicht, sie gehörten ja nicht mal Lynn! Woher hatte er den Autoschlüssel für Moms Auto? Das alles war komplett unlogisch. Ich wollte ihm tausend Fragen auf einmal stellen, aber er fiel mir ins Wort: „Und ihr seid wohl die ganze Zeit bei mir mitgefahren, was? Dreiste Kinder! Ihr seid wohl verrückt geworden!“
Rob brüllte ihn vom Pferdeanhänger aus an: „Sie ja wohl nicht weniger! Und ich bin schon achtzehn, also kein Kind mehr! Ich hab sogar schon meinen Führerschein, und ich fahre den Tesla meines Vaters! Trotzdem kidnappe ich keine Pferde! Und Sie sollten inzwischen wissen, dass man sowas nicht macht! Ich wette, Ihre Frau und die Freundin Ihrer Frau wissen nicht, dass Sie jetzt illegal versuchen, unsere Pferde zu verkaufen! Ja, was Sie machen, kommt mir illegal vor!“ Er sprang blitzschnell aus dem Anhänger und verriegelte die Tür. „Los! Setz dich auf den Beifahrersitz!“, rief er mir zu und sprang selbst auf den Fahrersitz.
Ich befolgte seine Anweisung und schwang mich auf den Beifahrersitz. Während Rob die Fahrertür zuknallte und rückwärts losbrauste, fuhr ich mein Fenster herunter und schrie Lynns Mann hinterher: „Wo haben Sie eigentlich den Autoschlüssel her, na? Geklaut?“
Lynns Mann drohte uns mit der Faust und drehte sich schließlich mit dem Fuß aufstampfend weg. Ich konnte noch sehen, wie er sich eine Zigarette anzündete.
„Ich bring die Pferde zurück!“, schnaubte Rob neben mir, „Ich lass seine Crazy-Aktion nicht zu! Erzählst du später deiner Mudda, dass er ihren Autoschlüssel hat?“
Ich nickte. Der Mann warf so viele Fragen auf. Warum wollte er Geld mit den Pferden machen? Das hatte überhaupt keinen Zusammenhang zu verbogenen Gabeln und einer leeren Kasse! Er schien eher dem Reiterhof schaden zu wollen und nicht dem Café. Aber warum hatte er dann mit Timo gestritten?

Seufzend tippte ich in den Chat mit Ayame:
Die Abenteuerfahrt ist beendet. Ich sitze im Auto und wir fahren ohne den Kidnapper wieder zu euch.

Wer ist wir? Mit wem fährst du da?

Kein Grund zur Verdächtigung! Ich fahr mit Rob.

Oho... Und wer ist der Kidnapper?

Du musst raten.

Der Tierarzt? Ein Unbekannter? T?

Lynns Mann, der Kettenraucher.

Hä? Der? Ich check's nicht. Du auch nicht?

0 %.

Haha. Kommst du bald?

Ja, die fahrende Rauchwolke wollte Cora und Sternschnuppe verkaufen. Komischerweise hatte er auch den Autoschlüssel von Moms Fiat. Eigentlich wollte ich ihn noch mehr ausfragen, aber dann ist Rob mit mir auf dem Beifahrersitz losgefahren.

OMG! Du bist ultra detektivgirlig! Wetten, du hast alles selber kombiniert?

Einigermaßen.

 🐴

Nach 15 Minuten waren wir wieder beim Hof. Durch das Autofenster sah ich, dass Ayame und Mayari schon auf uns zuliefen. Ich winkte.
Rob parkte. Bevor er ausstieg, sagte er grinsend: „Letzter Halt: Reiterhof Westfried. Ich bring jetzt die Pferde auf die Koppel. Irgendwie war das Abenteuer lustig. Und voll gefährlich.“ Dann stieß er die Fahrertür auf und sprang aus dem Auto.
Ich stieg auch aus und ging auf Mayari und Ayame zu. Als Rob und die Pferde außer Sichtweite waren, fuhr sich Mayari schelmisch mit der Hand übers Kinn. „Hmm...“, begann sie, „Grips, Muskeln und Humor. Bist du dir sicher, dass du aus Detektivinstinkt ein wildes Abenteuer auf der Autobahn eingegangen bist?“
Ich trat ihr auf den Fuß. „Ey, ich hasse dich!“ Mayari fühlte sich sofort angegriffen.
Ayame kam dazwischen. „Man muss nicht auf Stereotype stehen. Und ich glaub, Lana ist nicht so verknallt wie wir. Sie ist 'n cooles Detektiv-Girl, das sich durch nichts ablenken lässt. Im Gegensatz zu mir. Ich würde sagen, wir konzentrieren uns in Zukunft einfach mehr auf den Fall. Ich muss üben, mehr wie Rilana zu sein. Ansonsten krieg ich dauernd wegen irgendwas Heulkrämpfe.“ Sie schaute zum Café.
Mayari hakte sich bei uns unter. „Wir können es T jederzeit zeigen!“
Ayame seufzte. „Sorry, Leute. Ihr müsst keine Codewörter oder Buchstaben-Abkürzungen benutzen, nur weil ich dauernd T sage. Der Buchstabe soll verboten werden. Ihr könnt ruhig... Ihr könnt ruhig Timo sagen.“
„Wir klären das morgen, okay?“, beschloss ich und schaute meinen Friends in die Augen. „Ich hab Hunger. Essen wir Abendessen?“
AyAy und Yari nickten synchron.
„Morgen früh. Unbedingt“, murmelte Ayame, während wir zum Haus gingen, um uns dort Hühnerfrikassee aus der Packung
zuzubereiten.

Als wir unser Essen verputzt hatten, hielt ich wie eine Heilige meinen Zeigefinger hoch. „Und jetzt machen wir alle zusammen den Abwasch!“, ordnete ich an. Weil wir zu dritt ein starkes Team waren, ging das super fix.
„Ich geh Cora noch mal gute Nach
t sagen“, erklärte Mayari und sauste aus dem Zimmer. Ayame blieb noch kurz bei mir und zeigte glücklich auf ihr Freundschaftsarmband. „Das ist wirklich toll geworden“, sagte sie, „Ab jetzt trag ich das jeden Tag. Ja, ich geh auch noch zu Sternschnuppe. Die hat ja ziemlich viel durchgemacht heute. Und vielleicht ist Ice Cream ja auch draußen auf der Koppel.“
Ich nickte. Dann watschelte ich in abgetretenen Pantoffeln und der schmutzigen weißen Jogginghose in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Es war todnervig. Kein Outfit konnte ich zwei mal anziehen, einfach nur wegen der Sabotage im Waltz-Café. Seit sie begonnen hatte, war dauernd Körpereinsatz gefragt.
Ich wechselte die durchgeschwitzten Abenteuer-Zeugen gegen ein gut riechendes schwarzes Oversize-T-Shirt, das ich einfach als Kleid benutzte. Falls ich noch mal rausmusste, zog ich mir noch elastische Sport-Shorts unter.

Ich checkte mein Make-Up im Taschenspiegel ab und stellte fest, dass es mindestens nötig war, den Lipgloss nachzuziehen. Als ich damit fertig war, suchte ich mein Handy. Ich Schussel hatte es noch in der Tasche meiner weißen Jogginghose gelassen, die inzwischen im Wäschekorb steckte. Zum Glück schaffte ich es, sie wieder rauszufischen und rief Mom an. Ich erzählte ihr von Lynns Mann und dass er die Pferde gekidnappt und ihren Autoschlüssel geklaut hatte. Mom war mehr als stinkig und versprach, noch mal ein Wörtchen mit ihm zu reden. Aber ich bekam auch ein Stück von ihrer Wut ab, denn sie warf mir vor, dass ich den Pferdeanhänger mit meiner waghalsigen Aktion hätte schrotten können. Außerdem verziehen gestresste Mütter es ihren Kindern nicht so schnell, wenn diese sich mal wieder in Lebensgefahr gebracht hatten. Ich beendete den Anruf, schlüpfte aus meinem Outfit und sprang unter die Dusche. Meine Schweißattacken während des Abenteuers waren der blanke Horror gewesen.
Wieder im Oversize-T-Shirt, föhnte ich mir die Haare. Als sie trocken waren, machte ich mir die unpraktische Strähnchen-Frisur, die ich gestern Morgen abgelehnt hatte. Heute konnten sie nicht mehr stören, weil ich mich unter keinen Umständen auf eine Action-Einlage am Abend einlassen würde.

Endlich ging die Sonne unter.
Ich stapfte in den Pantoffeln zum Fenster, um das Rollo runterzulassen. Moment, eine Gestalt huschte am Haus herum. Von oben sah ich nur eine gelbe Mütze.
Was wollte Rob denn noch hier? Ich stürmte sofort die Treppe runter, um ihn zu verhören. Ich versprach mir, dass das die letzte Aufregung an diesem Tag sein würde.
Ich stemmte die Arme in die Hüften, die durch das schwarze Schlabber-T-Shirt ziemlich formlos erschienen.
„Hi! Rilana!“, sagte Rob lässig. Ich runzelte die Stirn. „Was machst du hier?“, fragte ich schroff. Das war jetzt echt verdächtig. Hatte Rob das ganze Abenteuer mit Lynns Mann abgesprochen und wollte, dass ich auf der Autobahn starb? Unmöglich. Das überstieg meine Fantasie.
„Bei euch ist der Sonnenuntergang immer so cool. Aber warum rastest du so aus?“ Rob schaute fragend.
„Um einen Sonnenuntergang zu beobachten, braucht man nicht verdächtig vor meinem Haus rumzuschleichen! Außerdem ist die Sonne schon fast ganz untergegangen und ich werde den Verdacht nicht mehr los, dass du mich auf der Autobahn töten wolltest.“
„Wusste ja gar nicht, dass du so witzig sein kannst! Und übrigens wolltest du den Kidnapper verfolgen.“
„Ich meine das alles total ernst! Versteh mich jetzt nicht falsch!“
„Okay, okay. Aber wie kommst du auf die Idee? Mord auf der Autobahn!“
Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Hier entsteht gerade ein Missverständnis. Sag ehrlich: Wie steht es um den Mordversuch?“

Rob unterdrückte ein Lachen. „Der ist ein absurdes Fantasieprodukt. Es ist immer noch Herr Waltz kriminell, nicht ich. Nein, ehrlich. Ich hab nicht versucht, dich zu töten.“ Er hielt Mittelfinger und Zeigefinger in die Höhe, und zwar nicht überkreuzt.
Ich nahm seine Hand runter. „Okay, verstehe. Du wolltest mich wirklich nicht töten. Ist schon gut. Aber ich wette, das mit dem Sonnenuntergang ist eine Lüge. Was willst du hier?“ Mein Tonfall wurde immer aufdringlicher.
Rob grinste, antwortete aber nicht. Schließlich verschwand er in der zunehmenden Dunkelheit und sagte noch: „Weißt du doch. Guck mal, jetzt ist die Sonne ganz untergegangen. Wir sehen uns morgen.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen ging ich ins Haus und stieg die Treppenstufen zu meinem Zimmer rauf. Flaues Gefühl? Na ja, oder ein Kribbeln. Irgendwas dazwischen.

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