Kapitel 8: Handy, Horror, Herzklopfen

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 8:Handy, Horror, Herzklopfen

Ich wachte auf, als Mom mit einem Löffel auf die Unterseite ihres Kochtopfs hämmerte. Ich schlug die Augen auf. „Was ist denn los?“, fragte ich schlaftrunken und schnipste ein Schlafkörnchen weg. Mom hielt einen Flyer für unseren Reiterhof hoch. „Lia hat Reklame gemacht! Steh schon auf, wir müssen die Reithalle und allgemein den ganzen Hof vorbereiten! Irgendwelche Kinder wollen jetzt hier reiten lernen.“
Als Mom aus dem Zimmer getreten war und meine Tür hinter sich geschlossen hatte, rollte ich mit den Augen. Wenn ich heute als Ponymädchen gefragt war, konnte ich ja wohl kaum in meinem Rockstar-Outfit rumlatschen. Ich schlüpfte in meine grauen Shorts, zog mir Reiterstrümpfe an und warf mir mein graues T-Shirt über. Zum Schluss kam noch ein pinkes Baumfällerhemd drauf, um den professionellen Ponymädchen-Look zu unterstreichen. Mit Cookies im Bauch, geputzten Zähnen, unauffälliger Schminke und einem geflochtenen Zopf nahm ich meine blaue Longchamp-Tasche und steckte meine Füße in schwarze Reitstiefeletten. Ich war absolut überzeugend. Bestimmt würden alle von mir denken, ich sei ein waschechtes, erfahrenes Berufsponymädchen. In meiner berufstauglichen Kombi flitzte ich also die Treppe runter und sperrte dann die Tür auf. Die noch kühle, morgendliche Sommerluft kam mir entgegen und erfüllte meine Lunge mit dem Duft der Wildkräuter, die auf der Koppel wuchsen.

In der Reithalle traf ich auf Mom, Mayari, Ayame und Ayesha. Meine Friends schienen auch als Hilfskräfte für den Pferdetag eingeplant worden zu sein. Wo war Rob geblieben? Anders als AyAy und Yari hatte er ja einen festen Job hier und eigentlich wäre es automatisch seine Aufgabe, alles vorzubereiten und die kleinen Pferdefans zu unterrichten. Ich schaute mich um. Mom hatte wohl ähnliche Gedanken wie ich. „Hast du gesehen, wo Rob sich verschanzt? Ich habe ihn heute noch gar nicht zu Gesicht bekommen!“ Sie runzelte die Stirn.
„Ich frag mich auch, wo er steckt“, meinte ich besorgt. Mom warf mir ein Banner aus weißem Stoff zu. Sie rief: „Mach das über dem Eingang zur Reithalle fest, Schatz.“
Ich befestigte das Banner an zwei Haken, die rechts und links vom Eingangstor zur Reithalle am Backstein befestigt waren. Als ich fertig mit dem Aufhängen war, konnte ich endlich erkennen, was auf dem Banner stand. Eingerahmt von den Silhouetten zweier Pferde stand darauf in Großbuchstaben mit Serifen: „WILLKOMMEN AUF DEM REITERHOF WESTFRIED“. Wie immer, wenn ich den Nachnamen meiner Familie irgendwo stehen sah, musste ich schmunzeln. Vor allem, wenn es professionell wirkte.

🐴

Als ich Moritz zum Putzplatz führte, stellten sich seine Ohren auf. „Was ist denn?“, fragte ich und schaute mich um.
Ich verdrehte die Augen. Unsere Kunden, nämlich vorlaute, gemeine, zappelige Nervensägen, kamen gerade an. Als ich den aufgeregten Moritz festgebunden hatte, ging ich einige Schritte auf unsere Kunden zu. „Hi“, begann ich, „ihr seid zum Reiten hier, oder? Ich bin Rilana.“
„Hi Rilana!“, quasselte die Kleinere drauflos, „Ich bin Valerie! Wir können schon richtig gut auf Ponys reiten und wollen es jetzt das erste Mal auf Pferden ausprobieren! Und wir kennen uns schon richtig gut aus!“ Valerie hüpfte begeistert in ihren schwarzen Kinderreitstiefeln auf und ab. Sie trug einen großen türkisen Reithelm auf dem blonden Lockenkopf. Ich schätzte sie auf sechs bis acht Jahre. Ihre Schwester war etwas größer und hatte eher rotblondes Haar. Sie trug die gleichen Stiefel wie Valerie, nur in einer größeren Größe. Ihr Reithelm war schwarz. „Ich bin Vicky. Wir haben auch noch einen größeren Bruder, der Vidar heißt. Wir sind eine V-Familie!“, erzählte sie stolz und ich musste mich dazu durchringen, nicht zu einem Vollzeit arbeitenden Augenroll-Roboter zu werden. Mit ihrer Plapperei gingen mir Valerie und Vicky echt auf die Nerven. Seit wann interessierte es mich bitte, dass sie einen großen Bruder namens Vidar hatten und deswegen eine V-Familie waren?! Die Eltern hatten wahrscheinlich sowieso
keine Namen mit V und deswegen waren sie nur V-Geschwister.
Ich war ziemlich erleichtert, als Ayame und Mayari kamen und die V-Nervensägen zum Reiten abholten. Beim Herrichten der Reithalle hatten wir unsere Dienste aufgeteilt und beschlossen, dass ich mit Ayesha die älteren übernahm, während meine Friends die kleineren mit ihren Pferden führten. Wenn sie zurückgekommen waren und sich kennengelernt hatten, trainierte Mom in der Reithalle ein paar Tricks mit ihnen. Ayesha und ich würden mit den älteren putzen und danach ausreiten. Dass ich mit der Hauptverdächtigen zusammen ein Team war, war eigentlich gar nicht so ärgerlich. Ich konnte alles mit ihr klären, ohne dabei auszurasten – und ich musste mich nicht mit Vicky und Valerie abquälen. Also war die Aufteilung ganz cool. Problematisch war, dass ich gestern schon nicht so viel Zeit mit meinen Friends verbracht hatte und sie dann auch noch diesen Film-Abend ohne mich gemacht hatten, wodurch ich heute noch mehr die Außenseiterin war.
Das hatte mir Rob eingebrockt, indem er sich versteckte und die Arbeit vernachlässigte. Würde er an meiner Stelle mit Ayesha das Putzen und Ausreiten übernehmen (wie es eigentlich geplant war), könnte ich mit Ayame und Mayari zusammenwachsen, indem wir uns gegen V und V verschworen. Ich ballte die Faust. Alles nur wegen diesem dummen Typen. Ich warf mir den Zopf über die Schulter und stampfte in den Stiefeletten zum Putzplatz, wo Ayesha Selfies schießend auf mich wartete.
Ich boxte ihr in die Seite. „Hey, steck mal lieber das Handy ein. Wir sind schon unprofessionell genug.“
Zu meiner großen Überraschung nickte Ayesha einfach. „Das stimmt. Ey, da kommen sie schon!“ Sie schob sich das Handy in die Gesäßtasche und setzte ein fakes, aber berufstaugliches Lächeln auf. Wir winkten und stellten uns vor. Als der Blick von einer Kundin auf Ayeshas offene, schwarze Haare fiel, band die sich alarmiert einen erstaunlich ordentlichen Zopf.

Ich holte einen Striegel aus dem Putzkasten. „Beim Putzen beginnt man mit dem Striegel und reinigt damit grob die großen und muskulösen Flächen des Pferds. Wir striegeln, um den gröbsten Schmutz aus dem Fell zu entfernen“, erklärte ich mit professioneller Miene und Stimme. Ich machte es bei Moritz vor. Ayesha wies auf die drei Pferde, die auf dem Putzplatz standen. „Das sind Moritz, Cora und Ice Cream. Ich teil mir Moritz mit Rilana und mit ihm machen wir alles vor. Ihr könnt jetzt unter euch ausmachen, wen ihr euch teilt. Nur eine Person kann ein Pferd für sich allein haben.“
„Okay.“ Eins der drei größeren Mädchen nickte ihr zu. „Isabel, teilen wir uns eins?“ Das blonde Mädchen, das Isabel hieß, reckte den Daumen nach oben und sagte zu uns: „Emma und ich teilen uns den Apfelschimmel.“
Ich drückte ihnen zwei Striegel in die Hände. „Das ist Cora.“ Ayesha gab dem dritten, abtrünnigen Mädchen auch einen Striegel und nahm sich selber einen. Die Außenseiterin schlurfte unzufrieden zu Ice Cream. „Das ist blöd. Ich weiß schon alles übers Putzen. Könnt ihr was Spannenderes machen?“
Synchron augenrollend drehten Ayesha und ich uns zu Moritz. Diese sozial inkompetente Angeberin war selber schuld, wenn sie zu unserem unfreiwilligen Pferdetag kam. Sie hatte doch gewusst, dass wir putzen würden, das stand im Programm! Ich schüttelte den Kopf.

Als Emma und Isabel begannen, erst leise und dann lauter über Pferdefutter zu reden, wandte ich mich Ayesha zu. „Sorry, dass ich oft so aggro zu dir war. Du bist halt einfach mega verdächtig. Sabotierst du das Café? Sei bitte, bitte ehrlich. Wenn wir diese Zicke aushalten wollen und nicht vorhaben, unseren Reiterhof ins Verderben zu stürzen, müssen wir uns jetzt halt zusammentun“, raunte ich ihr zu. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Ayesha schüttelte energisch den Kopf und traf mich fast mit ihrem voluminösen Pferdeschwanz. „Ich bin nicht die Saboteurin! Das hab ich dir doch schon so oft gesagt!“, protestierte Ayesha leise, „Ich finde das Waltz-Café super und will selber mal irgendwann eins haben! So ein richtiges TikTok-Insta-Café, wo Leute hingehen, um Fotos zu schießen, und dafür bezahlen, Werbung für mich zu machen!“ So stur, wie sie behauptete, nicht die Saboteurin zu sein, glaubte ich ihr so langsam. Die Taten im Café trafen zwar genau auf ein mögliches Motiv von ihr zu, aber sie war schon fast zu offensichtlich. Wenn ich bei den Ermittlungen weiterkommen wollte, konnte ich sie jetzt einfach nicht weiter verdächtigen. Das würde dem echten Täter nur noch mehr Zeit verschaffen.

Als ich von Moritz' Fell aufschaute und zufrieden feststellte, dass es um einiges sauberer geworden war, drehte ich mich zu Ayesha, die schnaubte. „Hey?!“, fragte ich verwirrt, „Was ist denn los mit dir?“
Meine Teamkollegin verschränkte die Arme. Sie fauchte leise: „Ich find's halt einfach … krass, dass du mich immer noch verdächtigst! Ich bin unschuldig, klar?!“ Das provozierte mich. Es machte mich sauer, dass sie wieder aggro wurde, obwohl ich ihr eine Chance gegeben hatte und wir in einem Team waren. Ich hob abwehrend die Hände und knurrte: „Schon okay. Du brauchst wirklich nicht immer gleich aggro werden. Das ist eben asozial. Mach doch einfach mal vernünftig mit. Wenn du nicht nur dauernd Selfies schießt, kriegst du sicher eine Gehaltserhöhung. Nach dem Umbau kannst du wieder mehr influencen, jetzt musst du aber mithelfen, damit es schneller geht“, machte ich ihr klar. Ayesha rümpfte nur die Nase. Aber plötzlich schien ihr eine Idee zu kommen. Ihr Gesichtsausdruck wurde wieder versöhnlicher, als sie erklärte: „Ich mach auf TikTok Werbung für den Hof und Leute, die als Hilfskräfte beim Umbau arbeiten wollen, können sich bei mir melden.“ Das war tatsächlich eine super Idee. Ich lächelte. Als Moritz uns mit der Nase anstupste und durch die Nüstern pustete, mussten wir einfach beide kichern.

Emma hielt uns ihren Striegel vor die Nase. „Wir sind fertig, Isabel und ich! Wie geht’s weiter?“
Ayesha griff in den Putzkasten, um Kardätschen rauszuholen. Ich nahm unseren drei Kundinnen währenddessen die Striegel ab. Ayesha verteilte die Kardätschen und ich verkündete: „Wir entfernen jetzt den gelösten Staub, lose Haare und übriggebliebenen Schmutz mit der Kardätsche. So wird der Körper des Pferdes gründlicher gesäubert als mit dem Striegel. Achtet darauf, immer in der Wuchsrichtung des Fells zu bürsten. Ihr fangt beim Kopf an und fahrt dann bis zum Schweifansatz runter.“
Ayesha machte die Bewegung vor und Moritz schien den Vorgang sehr zu genießen.
Die Außenseiterin stampfte mit dem Fuß auf und murmelte etwas wütendes. „Das ist alles stinklangweilig!“, schrie sie schließlich und ich merkte, wie Ice Cream erschrak. Dieses blöde Mädchen musste die reinste Folter für sie sein. Wenn sie wirklich alles besser wusste, warum wusste sie dann nicht, dass man Pferde erschreckt, wenn man laut und unberechenbar war?
Ayesha stemmte die Arme in die Hüften. „Das macht so keinen Spaß! Schrei woanders rum, nicht auf unserem Reiterhof! Beim zweiten Mal fliegst du raus“, schimpfte sie. Die Außenseiterin grummelte etwas in sich hinein und wandte sich von uns ab.
Ayesha und ich schüttelten die Köpfe. Dann putzten wir Moritz so sorgfältig, dass sein Fell glänzend und weich wurde. Wahrscheinlich kam er sich gerade vor wie in einer Wellness-Kur.

Nach zahlreichen Putz-Schritten waren wir schon beim Hufauskratzen. Die Außenseiterin war rausgeflogen, als sie während des Augenputzens einen Wutanfall bekam. Deshalb hatte Isabel Ice Cream übernommen und das Pferd schien sich damit viel wohler zu fühlen. Beim Ausreiten müsste die Verstoßene auch zugucken, damit die Pferde Ruhe hatten.
Ich schaute vom Hufkratzer auf und sah Rob vorbeilaufen. Er machte den Eindruck, als suchte er etwas oder jemanden. Seine gelbe Mütze hatte er in den Händen.
Als sich unsere Blicke kreuzten, ließ er sie fallen und wirkte richtig baff. Kurz stand er perplex da und starrte uns an, dann hob er mechanisch seine Mütze auf und setzte sie sich falsch herum auf den Kopf. Würde ich ihn nicht so merkwürdig finden, dass ich bewegungsunfähig wurde, hätte ich ihm den Vogel gezeigt.
Ayesha bemerkte ihn auch. Sie schaute von mir zu Rob und von Rob zu mir. Etwas angesäuert formte sie an Rob gerichtet mit den Lippen die Worte: „Was machst du da?“ Rob reagierte nicht, klatschte sich aber stattdessen mit der flachen Hand an die Stirn. Auf einmal wirkte er nicht mehr nur verwirrt, sondern auch verärgert. Die Hände in den Hosentaschen vergrabend verschwand er hinter dem Stall. Bevor ich begreifen konnte, dass er wieder weg war, stellte ich mir schon die Frage, was das zu bedeuten hatte.
Ayesha drehte mich an den Schultern zu ihr. „Warum starrt ihr euch so
an?!“, blaffte sie.
„Wer?“, fragte ich verwirrt, „Rob und ich?“ Ayesha verdrehte die Augen. „Wer sonst?!“
„Keine Ahnung“, gab ich zu, „Er hat mit der ganzen Starrerei angefangen! Ich hab zurückgestarrt, weil er so merkwürdig und verdächtig war! Und du... Seid ihr etwa ein Paar?“ Ayesha beantwortete meine Frage nicht und wandte sich einfach an die Teilnehmerinnen. Sie erklärte: „Jetzt kämmen wir die Mähne aus und reinigen den Schweif. Das ist wichtig für die Pferde, weil die Mähne sie vor Insekten und dem Wetter schützt und der Schweif auch vor Insekten schützt. Damit sich in den längeren Haaren aber kein Schmutz ansammelt, müssen wir sie sauber halten. Es ist eigentlich genauso wie bei unseren Haaren.“
Ich fügte hinzu: „Die Mähne kämmen wir am besten auf eine Seite. Wenn wir mit den Händen Stroh und Heu aus dem Schweif herausnehmen, stehen wir nie direkt hinter dem Pferd, weil es uns dann treten kann.“
Emma nickte eifrig und schnappte sich zwei Bürsten aus dem Putzkasten. Eine gab sie an Isabel weiter und mit ihrer eigenen fing sie an, vorsichtig Coras Mähne zu kämmen. Ich glaube, sie hatte schon gecheckt, dass man es vermeiden sollte, den Pferden Haare auszureißen. Die Außenseiterin hätte diesen Fehler bestimmt gemacht.
Ich sah mich um und stellte fest, dass sie sich von uns entfernt hatte. Sie saß auf einem Baumstumpf und scrollte auf ihrem pinken Handy herum.

🐴

Endlich waren wir fertig mit dem Putzen. Die Außenseiterin war abgehauen und hatte uns das Geld von ihrem Konto überwiesen. Dass sie überhaupt schon ein eigenes Konto hatte! Ich schätzte sie auf 12. Egal. Die musste uns nicht mehr interessieren.
„Wir reiten jetzt aus“, kündete Ayesha an, „Weil wir nicht genug Pferde haben, gehe ich neben euch und reite nicht. Damit ich noch gut mitkomme, reitet ihr am besten im Schritt.“
Ich legte meine Hand auf Ayeshas Schulter. „Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr euch an Ayesha wenden und wenn ihr zum Beispiel Probleme mit dem Zügel habt, hilft sie euch auch.“ Meine Teamkollegin nickte bestätigend.
Wir banden Moritz, Cora und Ice Cream los, legten ihnen Sattel und Zaumzeug an und setzten unsere Helme auf. Dann ritten wir los.
Ayesha lief neben Emma, die auf Cora saß. Ich fand das Ausreiten echt entspannend, weil die Außenseiterin nicht dabei war. Moritz' Hufeisen, die ich zusammen mit Rob finanziert hatte, fielen mir wieder auf. Sie leisteten gute Dienste und machten mich wirklich stolz.
Ich bemerkte, dass Ayesha dauernd nervöse Blicke nach hinten warf. Ich entschied mich, nachzusehen. Also hielt ich Moritz kurz an und warf einen Blick über die Schulter.
Hinter uns stand Rob. Mit der Mütze falsch herum auf dem Kopf. Er schien sehr angestrengt nachzudenken und wirkte verärgert-verzweifelt. „Was willst du?!“, fragte ich, aber er ging langsam wieder weg, ohne mir zu antworten.
Ayesha versah mich mit einem forschenden Blick. Ich klopfte sanft mit der Gerte auf Moritz, und er trabte weiter.

Wir erreichten den angrenzenden Laubwald, als es schon später Vormittag war. Ich war kurz davor, das Mysterium mit Rob zu vergessen, doch da sah ich noch einmal eine Gestalt mit gelber Mütze am Waldrand vorbeihuschen. Was um alles in der Welt wollte er?! Er spionierte uns aus wie ein unprofessioneller Stasi-Agent! War er etwa der Saboteur und wollte sichergehen, dass wir uns vom Café entfernten? Ab jetzt musste ich aufpassen, mit wem ich mich da auf gefährliche Autobahn-Abenteuer einließ. Und ich hatte zwei Verdächtige zu befragen: Jette und ihn. Hoffentlich schaffte ich es heute wenigstens, einen von ihnen zu erwischen.
Die Waldroute war angenehm schattig. Früher hatten wir die Ausritte oft in dem gegenüberliegenden Wald unternommen, aber dort wurde ein Pferdeverbotsschild aufgestellt, weil unsere Vierbeiner gerne Farne und junge Bäume abknabberten. Wir konnten nur hoffen, dass das in diesem Wald nicht früher oder später auch passierte.

Am Ende des Ausritts waren wir wieder beim Hof angekommen. Mom nahm uns dort in Empfang und gab den Kundinnen Schokoriegel. Also echt. Ich ermittelte hier, arbeitete hart und bei mir kam keine einzige Münze an. Aber ich bekam natürlich keine Schokolade. (Um ehrlich zu sein, hätte ich mich jetzt schon über eine Kleinigkeit gefreut!)
Emma winkte mit dem Schokoriegel in der Hand. „Hat echt Spaß gemacht mit euch!“, rief sie uns zu, während sie die Verpackung aufriss und sich von uns entfernte, „Wenn ihr wieder so was anbietet, komm ich wieder! Bis zum nächsten Mal!“ Sie lief zu einem kleinen Škoda, der gerade am Straßenrand parkte. Ihre Mutter stieg aus dem Auto und ging auf Emma zu, um sie zu umarmen. Dann legte sie den Arm um ihre Tochter und bewegte sich zu Mom. Die beiden begannen einen langweiligen Mütter-Smalltalk. Währenddessen schaffte Emma es, zu Isabel zu laufen. Schokolade essend fragten sie Ayesha nach ihrer Handynummer.

Als Mom und Emmas Mutter endlich fertig mit ihrem Gespräch waren und außerdem Isabels Mutter in ihrem Auto angefahren kam, um Isabel abzuholen, war ich ziemlich erleichtert. Ayesha und ich begannen, Moritz, Cora und Ice Cream abzusatteln und ihnen das Pferdegeschirr abzunehmen. In der berechtigten Annahme, dass ihre Mütter noch quatschen würden, liefen uns Emma und Isabel hinterher. Sie hatten Ayesha in den wenigen Stunden, die sie mit uns verbracht hatten, offenbar zu ihrer Fern-Freundin auserkoren.
Als Emma ihren Helm abnahm, konnte ich endlich erkennen, welche Haarfarbe sie hatte: Genauso wie Vicky war sie rotblond, und ihre Mutter hatte eine rotbraune Mähne.
Während sie ihr Schokoriegel-Papierchen zerknüllte und in der Tasche ihrer dunkelblauen Reitweste verschwinden ließ, fragte sie Ayesha, ob sie einen Social-Media-Account habe, egal auf welcher Plattform.
Meine Teamkollegin empfahl ihrer neuen Followerin ihr TikTok-Me.
Isabels (wie Mom blondierte!!!) Mutter winkte ihrer Tochter mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht zu und fiel Mom um den Hals. Ihre Augenbrauen waren dunkel nachgezogen und ihre Haare reichten ihr nur bis zum Kinn. Im Gegensatz zu anderen Müttern von Kundinnen würde ich mich bestimmt noch länger an sie erinnern.
Nach einem endlosen Smalltalk mit Mom und Emmas rotbraunhaariger Mutter brauste sie irgendwann mit Isabel im Auto ab, dicht gefolgt von einem kleinen Škoda, in dem eine zufriedene Emma und ihre jetzt plötzlich vom Verkehr gestresste Mutter saßen.

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Als wir endlich wieder Ruhe hatten und Vicky, Valerie, Emma, Isabel und die Mütter verschwunden waren, brachten Ayesha und ich alle Pferde auf die Koppel. Zum Glück war Ceci jetzt wieder mit ihrem Fohlen Carlo vereint! Obwohl sie auch noch kleine Kinder waren, konnte man Vicky und Valerie nicht mit ihm vergleichen. Carlo freute sich auch sehr über das Wiedersehen mit seiner Mutter. Er hatte heute von Lynn in der Abwesenheit der anderen Pferde seine zweite Entwurmung bekommen, die Rob und ich schon mit Tornados Erlös vorbezahlt hatten.
Auf dem Weg zum Haus unterhielt ich mich noch mit Ayesha. Dass wir jetzt nicht mehr voll die Feindinnen waren, war echt gut.
„Die ganze Aktion war voll anstrengend. Und ich versteh immer noch nicht, was Rob da wollte“, meinte Ayesha und klopfte ärgerlich ihre verschmutzte pinke Jogginghose ab. Als ich länger nichts antwortete und sie nur anstarrte, fragte sie: „Findest du denn nicht, dass es anstrengend war?“
„Doch, doch, natürlich“, antwortete ich schnell, „mit ungewöhnlich schmutziger Kleidung siehst du halt ein bisschen anders aus als sonst. Hast du auch Hunger? Ich freu mich schon aufs Essen.“
„Essen“ war anscheinend das Stichwort, denn als wir das Haus betraten, strömte uns der leckere Duft von
Essen entgegen. Genau definiert war dieses Essen das Mittagessen und bestand aus Käsespätzle, Hähnchenbrustfilet und Apfelsaft. Lynn hatte auch ihre hauseigene Beilage beigesteuert, den Kartoffelsalat à la Lynn Waltz.
Als wir alle versammelt am Esstisch saßen, stellte ich fest, was für ein komisches, fünfköpfiges Team wir waren: Mom, Dad, Lynn, Ayesha und ich.
Mein Magen hielt es nicht länger aus. Ich stürzte mich auf meinen Teller und leerte ihn ratzfatz, ohne so wirklich darauf zu achten, was auf ihm lag. Den ganzen Vormittag lang hatte ich nichts gegessen (geschweige denn gefrühstückt!) und trotzdem tapfer durchgehalten, damit die Kundinnen keinen schlechten Eindruck von mir bekamen. Dann war mir unfairerweise ein Schokoriegel nicht gegönnt worden, was mich total quälte. Das leckere Mittagessen war jetzt also die Rettung. Trotzdem brauchte ich drei Portionen, um satt zu werden. Mom zog schon die Augenbrauen hoch, aber ich mampfte unbeirrt weiter. Sie wusste genau, dass ich Schokoriegel über alles liebte und lange nicht mehr gegessen hatte!
Abgesehen davon war die Stimmung am Tisch echt super. Natürlich wünschte ich mir trotzdem meine Friends dazu, damit sie erstens Dads (verhältnismäßig nicht mittelmäßige) Kochkunst bewundern konnten und wir zweitens wieder mehr zusammen machten.

Ich räumte mein Geschirr ab, bedankte mich bei Dad für das Essen und stürmte unter Moms genervtem Seufzen überhastet raus. Meine Friends aßen bestimmt im Café, also suchte ich dort zuerst nach ihnen.
Volltreffer.
Ich riss die Tür zum Waltz-Café mit etwas zu viel Enthusiasmus auf (ich stolperte fast) und lief freudestrahlend auf den Zweiertisch zu, an dem Mayari und Ayame saßen. Während ich mir einen Stuhl vom Nachbartisch klaute und zum Zweiertisch schob, fragte Mayari misstrauisch: „Wo warst du?“
Dieser grummelige Empfang war ja komplett anders, als ich erwartet hatte! Ich hätte jetzt mit einem freundlichen Hi und einer BFF-Umarmung gerechnet! Aber stattdessen sowas, na toll.
„Hä, ich hab mit meiner Familie Mittag gegessen! Dad hat gekocht, Käsespätzle und Hähnchen!“, rechtfertigte ich mich verständnislos. Offensichtlich führte das aber nur zur Verschlimmerung der Lage, denn anstatt begeistert zu sein, wurde Mayari neidisch und knurrte augenrollend: „Ja, und ich muss hier bei einem Erdbeermilchshake und Zitronenmuffins sitzen. Für den Milchshake allein zech ich dann 2,66 Euro und werd noch nicht mal richtig satt. Ayames Zitronenmuffins sind ja noch sozusagen gratis, weil sie die bezahlt.“
Ayame war noch nicht so grumpy drauf wie Mayari, aber sie fiel mir auch nicht gerade um den Hals. Während sie einen großen Schluck von ihrem Matcha-Milchtee nahm, berichtete sie sachlich: „Timo hat's zurzeit voll schwer. Heute wurde wieder sabotiert, denn im Kunden-WC gab's einen Rohrbruch, der kein Zufall sein kann. So langsam werden die Sabotageakte ja immer schlimmer!“ Nachdenklich rückte sie ihre Brille zurecht. Dann fing sie an, mit leerem Blick aus dem Fenster zu starren, was mich irgendwie richtig doll nervte. Dadurch machte sie nämlich meine letzte Hoffnung auf ein vernünftiges Gespräch zunichte. Mit der Zeit hatte ich rausgefunden, dass der leere Blick bei ihr hieß, dass sie nachdachte, nicht anzusprechen war und keine Lust auf den Tag mehr hatte. Ich konnte ja einigermaßen verstehen, dass sie Trauma von Vicky und Valerie hatte und wegen dem anstrengenden Vormittag müde war, aber es war trotzdem kein gutes Gefühl, dass meine Friends nicht mit mir reden wollten. Denn eins bedeutete Ayames Haltung vor allem: Sie hatte schlechte Laune. Bei ihr war das genauso offensichtlich wie bei Mayari, die ansonsten eigentlich eher der fröhliche Typ war. Um das Gespräch nicht komplett erlöschen zu lassen wie eine kleine Flamme, die noch nie richtig groß gewesen war, meinte ich zur Sabotage: „Um ehrlich zu sein, ich verdächtige Jette. Sie geht dauernd aufs Klo – also zum Tatort – und ist die ganze Zeit im Café. Außerdem wissen wir nicht, warum sie und Timo Lia beschuldigen, Tasuke überfallen zu haben. Eigentlich haben sie gar keine Beweise oder guten Ausreden. Und ihr habt bestimmt nicht vergessen, dass sie sich irgendwie verdächtig benommen hat, als wir mit ihr über den Überfall auf Tasuke geredet haben. Was meint ihr?“ Perfekt gelöst. Mit einer Frage konnte ich sie zum Reden anregen. Denn das Letzte, was ich jetzt wollte, war bedrückende Stille und mein einsamer Monolog.
„Ja, kann schon sein. Wir müssen mal mit ihr reden“, murmelte Ayame nach einer unangenehmen Pause und schien dabei immer noch nicht ganz bei der Sache zu sein. Argh! Waren dieses Gespräch und die Stimmung denn gar nicht mehr zu retten?! Ich versuchte es mit aller Kraft und sie gaben mir nicht einmal eine Chance! Wenn sie jetzt nicht noch etwas sagten, würde ich wieder weggehen.
Ich wollte gerade ernsthaft aufstehen, als Mayari plötzlich rief: „Ich find diesen Verdacht total blöd! Jette ist unschuldig! Warum soll sie denn die Saboteurin sein?! Das Café ist doch ihrs!“ Das machte jetzt gar keinen Sinn. Solche Diskussionen hatten wir schon viel zu oft geführt, ihre Argumente waren nicht überzeugend. Mayari wollte gerade einfach nur streiten. Die Stille so zu beenden, war auch nicht gerade eine gute Lösung. Seit wann war Mayari denn so drauf?! Wollte sie mich etwa aus dem Café locken? War sie etwa verdächtig? War sie etwa die Saboteurin?!?! Ich äußerte meinen Verdacht sofort. Wenn Mayari schon wütend war, hatte ich auch Grund dazu – sogar noch viel mehr! Irgendwie war gerade alles ungerecht.
Ayame kam mit einem anderen Verdacht dazwischen (was aber nicht sehr hilfreich war): „Tasuke ist doch auch verdächtig. Er ist so oft im Café, und zwar ohne uns! Er könnte auch der Saboteur sein, und der Zwischenfall mit den Kratzern auf seinem Kopf hatte private Gründe.“ Das brachte Mayari jetzt zum vollkommenen Ausrasten, und sie schrie Ayame an: „Du verdächtigst deinen eigenen Bruder?! Du bist doch safe selber die Saboteurin!“ Dass Ayame den Verdacht auf ihren Bruder lenkte, war wirklich verdächtig. Würde sie nicht irgendwas im Schilde führen, würde sie ihn verteidigen – auch, wenn sie ihn gerne ärgerte. Ich sah sie prüfend an, und wahrscheinlich war mein Blick zu scharf geraten. Ayame stützte nämlich den Kopf in die Hände und beachtete dabei nicht, dass ihre Brille verrutschte. „Dass ihr jetzt eure BFF verdächtigt, ist gemein und unfair“, zischte sie, „Dann kann ich ja auch euch verdächtigen.“
Mayari zeigte mit bebendem Finger auf mich. „Klar, sie denkt ja auch, dass ich das Café sabotiere!“
Ich schüttelte den Kopf. „Merkt ihr denn nicht, dass das alles Quatsch ist?!“, rief ich verzweifelt, „Wir sind Best Friends Forever! Wir sind doch keine Saboteurinnen! Jette und Timo sind die einzigen, die hier verdächtig sind. Und vielleicht noch Lynn oder so. Kapiert ihr das denn gar nicht?!“
Anstatt jetzt vernünftig zu werden, stritt Ayame meine Theorie ab. „Timo ist nicht verdächtig! Das hat er doch schon so oft geschworen!“, schluchzte sie. Sie war die erste, die weinerlich wurde. Ich funkelte sie mit vorgeschobenem Unterkiefer und knirschenden Zähnen an, während ich mit den Tränen kämpfte. So unfair kannte ich meine Friends gar nicht, vor allem die ruhige AyAy. Es ging mir doch gar nicht so doll darum, dass Timo verdächtig war – ich wollte ihnen nur friedlich klarmachen, dass es Schwachsinn war, uns gegenseitig zu verdächtigen. Aber stattdessen nahm sie jetzt alles persönlich und fand Timo außerdem wichtiger als uns.
Mayari bildete eine eigene Meinung. Während sie die Arme verschränkte, kreischte sie: „Jette ist nicht schuldig! Wahrscheinlich seid ihr ein komisches Dreierteam mit Timo und sabotiert Jettes Café, um ihr zu schaden. Ich hasse euch alle!“
„Ich euch auch, aber sowas von! Ihr seid einfach nur doof!“ Ich schob meinen Stuhl weg, stapfte zur Tür, knallte sie hinter mir zu und stapfte weiter. Was ich gesagt hatte, klang irgendwie kindisch, aber anders konnte ich es auch nicht ausdrücken. Meine Ex-Freundinnen als beschissene Arschlöcher zu bezeichnen, ging einfach nicht - dafür waren sie noch zu kurz erst meine Ex-Freundinnen. Vielleicht würde ich ihnen diese Info später in den Gruppenchat schreiben (und den danach direkt löschen), wenn ich Bock hatte, Gedanken an sie zu verschwenden.
Ohne zu wissen, warum eigentlich, drehte ich mich noch mal zur Tür um. Ayame bezahlte gerade und hängte sich dann mit tränenüberlaufenem Gesicht an den überforderten Timo. Mayari starrte mich an und saß schmollend am verlassenen Zweiertisch. Sie hatte sich einen Hoodie übergeworfen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Als ich nicht mehr aushalten konnte, wie sie mich anglotzte, zeigte ich ihr einfach den Mittelfinger. Ich konnte nicht anders.
Dann rannte ich weg – direkt in Lia rein.

Nachdem ich mich eine halbe Stunde lang bei Lia über meine komischen Freundinnen beschwert hatte, gab sie mir erst einen Rat und brachte mich dann zum Glück auf andere Gedanken: „Ich glaube, es ist ratsam, wenn du in den nächsten Tagen einen Bogen um das Café machst, denn deine sturen Freundinnen werden sich dort ja wohl aufhalten. Nicht, dass ich dich davon abhalten will, zu ermitteln oder Bubbleteas zu kaufen, aber es ist die beste Lösung, würde ich mal sagen. Sie sollen schmerzlich merken, wie es sich anfühlt, wenn du ihnen fehlst. Schließlich haben sie dich doch auch verletzt, oder? Dann würde ihnen eine kleine Lektion auch nicht schaden. Deine Freundin Ayame ist meiner Ansicht nach sowieso nicht unbedingt die Art Freundin, die du brauchst – wer kann das auch schon sein, der mit Timo Waltz zusammen ist?“, sagte sie mit ernster Stimme. Das war ihr Rat. Sie schien echt eine Abneigung gegen Timo und Ayame zu haben! (Die gegen Letztere konnte ich verstehen!) Dann fuhr sie in etwas muntererem Tonfall fort: „Vielleicht solltest du mal einen Freund suchen, das wäre eine gute Ablenkung! Und es wäre ja auch so gut, dann hast du nämlich jemanden an deiner Seite – also außer mir und deinen Eltern... Ach ja, und Lynn. Also letztens erwähntest du Rob. Wie sieht's denn damit aus?“
Ich stöhnte. „Rob? Ich hab ein gefährliches Abenteuer mit ihm erlebt, ansonsten läuft da nix. Der ist komisch und verdächtig und außerdem mit Ayesha zusammen. Jedenfalls ist die offensichtlich in ihn verknallt und er hat uns beschattet.“
Lia zuckte seufzend die Achseln. „Aber wenn du ihn jetzt magst? Dann kann dir Ayesha eigentlich egal sein. Manchmal muss man Leuten schaden, um das Richtige zu tun.“ Sie lächelte mich an. Ich lächelte matt zurück, stützte aber den Kopf in die Hände und die Ellbogen auf die Knie. Das Gespräch mit Lia war zwar einigermaßen beruhigend, aber gleichzeitig auch total überfordernd. Keine Ahnung, wie das sein konnte. Denn eigentlich war es ja ein Widerspruch. Ich stand mühsam auf und ging ein paar Schritte weg.
Lia lief zu einer Stelle, wo sie Werkzeug, Ziegelsteine und abmontierte Rohre liegen gelassen hatte, um den Kram wegzubringen.

Jemand zupfte an meinem Ärmel. Ich drehte mich um und schaute direkt in Robs dunkles Gesicht. „Hey Rilana“, sagte er, „warum bist du so depri? Übrigens war das ein großer Fehler von mir, dass ich mich nicht an der Arbeit von heute Vormittag beteiligt hab. Eigentlich wollte ich dadurch nämlich erreichen, dass...“
Ich unterbrach ihn, denn dieses Geschwafel interessierte mich jetzt nicht. Ich hatte eine wichtigere Frage, mit der ich sofort herausplatzte. „Was läuft zwischen uns? Bist du in mich verknallt?!“, schrie ich unkontrolliert, weinerlich und wahrscheinlich viel zu plump.
Rob trat einen Schritt zurück und fasste sich verwirrt an die Mütze. „Ja! Ungefähr seit unserem Abenteuer, wenn du's genau wissen willst“, sagte er perplex, „Deswegen hab ich euch ja beschattet, weil ich dachte, du machst nicht mit und ich kann's dir dann in aller Ruhe sagen. Aber dann hast du dich ja an meiner Statt an der Aktion beteiligt und alles ist komplett schiefgelaufen. Ich hätte mich von Anfang an nicht verstecken sollen, dann hätte alles viel mehr Sinn gemacht. Jetzt hab ich mir damit nur einen fehlgeschlagenen Plan, Ayeshas Wut und den Ärger von Frau Westfried eingebrockt. Dumm gelaufen! Also, ich bin in dich... Äh. Das sollte jetzt nicht so klingen.“
Ich stieß einen stillen Schrei aus und taumelte mit den Armen rudernd nach hinten. Wäre er nicht so geschockt von meiner plötzlichen Frage gewesen, hätte er wahrscheinlich nicht alles auf einmal gestanden. Und vielleicht wäre das auch besser gewesen, denn die Dosis der Informationen war etwas zu hoch für mich. Während sich Chaos und Leere gleichzeitig in meinem Gehirn ausbreiteten, suchte ich nach passenden Worten.
„Ich... Ich glaube, ich gehe jetzt was trinken“, stammelte ich schließlich und hielt mich an einem Baum fest. Es war die junge Eiche, an der ich mich festgehalten hatte, als Rob meine Schubkarre zu fest angestoßen hatte. Das war am dritten Ferientag gewesen, und irgendwie war die Erinnerung an diesen Tag gut.
Rob schlurfte wortlos in die entgegengesetzte Richtung davon. Mir kam erst etwas später der Gedanke, dass er enttäuscht war.

🐴

Es tat gut, dass Dad mal aus dem Flur rauskam und wir zusammen das Abendessen vorbereiteten. Wir schmierten und belegten Brote und schnitten Gurken und Tomaten für den Salat. Ein paar Gurkenscheiben kamen auf die Brote.
Obwohl das Abendessen sehr einfach war, schmeckte es uns allen gut. Es war eine reine Familienrunde. Nur Mom, Dad und ich saßen am Tisch. Was eigentlich auch ganz gut war, denn vor dem Umbau war es sowieso immer so gewesen.
„Wir kommen gerade richtig gut weiter beim Umbau! Vielleicht können wir ihn schon in einer Woche abschließen, wenn wir jetzt richtig rangehen“, verkündete Dad fröhlich.
Mom verdrehte die Augen. Dads gute Laune konnte sie nicht anstecken. Im Gegenteil, Mom meckerte drauflos: „Das sagst du jetzt so, Andreas! Es ist längst nicht so leicht, wie du es dir vorstellst. Wenn wir wirklich weiterkommen wollen, kannst du nicht nur dauernd im Flur rumstehen und irgendwie mal chillig einen alten Nagel rausreißen. Draußen im Café wird sabotiert und wir müssen dauernd was organisieren. Kannst du dich nicht um mehr Zimmer als nur den Flur kümmern? Du könntest auch das Wohnzimmer auf Vordermann bringen! Ist dir schon bewusst, ne? Oder es würde zumindest mal helfen, wenn du uns finanziell unterstützen würdest, und zwar mit einem richtigen Job.“
Dad stand von seinem Stuhl auf. „Du hast doch auch keinen 'Job'! Stattdessen verstrickst du dich in kriminelle Sachen und nimmst illegales Geld an! Das hab ich schon mitbekommen, Sina! Ich sag dir, das gibt am Ende nur Ärger. Da nützt es uns mehr, dass ich den ganzen Tag lang stehe und unseren komplett runtergekommenen Flur ganz neu mache. Dabei hilft mir ja auch keiner, Herrn Waltz habt ihr ja vergrault! Um Lynns Café könnt ihr euch doch später kümmern. Es ist besser, wenn wir erst mal den Umbau beenden und dann Vollzeit ermitteln. Außerdem übernimmt das schon Rilana.“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Durch den Streit mit meinen Friends wurde das Ermitteln schwerer, außerdem hatte Lia mir geraten, mich vom Café fernzuhalten.
Dad fuhr fort: „Was machst du denn die ganze Zeit? Das möchte ich mal wissen! Etwa Geld einkassieren und Pferdetag-Aktionen planen? Also von dem, was ich so mitbekomme, könnte man meinen, du stehst rum, laberst und kommandierst Leute rum! Und du bezahlst Schokoriegel, nimmst Schulden auf und lässt unsere Pferde da vergammeln.“ Ich nickte heftig und stellte mich neben Dad.
„Dad hat Recht!“, rief ich, „Schokoriegel kosten auch was! Ich hätte übrigens wirklich mal einen verdient. Und unsere Pferde verdienen größere Boxen. Das sag ich dir ja schon die ganze Zeit! Es will sich aber keiner darum kümmern, weil man da halt mal anpacken müsste!“
Mom zog frustriert ab. „Ja, ihr stellt euch jetzt natürlich auf eine Seite“, brummte sie entnervt.
Dad und ich atmeten gleichzeitig wütend aus. Dann tätschelte Dad meinen Kopf und versprach mir, dass er dafür sorgen würde, dass die Boxen vergrößert wurden. Er ging in den Flur, um dort sein Sanierungsprojekt zu beenden.

Ich donnerte meine vollgestickerte Zimmertür mit Wucht zu und schloss geräuschvoll ab. Dann tat ich genau dasselbe wie die angebrauchte Cookie-Packung, die ich aus dem Küchenschrank gemopst hatte: Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Die Krümel auf meiner kindischen Decke waren mir jetzt egal. (Ich wollte mich ja schließlich auch verkrümeln!!!)
Zur Entspannung machte ich auf meinem Handy meinen Lieblingssong von „Die Schule der magischen Tiere“ an: „Halt, das ist unser Wald!“ Eine Weile hörte ich einfach der Musik zu, kam aber nicht richtig in den Flow. Die Probleme von Ida und ihren Klassenkameraden waren einfach nicht mit denen vergleichbar, die ich heute durchmachte. Der Song passte gerade überhaupt nicht zu meinen aktuellen Gedanken und war gar keine Hilfe.
Verärgert stoppte ich das Musik-Video und tippte auf ein anderes. Wie sich herausstellte, war es „Karamell“.
Ich häng' mit meinen Girls auf der Party-Insel
Unsere Yacht parkt an der Küste
Wo wir auf der Veranda sitzen
Macadamianüsse in der Marmorschüssel
Jeder weiß, dass wir es sind
High Heels, Cat Eyes, Tigerprint
Wir haben Hunger, also sag der Küche
Auf die Pasta müsste noch schwarzer Trüffel
Blattgoldflocken im Salat, denn wir sind Stars heute
So viel Selbstbewusstsein, Jungs kriegen Albträume
Riesenvilla, Feuerquallen in einer Glassäule
Wir wollen mehr davon, immer mehr davon...
Ich natürlich auch! Aber das war voll der Schwachsinn. Von wegen Macadamianüsse und schwarzer Trüffel! Ich fand hier Käsespätzle und Hähnchenbrust schon 5-Sterne-mäßig.
Ich rekelte mich ärgerlich auf der Matratze und schmatzte so laut wie möglich, als ich mir den nächsten Cookie reinstopfte. Die Wiedergabe zu stoppen war mir zu aufwendig, lieber übertönte ich das arrogant-utopische Geträller. Als die nächste Strophe anfing, konnte ich nur noch mit den Augen rollen und mich innerlich protestierend ergeben:

Sonnenbrille auf, unsre Zukunft wird hell
Das Leben schmeckt süß, zuckersüß, Karamell
Wer braucht Konfetti? Wir schmeißen mit Geld
Gib mir mehr davon, immer mehr davon
Sonnenbrille auf, unsre Zukunft wird hell
Buch' uns 'ne Suite im Fünf-Sterne-Hotel
Wer braucht Konfetti? Wir schmeißen mit Geld
Gib mir mehr davon, immer mehr davon
Brauch' keinen Typen, lieb' mich selbst
Independent, kauf' die Welt
Schwarze Karte, lila Geld
Hab' für alle Drinks bestellt
Flaschen kommen mit Feuerwerk
Nachbarn rufen Feuerwehr
So ikonisch wie Chanel
Gästeliste, Triple A-A-A
Wirklich nichts gegen Emilia Pieske (Helene) und den Song an sich, die Songwriter hatten ja eigentlich nicht vorgehabt, mich neidisch zu machen und zu quälen. Aber im Moment weckte das in mir eine rasende Wut. Diese Zicken in ihrer Traumvilla waren total stinkreich, beliebt, weltberühmt und tierquälerisch. Da ging es meinen Pferden in ihren kleinen Boxen während des Umbaus besser als diesen armen Feuerquallen, die in Glassäulen eingesperrt wurden und dort herumschwimmen mussten. Gegen alle Regeln der Faulheit raffte ich mich dazu auf, noch etwas zu tun: Ich tippte auf das Wiedergabe-Symbol auf meinem Handy, bevor die nächste Strophe anfangen konnte. Helene hatte ja ihre treuen BFF Katinka und Finja (die so ungefähr alles für sie machten). Meine Friends waren nur beschissen. Bis sie sich freiwillig zu meinen Ex-Friends erklärt hatten, waren sie meine einzigen richtigen Freunde gewesen. Jetzt hatte ich nur noch Lia und vielleicht Rob.

Ich griff erneut nach dem Handy und ging auf die Chat-App. Bevor ich in den Gruppenchat schrieb, dass Ayame und Mayari beschissene Arschlöcher waren, überflog ich die anderen Chats und schaute, ob mir jemand sinnvolle Nachrichten geschrieben hatte. Außer sinnlosen Hi-Nachrichten und Emojis im Schulchat, den ein Mitschüler letztens erstellt hatte, gab es nur die wütenden Spam-Nachrichten von Mayari. Das provozierte mich. Ich zögerte keine Sekunde.
Ihr seid beschissene Arschlöcher! Ich hasse euch! Solche BFF braucht keiner, weil sie NICHT FOREVER sind!!!, tippte ich mit vor Wut zitternden Fingern. Selbst sie wurden von meinem Zorn durchflutet.
Ich starrte aufs Display. Einige Minuten passierte nichts, dann tauchten kleine Punkte von Ayame auf. Sie tanzten und sprangen nervauftreibend lange herum, verschwanden wieder und tauchten wieder auf. Ich konnte nicht anders, als auf Ayames verdammt lange Nachricht zu warten, aber schließlich kam keine. Enttäuscht, frustriert und augenrollend warf ich mein Handy von hier bis zum Schreibtisch rüber. Es hatte schon so einige harte Aufpralle erlebt.
Überfordert stöhnend ließ ich mich wieder rücklings aufs Bett fallen und testete damit die Widerstandsfähigkeit meines Bettgestells. Irgendwie konnte ich gerade auf alle nur sauer sein. Zum Beispiel auf Mom und Dad, die heute gestritten und deshalb die Stimmung beim Abendessen vermiest hatten. Vermiest! Timo und Jette hatten mir meine BFF vermiest. Die waren ihnen jetzt nämlich anscheinend wichtiger als ich. Wen hatte ich denn dann überhaupt noch?! Auf dem Hof vielleicht noch Lia und Ayesha und in der Klasse niemanden.
Noch waren Ferien. Und es war auch erst der siebte Ferientag. Ich hatte genug Zeit, mich wieder mit meinen Ex-Friends zu vertragen, nur die würden das sicher nicht mitmachen. Ich riss mir eins von Ayames vier Freundschaftsarmbändern vom Handgelenk und warf es unters Bett in den Staub. Dort konnte es vergammeln, einstauben und zur Nahrung von irgendwelchen Milben und Krabbelviechern werden.
Die komische halbe Ersatzfreundschaft mit Ayesha konnte meinen großen Verlust nicht wiedergutmachen. Wegen Rob würde es sicher noch Probleme zwischen uns geben. Rob...
Mein Blick fiel aufs Fenster. Er würde bestimmt wieder herkommen, um den Sonnenuntergang anzugucken. Inzwischen stand die Sonne schon tief am Himmel.
Den Schock, den seine Geständnisse bei mir ausgelöst hatten, hatte ich während meines stillen Wutausbruchs überwunden. Nur dass er wiederum wahrscheinlich meine Reaktion verkraften musste. Die hatte ein ziemlich großes Missverständnis ausgelöst. Rob dachte bestimmt, dass ich null Interesse hatte und vollkommen überfordert war. Aber jetzt fühlte ich das Gegenteil.
Als ich lange aus dem Fenster gestarrt hatte, entwickelte ich einen Plan, wie ich unser Missverständnis hinter uns bringen konnte...

🐴

Ich kam frisch geduscht und mit geputzten Zähnen aus dem Bad raus. In ein graues Handtuch gewickelt, ging ich in mein Zimmer und zog mir dort das schwarze Top und die weiße Jogginghose an. Hatte ich diese Hose nicht auch bei der Autobahn-Action getragen? Wenn ja, dann war das nur gut.
Ich stellte meinen Taschenspiegel auf den Schreibtisch und sah darin, wie ich mir einen lockeren Dutt band. Danach flitzte ich die Treppe runter. Wenige Millisekunden, bevor ich in meine total verschlammten, ehemals weißen Sneaker schlüpfte, blieb ich stehen. Die würde ich jetzt nicht anziehen. Ich hatte sie viel zu lange nicht geputzt und jeden Tag getragen. Zum Glück hatte ich noch ein bisschen Zeit, sie zu putzen, bis die Sonne anfing unterzugehen und mein Schatten immer länger wurde. Deswegen rannte ich noch mal schnell in die Küche, machte ein Küchentuch nass und schnappte mir eine Bürste.

Als meine Sneaker zumindest halbwegs wieder weiß glänzten, stellte ich sie zum Trocknen auf den Balkon des Erdgeschosses. Der war an die Küche drangebaut und mit einem aufgehängten schwarzen Sitzkorb in Flechtkorb-Optik ausgestattet.
Dann bewegte ich mich zum Schuhregal im Flur. Ich klappte das unterste Schuhfach auf, das Schuhfach mit
meinen Schuhen. Welche Sommerschuhe hatte ich da denn noch? Die Sandalen mit Leopardenprint und goldenen Schnallen, die ich vorletztes Jahr gekauft hatte, waren mir schon zu klein. Auf dem Hof waren die sowieso nicht so praktisch, selbst wenn man nur einmal zur Wiese neben der Scheune lief, um dort den Sonnenuntergang zu beobachten. Also ließ ich meinen Blick über die anderen Schuhpaare wandern, die in dem Schuhfach standen. Die schicken schwarzen Spangen-Pumps, die ich diesen Frühling zur Konfirmation getragen hatte, kamen auch nicht infrage. Und auf meine Reitstiefel (die mir passten und die ich nicht Lia gegeben hatte) hatte ich jetzt auch keinen Bock. Da blieben nur noch meine blau-weißen Turnschuhe, die Stiefeletten von heute Vormittag und weiße Chucks mit Blütenprint übrig. Meine Winterschuhe standen zum Glück im Keller. Also, ich musste eine Entscheidung treffen. Und die fiel auf die Turnschuhe. Eigentlich trug ich die in der Schule beim Sportunterricht, aber über die Ferien hatte ich sie nach Hause mitgenommen.
Ich lockerte ihre Schnürsenkel und hüpfte mit den Füßen unter die Schuhzunge. Nachdem ich mir die Schuhe wieder gebunden hatte, rannte ich los, um meinen Plan durchzuführen.

Ich wartete eine Viertelstunde vor der Scheune, bis Rob kam, um die untergehende Sonne zu beobachten. Während meine Gedanken immer wirrer und gleichzeitig leerer wurden, kam mehr und mehr Bewegung in meine Hände. Ich wischte mit den Handflächen auf dem erdigen Boden herum, bis ich ein sauberes Plätzchen zum Sitzen hatte. Ich setzte mich hin und schob ein Bein übers andere.
Endlich tauchte eine Person mit gelber Mütze hinter dem schemenhaften Stall auf. Rob hatte die Hände in den Hosentaschen und lief geradewegs auf mich zu. Jetzt kam es darauf an, möglichst versöhnlich auszusehen.
Als er so nah war, dass er mein Gesicht genau erkennen konnte, trat er einen Schritt zurück. Ohne etwas zu sagen, stand er eine Weile vor mir und schien darüber nachzudenken, was er tun sollte. Ich überlegte kurz, ob ich charmant lächeln und ihn mit einer fließenden Handbewegung zu mir winken sollte, entschied mich aber dagegen. Das würde zu einem Zitterkrampf und einem peinlichen Bild von mir in Robs Kopf führen. Um trotzdem alles richtig zu machen, setzte ich mich etwas aufrechter hin und bereitete mich darauf vor, etwas zu sagen.
Rob wollte sich gerade seine Mütze vom Kopf nehmen und sich abwenden, damit es nicht zu einem Gespräch kam, als ich mir einen Satz zurechtgelegt hatte. „Hey, Rob!“, sagte ich wie immer, „Geh bloß nicht weg! Das würde meinen schönen Plan ruinieren. Ich bin dafür, dass wir jetzt alles klären.“
Rob drehte sich im Schneckentempo wieder zu mir und hatte dabei einen sehr skeptischen Gesichtsausdruck. „Bin mir gar nicht so sicher, ob's da noch was zu klären gibt!“
Ich stand auf. Dann ließ ich die Arme theatralisch schlenkern und rief kopfschüttelnd: „Du denkst, ich wäre... ich... keine Ahnung, ich wäre gegen deine Freundschaft oder so.“ Bravo, echt mega ausgedrückt, Rilana! Das klang gerade wie die Ausrede eines Kleinkinds, das Schokolade gemopst hatte! Trotzdem fuhr ich fort: „Das stimmt halt gar nicht! Ich“
- wurde rot - „hab echt nichts gegen dich. Bei der Sache heute war ich einfach von der Infomenge überfordert! Außerdem hatte ich vorher Streit mit meinen BFF und deswegen waren mir eigentlich alle neuen Informationen zu viel. Mein Verhalten tut mir echt leid. Ich hab das nicht so gemeint, okay? Das war wirklich blöd von mir. Wenn du willst, können wir weiter... Freunde sein.“ Jetzt war es raus. Ich hatte nichts mehr zu sagen. Rob war dran.
Nach einem zweiminütigen, von Robs Räusper-Anfällen unterbrochenen Schweigen bemerkte mein Gesprächspartner einfach: „Früher waren abends Pferde auf der Koppel, aber seit die Sicherheitszäune abgerissen werden mussten, werden einfach keine neuen mehr besorgt und die Pferde schlafen immer im Stall. Wird echt Zeit, dass Frau Westfried oder sonst wer dafür sorgt, dass die Pferde nachts wieder auf die Koppel können. Das Gras ist dann weniger zuckerhaltig und die Pferde sind eigentlich dämmerungsaktiv. Außerdem gibt's dann weniger Insekten.“ Ich wusste nicht, ob der plötzliche Themawechsel ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, also sagte ich nichts und musterte Rob. Er schaute zur Koppel und das Licht der fast verschwundenen Sonne traf auf sein Gesicht. Es entstand ein echt besonderer Lichteffekt, den ich gar nicht beschreiben konnte. Das einzige, was ich dazu sagen konnte, war, dass ich ab jetzt an diesen faszinierenden Moment gebunden war, wenn ich an Rob dachte.

Aber den Sonnenuntergang gucken wir uns auch ohne Pferde auf der Koppel an, ne?“, riss mich Rob aus meinen Gedanken.
Ich lächelte und schüttelte den Kopf. „Nö!“, sagte ich entschlossen. Ich packte Rob an der Hand und ging mit ihm zur Scheune. Dort standen unsere Futtervorräte und einige Geräte und Maschinen. Außerdem lagerten wir dort Partydeko und Turnier-Ausstattung. Ich war schon lange nicht mehr in der Scheune gewesen und hatte Bock, dort Zeit mit Rob zu verbringen.
Als ich es ihm erklären wollte und wir kurz davor waren, das alte Gebäude zu betreten, kam Ayesha um die Ecke. Sie sah von ihrem Handy auf, setzte dazu an, etwas Nettes zu sagen, hob dann aber nur die Augenbraue.
Ayesha drehte mich an den Schultern zu ihr. „Warum starrt ihr euch so an?!“, blaffte sie.
„Wer?“, fragte ich verwirrt, „Rob und ich?“ Ayesha verdrehte die Augen. „Wer sonst?!“
„Keine Ahnung“, gab ich zu, „Er hat mit der ganzen Starrerei angefangen! Ich hab zurückgestarrt, weil er so merkwürdig und verdächtig war! Und du... Seid ihr etwa ein Paar?“ Ayesha beantwortete meine Frage nicht und wandte sich einfach an die Teilnehmerinnen...

Alles, was hier gerade passierte, war mir plötzlich unangenehm. Als Ayesha mit verzogenem Gesicht vorbeigegangen war, griff ich verzweifelt Robs zweite Hand und flüsterte: „Seid ihr zusammen?“
Rob sagte nichts und machte sich sanft los. Mich ließ er auf der Schwelle zur Scheune zurück und kurz darauf war er in der hereinbrechenden Nacht verschwunden.

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