Sonntag, 22. Februar 2026

10: Gelbe Mütze und gelber Koffer

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 10: Gelbe Mütze und gelber Koffer

Frühstück im Café?, tippte ich.
Ayame schickte einen Daumen-hoch-Emoji. Ich verließ unseren Zweierchat und scrollte mich durch die Seitenleiste, wo mir alle sichtbaren Chats angezeigt wurden. Den Gruppenchat mit meiner Klasse blendete ich aus, und danach auch den Gruppenchat mit AyAy und Mayari.
Weil ich gestern Abend die Wäsche aufgehangen hatte, konnte ich heute Morgen ein richtig cooles Outfit aussuchen und anziehen. Meine Wahl war auf das schwarze Top von gestern, die grauen Hot Pants, das pinke Baumfällerhemd und meine weißen Chucks gefallen.

Als wir uns um kurz nach neun im Waltz-Café trafen, beschlossen wir, einen Brunch zu machen. So konnten wir das Waltz-Café unterstützen und gleichzeitig lange bleiben, um Kunden wie Lia zu beobachten und zu ermitteln.
Wir bestellten uns zwei große Tabletts mit allen möglichen Waltz-Spezialitäten, die wir später auffrischen konnten. Heute hatten Jette und Timo frischen Melonensaft gepresst, der exklusiv für heute war, weil sie frische Wassermelonen gekauft hatten. Außerdem war er für uns gratis, hihi.
Ich biss herzhaft in einen Marmormuffin, während ich mich unauffällig umschaute. Lia war noch nicht da, aber sie würde bestimmt kommen... Wenn sie die Täterin war, um zu sabotieren, und wenn sie unschuldig war, um sich einen Kaffee-Latte zu holen. Aber natürlich war sie die Täterin.
„Schade, dass es hier keine Croissants gibt“, kommentierte Ayame. Dabei schien sie Lynns Blondies aber eigentlich gar nicht schlimm zu finden. Wahrscheinlich würde sie ein Brunch-Tablett aus dem Waltz-Café sogar einem französischen Buffet vorziehen, obwohl eine Paris-Reise seit der siebten Klasse ihr großer Traum war. Ich fand, dass das Waltz sehr viele Waren hatte – dafür, dass gestern die Vitrine und der Kühlschrank geplündert worden waren.

Die Tür wurde aufgestoßen. Tasuke kam rein. Vorher hatte ich ihn draußen beim Sortieren von Reithelmen gesehen. Jetzt begrüßte er Timo und wollte ihm bei der Spülmaschine helfen, aber Jettes Bruder hielt ihn zurück. „Stopp!“, rief Timo, „Sicherheitsabstand! Gestern hat mir rausfließende Milch die Hose versaut!“
Tasuke warf ihm einen verschwörerischen Blick zu und öffnete die Klappe ganz vorsichtig. Es kam keine Milch aus den Ritzen. Lia hatte höchstwahrscheinlich noch nicht zugeschlagen. Als er merkte, dass ich ihn und Ayames Freund beobachtete, zwinkerte er mir zu und ließ seinen Blick durch den Raum wandern. Ehrlich gesagt war das dumm! Wusste er denn nicht, dass meine BFF und ich alles im Blick hatten?
Tasuke gab Timo ein Zeichen. Jettes Bruder leitete es an Ayame weiter. Die nickte, reckte den Daumen nach oben und rückte ihre Brille zurecht. Sie nahm einen Schluck Melonensaft aus ihrem Glas und beugte sich zu mir rüber. „Wir haben heute ein Date, Timo und ich“, informierte sie mich.
Ich grinste. Das war klar. Ohne Tasukes Zeichen würde Timo das Date wahrscheinlich vergessen, und dann wäre heute nicht der Anfang, sondern das Ende der Beziehung.

Als ich mir einen Cookie vom anderen Ende des Tischs nehmen wollte, stieß ich mit dem Ellbogen gegen meinen Bubbletea. Er fiel von der Kante und lief auf dem Boden aus, während er immer weiter wegrollte. „Shit!“, fluchte ich und stand vom Stuhl auf.
Jette, die vor dem Tresen stand, stoppte meinen Bubbletea mit dem Fuß. Sie hob ihn auf und legte kurz ihr Handy auf den Tresen. Ich sah zu ihr hoch, um mich zu bedanken, und mein Blick fiel auf das Display. Es lief ein Video-Chat mit Mayari. Jette gab mir den Bubbletea. Zum Glück war noch die Hälfte drin. Dann nahm sie sich wieder ihr Smartphone und sagte lachend etwas zu Mayari.
Kopfschüttelnd steckte ich mir den Strohhalm zwischen die Zähne. Als ich mich umschaute, bemerkte ich, dass das Café etwas voller geworden war. Gerade kamen drei Kunden durch die verglaste Tür rein... Ein mittelaltes Paar und – Lia! Sie trug als Tarnung einen alten Laptop unterm Arm. Als sie an mir vorbeiging und mich bemerkte, winkte sie mir lächelnd zu.
Ich lächelte harmlos zurück und wartete ab, bis sie mich nicht mehr anschaute, damit ich sie weiter beobachten konnte. Sie war fast an mir vorbeigegangen, als sie den Kopf noch mal zu mir drehte und mir zuraunte: „Ich vertraue dir und du mir.“ Was war das denn bitte? Eine Drohung?! Was auch immer sie Verstörendes zu mir sagte, ich würde nicht aufhören, gegen sie zu ermitteln. Nicht jetzt, wo ich so nah am Ziel war. Sie konnte mich nicht mehr abwimmeln. Und Vertrauen spielte keine Rolle mehr, denn ich vertraute ihr nicht. Höchstwahrscheinlich hatte sie mich schon mehrmals angelogen. Ich begriff, dass ich echt nicht davon ausgehen konnte, dass man ehrlich zu mir war, wenn ich jemanden nach der Wahrheit fragte. Nur Fragen reichte nicht – es musste hardcore ermittelt werden, um die Sabotage zu stoppen. Man konnte mir eben die Wahrheit sagen, oder halt auch nicht. Es passierte demjenigen ja nichts, wenn er mich anlog. Nur dass ich bisher immer von Ehrlichkeit ausgegangen war – und die war nicht selbstverständlich. Ich war echt naiv gewesen; echte Detektive mussten einen Lügendetektor im Gehirn haben. Leider war ich ja keine waschechte Detektivin.

Lia hatte sich an einen Einzeltisch am Fenster gesetzt, der weit entfernt von unserem war. Ihr Laptop stand aufgeklappt vor ihr auf dem Tisch und sie telefonierte leise mit jemandem. Aber ich konnte auch so nicht hören, was sie sagte, dafür gab es zu viele laute Geräusche im Café: Stühle, die gerückt wurden, laute Gespräche, das Summen der Spülmaschine, Lachen vom Nachbartisch, klapperndes Geschirr, die Kaffeemaschine, das Klimpern von Besteck und Geld, Schritte, eine auf- und zugehende Tür und die Swiftie-Musik.
Für Außenstehende wirkte Lia wie eine richtig normale Café-Kundin, die hier auf ihrem Laptop arbeiten wollte und mit dem Chef telefonierte – und das war bestimmt genau das, was sie wollte: Sie wollte unauffällig und harmlos wirken.

Während wir über Lia tuschelten, tranken Ayame und ich alle unsere Getränke aus: ich meinen Bubbletea, meinen Melonensaft und meine heiße Schokolade und Ayame ihren Bubbletea, ihren Melonensaft und ihren Matcha-Milchtee. Als wir unsere leeren Gläser und Becher bemerkten, gingen wir zu Timo, um nachzubestellen. Er schien ziemlich nervös und verwirrt, füllte uns aber schnell nach.
„Ist was los?“, fragte Ayame, während sie ihr aufgefülltes Melonensaft-Glas entgegennahm.
Timo stützte sich auf die Vitrine. „Ja“, sagte er bedrückt, „ich hab zu Hause was echt Schlimmes entdeckt. Ich erklär's euch später genauer. Gleich komm ich auf euch zu, wenn weniger los ist.“
AyAy und ich wechselten einen alarmierten Blick und setzten uns mit den Getränken wieder auf unsere Stühle. Grübelnd stützte ich meine Ellbogen auf dem Tisch ab. Ich saugte lustlos am Strohhalm meines neuen Bubbleteas und bekam eine Riesenladung Tapioca-Perlen in den Mund.
Nach einer Weile kam Timo zu uns an den Tisch. Ayame rückte ihre Brille zurecht und nahm seine Hand.
„Also“, begann Timo mit gedämpfter Stimme, „im Zimmer von meiner Mutter hab ich heute Morgen einen Drohbrief gesehen. Eigentlich wollte ich dort Kaffeebohnen holen, weil sie sie immer dort lagert. Ich würde sagen, wir schauen uns das nachher mal an.“
„Nachher?“, rief Ayame, „Jetzt! Jette kann doch auch mal die ganze Arbeit übernehmen.“ Sie sprang auf.

Nachdem wir alles abgeräumt und aufgegessen hatten, verließen wir zu dritt das Café und nahmen die U-Bahn in die Stadt, wo die Waltz-Familie wohnte. Weil es sehr heiß und sonnig war, fanden wir die kühle U-Bahn-Fahrt richtig angenehm, obwohl es voll war. Anders als sonst in der Bahn deprimierte es mich nicht, wie die dunklen Wände an uns vorbeirauschten. Meinen neuen Bubbletea hatte ich mitgenommen, was sich im Lauf der Fahrt als großer Nachteil erwies. Ich hatte nicht an eine Tasche gedacht und musste den ausgetrunkenen Behälter deswegen die halbe Fahrt über in der Hand halten. Darum konnte ich mich auch schlechter festhalten und nutzte sofort die Chance, als ein Sitzplatz frei wurde. Ayame und Timo hatten schon vorher zwei Plätze nebeneinander ergattert und waren deshalb von mir getrennt.

🐴

Im zweiten Stockwerk des Waltz-Hauses hasteten wir durch den Flur. Timo öffnete eine angelehnte Tür. Es war die zu Lynns Zimmer.
Er wies mit dem Zeigefinger auf Lynns Schreibtisch. „Heute Morgen lag er noch hier“, erklärte er, aber wir konnten keinen Drohbrief sehen. Er vermutete, dass seine Mutter den Drohbrief versteckt hatte, damit niemand ihn sehen konnte. Also suchten wir ganz vorsichtig den Schreibtisch ab, der zum Glück ziemlich ordentlich war. Unter einem To-Do-Zettel fand ich den Brief. Ich zeigte ihn den beiden anderen. Er war schon nicht mehr im Umschlag drin, was er heute Morgen aber auch nicht gewesen war.
Ayame schloss die Tür, damit wir nicht gehört oder gesehen werden konnten. „Soll ich vorlesen?“, fragte sie.
Timo nickte und gab ihr das Papier. Ayame begann vorzulesen: „
Lynn, du weißt, dass sabotiert wird. Solltest du doch die Polizei einschalten, hat das Konsequenzen. Leg in einem unauffälligen Umschlag 500 Euro in die Ecke am Hintereingang des Cafés und sorge dafür, dass die Tür dort immer offen bleibt. Ansonsten musst du mit Sabotage und Konsequenzen rechnen. Die Toilette könnte überflutet werden und eure Fenster sind nicht einschlaggesichert. Ich weise darauf hin, dass die Lieferung der Waren verhindert werden kann, d. S.“ Ayame schaute bestürzt in die Runde. „Glaubst du, dass das der erste ist?“, fragte sie Timo.
„Keine Ahnung“, antwortete ihr Freund, „Mama ist schon seit längerer Zeit sehr nervös und depri. Aber vielleicht liegt das auch an unserem Vater und der Sabotage allgemein.“
Ayame legte den Brief, der eher das Format eines Zettels hatte, auf den Schreibtisch zurück. „Was könnte dieses
d. S. bedeuten? … Die Saboteurin vielleicht, oder der Saboteur?“ Timo nickte. „Das ist sehr wahrscheinlich, gerade weil das D kleingeschrieben ist.“

Wir zuckten zusammen, als die Tür mit einem Ruck aufging. Lynn, die reinkam, war mindestens genauso schockiert wie wir. Ayame beugte sich schnell über den Brief, aber machte ihn so nur noch auffälliger.
„Habt ihr es schon gelesen?“, fragte Lynn resigniert und ließ den Kopf mit einem Seufzer hängen.
Timo nickte schuldbewusst. „Ja, Mama, ich hab ihn ihnen gezeigt. Sie ermitteln ja gegen die Sabotage, also können sie vielleicht was damit anfangen.“
„Vielleicht“, grummelte Lynn ärgerlich, „und vielleicht auch nicht. Diese Sache ist mehr was für Erwachsene, versteht ihr? Ich wollte euch damit nicht belasten. Das hier ist nun echt ernst. Ach je.“
Timo hob die Hände. „Sorry...“
Ich sah Lynn fest in die Augen. „Leider ist es so, dass wir alle Beweise brauchen. Wenn wir davon nichts wüssten, würden einige Puzzleteile fehlen und wir könnten den Fall nicht komplett lösen.“
Lynn nickte langsam. „Nun, jetzt wisst ihr ja davon. Den nächsten werde ich euch eigenhändig zeigen. Ja, es gab nämlich schon einige davor. Ich hoffe, dass euch das jetzt etwas bringt. Und dass ihr endlich mal vorankommt mit den Detektivgeschichten. Ihr wisst jetzt, wie ernst die Lage ist. Da muss was geschehen.“ Sie nahm den Brief und faltete ihn. Nach einer Pause sagte sie: „Ich habe den Umschlag mit dem Geld heute Morgen schon an die vereinbarte Stelle gelegt. Es ist immer die gleiche Stelle und die Drohungen haben sich auch kaum verändert, aber was gestern passiert ist, zeigt, dass ich darauf hören muss. Beim nächsten Mal zeige ich euch den Brief sofort und ihr könnt den Täter an der richtigen Stelle damit abfangen, in Ordnung? Manchmal muss man Opfer bringen, damit etwas weitergeht.“
Wir nickten synchron. Timo faltete die Hände. „Es gibt da leider ein Problem“, sagte er, „nämlich, dass wir nicht die Polizei rufen können. Wenn wir das machen, kann der Täter die Konsequenzen umsetzen, ohne dass wir wissen, wer er ist. Deshalb müssen wir das erst mal rausfinden.“
Ayame nickte Timo und mir zu. „Da haben wir übrigens schon einen Verdacht. Was wir jetzt noch brauchen, sind handfeste Beweise und ein Plan, wie wir die Saboteurin entlarven können.“
Ich verkündete: „Wir verdächtigen Lia...“

🐴

Zu Moms Reiterhof musste ich alleine zurückfahren, denn Ayame und Timo hatten ihr Date spontan auf jetzt verlegt und hielten es im Eiscafé hinter dem McDonald's ab. Ich hatte mir dort noch schnell ein Eis gekauft und war dann abgezogen, um das Date nicht zu beeinflussen.
Als ich in der Bahn saß, war ich froh, dass ich ein Eis in der Waffel und nicht im Becher gewählt hatte. So musste ich keinen Verpackungsmüll mehr mit mir herumtragen, während ich dort saß. Den leeren Bubbletea-Behälter hatte ich bei der Gelegenheit im Waltz-Haus entsorgt und deswegen eine Hand frei.

Weil wir ziemlich viel gebruncht hatten, aß ich zum Mittagessen nur eine kleine Portion Makkaroni. Wenn wir zu Ende gebruncht hätten, wäre das gar nicht nötig gewesen, aber wir haben den Brunch ja wegen der Drohbriefaktion abgebrochen.
Ich schob meinen Teller in die Spüle und ging auf den Hof. Plötzlich sprach mich jemand an, den ich gar nicht gesehen hatte. „Hi Roxana! Wir wollen euch helfen. Ayesha hat uns gestern in einem Post angeworben. Weißt du, wo sie ist?“ Es war Isabel vom Pferdetag. Hinter ihr stand ihre Mutter mit den nachgezogenen Augenbrauen.
Ich schaute mich um. „Aktuell nicht. Ich bin übrigens Rilana, nicht Roxana. Mit I und L. Merk dir einfach, dass meine Freunde mich Lana nennen.“
Ihre Mutter reichte mir ihre Hand. „Jessica. Ich bin die Mama von der Isabel, aber ich glaube, du kennst mich noch.“ Sie lächelte und ging mit Isabel weiter. Aha! Ayesha war gestern also tatsächlich nicht krank gewesen, wie gedacht. Aber immerhin hatte sie etwas Sinnvolles gemacht - denn Werbung für unseren Hof zu machen, war absolut sinnvoll.
Ich spazierte in die entgegengesetzte Richtung von Isabel und Jessica. Ein unbekannter Jugendlicher kam auf mich zu. Wahrscheinlich war er auch ein freiwilliger Helfer. Er zeigte mir auf seinem Handy ein Foto von Ayesha aus ihrem TikTok-Kanal und fragte mich, ob ich sie kannte und gesehen hatte.
Ich nickte und war kurz davor, ihm den Vogel zu zeigen. „Ja, klar kenne ich sie! Sie arbeitet hier. Und ich bin Frau Westfried.“
Er steckte sein Handy zurück und runzelte die Stirn, obwohl er dabei grinste. „Frau? Okay... Frau Westfried junior, ne?“
Ich nickte wieder. „Jaa?“, vermutete ich verständnislos. Mir fiel auf, wie ähnlich mein Gesprächspartner Vicky und Valerie sah, die auch beim Pferdetag dabei gewesen waren. Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr wie Mom. Ich fragte den Jugendlichen: „Bist du der Bruder von den Nervensägen? Und Teil der V-Familie ohne V-Eltern?"
Jetzt nickte er. „Woher weißt du das mit den Eltern?“
Ich kam nicht mehr zu einer Antwort, weil Ayesha und Rob vor uns auftauchten und er auf die beiden zurannte. Er klatschte Ayesha ab und fragte sie, was er machen sollte.
Ayesha zeigte das Peace-Zeichen auf Bauchhöhe und machte einen Schritt auf ihn zu. „Moin Vidar! Kannst vielleicht beim Stall was abreißen. Die Boxen sollen vergrößert werden.“
„Eigentlich der ganze Stall“, korrigierte Rob und stand auf. Ayesha schaute zu ihm und dann wieder zu Vidar. Stimmt, er hieß Vidar. Das hatten Valerie und Vicky auch schon erzählt.

Ayesha ging mit Vidar zum Stall. Ich blieb mit Rob zurück und die Frage, ob er mit Ayesha zusammen war, fiel mir wieder ein.
Nachdem ich den verschwindenden TikTokern nachgeschaut hatte, ging ich einen Schritt auf Rob zu. Er lehnte an der Wand der leerstehenden Reithalle. Ich trat durch die Türöffnung und winkte Rob rein. „Können wir mal kurz was besprechen?“, fragte ich leise.
Rob nickte und kam in die Halle. Er schnupperte ein bisschen in der Luft und nieste. Es lag wirklich viel Staub in der nicht sehr gut riechenden Luft.
Ich sah Rob in die Augen. „Bist du mit Ayesha zusammen?“ Meine Stimme klang bedrohlich leise. Dann wurde sie vorwurfsvoll. „Sag mir das jetzt. Ich will Klarheit haben. Ihr macht immer so ein Geheimnis daraus.“
Rob steckte sein Handy weg. „Wir sind nicht zusammen. Aber du musst noch Ayesha fragen“, antwortete er kühl, „Sie könnte das anders sehen.“
Ich verzog die Miene. „Und was macht ihr jetzt?“
„Da weiß sie mehr als ich“, sagte Rob trocken, „Die großen Pläne sind ihre. Ich bin da nicht eingeweiht. Aber Vidar ist ein sehr treuer Fan und ich versuch dauernd, sie zu seinem Fan zu machen.“ Jetzt klang er wieder freundlicher. Er nahm seine gelbe Mütze ab.
Ich wollte mich lockern, aber die Stimmung war noch zu gedrückt. „Aha“, brachte ich raus, „ich geh jetzt wieder raus. Kannst auch mitkommen.“
„Wir könnten in die Scheune gehen“, schlug er vor. Als wir schon fast dort waren, fügte er hinzu: „Ich glaub, Ayesha wird nicht um die Ecke kommen, solange sie mit Vidar den Stall abreißt.“ Er grinste.
Ich schmunzelte auch. Dann zog ich die Augenbrauen zusammen. „Und was machen wir hier?“
„Party natürlich“, scherzte Rob. Dann hob er eine Partygirlande vom Boden der Scheune auf und hängte sie mir um den Hals. „Nee, Spaß. Wir schauen uns einfach die Scheune von innen an und das ganze Turnierzeugs, was da drin rumliegt. Die Abzeichen, die die Westfried-Pferde früher gewonnen haben.“
Ich band mir das Baumfällerhemd um die Taille. Nach einigen Abzeichen, Stangen und Pokalen stießen wir auf einen kleinen quietschgelben Koffer mit einem winzigen Schloss. Dummerweise waren am Schloss der Schlüssel und der Ersatzschlüssel befestigt. Ich machte mich daran, einen Schlüssel vom winzigen silbernen Karabinerring loszumachen und das Schloss zu öffnen.
Rob, der noch ein rotes Abzeichen von Tornado in der Hand hielt, schaute mir zu.

Gerade, als ich das Schloss geöffnet hatte und mehrere silberne Sachen in dem Koffer aufblitzten, wurde die nur angelehnte Tür aufgestoßen. Für einen Moment dachte ich, Ayesha würde reinkommen und uns ertappen. Aber dann sah ich, dass es Lia war. Ich ließ den Schlüssel fallen und schob den Koffer zurück in den Kram.
Lia entfuhr ein entsetztes Keuchen. Sie wurde bleich im Gesicht und stützte sich taumelnd an der Wand ab. „Was macht ihr?“, krächzte sie atemlos. Dann gaben ihre schlotternden Knie nach und sie sank leise stöhnend auf den Boden. Dieser Schwächeanfall war eindeutig mit ihrem Schock und dem Stress der letzten Tage verbunden. Während ich zu ihr lief, um ihr zu helfen, drehte Rob blitzschnell den winzigen Schlüssel ins winzige Schloss des Koffers und nahm sich dann beide Schlüssel. Er zwinkerte mir zu und ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden.
Ich sah Lia in die Augen. „Geht es dir gut, darf ich dir eine Frage stellen?“
Sie nickte schwach und schloss halb die Augen, aber ihren feindseligen Blick konnte ich trotzdem spüren.
„Gehört dir der gelbe Koffer hier?“, fragte ich.
Lias Stimme war erstickt, aber erstaunlich laut, als sie zischte: „Ja! Er ist meiner und nicht eurer!“
Ich hielt sie fest. „Und was ist da drin?!“ Aber Lia antwortete nicht. Ihre Pupillen rollten nach oben und verschwanden unter den sich schließenden Augenlidern. Ich wollte meine Frage wiederholen, als ich merkte, dass sie nicht mehr bei sich war. In alten Büchern hatten die Leute immer Riechsalz oder Wasser parat, aber jetzt war das nicht der Fall. „Rob!“, keuchte ich.
Er drehte sich zu mir um. „Ja?“
„Lia ist k.o.! Was soll ich machen?!“, japste ich überfordert.
Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung! Warten, bis sie zu sich kommt? Vielleicht ist es ja nur ein vorübergehender Anfall. Oder du holst wen, zum Beispiel deine Mudda. Aber was machen wir jetzt mit dem Koffer?“ Er holte aus seiner Hosentasche die Schlüssel und drückte sie mir in die Hand.
Ich stand auf. „Rob, wir können den Koffer nicht mitnehmen. Er gehört ihr, das wäre Diebstahl. Aber wir behalten die Schlüssel und kommen später wieder.“
„Aber wenn wir ihn hierlassen, wird sie ihn bestimmt mitnehmen und woanders verstecken! Dann kriegen wir nie raus, was drin ist“, widersprach Rob.
Ich wog die Schlüssel in meiner Hand. „Ich glaube, darin sind verbogene Gabeln. Aber wenn wir ihn hierlassen, kann sie ja sowieso nicht mehr darauf zugreifen, weil sie die Schlüssel nicht hat.“ Dann beobachtete ich panisch, wie Lia eine Zuckung durchfuhr und sie die Augen mit flatternden Lidern aufschlug. Ihre Brille war verrutscht und ihr Haar zerzaust, und irgendwie wirkte sie gefährlich. Nicht wie eine Freundin, der man vertrauen konnte. Jetzt wirkte sie wie eine leicht verrückte Saboteurin.

Lia machte „Haaah!“ und griff mit beiden zitternden Händen frustriert in die Luft. Sie war so anders als die Lia, der ich mal vertraut hatte, dass ich für einen längeren Augenblick bewegungsunfähig wurde. Die Schlüssel umschloss ich in meiner Faust.
Rob klemmte sich schnell den gelben Koffer unter den Arm und packte mich an der Hand. Dann zerrte er mich aus der Scheune raus und rannte mit mir zur Koppel. Meine Beine schalteten endlich ein und ich sprintete so schnell ich konnte, obwohl das eigentlich gar nicht nötig war. Wir hatten längst einen Riesenvorsprung und vielleicht wollte Lia uns gar nicht verfolgen. Bestimmt war sie auch noch lange nicht in Topform.
Rob ließ meine Hand los. Ich stolperte fast.
„Versteckst du die Sachen bei dir?“, fragte er und hielt mir den Koffer hin.
Ich nahm ihn an mich und nickte. Mein Kopf ratterte und suchte nach dem passenden Satz, den ich noch sagen konnte, bevor Rob weiter arbeitete und ich das Material versteckte. Während ich Rob anstarrte, breitete sich eine überfordernde Leere in meinem Gehirn aus. Ich konnte auch einfach etwas sagen, was so rational war wie „Okay, dann versteck ich das jetzt. Vielleicht sehen wir uns später“, aber selbst sowas fiel mir nicht ein oder ich brachte es zumindest nicht heraus.
Rob klopfte mir auf die Schulter. „War 'ne coole Aktion“, sagte er, „und vergiss nicht Ayesha zu fragen.“ Dann holte er sein Handy aus der Hosentasche und ging zur Reithalle.
Ich lief ins Haus und verstaute den Koffer und die Schlüssel in meinem Zimmer. Später musste ich weiter aufräumen, die restlichen Wände streichen und die Möbel ranstellen. Aber erstmal Ayesha fragen.

Im Stall riss sie mit Vidar und einer weiteren freiwilligen Helferin die Wände und Boxen ab.
Ich setzte ein freundliches Lächeln auf und ging auf sie zu. „Hi“, begann ich so harmlos wie möglich, „ich würd dich gern was fragen.“
Ayesha wandte sich an die beiden anderen. „Vidar, Esma, macht einfach weiter, okay? Ich bin gleich wieder ansprechbar.“ Dann strich sie sich die Hose glatt und kam auf mich zu.
Ich legte los: „Ayesha, findest du, dass du mit Rob zusammen bist?“
Sie legte die Hände auf die Oberschenkel und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie nicht mehr gut drauf war. Während sie nicht antwortete, bemerkte ich, dass Vidar aufsah und zu uns schaute. Er war bei meiner Frage hellhörig geworden und guckte uns mit einem sehr komischen Blick an.
Ich nahm Ayesha unwillig am Arm, damit wir uns von ihm entfernen konnten. Er musste die Antwort nicht hören.
Ayesha zupfte sich einen Strohhalm aus den Haaren. „Das weiß ich nicht so genau. Es ist nicht klar, aber ich denke schon. Auf jeden Fall wäre es toll.“ Dann wurde ihre Stimme wütend. „Warum willst du das überhaupt wissen?! Bist du jetzt mit ihm zusammen! Ich weiß ja nicht, aber ich glaub, der Altersunterschied ist schon ziemlich groß. Das wär uncool für Rob, wenn ihr zusammen wärt! In der Schule würden die ihn auslachen.“ Sie machte einen Schritt auf mich zu und hob eine Augenbraue. „Willst du, dass Rob seine Freunde verliert? Ich hab euch vorgestern an der Scheune gesehen. Was war da?“
Ich zuckte die Achseln. „Nichts.“ Ich wollte echt nicht, dass Rob bei seinen Freunden zum Gespött wurde. Wenn sie Tasuke und Timo waren, würden sie ihn wohl kaum wegen einer vierzehnjährigen, hyperdetektivischen, blonden Reiterhoftochter auslachen. Aber er hatte bestimmt andere Freunde. Die fänden es sicher cool, wenn er mit einer erfolgreichen, geschminkten Influencerin zusammen war. Und die war ja auch noch seine Kollegin und stand auf ihn. Was die Lage ein bisschen besser machte, war, dass Rob keinen Crush auf Ayesha hatte.
Nachdem ich eine ganze Weile gestanden und gestarrt hatte, drehte Ayesha sich von mir weg und ging zu den anderen. Sie setzte ihr Influencer-Lächeln auf und klatschte in die Hände. „Ihr macht das super! Könnt ihr morgen wiederkommen?“, fragte sie.
Vidar und Esma nickten. Ayesha zückte ihr Handy. „Okay“, sagte sie, „dann schießen wir jetzt ein paar Gruppenselfies und ich mach Werbung für euch.“
Vidar strahlte über das ganze Gesicht. Er stellte sich neben Ayesha und legte ihr einen Arm um die Schulter. Nachdem Esma sich dazugestellt hatte, schoss Ayesha das erste Selfie.

🐴

Ich holte Moritz von der Koppel und führte ihn zum Putzplatz. Während des Putzens dachte ich viel nach. Ich konnte Ayesha mehr und mehr verstehen, je länger ich über sie nachdachte. Wenn das nicht mal ein komisches Zeichen für sie war, dass Rob die Reiterhoftochter bevorzugte und nicht sie, die eine Top-TikTok-Influencerin war. Eigentlich dachte sie sogar ziemlich ähnlich wie ich:
Das weiß ich nicht so genau. Es ist nicht klar, aber ich denke schon. Auf jeden Fall wäre es toll.
Das waren genau meine Gedanken, obwohl wir in unterschiedlichen Beziehungen zu Rob standen. Bei mir war es wegen mir nicht klar, bei ihr war es wegen Rob nicht klar. Immerhin wusste sie nicht, dass Rob mir ein Geständnis gemacht hatte.
Plötzlich kam Vidar auf mich zu. „Du!“, rief er, „Was hat sie gesagt? Ayesha. Sind sie zusammen?“ Er wirkte richtig niedergeschlagen in seinen von der Arbeit schmutzigen Sportklamotten.
Ich verdrehte die Augen. „Frag doch sie! Keine Ahnung.“ Der Typ war nervig, wie seine zwei Schwestern. Ich fuhr Moritz demonstrativ mit der Kardätsche über den Rücken.
Vidar zog ab. Dabei quietschten seine Turnschuhe auf dem Steinboden. Nerviges Geräusch.

Nach einer Weile war ich fertig mit dem Putzen und brachte Moritz zurück auf die Koppel. Ich trainierte noch ein bisschen mit ihm und Carlo, bevor ich ins Haus ging und Ayame eine Message schickte. Sie saß gerade mit Timo in der U-Bahn und war auf dem Weg zu uns.
Ich schrieb:
Wenn du da bist, muss ich dir was zeigen. Ermittlungen vorangeschritten.

Ultimatives Detektivgirl 😝😍
Ich bin in paar Minuten da! LG AyAy

Es ist ein gelber Koffer von Lia.

Aha????? Sehr verdächtig

Ich hab ihn mit Rob in der Scheune gefunden.
Dann ist Lia total creepy aufgetaucht und hat einen Schwächeanfall bekommen.
Ich hab jetzt Schiss vor ihr!

CREEPYCREEPY! Aber MIT ROB????

Ja.
Du bist nervig!

Ooooooohhhhh!!!
Treffen wir uns in deinem Zimmer? Dann kannst du alles erzählen.

Okay, geht klar!

Bis gleich. LG AyAy

Als meine BFF zu mir ins Zimmer kam, kramte ich den gelben Koffer und die Schlüssel hervor. Ayame schloss von innen ab.
„Hier“, erklärte ich und zeigte auf den Koffer, „Das ist der gelbe Koffer. Ich mach ihn jetzt zum zweiten Mal auf, aber beim ersten Mal konnte ich nicht richtig reinschauen.“ Ich steckte den fummeligen kleinen Schlüssel in das winzige Schloss und drehte ihn um. Das Schloss sprang mit einem Klicken auf. Ich öffnete behutsam den Koffer. Uns blitzten verbogene Gabeln und einige Münzen entgegen.
Ayame setzte eine sehr geheimniskrämerische Miene auf und rückte ihre Brille zurecht. „Okay, dann erzähl mal. Die ganze Geschichte vom Fund des mysteriösen Koffers. Im Detail.“
Ich erzählte ihr alles ab dem Moment, wo ich auf den Koffer gestoßen war. Ich erzählte, wie wir ihn öffneten und wie Lia auftauchte, wie sie uns ertappte, ohnmächtig wurde und wie wir dann mit dem Koffer und den Schlüsseln weggerannt sind.
„Aha“, sagte Ayame, „das passiert also mit den geklauten und verbogenen Gabeln. Aber ich hab noch 'ne andere Frage: Wie kam es denn überhaupt dazu, dass ihr da in der Scheune wart, zu zweit?“ Sie schaute mich mit schelmisch schiefgelegtem Kopf an.
Ich band mir einen Zopf. „Wir wollten da in der Scheune so Sachen von Turnieren anschauen.“
Ayame schüttelte den Kopf. „Ja, das ist ziemlich klar! Aber warum seid ihr da überhaupt zu zweit hingegangen, um die Turniersachen anzuschauen? Er muss doch auch arbeiten und so.“
„Eigentlich waren wir in der Reithalle, aber dann sind wir in die Scheune gegangen, weil die Stimmung und die Luft da besser sind“, gab ich zu. Für sie musste das ziemlich verwirrend sein.
„Und warum wart ihr zusammen in der Reithalle? Wo die Stimmung und die Luft schlecht waren?“, hakte sie verständnislos nach.
Ich gestikulierte ein bisschen. „Er war halt mit Ayesha bei der Reithalle und ich musste ihn noch fragen, ob sie zusammen sind!“
AyAy seufzte. „Und warum musstest du ihn das jetzt fragen?“
„Weil ich's wissen wollte und ich es gestern vergessen hab.“
„Uff...“ Ayame stützte den Kopf in die Hände. „Lana, mit dieser schrecklichen Salami-Taktik wird das ja echt nie was! Ich muss mir diese bruchstückhaften Puzzleteile alle in meinem Kopf mühsam zusammensetzen! Das ist anstrengend. Nein, das ist eher der Horror. Erzähl mir doch einfach alles! Und ich wäre ganz froh darüber, wenn's diesmal chronologisch nicht rückwärts ist. Dann lässt es sich leichter verstehen.“ Sie legte mir freundschaftlich die Hand auf den Arm.
Ich atmete tief durch. „Okay“, begann ich, „da ist halt so'n nerviger Typ aufgetaucht, der wissen wollte, wo Ayesha ist, weil sie ihn angeheuert hat. Der Bruder von den V-Nervensägen, musst du dir vorstellen. Der wollte hier beim Umbau helfen. Wir sind dann zu Ayesha gegangen, die da mit Rob war. Der Typ ist mit Ayesha zum Stall gegangen. Ich hab Rob das mit Ayesha gefragt, und zwar in der Reithalle. Dann sind wir zur Scheune gegangen, wegen der Luft und so...“ Ayame verdrehte die Augen, „... Ja, und dann waren wir halt in der Scheune und haben uns so dieses Turnierzeugs angeschaut. Rob hat ein rotes Abzeichen von Tornado entdeckt.“ Ich breitete die Arme aus. „Zufrieden?“ Ich selber war gar nicht zufrieden. Solange ich AyAy nicht das Hintergrundwissen gab, dass ich einen Crush auf Rob hatte, war alles halbwegs eine Lüge. Gerade hatte ich nur die unwichtigen Details erzählt, wie die schlechte Luft und das rote Abzeichen. Ich fühlte mich schlecht damit.
„Nee, ehrlich gesagt eher nicht so“, antwortete Ayame und wirkte ein bisschen enttäuscht. „Ich dachte, es gibt da noch irgendeine Sache mit Rob, die du mir vielleicht erzählen könntest, und dann würde ich alles verstehen. Aber wenn's nur um Reithallenluft und so geht...“
Ich schüttelte den Kopf und überwand mich. „Wir sind sozusagen zusammen. Nur halt nicht offiziell. Ich hab einen Crush auf Rob. Das Problem ist, dass ich ihm das nicht gesagt hab. Aber eigentlich weiß er es auch schon, glaube ich.“ Ich umarmte meine BFF.
Jetzt lächelte Ayame wieder. „Ziemlich blöd. Weil wenn du nicht weißt, ob er in dich verknallt ist, macht alles ziemlich wenig Sinn für dich. Immerhin hast du's ihm noch nicht-“
Ich unterbrach sie. „Ich weiß aber, dass er in mich verknallt ist! Er hat's mir schon gesagt!“
Ayames Augen leuchteten hinter den Brillengläsern. „Wann?“
„Vorgestern“, sagte ich, „als wir uns gestritten haben.“
Ayame senkte den Kopf. „Irgendwie... Vermisst du Mayari auch?“ Sie griff nach ihrer Asics-Tasche, machte den Reißverschluss auf und holte etwas heraus. Es war ein duftender Chicken-Burger von McDonald's. „Wo wir schon so nah beim McDonald's waren...“, sagte sie und gab ihn mir. Sie fügte hinzu: „Der könnte ja als Abendessen gehen, oder?“
Ich nickte begeistert.

Wir räumten zusammen weiter mein Zimmer auf. Heute strichen wir die übriggebliebenen Wände und stellten die ersten Möbel wieder an die schon getrockneten Wände. In entlegenen Schubladen fanden wir Sticker, die an meine Tür kamen.
Als wir schon etwas müde waren, tauschten wir erstmal den Bettbezug aus. Die winterlichen Motive wichen coolen weißen Strichen auf Staubaquatürkis. Es war ja auch der Bettbezug von Mom, der jetzt nicht mehr zu der Form ihrer neuen Decke passte. Mit dem neuen Bettzeug wirkte mein Zimmer gleich viel erwachsener.

🐴

Draußen begegneten wir Mom. Sie brachte mit einer Schubkarre Schrott von den abgerissenen Wänden im Stall weg. Tasuke lief ihr mit einer weiteren Schubkarre hinterher.
Mom wies mit dem Zeigefinger auf die umzäunte Koppel. Sie erklärte uns, dass die Sicherheitszäune fertig waren und die Pferde ab jetzt abends auf der Koppel bleiben konnten, solange ihr Stall umgebaut wurde.
Als die beiden vorbeigegangen waren, hielt mir AyAy die Hand für ein High Five hin. Ich schlug ein. Wir kamen gleichzeitig auf die Idee, ins Café zu gehen.
Wir bestellten und setzten uns an den Tisch, an dem wir gebruncht hatten. Als ich Timo an der Spülmaschine sah, fiel mir wieder ein, dass ich Ayame fragen wollte, wie das Date war. Ich fragte sie.
„War gut“, sagte Ayame, „wir haben uns überlegt, dass wir in den Herbstferien zusammen nach Paris wollen. Wenn wir dann den Louvre besuchen wollen, dann müssten wir halt bald mal die Tickets dafür kaufen.“ Sie lachte. „Aber nach Paris wollte ich ja auch schon immer, also das ist jetzt nicht nur wegen des Louvre.“
Ich nickte. Hinter dem McDonald's irgendwo Reisen planen – das war jetzt nicht so die Art Date, die ich mir vorgestellt hatte. Aber Ayame und Timo waren ja auch vollkommen independent. Eigentlich war die Idee ja gut.

Timo brachte uns die Bestellung an den Tisch. Für mich gab es Eistee und für Ayame Orangensaft. Heute war es so heiß, dass wir was Gekühltes haben wollten, und das konnte man von Matcha-Milchtee oder heißer Schokolade nicht behaupten.
„Wie steht's denn so bei den Ermittlungen?“, fragte Ayames Freund, als er uns die Getränke auf den Tisch stellte.
„Ziemlich gut“, erklärte ich, „Lia ist weiter unsere Hauptverdächtige.“
Als Ayame einen Schluck getrunken hatte, stellte sie fest: „Aber zum silbernen Gegenstand wissen wir immer noch kaum.“ Sie klärte Timo über die womögliche Gabel in Lias Jackentasche auf. Dann dachten wir uns zu dritt einen Plan aus, wie wir Lia überlisten konnten. Der silberne Gegenstand war zwar eigentlich nicht unbedingt sehr gefährlich oder wichtig, aber wenn wir herausfinden konnten, was er war, konnten wir vielleicht noch mehr herausfinden.

Wir sagten Jette Bescheid und verließen zu dritt das Café.
Timo zeigte auf eine Gestalt am Stall. „Da ist sie!“, flüsterte er, „Aktion kann starten!“
Ayame und ich begannen erst leise, dann immer lauter zu kichern und über Unsinn zu tuscheln, während wir übertrieben auffällig hinter Lia herschlichen. Timo sicherte uns von hinten ab. Alles war Teil des Plans und perfekt kalkuliert.
Wir spürten förmlich Lias Anspannung, während wir begannen, hörbar ihre Jeansjacke zu loben.
Ayame flüsterte mir laut zu: „Wow, so eine mega ultra supercoole Jacke hab ich in meinem ganzen Leben noch kein einziges Mal getragen!“
„Frag sie doch, ob du sie mal anprobieren darfst! Sie beißt nicht!“, zischte ich und gab ihr einen Schubs.
Lia drehte sich verunsichert und ärgerlich zu uns um. Ja, ja, wir waren sehr nervig! „Hallo“, brummte sie.
„Hallo Lia!“, flötete Ayame übertrieben enthusiastisch, „Deine Jacke ist ja ein Traum! Weißt du, ich vergöttere sie!“ Sie warf mir einen gespielt schüchternen Blick zu, während Lia verdattert zwischen uns hin- und herschaute.
„Kann Ayame sie mal anprobieren?“, bat ich und trat hinter meine Freundin. Die lächelte so übertrieben, dass Timo und mir Zweifel bezüglich ihres schauspielerischen Talents kamen.
„Äh, ja?“, sagte Lia irritiert und zog ihre Jeansjacke aus. Sie warf sie Ayame zu. Die zog sie schnell an und tat so, als würde sie wie ein Model posieren. Sofort wollte sie die Hände in den Jackentaschen vergraben. Aber wenige Sekunden bevor sie es tat, rief Lia heiser: „Stopp!“ Sie zerrte die Jacke von Ayames Schultern, griff mit einer groben Handbewegung in die Jackentasche und zog blitzschnell den silbernen Gegenstand heraus. Dann steckte sie ihn notdürftig in ihren Reiterstiefel und gab Ayame die Jacke zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln sagte sie schnell: „Äh... Ich möchte das gerade einfach nicht. Jetzt kannst du deine Traumjacke gerne anprobieren! Viel Spaß.“
Mist. Plan fehlgeschlagen.
Sichtlich verärgert zog Ayame die Jacke an, murmelte „Wow, steht mir super, danke, megacool, vielen Dank, das ist echt super nett“ und zog sie wieder aus.
Timo trat vor. „Was war denn der Gegenstand, den Sie da rausgenommen haben?“, fragte er mutig, während Ayame Lia mit der Jacke bewarf.
„Ach, das war bloß eine Gabel“, verplapperte sich Lia und verschwand möglichst unauffällig, aber sehr hastig. Ich sah, dass sie zur Scheune ging. Aber den Koffer und die Schlüssel hatte ich mitgenommen. Ich presste die Lippen zu einer schmalen Linie. „Okay, Leute, hat nicht ganz so geklappt, wie wir geplant haben, aber immerhin wissen wir jetzt, dass es eine Gabel ist.“
„Morgen müssen wir sie mal verhören!“, grummelte Ayame missmutig und scharrte mit den Füßen wie Moritz ohne Hufeisen.
Ich verabschiedete mich von Ayame und Timo und ging ins Haus, um meinen Burger zu essen. Ein ziemlich spätes Abendessen.

🐴

Nachdem ich gegessen und geduscht hatte, ging ich noch mal raus. „Heute haben wir's nicht hingekriegt“, flüsterte ich, „aber wir finden dich, Lia. Ganz sicher.“
Der Hof lag still da. Die Pferde schnaubten leise auf der Koppel, irgendwo klapperte noch ein Haken im Wind. Ich blieb einen Moment stehen und hörte einfach nur zu. Ich wusste jetzt mehr als vorher. Nicht alles – aber genug, um weiterzugehen. Morgen würden wir wieder ermitteln.

Mittwoch, 4. Februar 2026

9: Ein Geständnis zum Mitnehmen

Rilana & Friends

Sommer, Sonne, sabotiert!

Kapitel 9: Ein Geständnis zum Mitnehmen

Verdammt, in der Nacht hatte ich echt nicht gut geschlafen! Ich hatte nie richtig die Augen geschlossen und gefühlt alle drei Minuten auf mein Handy geschaut, ob das Display aufleuchtete und Nachrichten anzeigte. Wenn ich es gar nicht aushielt, tippte ich sogar darauf, was ein paarmal vorkam.
Jetzt war ich eindeutig wach. Mitten in der Nacht konnte es nicht mehr sein, denn durch mein dünnes Rollo erreichten die ersten Sonnenstrahlen mein Zimmer. Mich weiter im Bett herumzuwälzen und so zu tun, als könnte ich noch einschlafen, war sinnlos. Also riss ich die Schneeflocken-Decke von mir runter, griff mir das Smartphone und berührte das Display mit meinem Zeigefinger. Es war 05:17 Uhr. Damit der Wecker, den ich gestern Abend eingestellt hatte, nicht in einer Stunde und 28 Minuten vibrierte, stellte ich ihn schon mal vorzeitig aus. Schließlich war ich jetzt wach und konnte nicht mehr unter die Decke kriechen. Stattdessen lag noch der ganze Tag vor mir. Ich entschied, dass er damit begann, dass ich das Rollo hochfuhr. Sofort wurden die Lichtstrahlen, die vom Fenster hereinschienen, noch heller und fielen auf meinen Schreibtisch.
Im Lichtfeld sah ich kleine Staubpartikel über dem Chaos auf meinem Schreibtisch tanzen. Wenn er sich auf etwas angesammelt hatte, hasste ich Staub, aber in der Luft war er manchmal einfach wunderschön.

🐴

Nach dem gemeinsamen Frühstück mit Mom und Dad lief ich in meinen blauen Turnschuhen raus. Zu meinem schwarzen Top und den blauen Flare-Jeans waren die vielleicht nicht perfekt... Was konnte ich auch dafür, dass alle meine anderen Anziehsachen in der Wäsche waren?! Immerhin konnte ich das oben-schwarz-unten-blau-Outfit mit zwei französischen Zöpfen aufpeppen.
Mein erstes Ziel war, Ayesha zu suchen. Ihre gestrigen Reaktionen auf meine Aktionen mit Rob waren wirklich merkwürdig gewesen. Es war Zeit, Klarheit zu schaffen. Ich musste sie fragen, ob Rob und sie ein Paar waren. Ehrlich, das fände ich beschissen. Es wäre nicht cool von denen.
Auf dem Heuhaufen vorm Stall war Ayesha schon mal nicht, obwohl das sonst ihr Lieblings-Spot für Selfies und Kurzvideos war. Auf dem großen Stein vor dem Café konnte ich sie auch nicht finden, obwohl das mein Plan B gewesen wäre. Wo versteckte sich diese überbezahlte Angeberin?! Ich ging nicht davon aus, dass sie im Café war, und hatte auch keine Lust, dort nach ihr zu suchen. Vielleicht half es mir eher weiter, jemanden auf dem Hof zu fragen. Wer war denn um diese Uhrzeit schon auf? Rob...? Wenn ich ihn schon nach Ayesha fragen konnte, dann konnte ich auch fragen, was zwischen ihnen lief. Hoffentlich gab er mir dieses Mal eine Antwort. Wenn nicht, hätte ich so langsam allen Grund, angepisst zu sein.

Ich ging in den Stall, wo er wahrscheinlich die Boxen der Pferde reinigte. Na ja, er war zwar im Stall, aber Boxen ausmisten tat er nicht gerade. Vielmehr erwischte ich ihn dabei, wie er Krieg gegen eine andere Armee führte und das Zuhause unserer Pferde verstrahlte. Er war schon so angespannt und versunken in das Videospiel, dass ich ihn vielleicht doch lieber in Ruhe lassen wollte. Als ich mich umdrehte und auf den Ausgang zusteuerte, hatte er mich offenbar schon bemerkt und fragte: „Suchst du was?“ Ein leiser Knall kam von seinem Handy, und er murmelte ärgerlich: „Mist, alle drei Leben verbraucht. Mann ey. Egal.“
Ich ging ein paar Schritte näher an ihn ran und kniff ihn in den Arm. Es entstand eine kleine elektrische Zuckung, die ich gar nicht beabsichtigt hatte. Als ich mich gefasst hatte und wieder zurückgewichen war, sagte ich mit eiserner Stimme: „Willkommen zurück in der Realität.“
Sein unschuldiger Blick und die Art, wie er sein Handy in die Bauchtasche steckte, jagten mir einen Schauer über den Rücken. Ich atmete tief ein und zog mir das Top über den Hosenbund. Zuerst fragte ich: „Weißt du, wo Ayesha ist?“ Die andere Frage war kein sehr guter Einstieg in ein Gespräch, und obwohl ich Ayesha jetzt nicht mehr brauchte, war es trotzdem ganz gut zu wissen, wo sie war.
Robs Augen blitzten und er grinste. „Denke mal, zu Hause. Sie hat sich halt heute krankgemeldet.“ Als er mich kurz gemustert hatte, fügte er hinzu: „Alles gut mit dir?“
Meine Gedanken spielten verrückt. Dass Ayesha nicht anwesend war, bedeutete mehr Freiheit für Rob und mich. Wir konnten weiter unsere Verbindung aufbauen. In meinem Bauch bildete sich ein Knoten, denn Ayesha wusste sowieso, dass wir nicht einfach zwei Kollegen waren, die nebeneinander herlebten... Kollegen waren wir eh nicht. Sie war seine Kollegin. Und sie war auch meine Kollegin. Wir funktionierten ganz gut als Team gegen zickige Außenseiterinnen. Aber funktionierten wir auch noch, wenn ich versuchte, ihr alles mit Rob zu verheimlichen? Schließlich war es mehr als wahrscheinlich, dass Ayesha, die 17 Jahre alt war, und ihr 18-jähriger Kollege zusammen waren. Jedenfalls wahrscheinlicher, als dass ihr 18-jähriger Kollege nicht mit ihr zusammen und in seine 14-jährige Nicht-Kollegin verknallt war. Diese war zufälligerweise ein hyperdetektivischer Freak und Bubbletea-Suchti, der sich auf gefährliche Abenteuer auf der Autobahn einließ. Und dass diese überreife Tomate übermäßig viel von dem Achtzehnjährigen hielt, gefiel ihren Eltern bestimmt nicht. Das hieß, dass Mom und Dad nicht von meinem Crush auf Rob erfahren durften. Punkt.
Ich erwachte aus meiner Trance und biss mir auf die Zunge. Aua. Ich schluckte. „Hast du was gesagt?“
„Geht? Es? Dir? Gut???“, fragte Rob überdeutlich. Ich schüttelte den Kopf, sagte aber Ja. Um die peinliche Situation zu beenden, haspelte ich drauflos: „Ähm... Wahrscheinlich hat Ayesha sich krankgemeldet, damit sie den ganzen Tag in der Shoppingmall abhängen kann und ihren TikTok-Kanal füttern kann. Und ganz nebenbei wird sie auch noch dafür bezahlt. Ist doch verdächtig, dass sie im Sommer krank ist.“ Okay, das war jetzt nicht ganz das, was ich eigentlich sagen wollte – und außerdem hatte ich meine unangenehme Frage vergessen. Und natürlich wusste Rob, dass Ayesha eine TikTok-Persönlichkeit war.
Er schaute mich etwas irritiert an und schien noch nicht ganz überzeugt zu sein, obwohl er nickte. Dann schnappte er sich die Mistgabel, die an der Wand lehnte, und sperrte die Tür zu Moritz' leerer Box auf.

Außerhalb vom Stall war die Luft sehr gut. Obwohl das Gespräch in der Stallung irgendwie seltsam verlaufen war, hatte es das Genie in meinem Kopf zustande gebracht, die schlechten und verwirrenden Gedanken vorerst in meine hinteren Gehirnzellen zurückzudrängen. Geblieben war nur noch ein Eindruck, der sich aus der Mischung aus einer gelben Mütze, goldenen Sprenkeln in einer Iris und elektrischen Berührungen zusammensetzte.
Meine Laune hob sich mit der steigenden Sonne und erreichte ihren Höhepunkt, als ich auf dem Putzplatz Lia sah, die Sternschnuppe abspritzte. Ich stellte mich neben das schwarze Pferd und schlang meine Arme um seinen muskulösen Hals. Lia spritzte uns weiter nass, was in der hochkletternden Temperatur sehr guttat. „Na, du? Schon aufgestanden?“, begrüßte sie mich lächelnd und winkte mit der freien Hand. Ich schaute ihr durch den Sprühstrahl ins Gesicht, das auf einmal gar nicht so happy wirkte wie sonst. Ihr Lächeln war mehr gequält als freudestrahlend. Ich war hier freudestrahlend. Ich strahlte also vor Freude, obwohl meine Friends nicht dabei waren. Früher wäre das nicht möglich gewesen, aber jetzt waren sie ja meine Ex-Friends und Ayames Freundschaftsarmband lag irgendwo im Staub unter meinem Bett. Es gab AyAy und Yari nicht mehr. Sie waren nur noch Ayame und Mayari, die Arschlöcher. Und sie würden nie wiederkommen, weil sie keinen Grund hatten, mich auf meinem beknackten Reiterhof zu besuchen. Tasuke war auch von der Liste der freiwilligen Mitarbeiter und Ermittler zu streichen.
Bevor die schlechte Laune wieder aus der hinteren Ecke meines Gehirns herauskriechen konnte, schaute ich schnell wieder zur gequält lächelnden Lia. Sie drehte das Wasser ab und fragte mich, ob ich Moritz putzen wollte. Schließlich war Rob im Stall und die Pferde deshalb auf der Koppel. Sie stockte, als sie ihre Hand in die Tasche ihrer Jeansjacke gleiten ließ, und zog diese ruckartig wieder raus. Dabei blitzte etwas Silbernes aus ihrer Tasche auf. War das der silberne Gegenstand, den sie eingesteckt hatte, als ich sie wegen des Angriffs im Café verhört hatte?! Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich ihre Frage noch nicht beantwortet hatte. Ich nickte und ging zur Koppel, wo ich Moritz holte und an einem Strick zum Putzplatz führte. Grübelnd begann ich mit dem Putzen.

Als ich um 06:53 Uhr ins Haus ging, drehte ich mich noch mal um und winkte Lia hinterher. Sie hatte mir schon den Rücken zugewandt und lief auf Mom zu, die hinterm Stall hervorkam. Zusammen schauten sie einem LKW zu, der gerade auf unseren Parkplatz fuhr. Ein kräftiger Mann stieg aus und sie kamen zu ihm, um ihm die Hand zu schütteln. Dann lud der LKW-Fahrer mehrere sehr große Pakete aus. Zu dritt rissen sie sie auf. Lia, Mom und der Mann brachten den Inhalt zur Koppel, wo die Pferde grasten.
Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als ich erkannte, was sie aus dem LKW geschleppt hatten: die Sicherheitszäune!
Mit neuer Lebensfreude aufgeladen, sprang ich die Treppenstufen zu meinem Zimmer hoch. Ein kribbelndes Glücksgefühl durchflutete meinen Körper. Endlich wurde angepackt. Endlich konnten die Boxen vergrößert werden. Endlich konnten die Pferde abends auf der Koppel bleiben.

🐴

Ich war mit dem Aufräumen meines Zimmers beschäftigt, als es an der Tür klopfte. Ich musste nur noch die Wände streichen und meine Möbel umsortieren. Den Kampf gegen die Zettelwirtschaft meines Schreibtischs hatte ich gewonnen. Treuen Beistand hatten mir dabei die kameradschaftliche Mülltonne und das revolutionäre Kehrblech geleistet. Außerdem hatte ich unnötige Kisten entsorgt und meine Schränke sortiert. Bis auf den Bereich unter meinem Bett hatte ich alles mit dem Staubsauger abgesaugt.
Während ich zufrieden seufzte und mir ein Kaugummi mit Melonengeschmack in den Mund steckte, öffnete ich meine vollgestickerte Zimmertür. Lynn kam rein. „Hallo“, sagte sie schnaufend und wirkte für einen kurzen Moment müde. „Es wurde wieder sabotiert. Schaust du dir den Schaden an? Die Ermittlungen müssen vorankommen!“ Ihr Blick war fast vorwurfsvoll.
Ich kratzte mich am Kopf. „Was ist denn passiert?“, wollte ich wissen. Lynn ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn kraftlos. „Komm, das zeig ich dir jetzt. Rilana, ich weiß nicht, was los ist. Jette und Timo sind gerade erst aufgestanden und nicht in der Lage, mit mir darüber zu reden. Die Playlist spielt auf einmal katastrophale LoFi-Walgesänge ab, die komplette Vitrine wurde geplündert und die Kundentoilette... du kannst es dir nicht vorstellen.“
Ich packte sie an der Hand und wir rannten sofort zum Tatort.

Lynn riss die Tür auf und warf Jette sofort einen genervten Blick zu. Es war entsetzlich. Lynns Tochter hing am Handy ab. Ich schaute unauffällig auf ihr Display. Sie CHATTETE MIT MAYARI!!! Anstatt die vielen Schäden zu beheben und ihrer überforderten Mutter zu helfen, tat sie das sinnloseste, was man in dieser Situation machen konnte. Außerdem provozierte es mich, weil Mayari mich jetzt allgemein provozierte.
Timo hielt zwei Zuckergläser hoch, die mit „Vanillezucker“ und „Salz“ beschriftet waren. „Aus Flat White wird heute wohl nichts mehr“, sagte er zu Lynn, „alles ist total durcheinandergeraten. Die Saboteurin hat alle Zutaten vertauscht und auf den Kopf gestellt. Wir können gar nichts machen. Unsere Tiefkühlvorräte sind einfach verschwunden!“
Jette schaute von ihrem Smartphone auf. „Ein Kunde hat sich beschwert, dass sein Espresso komisch schmeckt, und dann haben wir die vertauschten Zuckergläser bemerkt“, berichtete sie und sah zu Timo rüber. Er fügte hinzu: „Als ich die Spülmaschine ausräumen wollte, hat sie erst mal geklemmt und dann ist Milch aus den Ritzen geflossen! Ich hab mir erst mal schön die Hose versaut und dann auch noch die Finger eingeklemmt, als ich sie dann doch aufgekriegt hab. Alle Becher sind nacheinander auseinandergebröselt! Ich meine, das ist der Wahnsinn!“ Plötzlich wurde ja alles auf einmal sabotiert! Es hatte jetzt offensichtlich nichts mehr mit der Tollpatschigkeit von Jettes Bruder zu tun.
Mein Blick fiel auf die ausgeplünderte Vitrine. Lynn legte mir eine Hand auf die Schulter und zeigte mit der anderen auf den Boden. Selbstgebackene Muffins, Kuchen und Cookies lagen über die Fliesen verteilt. Ein leckerer Brownie war komplett zertreten gestorben und zu keinem Prozent mehr essbar. In einer Ecke lag ein in fünf Stücke gebrochener Cranberry-Zitronen-Cookie. Ich enthauptete ein Blümchen, das in seiner Vase auf dem Tresen stand. Das Köpfchen warf ich auf den Brownie und sagte: „Mein Beileid.“ Mein Herz krampfte sich noch mehr zusammen, als ich den ausgelaufenen Erdbeersmoothie entdeckte, der wehrlos neben dem Cookie lag.
Lynn ging mit mir zum Kunden-WC. Die Tür stand sperrangelweit offen. Der Blick auf die komplett kaputte, mit Schmutzwasser überlaufene Kloschüssel und die daneben liegende Klobrille war frei. Ich schaute zu Lynn, die zusammenzuckte, obwohl sie den Anblick heute Morgen schon einmal ertragen hatte. „Die Rohre sind komplett abmontiert worden“, brummte sie mit Grabesstimme, „und meine Schwester Lia hat sich geweigert, neue dranzumontieren und uns zu helfen. Dabei ist sie doch Spezialistin auf diesem Gebiet! Weißt du, wir waren schon immer ziemlich zerstritten, aber so weit ist es noch nie gekommen. Wir haben dann noch heftig gestritten und diskutiert. Und dann hat sie gesagt, dass ich selber Schuld mit Herrn Waltz war und sie ihn auch nicht leiden kann, aber dass er in einer Sache Recht hat: nämlich, dass Jette und Timo nicht alleine das Café leiten sollen.“ Sie verschränkte die Arme, ohne mich anzuschauen. „Ich hab wirklich schon genug zu tun“, murmelte sie leise und ich konnte aus ihrer Stimme Wut heraushören. Ich musste daran denken, dass Lia einmal zu abmontierten Rohren und Werkzeugen gegangen war, worauf ich damals nicht so geachtet hatte. Und an den silbernen Gegenstand musste ich auch denken. Ich fragte Lynn, ob sie wusste, was Lia immer bei sich trug. Die Besitzerin des Cafés wusste es natürlich nicht und wurde still.

Ich hörte, wie die Tür zum Café aufgestoßen wurde, und machte die zum WC schnell hinter mir zu. Die Klo-Katastrophe musste echt nicht jeder dahergelaufene Kunde sehen, da reichten die ganzen Sachen auf dem Boden schon völlig aus.
Timo winkte hinter dem Tresen. „Hi, Tasuke! Wie du siehst, ist bei uns das totale Chaos ausgebrochen! Die Saboteurin hat jetzt alles auf einmal sabotiert!“, begrüßte er Ayames Bruder. Uff. Kein Kunde. Keine Ayame. Nur ein Detektiv.
Tasuke blieb kurz unschlüssig vor der Sauerei auf dem Boden stehen. Dann schaute er sich nach etwas um.
Timo machte eine abwinkende Handbewegung. „Hier wurde halt sabotiert. Können wir was für dich tun?“
Tasuke überlegte. „Vielleicht... die Musik ändern? Diese seltsamen Töne sind ziemlich irritierend. Oder glaubt ihr, damit trefft ihr den Geschmack eurer Kunden?“, frotzelte er.
Jette verdrehte die Augen. „Falls du's noch nicht bemerkt hast: Diese Musik ist auch Sabotage! Denkst du, wir würden Walgesänge anmachen? Und wo die Musikbox versteckt ist, wissen wir nicht. Also: nein. Und eigentlich kannst du im Moment auch gar nix bestellen. Alles, was wir haben, sind Matschekuchen auf dem Boden. Der Kühlschrank ist leer. Das einzige, was du jetzt machen kannst, ist, zu spenden... Ansonsten zieh ab!“, meckerte sie ihn an.
Ich sprang über ein paar versaute Zitronenmuffins und zeigte dann auf Tasuke. „Kommt Ayame auch?“, schoss es aus mir, bevor ich drüber nachdenken konnte. Ich hängte schnell noch dran: „Und, äh, warum bist du hergekommen?“
„Ayame hat mich geschickt. Sie kommt nach dem Mittagessen“, antwortete er, „Ich bin nur hier, um nach dir zu schauen und dir das zu sagen. Ich soll ihr schreiben, wie du drauf bist.“
Mein Gesichtsausdruck wurde kühl. „Du bist also ihr Spion. Und nach dem Essen will sie mich verprügeln? Du kannst ihr melden, dass ich ihr Freundschaftsarmband unter mein Bett in den Staub geschmissen hab.“
Tasuke schluckte. „Ich weiß, das ist sehr feige von ihr, dass sie nicht selbst nach dir schaut. Aber... ich glaub nicht, dass sie dich verprügeln will.“ Während er langsam wieder zur Tür ging, holte er sein Handy hervor und tippte etwas.
Timo, der inzwischen das Chaos auf dem Boden wegfegte, ließ das Kehrblech stehen und holte ihn zurück. „Hey! Suk! Ich bezahl dich. Und du hilfst uns.“ Als er sah, dass Tasukes Video-Chat mit Ayame ihn aufzeichnete, sagte er: „Er hilft uns, okay?“ Die winzige Ayame auf dem Bildschirm nickte zehnmal hintereinander und winkte. Dabei sah sie nicht, dass ich mit aufs Display schauen konnte.
„Okay, ich helfe euch“, sagte Tasuke zu Timo, und leise zu Ayame: „Du kannst dich auf einen R-Punkt-Eiszapfen freuen. Dich erwarten Nordpol-Temperaturen in ihrer Nähe und vielleicht ein kleines Gewitter mit Schnee.“ Dann beendete er den Video-Chat, steckte sein Handy zurück und schaute sich nach der versteckten Musikbox um. Timo ging zur Kasse und machte die Schublade auf. Er holte einen Zehner raus und gab ihn Tasuke.
Ich trat aus dem Café. Jette winkte mir noch zu und ging dann zur Spülmaschine hinter den Tresen.

Draußen an der Koppel begegneten mir Mom und Lia. Ich sah, dass sie Fortschritte mit dem Sicherheitszaun gemacht hatten, aber fertig waren sie noch lange nicht. Mom drückte mir ihre Geldbörse in die Hand und erklärte, dass sie mit Lia den Zaun befestigen musste. Deswegen sollte ich mit dem Fahrrad zum Supermarkt fahren und für das Mittagessen einkaufen.
Ich holte schnell meine Tasche und mein hellblaues Fahrrad. Nachdem ich einen Blick auf die Einkaufsliste von Mom geworfen hatte, radelte ich los. Zum Lidl in der Nähe musste man so fahren wie zur Schule, nur am Ende musste man rechts abbiegen. Tatsächlich fuhr ich immer mit dem Rad zur Schule.
Als ich angekommen war, stieg ich vom Fahrradsattel und befestigte mein Schloss an einem öffentlichen Fahrradständer und am Hinterrad. Ich hängte noch meinen Helm dran und betrat dann die Filiale.
Als Erstes nahm ich mir einen Einkaufswagen und steuerte auf das Tiefkühl-Regal mit den Pizzen zu. Auf der Einkaufsliste stand Pizza ganz oben. Ich machte es immer so, dass ich die Waren nach der Reihenfolge kaufte, wie es auf der Liste stand. Das war am unkompliziertesten.
Von der Tiefkühlpizza, die wir immer kauften, waren nur noch zwei da. Ich schob die durchsichtige Schiebetür auf. Dann nahm ich beide Pizzen und legte sie in den Einkaufswagen.

Außer dem, was auf der Einkaufsliste stand, hatte ich noch geheime Süßigkeiten für mich, Cookies und Himbeeren gekauft. Jetzt schob ich gerade meinen Einkaufswagen zurück und ging dann mit einer vollen Tasche zu meinem Fahrrad zurück. Ich schloss es auf und fuhr nach Hause. Dort verstaute ich alles außer den Pizzen und den Süßigkeiten in Kühlschrank oder Küchenschrank.
Ich machte den Ofen an und fing an, die Soßen vorzubereiten, die Mom liebte. Als der Ofen bereit war, schob ich die Pizzen rein und stellte die Eieruhr auf 12 Minuten.

 🐴

Dad, der mit uns zusammen gegessen hatte, übernahm den Abwasch. Die Pizza war echt lecker gewesen. Jetzt war ich satt und wollte mich nicht länger im Gebäude aufhalten. Deshalb ging ich nach draußen auf den Hof. Gleich musste Ayame ankommen, und am besten bereitete ich mich geistig schon mal darauf vor. Es musste ein kühler Empfang werden; ein cooler, kühler Empfang.
Plötzlich fiel mir ein, dass ich mir gestern vorgenommen hatte, Jette endgültig zu fragen, ob sie die Saboteurin war. So langsam kam sie mir echt verdächtig vor. Schließlich war sie immer im Café und bekam alles mit, ging ständig aufs Klo - also zum Tatort – und benahm sich in Tasukes Gegenwart grummelig und aggro. Dann kam noch dazu, dass sie so gut wie nie etwas fürs Café tat und stattdessen am Handy rumhing. Wahrscheinlich hatte sie auch noch Stress und Druck in der Familie, weil es zwischen Lynn und ihrem Mann nicht so rund lief und alles unerträglich wurde. Deshalb konnte es gut sein, dass sie Aufmerksamkeit von ihren Eltern haben wollte – und die bekam sie, wenn sie das Café sabotierte.
Die Sabotageakte heute wiesen auch darauf hin, dass es der Saboteurin nicht um Geld ging. Die Taten wirkten verzweifelt. Die Täterin schien Zeitdruck zu haben... oder Angst, entlarvt zu werden! Sonst hätte sie nicht alles auf einmal sabotiert. Bisher war sie immer diskret und systematisch vorgegangen.
Ich musste es jetzt einfach durchsetzen. Je länger die Täterin (die wahrscheinlich Jette war) unentdeckt blieb, desto mehr Schaden konnte sie anrichten. Also stieß ich die Tür zum Café mit warnend-detektivischem Gesichtsausdruck auf und trat ein.
Timo und Tasuke hatten die Schweinerei auf dem Boden bereits beseitigt und LoFi-Walgesänge waren auch nicht mehr zu hören. Stattdessen lief jetzt ein poppiger Song von Taylor Swift. Jette stand harmlos hinter dem Tresen und tippte auf ihrem Handy. Ich stellte mich ihr gegenüber und bestellte: „Hi, Jette. Ich hätte gern ein Geständnis.“
„Kommt sofort“, trällerte Jette geistesabwesend und bückte sich, um in die Vitrine zu greifen. Dann stockte sie. „Äh, was? Ein Ge... Ein Geständnis? Kein Bubbletea? Ach ja, wir haben auch gar keinen, den wir dir geben könnten. Was für ein Geständnis meinst du denn?“
Ich packte sie an den Schultern und sah ihr eindringlich in die Augen. Ich flüsterte: „Keine Sorge, ich verdächtige dich nicht, aber du bist verdächtig. Äh, ja, okay, egal. Aber jedenfalls würde ich gern wissen, ob du das Café sabotierst. Das ist jetzt auch das letzte Mal, dass ich dich frage.“
Jette wirkte nicht sehr beruhigt. „Sehr gut! Und Timo kann bezeugen, dass ich es nicht bin. Sehe ich etwa so aus? Wir sagen doch, dass Lia es ist! Sie hat Tasuke überfallen! Ich find's gut, dass du so detektivisch bist, aber manchmal geht dieses Misstrauen bisschen zu weit. Würde ich mal sagen.“ Sie schaute mich an wie ein Welpe, der im Regen alleingelassen wurde. „Rilana“, sagte sie traurig, „Mama hat gerade schon so viel zu tun, und ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann, ohne sie aufzuregen. Aber ihr Café sabotieren, das würde ich auch nicht machen, wenn alles super laufen würde. Timo hätt's auch gar nicht erst zugelassen. Hier irgendwas zu sabotieren, ohne dass er's merkt, ist gar nicht möglich.“ Es gab keinen Zweifel mehr, dass Jette unschuldig war. Timo war auch ausgeschlossen, denn dann hätte sie es ja gemerkt. Vielmehr war Lia jetzt meine Hauptverdächtige. Ayesha hatte schon mehrfach beteuert, dass sie unschuldig war. Alle aus meiner Familie kamen nicht infrage. Lynn konnte es nicht sein, weil das Café ihr gehörte und die Sabotage sie stresste. Jette, Timo und Herr Waltz waren auch aus dem Spiel. Meine Freundinnen sabotierten natürlich auch nicht. Rob traute ich gerade nicht zu, dass er der Saboteur war. Tasuke war Opfer der Sabotage und ermittelte für uns. Mich selber hatte ich nie verdächtigt. Also konnte es praktisch nur noch Lia oder eine externe Person sein.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als die frische Sommerluft durch die Tür reinströmte.
„Timo!“, rief eine verdächtig bekannte Stimme und die Person rannte stürmisch auf Jettes Bruder zu. Ich zuckte zusammen. Als ich mit meinen Gedanken abgeschweift war, hatte ich Ayame vergessen. Jetzt war ich komplett unvorbereitet. Zum Glück hatte ich ein wenig Zeit, mich zu fassen, während meine Ex-Freundin Timo umarmte.
Ich starrte auf Ayames T-Shirt. Ayame hatte es getragen, als wir uns in der Schule anfreundeten. Es war weiß und hatte einen roten Schriftzug. Damals saß ich beim Mittagessen in der Schulmensa an ihrem Nachbartisch und es gab Nudeln mit Tomatensoße. Mayari saß neben mir und ist plötzlich aufgesprungen, weil sie Tasuke am Buffet gesehen hatte. Dabei stieß sie mich versehentlich mit dem Ellbogen an und mir fiel der Löffel aus der Hand. Er klatschte in die Tomatensoße, die überall hinspritzte. Sogar Ayame am Nachbartisch wurde vollgespritzt. Die anderen waren alle total sauer und liefen zum Klo oder motzten mich an, aber Ayame, die eine Klasse höher war, blieb sitzen. Die Situation an sich war megapeinlich, Ayame rettete sie aber. Sie sagte mir, dass ihr T-Shirt so jetzt viel besser aussah und die Tomatenflecken zum roten Schriftzug passten. Die anderen versuchten alle, die Soße auszuwaschen und trugen die Klamotten danach nie wieder. Ayame ließ das T-Shirt so und hat es oft getragen – und heute trug sie es wieder, obwohl sie auf einen grünen Stil umgestellt hatte. Damals, als ich sie vollspritzte, hatten wir uns angefreundet; vorher kannte ich sie nämlich nur vom Sehen. Mit Mayari, die in meiner Klasse war, hatte ich mich kurz davor schon angefreundet. Ich wurde auf sie aufmerksam, als sie sich vorne am Haaransatz zwei Strähnchen blond färbte. Ayame war auch begeistert davon und wir wurden zu einer klassenübergreifenden Dreiergruppe, die sich in den Pausen und nach Schulschluss traf. Meistens half uns Ayame erst mal bei den Hausaufgaben und dann machten wir coole Sachen und hingen ab.

Ich hob meinen Blick von Ayames T-Shirt und sah ihr direkt in die Augen. „Hi“, presste ich hervor.
Ayame lächelte traurig. „Lana“, sagte sie leise. Sie blickte kurz zur Tür und dann wieder zu mir. Ich verstand das Zeichen und nickte. Wir verließen das Café, um die Lage zu klären, ohne von allen gehört zu werden.
„Du willst die Situation mit mir besprechen, oder?“, fragte ich und strich mir das Top glatt.
Ayame schaute auf ihre Füße, die in schwarzen Retro-Sneakern steckten. „Die Situation von gestern. Die hat sich nämlich verändert.“ Als sie eine kleine Pause machte, um zu überlegen, wanderte ihr Blick wieder hoch. „Gestern hab ich voll überreagiert. Sorry.“
Ich guckte weg und bewegte einen Mundwinkel ungeschickt nach oben. Kühl und lässig zu wirken, war echt leichter gesagt als getan. Gerade war ich einfach angespannt und wusste nicht, was ich machen sollte. Unsicher verlagerte ich mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ich erwartete, dass Ayame weiterredete. Nach einer kurzen Pause tat sie das auch.
„Irgendwie war ich gestern total fertig von der Horrortour mit Vicky und Valerie und hab meinen Ärger dann aber an euch rausgelassen. Aber du warst eigentlich gut drauf und wolltest mit uns eine coole Zeit haben. Nur dass ich trotzdem genervt war und einfach unfair zu dir war. Ich hab eigentlich schon gewusst, dass du Recht damit hattest, dass wir nicht die Saboteurinnen sind – ist ja auch klar. Aber ich hab's da einfach nicht ausgehalten, dass du alles besser wusstest. Als du dann Timo verdächtigt hast, hab ich das einfach als Grund genommen, beleidigt zu sein. Das war richtig blöd von mir“, gab sie zu. Ayame rückte ihre Brille zurecht.
Ab diesem Moment konnte ich ihr nicht mehr böse sein. Ich grinste. „Dann sind wir jetzt wieder BFF?“
AyAy nickte und zeigte auf die drei Freundschaftsarmbänder an ihrem Handgelenk. „Best Friends Forever und keine beschissenen Arschlöcher. Echt, ich bin nicht sauer auf dich, weil du das in den Chat geschrieben hast.“ Sie schaute aufmunternd in Richtung Café. „Jetzt ermitteln wir wieder gemeinsam und finden den Täter.“

 🐴

Im Haus gingen wir auf den Balkon und richteten es uns dort gemütlich ein, mit Himbeeren und Süßigkeiten. Ich setzte mich in den Sitzkorb und Ayame holte sich einen Campingstuhl dazu.
Ich klärte sie über meinen aktuellen Verdacht auf Lia auf, während ich die Himbeerpackung halbierte. „Dass sie mich vom Café fernhalten will, ist mir inzwischen klar. Und dahinter steckt nicht nur, dass sie Jette und Timo nicht mag. Ich glaube, es steht fest, dass sie die Saboteurin ist“, kombinierte ich, „Es kann eben auch nur Lia oder Rob sein. Jette habe ich heute gefragt. Sie ist es eindeutig nicht. Und ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Ayesha mich immer anlügt. Heute hat sie sich krankgemeldet.“
Ayame kaute nachdenklich auf einem Lachgummi. „Konntest du irgendwas Neues zum silbernen Gegenstand rausfinden, den Lia vorgestern nach dem Überfall dabei hatte?“, fragte sie. Sie hielt mir die Packung hin und ich schob mir auch ein Lachgummi in den Mund. Als ich es zerkaut und runtergeschluckt hatte, sagte ich: „Sie hat ihn jeden Tag in der Tasche. Heute ist sie zusammengezuckt, als sie ihn berührt hat. Irgendwie denke ich, dass es eine Gabel ist.“
„Würde passen“, meinte Ayame, „Jette und Timo sagen auch, dass Lia Tasuke angegriffen hat. Und der Angriff passierte ja mit einer Gabel. Außerdem hat die Saboteurin am Anfang Gabeln verbogen. Die Kratzer waren übrigens nicht sehr tief. Tasuke ist wieder fit.“
Ich schaukelte in meinem Sitzkorb hin und her. Ich fragte AyAy, ob sie Tasuke von unserem Streit erzählt hatte oder ob das Mayari gewesen war.
„Beides“, antwortete meine BFF, „also Mayari hat's ihm schon direkt nach dem Streit geschrieben und ich hab es ihm gestern Abend erzählt, als ich dazu bereit war.“ Ayame beugte sich zu mir vor und griff drei Himbeeren aus der halb leeren Packung.
Ich schmunzelte. „Du hast dich also dagegen entschieden, eine Mobberin zu sein?“
Ayame nickte ernst. „Mobbing ist eigentlich was anderes“, erklärte sie, „Da macht eine Gruppe einen Schwächeren runter, um sich cool und mächtig zu fühlen. Oft ist das richtig traumatisierend. Gestern hab ich ein paar Videos über Mobbing geguckt und rausgefunden, dass ich Tasuke nicht mobbe. Ich ärgere ihn eigentlich nur und bin fies. Aber das will ich nicht mehr machen. Zu echtem Mobbing soll es nicht kommen.“
Ich gab ihr ein Zeichen, dass sie kurz warten sollte, und ging in mein Zimmer, um das Freundschaftsarmband aus dem Staub zu fischen. Das machte ich mir ums Handgelenk und ging wieder auf den Balkon. Ich klärte Ayame darüber auf, was ihr Geschenk durchgemacht hatte. Wir kamen auf die Idee, es Mayari zu schenken, damit sie auch eins hatte. Allerdings wusste keine von uns beiden, ob sie jemals wieder zu uns auf den Reiterhof kommen würde. Nach tausend wütenden Spam-Nachrichten hatte sie nichts mehr in den Gruppenchat geschrieben.
Ayame holte ihr Handy aus ihrer Asics-Sporttasche, die sie heute mitgenommen hatte. Als sie einen Blick darauf geworfen hatte, sagte sie: „Mir hat sie noch geschrieben, dass ihre neue BFF jetzt Jette ist. In dem Chat bist du nicht drin.“ Sie rückte ihre Brille zurecht und seufzte.

Ich zeigte Ayame mein aufgeräumtes Zimmer und lud sie ein, mit mir zusammen die Wand zu streichen. Dafür stellten wir alle Möbel in die Mitte des Zimmers und holten uns aus dem neuen Gästezimmer die Farbtöpfe. Die bunte Wand dort sah richtig krass aus; deshalb wollten wir die in meinem Zimmer auch mit der Hochsprung-Technik streichen.
Als Hauptfarben wählten wir Mintgrün, Hellblau und Flieder aus. Diese Pastellfarben spiegelten unsere Freundschaft: Mint stand für Ayame, Blau für mich und Flieder für Mayari. Und falls sie nie wieder unsere Freundin sein würde, wäre es halt immer noch eine coole Farbkombi. Natürlich stand sie eigentlich eher auf knalliges Pink, aber das war ja keine Pastellfarbe und ich wollte keine knalligen Wände haben. Das Streichen (oder Gestalten?) der Wände war der erste Schritt zu einem coolen Zimmer. Ich hatte den komischen, kindischen Mittelzustand satt. Jetzt wollte ich ein cooles Zimmer haben. Bald würde ich auch noch den Bezug der Decke austauschen, der dann ja nicht mehr reinpasste. Und die Tür wurde weiter zugestickert.

🐴

Wir hatten zweieinhalb Wände fertig und brauchten frische Luft. Während wir rausgingen, konnte die Farbe trocknen. Bevor wir die Möbel ranstellen konnten, dauerte es wahrscheinlich sowieso noch drei Tage. Wir setzten uns auf den Heuhaufen vor dem Stall, wo sonst immer Rob und Ayesha abhingen. Ich wollte Ayame schon über Rob und mich aufklären, begann dann aber doch lieber eine Diskussion über Poster. Eigentlich hatte ich nie Geheimnisse (außer meinen Süßigkeiten, die Mom nicht sehen durfte), aber diese Sache war irgendwie anders. Also fragte ich Ayame, ob ein Poster von „Halt, das ist unser Wald“ aus „Die Schule der magischen Tiere“ cool genug für mein Zimmer wäre. Wir steigerten uns rein und schweiften vom Thema ab, bis Tasuke mit einer Schubkarre vorbeikam. Sofort brachen wir die Überlegungen ab und sprangen rein. Dann begann eine richtige Abenteuerfahrt mit Höchstgeschwindigkeit.